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    Börde-Museum Burg Ummendorf

 


 

KräuterZeit  

Im Kräutergarten des Börde-Museums wachsen zahlreiche Gemüse- und Rohstoffpflanzen sowie Gewürz- und Heilkräuter, die in der Nutzung durch den Menschen standen bzw. eine Renaissance in Verbindung mit neuen Erkenntnissen zu ihrer Verwendung erleben. Anliegen der monatlichen Pflanzenporträts sind im Besonderen die jahreszeitlichen Fokussierung ausgewählter Gewächse sowie Anbauhinweise, Tipps und Rezepte mit aktuellem Hintergrund, die den historischen Kontext nicht fehlen lassen.    


 


KräuterZeit November 2021

Kleiner Odermennig

Botanischer Name: Agrimonia eupatoria

In diesem Beitrag soll es wieder um eine sehr alte, fast vergessene Heilpflanze gehen, welche wie viele andere im Laufe der Zeit in den Köpfen der Menschheit viel von ihrer Bedeutung verloren hat und es doch wert ist, wieder entdeckt zu werden und auf ihre überlieferte Heilwirkung zu vertrauen. Sie kann auch heute noch bei vielen Beschwerden gut eingesetzt werden. Lassen wir also die Kraft der Natur wirken.



                                                                                                                           https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Odermennig#/media/                                                                                                                                    Datei:Illustration_Agrimonia_eupatoria0.jpg  Original book source:                                                                                                                                                                                                                                                                                    Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und                                                                                                                                                                                                                                                                                      der Schweiz 1885, Gera, Germany


Der Odermennig ist schon seit der Antike bekannt und sehr hoch angesehen. Dieses hohe Ansehen spiegelt sich darin, dass die Pflanze der Göttin Pallas Athene geweiht wurde. Der lateinische Name Agrimonia heißt in der Übersetzung so viel wie Feldbewohner, das Wort eupatoria geht auf den heilkundigen König Mithridates VI. Eupator zurück, welcher im 1. Jahrhundert vor Christus Herrscher über ein Land in Kleinasien war und der Legende nach zusammen mit Theophrastos von Eresos und Attalos III. von Pergamon einen der ersten botanischen Gärten angelegt haben soll.  Er befasste sich intensiv mit den Pflanzen und den damit verbundenen Heilwirkungen und ihren Wirkungen gegen Gifte. Er erfand wohl das Mithridat, ein universell wirkendes Gegengift aus 54 Zutaten, welches er aus Angst vor Giftanschlägen prophylaktisch einnahm. Diese Mixtur enthielt auch den Odermennig.

Der englische Gelehrte und Dichter schrieb in seinem 1896 erschienen Zyklus „A Shropshire Land“ :

„(…)

Im Osten regierte ein König:

Dort, wenn Könige zum Fest sitzen,

Sind sie vergiftet, bevor sie es erfassen,

Von Gerichten und Getränken.

Er aber sammelte alles, was es gab

Von den Giften der Erde;

Zuerst ein wenig, von da an mehr,

Er probierte alle ihre Tötungsarten;

Und ein einfacher, lächelnder, würziger Ton,

Stellte den König zufrieden,

Während Glückwünsche herumgereicht wurden.

Sie legten Arsen in sein Fleisch

Und warteten erwartungsvoll, dass er es aß;

Sie gossen Strychnin in seine Tasse

Und schüttelten sich, als sie sahen, wie er trank:

Sie zitterten, sie starrten, weiß wie ihr Hemd:

Sie aber waren es, die das Gift verletzte.

- Ich erzähle die Geschichte, die ich gehört habe.

Mithridates, er ist alt gestorben.“

Im Mittelalter kam das Kraut bei vielen Beschwerden zur Anwendung, dazu passt der damalige Volksname: Lebenskraut. Schon Hieronymus Bock, ein im 16. Jahrhundert lebender Botaniker schrieb über den Odermennig:

„Odermeng is das fürnembst Kraut der alten zu allen verstopften Leberen.“

Doch auch in der Neuzeit sind die Inhaltsstoffe für die medizinischen Forschungen wieder interessant. Die Wirkstoffe des Odermennigs sind leicht krebsfeindlich und japanische Forscher fanden heraus, dass das hier enthaltene Agrimoniin unser Immunsystem so aktivieren kann, das Krebszellen in ihrem Wachstum gebremst werden können. Das Heilmittel kann bei einem erblichen Risiko gegen Brust- und Darmkrebs helfen. Eine vorbeugende kurmäßige Anwendung wird hier empfohlen.

Auch im Odermennig sind Polyphenole in hoher Konzentration, ähnlich wie beim Grünen Tee enthalten. Diese antioxidativen Verbindungen schützen unsere Zellen gegen freie Radikale und entschärfen diese. In Tierversuchen konnten Schutzwirkungen auf die Leber und die Nerven im Gehirn nachgewiesen werden.


Hinweis:

Alle diese Anwendungen und Hinweise ersetzen keine schulmedizinische Beratung und Behandlung!




Gemeiner Odermennig blühende am Wegesrand stehend © https://pixabay.com/de/photos/agrimonia-eupataria-848711/


Die im Odermennig enthaltenen Wirkstoffe wirken entzündungshemmend, antibakteriell, antiviral und blutreinigend, denn er ist in der Lage, Gifte zu binden. Er hat auch eine blutstillende Wirkung und hilft Äußere und innere Wunden zu verschließen. So sollen germanische Kämpfer das Kraut zum Heilen ihrer tief klaffenden Wunden von Schwerthieben verwendet haben.  Zur Linderung von Durchfall, Erbrechen sowie Magen und Darmbeschwerden sind die in der Pflanze enthaltenen zusammenziehenden Gerbstoffe, Saponine und Schleimstoffe entscheidend. Die ebenfalls reichlich vorkommenden Bitterstoffe sind auch heilend für Leber und Galle, die Regeneration der Leber wird hierbei unterstützt und die Galle wird bei Koliken, verursacht durch Gallensteine- oder Grieß beruhigt. Die Rezepte für die Teezubereitung finden sie am Ende von diesem Artikel.

Auch bei Heiserkeit, Halsschmerzen, Zahnfleischbluten sowie bei Entzündungen der Mundschleimhaut hilft das gurgeln mit Odermennigtee. Es wird auch als das »Kraut der Redner und Sänger« bezeichnet, es hält die Stimmbänder straff und reinigt den Rachen. Wichtig ist es, sämtliche Teezubereitungen nicht zu süßen, damit die enthaltenen Bitter- und Gerbstoffe ihre größtmögliche Wirkung entfalten können.

Bei Rheuma und Hexenschuss lindert ein Vollbad die Beschwerden. 200 Gramm frisches Odermennigkraut in 5 Liter Wasser über Nacht ansetzen, diese Mischung am nächsten Tag aufkochen und ins Badewasser geben. Die Badezeit beträgt 30 Minuten.

Der Odermennig gehört zu den Rosengewächsen, ist eine Staude, wird 40─100 cm hoch und wächst an Gehölzrändern, an Wegen und auf mageren Wiesen. Er passt gut in naturnahe Staudenbeete und eignet sich durch die Selbstaussaat auch zur Verwilderung. Hierbei wächst die Pflanze auch gut im Schatten. Der Stängel der Blüte hat die Form einer langen, lockeren Ähre, die gelben Blüten erscheinen von Juni bis September, blühen von unten nach oben. Genauso erfolgt auch die Samenreife der kleinen klettenförmigen Samenkapseln. Durch die Widerhaken haften die Samen schnell an Mensch und Tier und werden dadurch verbreitet. Die Staude lässt sich leicht im Garten aussäen, im Oktober werden die Samenkapseln in 3─5 cm ausgelegt, die Keimung erfolgt im nächsten Frühjahr. Die Pflanzen sollten in einem Abstand von 30─40 cm stehen. Wenn der Bestand des Nachbarn zu hoch ist, können auch die fertigen Stauden in den eigenen Garten versetzt werden. Von Wildsammlungen ist im Sinne eines intakten Ökosystems abzuraten.

Für den Tee und andere Anwendungen sammelt man die Blätter und Blütenstängel von Mai bis September.




  Pflanze Anfang November im Garten des Bördemuseums Burg Ummendorf ©Foto J. Neubauer BMBU – Landkreis Börde             Detailaufnahme der Samenkapseln mit deutlich erkenn-baren Widerhaken ©Foto J. Neubauer BMBU – Landkreis Börde



Rezepte:

Tee:

2 Teelöffel fein geschnittene Blätter werden kurz mit 250 ml kochendem Wasser überbrüht und abgedeckt 15 min ziehen gelassen.  Diesen Teeaufguß  bei Schnupfen, Husten, Halsweh trinken, 3x täglich eine Tasse trinken

100g Odermennig, 100g Labkraut, 100g Waldmeister bei Leberleiden tägl. nüchtern 1 Tasse und 2 Tassen tagsüber trinken, Zubereitung wie oben

Teekur:

Odermennig, Mariendistel, Wermut, Wegwarte und Löwenzahnwurzel zu gleichen Teilen mischen und von diesem je 1 TL mit 200 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Minuten abgedeckt ziehen lassen und 3 Tassen täglich 4 Wochen lang trinken.

Odermennigtinktur:

Ein Glas oder eine Flasche mit frischem Kraut und Blütenstängeln füllen. Mit Doppelkorn aufgießen, Gefäß fest verschließen und gut schütteln. Die Mischung 6 Wochen an einen sonnigen Platz stellen und danach abfiltrieren. 15-20 Tropfen täglich im Tee oder pur einnehmen.



Literatur:

Dr. Fr. Losch Kräuterbuch in Wort und Bild (Augsburg 1997) 61─63.

Mannfried Pahlow Das große Buch der Heilpflanzen (Augsburg 2006) 242─243.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agrimonia_eupatoria_04.jpg (Barcelona 2008)

https://www.donaukurier.de/lokales/pfaffenhofen/Landesgartenschau-Pfaffenhofen-2017-Dagegen-ist-ein-Kraut-gewachsen-Odermennig-bei-bei-Heiserkeit-und-Halsschmerzen;art600,3455721 (Pfaffenhofen 2017)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mithridates_VI._(Pontos)#Botaniker_und_Pharmakologe (München 1929)

https://www.heilpraxisnet.de/heilpflanzen/odermennig/ (München 1929)

ttps://www.sonnen-apotheke-waldniel.de/2019/09/odermennig-der-bitterschoene-allrounder/?cli_action=1636103102.665 (München 1929)

https://eag-seminare.de/Kraeuterkunde/Heilpflanzen/Odermenning/ (München 1929)

https://www.phytodoc.de/heilpflanzen/odermennig (München 1929)








KräuterZeit Oktober 2021

Zuckerrübe (Beta vulgaris L. ssp. vulgaris var. altissima)



Samenstände einer Zuckerrübe im zweiten Vegetationsjahr zur Saatgewinnung, Kräutergarten Börde-Museum © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


In der zweiten Septemberhälfte ist der offizielle Beginn der Zuckerrübenernte auf den Feldern in der Magdeburger Börde, der Feldfrucht, die mit dem fruchtbaren Lössboden der landwirtschaftlich geprägten Region symbolhaft verbunden wird. Von diesem Erntegeschehen sind auch merklich die Straßen betroffen, zum einen durch den Transport der Rüben zur Zuckerfabrik nach Klein Wanzleben mit einem höheren Verkehrsaufkommen und zum anderen durch die Ernte- und Transportfahrzeuge, die anhaftenden Ackerboden auf der Fahrbahn verlieren. Auch mediales Interesse besteht an der alljährlichen Zuckerrüben-Erntesaison, der sog. Kampagne. Dabei wird u. a. zunehmend die Problematik der mangelnden Niederschläge und deren Auswirkungen thematisiert.

»Die zwei Jahre Trockenheit 2018 und 2019 haben sich drastisch auf die Erträge ausgewirkt. Fällt kein Niederschlag, wirkt sich das auch auf die Rüben aus. Hierbei spricht man vom Rosineneffekt. Durch die Trockenheit steigt zwar der Zuckergehalt, doch die Rübe ist eingetrocknet – was am Ende zulasten des Ertrages geht, denn die angelieferten Rüben werden unter anderem nach Gewicht bezahlt. 2020 war daher im Vergleich ein Erfolgsjahr, denn es konnten rund 63 Tonnen Rüben pro Hektar eigefahren werden, … In der Kampagne 2020/21 wurden in der Zuckerfabrik Klein Wanzleben ca. 1,6 Millionen Tonnen Zuckerrüben verarbeitet. … Der Zuckergehalt lag bei 18,6 %.« (Volksstimme, 1. Februar 2021, 7.)

Zeitlich zurückblickend wird deutlich, dass sich seit der Zeit um 1830 Anbau und Verarbeitung der Zuckerrüben zu einem wirtschaftlichen, die Region maßgeblich prägenden Faktor entwickelten.  Innerhalb einer Zeitspanne von nicht einmal 200 Jahren, haben sich, sowohl bei den Anbau-, Ernte- und Verarbeitungsmethoden (von umfangreicher Handarbeit – noch in den 1960er-Jahren – bis zur komplett technisierten Arbeitsschritten des 21. Jahrhunderts) als auch bei der Züchtung (ertragreichere, widerstandsfähigere Sorten, von einem ursprünglich mittleren einstelligen Wert des Zuckergehaltes bis zu einem heutigen Standardgehalt an Zucker von 16,5 %) gravierende Veränderungen vollzogen.

Auf den Äckern der Börde fallen die eher wuchsniedrigen Zuckerrüben im Vergleich zu Getreide, Kartoffeln, Raps oder Mais nicht sonderlich ins Auge. Dies ändert sich erst, wenn die Rüben geerntet und zu dammartigen Mieten an den Feldrändern zur Zwischenlagerung bis zum Abtransport in die Zuckerfabrik aufgeschüttet werden.



                                                                                        Zuckerrübenmiete in dammartiger Aufschüttung am Straßenrand (links) sowie Rübenreinigungslader für Zuckerrüben, sog. MAUS                                                                                                (Mieten, Aufnahme, Umladen, System), 21. Jahrhundert (rechts) © Fotos S. Vogel und U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Ganz anders ist die Möglichkeit, die wachsende Pflanze Zuckerrübe in der Gartenanlage des Museums genauer zu betrachten. Als zweijährige Pflanze bildet sie im ersten Wuchsjahr als einzelnstehende Jungpflanze eine Blattrosette aus, mit der die Hauptwachstumsphase beginnt. In diesem Stadium wird auch der Rübenkörper der Zuckerrübe auf Grundlage sekundären Dickenwachstums gebildet mit zahlreichen Kambriumringen, die beim Querschnitt durch die Rübe gut sichtbar sind und an Jahresringe bei Bäumen erinnern. Die Einlagerung von Saccharose erfolgt. Die Hauptwurzel bildet den Großteil der Rübe. Das hat zur Folge, dass von ihr oberirdisch lediglich die Blätter zu sehen sind. In der Blattrosette bilden sich beständig neue Blätter aus, während alte absterben. So besteht eine relativ konstante Blattzahl.

Doch es gibt in Verbindung mit der Zuckerrübe noch weitere Dinge zu erkunden. Die enge Pflanzenverwandtschaft der Zuckerrübe mit Mangold, Roter und Gelber Bete sowie mit der Futterrübe wird im zweiten Vegetationsjahr durch die sich angleichende Optik der zuvor sehr unterschiedlich aussehenden Pflanzen offenkundig. Ursächlich dafür sind die heranwachsenden Infloreszenz-Stängel mit kleinen grünen, zwittrigen Blüten, aus denen sich die Samenstände entwickeln. Dem Aufbau nach sind die Samen Nüsse. Die Samenstände gleichen untereinander sehr und belegen anschaulich den identischen Teil des botanischen Pflanzennamens (Beta vulgaris L. ssp. vulgaris var. …). Zudem sieht man Zuckerrüben im zweiten Vegetationsjahr nur auf Versuchsfeldern von Saatzuchtfirmen, die jedoch nicht allgemein zugänglich sind! Zuckerrüben sind wärmeliebend, jedoch nicht trockenheitsangepasst, zudem frostempfindlich, was auch für das Saatgut zutrifft. Dies erfordert die Beachtung des Aussaatzeitpunktes wie auch die frostsichere Überwinterung der Zuckerrüben für die züchterische Saatgutgewinnung.

So fruchtbar der Boden in der Magdeburger Börde weitestgehend auch ist, der Zuckerrübenanbau verlangte bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus den Einsatz von vielen Arbeitskräften bei der Feldarbeit, besonders von Frauen und Kindern. Über Generationen hinweg, bis in die 1960er-Jahre, ist in der Erinnerung von Zeitzeugen das Rübenverziehen, die körperlich wohl anstrengendste Arbeit gewesen. Ursächlich dafür war die Bildung der Samen als Knäuel mit zwei bis vier zusammenhängenden Einzelsamen. Diese kamen bei der Aussaat so in die Erde und bildeten nach der Keimung einen Pflanzenverband aus mehreren Zuckerrüben. Um jedoch kräftige Einzelpflanzen zu erhalten, die ertragreich wurden, durfte nur eine, möglichst kräftige, Zuckerrübenpflanze stehenbleiben. Die überzähligen mussten rausgezogen werden, mit der Hand, sich kniend durch die Reihen fortbewegend. Erst durch das möglich gewordene mechanische Trennen der als Knäuel zusammenhängenden Einzelsamen wurde aus polykarpem das monokarpe Saatgut, nun aus Einzelsamen bestehend. Auch durch Züchtung konnte dies erreicht werden, sodass der aufwendige Arbeitsschritt des Verziehens, der nicht selten zu Gelenkproblemen und rheumatischen Erkrankungen führte, entfiel.

Das Versetzen der Rüben mit einem Abstand der Hackenblattbreite zwischen den Rüben, als nächster erforderlicher Schritt beim Zuckerrübenanbau, blieb darüber hinaus noch länger bestehen. Zudem sagt die Bezeichnung Hackfrucht für die Zuckerrrübe aus, dass sie nicht nur vor der Aussaat der tiefgründigen Bodenbearbeitung bedarf, die anfangs durch den Magdeburger Spaten, nachfolgend durch den Wanzlebener Pflug und auf entsprechend großen Feldern vom Dampfpflug realisiert wurde, sondern auch während des Wachsens immer wieder das Hacken zur Auflockerung (Bodenbelüftung) und Unkrautbekämpfung unumgänglich war. Es wurde sogar davon gesprochen, dass der Zucker in die Rüben durch die Pflege- und Lockerungsarbeiten hineingehackt wurde.



                                                  Das Hacken zur Lockerung des Bodens und zur Unkrautbekämpfung beim Zuckerrübenanbau, 3. Viertel 20. Jahrhundert © Foto F. Giesecke, Archiv BMBU – Landkreis Börde


Auch die Zuckerrübenernte erforderte ebenso lange das Anpacken jeder einzelnen Rübe, beim Ausheben aus der Erde, beim Entfernen der Rübenblätter (Weiterverwendung zu Futterzwecken) oder beim Zusammenbringen auf Haufen, um sie dann von dort aus auf Ackerwagen zu verladen, die von Pferden oder Ochsen gezogen wurden und noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Abtransport vom Acker zu einer der nächstgelegenen Zuckerfabriken in der Region übernahmen, von denen es im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts fast in jedem zweiten Ort der Magdeburger Börde eine Zuckerfabrik gab.



Beispiele für Erntemethoden aus dem 20. Jahrhundert: Roden der Zuckerrüben mit dem Rübenspaten, 1940er- bis 1960er-Jahre (links), mit Rodepflug und Pferdespann, ca. 1940er-/50er-Jahre (Mitte) sowie maschinell, mit einem Längsschwadköpfroder E 710, ca. 1960er-Jahre (rechts) © Fotos F. Giesecke, Archiv BMBU – Landkreis Börde


Die aufwendigen, kraftanstrengenden Arbeiten rund um die Zuckerrübe im Jahreslauf ist u. a. in einem Gedicht von Waldemar Uhde (1876–1931) aus Groß Germersleben beschrieben und wurde 1925 von der Buchhandlung Köppel in Oschersleben veröffentlicht.


Dort heißt es unter anderen:

»…Man hackt und rackt, bis man zuletzt

Die Rüben hackt und sie versetzt.

Die Kinder eilen froh aufs Feld,

Auf Knie`n verdienen sie ihr Geld.

Oktober naht. Kahl wird`s auf Erden,

Die Rübe muß gerodet werden.

Das ist fürwahr kein Kinderspiel,

Am Morgen ist`s schon frisch und kühl.

Es tropft die Nas`, es schmerzt das Ohr,

Das Blut kommt untern Nägeln vor.

Das kostet Schweiß und viele Pein,

Die Rüben stehn wie Fels und Stein.

Mit Gribbeln gräbt man sie heraus,

Hackt`s Blattwerk ab, schafft das nach Haus.

Die Rüben fährt man zur Fabrik,

auch das ist oft kein leichtes Stück.

Solch Wagen sinkt in Schlamm und Dreck,

Ihn kriegen nicht vier Pferde weg!

Es ist, weiß Gott, viel Schinderei,

Viel Ärger und Verdruss dabei.

…... (gekürzte Fassung)


Tipp:

Wie die Beta-Gewächse Mangold, Gelbe und Rote Bete kann auch die Zuckerrübe für Zubereitungen genutzt werden, eingelegt wie Gurke bzw. Kürbis oder als Zutat bei glasiertem Wurzelgemüse sowie als Bestandteil eines Wok-Gerichts. Bei einem Landwirt nachgefragt, lassen sich zwei oder drei Zuckerrüben erbitten, um den besonderen Geschmack zu erkunden.


Hinweis:

Zuckerrüben sind sehr hart und so ist es hilfreich, ein Brotsägemesser zum Zerteilen der Rüben zu verwenden. Danach wird sie mit einem üblichen Küchenmesser abgeschält, in Würfel oder schmale Streifen geschnitten.


Rezept:

Scharfe Mangold-Pfanne mit Zuckerrübe und Kokossauce

200 g Mangold, ½ Zuckerrübe, 1 Gelbe Bete, 150 g Möhren, 2 Zwiebeln, 4 Rote Bete-Blätter, 10 Cocktailtomaten, 2 EL Rapsöl, 2 EL grüne Currypaste, 1 EL Malabar-Curry, 1TL Fünf-Sterne-Chinagewürz, 200 ml Kokosmilch, 1 EL Sojasauce, 1 EL Tamarinde, Salz (Die Zutaten lassen sich nach Belieben variieren; Currypaste und/oder ein handelsübliches Currypulver sollten für das Rezept beibehalten bleiben! Anstelle der Tamarinde kann Zitronen-/Limettensaft und Schalenabrieb einer Bio-Zitrone verwendet werden.)

Zubereitungszeit: ca. 45 Minuten

Mangold und Rote Bete Blätter waschen, gut abtropfen, vierteln und in ca. 1 cm breite Streifen schneiden, Gelbe Bete, Zuckerrübe und Möhren schälen und in feine Stifte schneiden, Zwiebeln schälen, halbieren und in dünne Halbringe schneiden, Tomaten waschen und halbieren. Pfanne (Wok) erwärmen und das Öl hineingießen und erhitzen. Zuerst die Möhren-, Zuckerrüben- und Gelben Bete-Stifte ca. 2 Minuten anbraten, Zwiebelringe hinzugeben, mitbraten. Mangoldstiele hinzufügen und ebenfalls weitere 2 Minuten braten. Dann Mangold-, Rote Bete-Blätter und Tomaten dazutun und nochmals 2 Minuten garen. Zum Schluss die Kokosmilch und alle Gewürze unterheben, mit Salz abschmecken und alles 5 Minuten bei geringer Wärmezufuhr durchziehen lassen.


Literatur:

C. Ahrendt, Ummendorfer Börde-Museum beteiligt sich am 15. Oktober an der „Süßen Tour“ / Zuckerrübe macht die Börde zur Hochburg der Dampfpflüge, in: Volksstimme, Börde, 29. September 2011.

S. Bickel-Sandkötter, Nutzpflanzen und ihre Inhaltsstoffe (Wiebelsheim 2001) 19. 157–159. 230.

W. Franke, Nutzpflanzenkunde. Nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen und Tropen, 6. neubearbeitete Auflage (Stuttgart 1997) 120–122.

U. Körber-Grohne, Nutzpflanzen in Deutschland, Kulturgeschichte und Biologie (Stuttgart 1987) 210– 211.

N. Panteleon, G. Neumann (Hrsg.), Dampfpflügen in der Magdeburger Börde. – Der Dampfpflug des Börde-Museums Burg Ummendorf, ausgearbeitet von Uwe Schmidt. Die Magdeburger Börde – Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 13 (Ummendorf 2019).

T. Ruppel (Hrsg.), Als die Börde boomte! Kleine Schriften aus dem Börde-Museum Band 23 (Ummendorf 2008) 196–203, 277–279. 341–350.

T. Ruppel – S. Vogel, Rezeptblatt, Tag der „Süßen Tour“ 2011: Verblüffende Leckereien aus der Rübe (Ummendorf 2011) 4.

J. Teut, Letzte Rübe rollt über das Band, in: Volksstimme, Wanzleber Bördebote, 29. Februar 2021, 7.

W. Uhde, Mundart-Gedichte (Oschersleben 1925) 80.

Mit großem Blick für kleine Dinge. Historische Fotografien aus dem Leben in der Magdeburger Börde von Fritz Giesecke aus Domersleben, Teil 1 (Ummendorf 2011) 55. 59. 63.

Digitale Quellen:

www.boerde-museum-burg-ummendorf.de/KraeuterZeit/Rote Bete (10.10.2021).

www.boerde-museum-burg-ummendorf.de/KraeuterZeit/Mangold (10.10.2021).







 

KräuterZeit September 2021

Kichererbse (Cicer arietinum)

                                                                                                              Kichererbsen im Kräutergarten des Börde-Museums © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die sich spürbar verändernden klimatischen Bedingungen fordern u. a. all jene heraus, die mit Pflanzenanbau befasst sind, besonders im gewerblichen Bereich, jedoch auch im privaten Gartenbau, in Zier- und Schaugärten sowie in Parkanlagen. Überlegungen zum Schutz der verstärkt austrocknenden Böden sind als eine Herausforderung praktisch umzusetzen. Höhere Temperaturen eröffnen allerdings auch Perspektiven, Pflanzen, die in Ländern beheimatet sind, in denen geringere Niederschlagsmengen und höheren Jahresmitteltemperaturen vorherrschen, im Anbau in der Magdeburger Börde zu erproben. Veränderte Ernährungskonzepte, von vegetarisch bis vegan, geben zudem pflanzlichen Nahrungsmitteln einen höheren Stellenwert, wodurch bestimmte Feldfrüchte vermehrt nachgefragt werden. Mit hiesigem Anbau lassen sich zudem Transportwege deutlich minimieren. Außerdem haben die Pflanzen aus hiesigem Ökolandbau eine gesichertere qualitative und regionale Zertifizierung. Das Potenzial dafür bieten beispielsweise Kichererbsen. Statistischen Angaben zufolge importierte allein Deutschland im Jahr 2020 ca. 19.300 Tonnen, rund 7.000 Tonnen mehr als 2019.

Bei der Zusammenschau aller relevanter Faktoren liegt es nahe, auf innovative Lösungsansätze zu fokussieren. Hier in der Region begann der Ökolandwirt Jonas Schulze Niehoff aus Schleibnitz (Ortsteil Wanzleben – Börde) im Jahr 2018 mit dem feldmäßigen Anbau von Kichererbsen auf einer Fläche von einem Hektar. Inzwischen (2021) hat er die Anbaufläche auf 30 Hektar erweitert. Unter dem Aspekt der regionalen Produktion und Vermarktung in der Region können die Kichererbsen bereits in Unverpacktläden, z. B. in Magdeburg Stadtfeld, erworben werden. In Schleibnitz entsteht ebenfalls eine Direktkaufmöglichkeit.

Die Agrar- und Umweltbiologin Urte Grauwinkel konstatiert, dass auch der Anbau von Quinoa, Hirse und Buchweizen in Mitteldeutschland ein hochwertiges Ernährungspotenzial bietet. Nicht nur der Sachverhalt des Klimawandels erfordert Handlungsbedarf, auch müsse es »einen Wandel im Anbau und auf dem Teller« geben (https://www.bauernzeitung.de/agrarpraxis/kichererbsen-aus-der-boerde). Aktuell sind der Anbau und die Vermarktung der Erträge allerdings noch ein Nischenmarkt.

Obwohl die Kichererbse (Cicer arietinum) wie die Gartenerbse (Pisum sativum) eine Hülsenfrucht ist und zur Unterfamilie der Schmetterlingsblütler gehört, besteht keine weitere Pflanzenverwandtschaft.

»Sie wächst im Unterschied zur Gartenerbse als kleiner Busch, hat auch gefiederte Blätter, in deren Achseln die violetten oder weißen Blüten einzeln stehen. … Kichererbsen enthalten bis zu 20 % Protein, 3,5 % Fett und 41 % Kohlenhydrate. … werden als Gemüse gegessen oder zu Mehl vermahlen und zu Püree, in Brot in Bratlingen und zu süßem Gebäck gebraucht. Man isst sie auch geröstet als Knabberzeug.« (Bickel-Sandkötter 2001, S. 385) Kichererbsen sind aufgrund des hohen pflanzlichen Eiweißgehaltes eine gefragte Alternative zu tierischem Protein.


                                                          Rot-violette Blüten an den Kichererbsenpflanzen (links) und geöffnete Fruchthülse einer Kichererbse mit noch unreifem Samen in vergrößerter Abbildung (rechts)                                                                                                                                                 © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die Kichererbse ist eine alte Nutzpflanze, die bereits mit Belegen aus der Jungsteinzeit bekannt ist.  Bereits im 9. Jahrhundert wird die Kichererbse in der Landgüterverordnung Karls des Großen als        »cicerum italicum« gelistet und zum Anbau als wichtige Nahrungspflanze angeordnet. Hildegard von Bingen benennt wertschätzend die Hülsenfruchtzubereitung als leichte, angenehme Speise. Albertus Magnus beschreibt im 12. Jahrhundert drei unterschiedliche Sorten in den Farben Weiß, Rot und Schwarz.

Seit über 30 Jahren werden Kichererbsen auch im Kräutergarten des Börde-Museums zu Schauzwecken angebaut. Zunächst waren über lange Zeit weiß blühende Pflanzen mit helle Samen tragende Kichererbsen zu sehen, so wie sie aus den handelsüblichen Konserven bekannt sind. Neuerdings, so auch im Jahr 2021, waren dunkle Samen in der hiesigen Anlage in der Aussaat, die rot-violette Schmetterlingsblüten hervorbringen.

Immer wieder wird bei Führungen durch den Kräutergarten die Frage nach der Herkunft des Namens Kichererbse gestellt. Auch wenn die getrockneten Fruchtstände ein leicht rasselndes Geräusch beim Bewegen/Schütteln erzeugen, das an ein leises Kichern erinnern könnte, ist dies nicht die eigentliche sprachliche Herleitung. Die lateinische Sprache ist namensgebend. Cicer, gesprochen kiker, für die typische Wuchsform und das Aussehen, lässt sich mit Erbse übersetzen. Im 16. Jahrhundert wird folglich in den Kräuterbüchern von Ziser oder Zisererbse geschrieben. In der altdeutschen Benennung kihhira nähert sich der Name der heute üblichen Bezeichnung Kichererbse.


                                                                                                              Reife, getrocknete Samen der Kichererbsen, hell- und dunkelfarbige Sorte aus dem                                                                                                                                                                                                                                                            Museumsgarten © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Kichererbsen werden heutzutage in vielen subtropischen Gebieten der Erde angebaut. Geringe Bodenansprüche sind ebenso markant und vorteilhaft für den Anbau wie auch der geringe Wasserverbrauch. Wärme ist jedoch unerlässlich für das Pflanzenwachstum. Was sich im Hitzesommer 2018 deutschlandweit und darüber hinaus für zahlreiche heimische Gewächse als pflanzen- und ertragsschädigend zeigte, war für den hiesigen Anbau von Kichererbsen optimal.

Vom Altertum bis zum Mittelalter waren Kichererbsen mehr durch ihre heilkundliche als durch ihre nahrhafte Bedeutung bekannt. Hildegard von Bingen empfiehlt sie im 12. Jahrhundert bei Fieber. Kichererbsenöl kam/kommt u. a. bei Arteriosklerose zum Einsatz. Zu beachten ist allerdings, dass zu umfangreicher Genuss Verdauungsstörungen erzeugen kann.

Bei Zubereitungen auf der Grundlage von Kichererbsen denken wir spontan an Humus (als Grundzutaten bestehend aus pürierten Kichererbsen oder Ackerbohnen, Sesammus – Tahina – Olivenöl, Zitronensaft, Salz, Knoblauch und Kreuzkümmel) und Falafel (frittierte Bratlinge aus pürierten Kichererbsen oder Bohnen, Gewürzen und Kräutern). Doch die Vielfalt in der internationalen Küche ist weitaus größer. Im Orient gibt es zum Beispiel ein Gebäck, das aus vergorenen Samen zubereitet wird (Schimitt). In Spanien werden u. a. die unreifen oder reifen Samen gekocht bzw. geröstet verzehrt (Garbanzos). Kichererbsen sind in den Heimatländern eher eine Art Grundnahrungsmittel, vergleichbar mit unserer Kartoffel. Die an allen Teilen der Kichererbsenpflanzen vorhandenen klebrigen Drüsenhaare enthalten Apfel- und Oxalsäure. So wird in Indien durch das Abdecken mit feuchten Tüchern aus den Absonderungen der Drüsenhaare eine Art Essigersatz herausgezogen. Doch nicht nur die Samen, sondern auch die kompletten jungen Pflanzen nutzt man vor der Blüte für Gemüsezubereitungen. Allerdings wuchsen auch in den Weinbergen Deutschlands aufgrund des günstigen Klimas bis in die 1920er-Jahre hinein die dunkelsamigen Kichererbsen, die noch in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, wie viele andere Samen getrocknet, geröstet und gemahlen wurden, dann, mit kochendem Wasser aufgegossen, als Kaffeeersatz dienen mussten.

Hinweis:

In rohen Kichererbsen sind der Giftstoff Phasin und der Bitterstoff Saponin enthalten (ähnlich wie bei grünen Bohnen). Kichererbsen, die nicht vorbehandelt sind, sollten unbedingt ca. 12 Stunden in kaltem Wasser eingeweicht werden. Danach das Wasser wegschütten, mit frischem Wasser aufgesetzt, 30 bis 40 Minuten garen. Für Kichererbsenkonserven ist dies nicht erforderlich!


Rezepte:

Vegane Mayonnaise aus der Flüssigkeit von Kichererbsenkonserven

6 EL Flüssigkeit aus einer Kichererbsenkonserve, 1 TL mittelscharfer Senf, 1 EL weißer Balsamico-Essig, 125 ml Rapsöl, Salz, weißer Pfeffer

Zubereitungszeit: ca. 5 Minuten

In einen Mixbecher Flüssigkeit aus der Konserve, den Senf und den Essig geben. Alle Zutaten mit dem Mixstab von unten nach oben im Becher aufmixen (»hochziehen«). Dann das Öl während des Mixens langsam hineinlaufen lassen und weiter mixen, mit Salz und weißem Pfeffer würzen.


Geröstete Kichererbsen mit Curry

250 g Kichererbsen aus der Dose, 1 EL Olivenöl, ¼ TL Salz, 1 TL Currypulver

Zubereitungszeit: ca. 55 Minuten

Kichererbsen aus der Dose auf einem Sieb abtropfen lassen, in eine Schüssel geben und mit dem Olivenöl vermengen, danach auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech ausbreiten. Auf mittlerer Schiene bei ca. 175° C ca. 50 Minuten backen, bis die Kichererbsen bräunlich und knusprig sind. Salz und Currypulver mit den Kichererbsen in einer weiteren Schüssel mischen, vollständig auskühlen lassen und in einem Schraubglas aufbewahren.


Literatur:

S. Bickel-Sandkötter, Nutzpflanzen und ihre Inhaltsstoffe (Wiebelsheim 2001) 385–386.

U. Körber-Grohne, Nutzpflanzen in Deutschland. Kulturgeschichte und Biologie (Stuttgart 1997) 361– 365).

M. Serena – M. Suanjak – F. Pedrazzetti – B. Brechbühl, Das Lexikon der alten Gemüsesorten. 800 Sorten – Geschichte, Merkmale, Anbau und Verwendung in der Küche, 2. Auflage (Aarau und München 2014) 265–269.

K. J. Strank – J. Meurers-Balke (Hrsg.) … das man im Garten alle Kräuter habe … Obst, Gemüse und Kräuter Karls des Grossen (Mainz am Rhein 2008) 104–106.


Digitale Quellen:

https://www.bauernzeitung.de/agrarpraxis/kichererbsen-aus-der-boerde (27.08.2021).

https://www. Genuss-nomaden.de/2016/09/19/vegane-mayonnaise (20.10.2017).

https://www.rewe.de/rezepte/geroestete-kichererbsen-mit-cury/ (27.08.2021).

 




KräuterZeit August 2021

Schmalblättriges Weidenröschen

Botanischer Name: Epilobium augustifolium

Volksnamen: Wald- Weidenröschen , Feuerkraut, Trümmerblume, Koptischer Tee

Oft sehen wir bei Waldspaziergängen im Sommer auf Lichtungen, Hängen oder Kahlschlägen ein Blütenmeer aus rosaroten Blüten. Noch bevor hier auf diesen Flächen wieder Gräser. Büsche oder gar Bäume wachsen , besiedelt das Weidenröschen als Pionierpflanze diese Stellen. Auch nach Waldbränden oder Epidemien von Borkenkäfern ist diese Pflanze auf den öden Waldgebieten oft das erste Lebenszeichen und der erste Farbtupfer der sich wieder regenerierenden Natur.


                                                Blühende Weidenröschen in einem kanadischen Nationalpark https://pixabay.com/de/photos/glacier-nationalpark-highline-trail-3805533 

 

Nach dem 2. Weltkrieg wuchs das Weidenröschen auf den Schutt- und Trümmerbergen der zerbombten Städte, daher kommt auch der Name Trümmerblume.

In Kanada und Alaska trägt die Pflanze den Namen Fireweed (Feuergras), weil sie auch hier die erste Pflanze ist, die nach den oft großflächigen und verheerenden Waldbränden diese Flächen wieder besiedelt. Im Wappen und auf der Flagge der kanadischen Provinz Yukon

hat das Weidenröschen (Fireweed) einen Ehrenplatz und zeigt, welch große Verbreitung und Bedeutung diese Pflanze hier hat. Die Provinz Yukon ist ein spärlich besiedeltes Territorium im äußersten Nordwesten Kanadas und grenzt im Osten an Alaska. Flächenmäßig ist diese Provinz ungefähr ein Drittel größer als die BRD. Auch auf einer farbigen Silbermünze der Royal Canadian Mint ist das Weidenröschen in Farbe abgebildet.

               

                                                                                                Offizielle Flagge der kanadischen Provinz Yukon

                                                                                                https://pixabay.com/de/vectors/flagge-yukon-kanada-b%c3%bcrgerlich-28545/

 

Der Grund für die massenhafte und sehr schnelle Verbreitung des Weidenröschens liegt an den Unmengen von Samen, welche die Pflanze produziert und ihre Art der Verbreitung. Die Einzelblüten der Blütentrauben der Staude öffnen sich von unten nach oben und bilden nach dem Verblühen eine schotenförmige Fruchtkapsel. Beim Erreichen der Samenreife springen diese in 4 Streifen auf und geben zahlreiche behaarte Samen frei. Durch diese Haare und den Wind gehen die Samen mit ihrem kleinen Wollsegel bis zu 10 km auf die Reise. Durch die große Menge an langlebigen Samen bleibt immer genug Saatgut übrig, um an den für die Pflanze idealen Stellen wieder eine große, rosarot blühende Population hervor zu bringen. Eine Pflanze kann bis zu 10000 Samen entwickeln.

Das Weidenröschen hat auch im phänologischen Kalender einen Platz. Die ersten Blüten öffnen sich. wenn der Sommer beginnt, verblühen die letzten, neigt sich der Sommer seinem Ende entgegen .


                                                                            geöffnete Samenkapsel

                                                                            https://pixabay.com/de/photos/weidenr%c3%b6schen-wildblumen-samen-kopf-4     370377/

 

Doch nicht nur für den Transport der Samen sind diese wollähnlichen Fäden nützlich. Die Haare der Samen nutzten einige indigene Stämme Nordamerikas zur Herstellung eines Gewebes. Sie mischten diese Haare mit Ziegenwolle und fertigten daraus u.a. Decken. Auch für Garn, aus welchem dann Netzte zum Fischfang geknüpft wurden. verwendeten die Ureinwohner diese Fäden.



Geöffnete und unreife Samenkapseln im Garten des Börde- Museums Burg Ummendorf © J. Neubauer BMBU - Landkreis Börde


Schon die Kelten und Germanen wussten von der Heilkraft und magischen Bedeutung dieses Krautes. Über dessen Verwendung ist nicht mehr viel überliefert. ln Süddeutschland war und wird die Pflanze in Würzwischen verwendet. Das sind Sträuße aus 7-72 verschiedenen Kräutern und Blumen. Diese Sträuße werden an Maria Himmelfahrt gesegnet und dann im Haus als Schutz gegen Krankheiten und Unwetter aufgehängt. Das Weidenröschen, auch Donnerkraut genannt, galt bis ins Mittelalter als blitzabwehrend und stellte Haus, Hof und Vieh unter den Schutz des Donnergottes Thor.

Die Heilwirkung der Pflanze wurde erst in den 1970er Jahren durch die österreichische Kräuterkundige Maria Treben wieder entdeckt. nachdem das Weidenröschen bis in das 19. Jahrhundert noch in Kräuterbüchern erwähnt wurde , danach aber weitgehend in Vergessenheit geriet.

Die Hauptwirkungen sind laut Maria Treben bei gutartigen Vergrößerungen der Prostata. Blasen- und Nierenkrankheiten angezeigt.  Der Tee oder Extrakt kann nach vorheriger Absprache mit dem Arzt bei gutartigen Veränderungen der Prostata eingesetzt§!' werden und soll Männern helfen, ihre Vitalität bis ins hohe Alter zu erhalten. Auch für Frauen ist der Tee bei Reizblase, Inkontinenz und schwachem Beckenboden hilfreich.


                                                                    Offene und geschlossene Blüten sowie unreife Samenschoten im Garten des Börde­ Museums Burg Ummendorf                                                                                                                                                                                                                      © J. Neubauer BMBU - Landkreis Börde

 

Das Weiden röschen gehört zur Familie der Nachtkerzengewächse und wächst in Europa sowie weiten Teilen der gemäßigten Klimazone der Nordhalbkugel. Es gibt weltweit fast    190 Arten des Weidenröschens. Es ist eine mehrjährige, sommergrüne Staude mit einer Wuchshöhe von 0,60-1,50 Meter. Als Überwinterungsorgan hat sie ein kriechendes Rhizom.

Der Name des Weidenröschens leitet sich aus der Ähnlichkeit der schmalen Blätter mit denen der Silberweide ab. Die Blätter enthalten die höchste Konzentration an Wirkstoffen und sollen vor oder während der Blütezeit gesammelten und für den Tee schonend getrocknet werden. Doch auch die frischen Blätter kann man nutzen, sie sind etwas säuerlich und haben einen hohen Gehalt an Vitamin C. Das Weidenröschen ist also auch ein Kraut, welches für einen gesunden Frühjahrssalat verwendet werden kann. Die jungen Sprossen werden im Frühjahr wie Spargel verwendet.

Für den Tee werden die frischen und gesunden Blätter im Juni/Juli gesammelt , indem man sie von oben nach unten abreißt und frisch oder fermentiert trocknet. Der Weidenröschen­ Tee wird auch als Koptischer. Kurillischer Tee oder Ivan Tee bezeichnet. denn in Russland und auf den fernen Kurilen wird dieser Tee ähnlich wie Schwarztee als tägliches Getränk getrunken .

 

Teezubereitung :

2-3 Teelöffel fein geschnittene Blätter werden kurz mit 250 ml kochendem Wasser überbrüht und abgedeckt 15 min ziehen gelassen . Davon 3x täglich eine Tasse trinken .

   

Literatur:

Otto Schmeil, Pflanzenkunde Quelle& Meyer(Heidelberg 1955)seite 11O f.                                 

https://www.kraeuter-entdecken .de/kr%C3%A4uter-des-monats/weidenr %C3%B6schen/ (03.08.2021).

https:l/botanikus.de/informatives/ pflanze-des-monats/august/(03.08 .2021).

https:l/hortus-netzwerk.de/naturschatz-weiden roeschen-tee/(05.08.2021).

https:l/www. celticgarden .de/schmalblattriges-weidenroschen-epilobium-angustifolium/ (04.08.2021)  

https:l/de.wikipedia .org/wiki/Schmalbl%C3%A4ttriges_Weidenr%C3%86schen (04.08 .2021).

https:l/www.kloesterl-apotheke .de/gesundheit/maennergesundheit/(04.08.2021).

https:l/www.katholisch.de/artikel/6018-ein-alter-brauch-zum-marienfest(05.08..2021).

https://heilkraeuter .de/lexikon/weidenroeschen .htm (05.08.2021).

https://www .nationalpark-schwarzwald .de/de/nationalpark (04.08.20211

https://www.kraeuterparadies.bayern/images/Raeucherwerk/weidenroeschenraeuchern .html (05.08.2021).

rk/blog/2020/ neues-aus-der -hexenkueche-schmalblaettriges-weidenroeschenO (04.08.2021).







KräuterZeit Juli 2021

Färberkrapp (Rubia tinctorum)



                    Krapppflanzen im Kräutergarten des Börde-Museums © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Krapprot war in den 1970er-Jahren für damalige Schulkinder meist ein mit Beschriftung versehener Rotton im Tuschkasten für den Zeichenunterricht und die erste Begegnung mit dem Wort Krapp, ohne Näheres damit verbinden zu können. Erklärte sich die Farbe Weinrot durch ihre beiden Wortbestandteile, erschlossen sich die Begriffe Krapprot und Karminrot für ein Kind von 10 Jahren nicht aus sich heraus. Das Farbnäpfchen zeigte nur, wie die jeweilige Farbe aussah. Weiteres eröffnete sich erst später, ebenso, dass das ursprüngliche, originale Karminrot ein aus Cochenilleschildläusen gewonnener roter Farbstoff ist, aufwendig zu gewinnen, teuer aufgrund der Farbquelle und mitunter noch bis heute in ausgewählten kostenintensiven Lippenstiften verarbeitet. Die Namen der Wasserfarben im Schulmalkasten waren hingegen lediglich eine Farbentsprechung synthetischer Herstellung.

Im Kräutergarten des Börde-Museums Burg Ummendorf wirken die dort wachsenden Krapp-Färbepflanzen eher filigran und unauffällig im Vergleich zu den zahlreichen Gewächsen mit besonderer Blattstruktur, üppigen Blüten oder dekorativen Früchten. Und auch die kleinen fünfzähligen sternförmigen gelben Blüten, die sich in der Zeit von Juni bis August zeigen, sind eher unscheinbar. Auch weitere im Färbehandwerk genutzten Gewächse von F wie Färberginster bis W bis Waid wachsen im Museumsgarten. Färben lässt sich mit nahezu allen Pflanzen, entscheidend jedoch ist bei einer Färbung für Textilien oder Leder eine gute Farbbeständigkeit und Lichtechtheit. Das, was von der Pflanze Krapp (Rubia tinctorum – die Röte der Färber) zu diesem Zweck gebraucht wird, sind die farbstoffenthaltenen Wurzeln.

Krapppflanzen sind in Vorderasien wildwachsend zu finden. Meistens ist es jedoch die Kulturform, die zum Einsatz kommt. Schon 1500 v. Chr. wurde in Zentralasien und Ägypten Färberkrapp zu Färbezwecken angebaut. In Griechenland ist das Färben mit Krapp um 60 n. Chr. verbindlich durch den Arzt Dioskorides belegt, der über die rotfärbende Wurzel schreibt. Als rubia passiva wird sie bei der Nutzung durch die Römer benannt. Im Mittelalter erreicht der Krappanbau in Mittel- und Südeuropa eine bemerkenswerte Verbreitung. Waren bis dahin die Überlieferungen lediglich schriftlicher Art, sind in den Kräuterbüchern ab dem 16. Jahrhundert auch Abbildungen und nähere Beschreibungen zu finden.

Doch auch andere, kostengünstigere rotfärbende Pflanzen, mit geringerer Farbqualität, verbreiteten sich. Ein Zentrum des hochwertigen Krappanbaus war u. a. Frankreich. Um den Absatz des angebauten Krapps zu Färbezwecken im eigenen Land zu sichern, führte Napoleon III. (1808–1873) rote Hosen und Kopfbedeckungen beim Militär ein. So war ein umfangreicherer und kalkulierbarer Bedarf vorhanden, der sowohl der Farbgewinnung als auch der Tuchproduktion einen kontinuierlichen Absatz sicherte.



                                    Webstuhl, Scheerleiter mit Garnspulen und Scheerrahmen für die Tuchweberei (links) und aufbereitete kardierte Wolle als Flies für die Verarbeitung zu Wolldecken (rechts)                                                                         ,                                          Tuchmacher-Museum Bramsche © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


In der englisch-hannoverschen Armee waren Uniformstoffe in einfacher Tuchbindung (nach dem Weben nur gewalkt und geschoren) in den Farben Blau und Rot üblich. Für diese wurden die einfachen Stoffe aus grober Heidschnuckenwolle in Bramsche (im Norden des Landkreises Osnabrück, in Niedersachsen) gefertigt. Die Uniformstoffe für die Unteroffiziere wurde aus feinerer heimischer Wolle gewebt. Die Qualität der Wolle bestimmte nach dem Walken die Wind- und Wasserfestigkeit. Das sich seit dem 18. Jahrhundert am Fluss Ha(a)se – vom germanischen haswa (grau), fortgesetzt im angelsächsischen hasu –  etablierende Tuchmacherhandwerk in Bramsche am Mühlenort bringt aufgrund der besonderen Färbung mit Krapp eine markante Farbe hervor: »ein helles, leuchtendes gelbstichiges Scharlach-Rot«, das als Bramscher Rot namhaft wurde. Dieser Farbton gelang nur im Zinnkessel (Im Eisenkessel entsteht ein Braunstich, im Kupferkessel wird der Farbton bläulich untersetzt.) Das benötigte Wasser kam aus der Hase, das nicht nur zum Antrieb der Walkmühlen erforderlich war, um das Tuch zu verdichten und damit seine Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, sondern auch für das vorbereiten der Wolle auf den Färbevorgang und beim Färben.

1997 wurde das Tuchmacher-Museum Bramsche gegründet. Erst 1972 war die reguläre Produktion von Wollstoffen im Bramscher Rot eingestellt worden. So sind sowohl die über 100 Jahre alten Maschinen in ihrer robusten Bauweise und mit sorgfältiger Instandhaltung durch aktive Museumsförderer auch weiterhin in der Lage, Arbeitsschritte vorzuführen, Einblicke in die Geschichte der Wollverarbeitung und in die der Tuchmacherfamilien zu geben. Zwischen 100 bis 120 Familien verdienten ihren Lebensunterhalt in Bramsche mit der Wollweberei. Starb ein Tuchmachermeister, führte die Witwe, so auch Gesche Thöle (1791–1871) in Bramsche, wie selbstverständlich das Handwerk weiter als Frau Meisterin. Das Recht auf Meisterschaft der Frauen (Tuchmachermeisterin) war bereits seit 1612 abgeschafft worden. Als Unternehmerin bewährte sie sich dennoch auch während der beginnenden Industrialisierung. War 1844 in Bramsche die erste Dampfmaschine als Antriebskraft im Einsatz, scheute sich Gesche Thöle als Frau nicht, diese im Jahr 1863 auch für ihre Tuchmacherwerkstatt zur Anwendung zu bringen. Bemerkenswert bleibt außerdem, dass insgesamt 15 Arbeitsgänge erforderlich waren, um von der Rohwolle zum fertigen Wollstoff zu gelangen.


                                                                             Farbabstufungen der Färbung von Wolle mit Krappwurzel, Tuchmacher-Museum Bramsche © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Ein im Bramscher Museum zur Einsicht gegebenes historisches Rezept beschreibt die Zutaten und den Vorgang des Färbens mit Krappwurzel.

» Hellkraproth.

(Fuer 24 Pfund Zeuch.)

Nachdem ein, am besten zinnerner, Kessel mit reinem Wasser angefuellet ist, wird dieses zum Sieden erhitzt, und nun dem Wasser zugegeben:

2 ½ Pfund Alaun,

1 Pfund Weinsteinkrystall,

6 Loth Zinnsalz in Krystallen

Wenn jene Materien aufgelöst sind, wir das vorher gewaesserte Zeuch in diesen Sud gebracht, und 2 Stunden lang darin siedend heiß darin herumgearbeitet, dann herausgenommen, abgekuelet, aber erst nach 24 Stunden gespuelet.

Nun wird ein Kessel mit reinem Wasser angefuellet und solches nur bis auf 40 Grad Reaumuer erhitzet, so daß man die Hand ohne Schmerz im Wasser erhalten kann. Dann wird hinzugegeben:

5 Pfund Krap,

der vorher in kaltem Wasser gut zertheilet worden ist.

Hierauf wird nun das angesottene du gespuelte Zeuch in den Kessel gebracht und das Feuer verstärkt, doch nur so weit, das die Flüssigkeit nahe zum Sieden, nicht ins wirkliche Kochen kommt, und so das Zeuch eine volle Stunde lang in jener Flotte herumgearbeitet. Nachdem die Farbe herangekommen ist, wird das Zeuch aus der Flotte herausgenommen, abgekuelt, und dann rein gespuelet.«

Auf den ersten Blick erscheint die Verwendung von Pflanzenfarben naturnah und nachhaltig, abgesehen davon, dass die synthetische Herstellung des Alizarins durch die Chemiker Graebe und Liebermann erst Ende der 1860er-Jahre gelang (Patentanmeldung 1869), somit also nicht früher nutzbar war. Doch das Herauslösen des Farbstoffes aus der Krappwurzel ist längst nicht so einfach wie es beim Ostereierfärben mit Zwiebelschale und anderem Pflanzenmaterial möglich ist. Unumgänglich war der Einsatz von Metallsalzen, um das gewünschte Färbeergebnis zu erlangen. Durch die insgesamt anfallenden erheblichen Mengen solcher schädlichen Rückstände aus der Tuchproduktion wurden auch die angrenzenden Bäche und Flüsse durch die eingeleiteten Abwässer verunreinigt.

Inzwischen gibt es Projekte, die sich zum einen für den Erhalt der historischen Färbepflanzen einsetzen, zum anderen allerdings auch den ökologischen Aspekt in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen sowie die Anwendungsvielfalt und das biogene Wirkstoffpotenzial thematisieren. Verfahren mit erzeugten Farbstoffpigmenten und -extrakten bringen nicht nur ein konstantes Färbeergebnis hervor, sondern stellen auch eine weitaus höhere Umweltverträglichkeit in den Mittelpunkt.

 


Krapprote Seidenfärbung, Seminar im Börde-Museum mit der Pflanzenfarbenmanufaktur aus Magdeburg, 2019 ©                                                                                                                                                                                                         Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Hinweis:

Krappwurzel ist in meist geschnittener Form im Färbedrogenhandel erhältlich. Mit Drogen werden entsprechend des ursprünglichen Sinnes nichts Anderes als getrocknete Pflanzen bezeichnet, also auch all jene, die gänzlich ohne berauschende Wirkung sind.

 

Literatur:

E. Bächi-Nussbaumer, So färbt man mit Pflanzen, 4., durchgesehene und erweiterte Auflage (Bern/Stuttgart/Wien 1996) 41. 86.

S. Bickel-Sandkötter, Nutzpflanzen und ihre Inhaltsstoffe (Wiebelsheim 2001) 166–167.

E. Jentschura, Pflanzenfärben ohne Gift. Neue Rezepte zum Färben von Wolle und Seide. Werkbücher für Kinder, Eltern und Erzieher 11. Herausgegeben von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten, 3. Auflage (Stuttgart 1998) 31.

U. Kircher, Mit Pflanzen färben, 2. Auflage (Marburg 1982) 69. 72. 73. 76. 77.

S. Meyer (Hrsg.), Auf Tuchfühlung mit der Geschichte. Texte und Bilder aus dem Tuchmacher- Museum Bramsche (Bramsche 1998) 2–3. 4. 6–9.

S. Meyer (Hrsg.), Die Tuchmacher von Bramsche. Sieben Leben aus Handwerk und Industrie 1780–1970. Bramscher Schriften Band 4 (Bramsche 2003) 20–21. 36–55.

E. Prinz, Färberpflanzen. Anleitung zum Färben, Verwendung in Kultur und Medizin (Stuttgart 2009) 8. 10. 16. 25. 36. 47. 49. 51. 81. 251. 309.

 

Digitale Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Färberkrapp (22.06.2021).

https://www.tuchmachermuseum.de (22.06.2021).

 

Video:

Ländliche Erwachsenenbildung Prignitz-Havelland e. V. & Förderverein „Alte Nutzpflanzen“ e. V., Färberpflanzen – eine Bereicherung für unser Leben. 2017.







KräuterZeit Juni 2021

Rote Johannisbeere (Ribes rubrum)

   


                            Reifende Johannisbeeren, Juni 2020 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Naschgarten – klingt verlockend, einladend, nach Naturnähe, Regionalität, frisch Geerntetem. Süßkirschen, Erdbeeren, Him- und Brombeeren sind beim Obst sicher ganz weit vorn. Rote und weiße Johannisbeeren und mehr noch die schwarzen Johannisbeeren, die nicht selten mit herbem Arznei-geschmack verbunden werden, sind ähnlich den Stachelbeeren weniger beliebt. Die wirksamen und gesundheitsförderlichen Inhaltsstoffe reichen von Vitamin C, über Kalium, Calcium, Eisen, Phosphor, Mangan und Flavonoiden bis hin zu Linolsäure und Ballaststoffen. Den heutzutage bevorzugten Essaromen entspricht dies meist weniger, was noch markanter bei Bitterstoffe enthaltenen Pflanzen wird. Dabei regen sie den Stoffwechsel des Körpers an.

Am 24. Juni, dem Johannistag, endet zwar die Erntezeit für Spargel (Spargelsilvester) und auch für Rhabarber, doch die Reife der Johannisbeeren wird jetzt erst vermehrt sichtbar. Der Hintergrund für die Terminfestlegung besteht im Schutz der mehrjährigen Pflanzen, die sich bei weiterem Ernten erschöpfen würden und im nächsten Jahr nicht mehr austrieben.

Namensgebend für diesen Tag war Johannes der Täufer. Der Johannistag, auch als Johannisfest bezeichnet, ist ein Hochfest (ein besonders bedeutsames Fest innerhalb der katholischen Kirche), hier gewidmet der Geburt Johannes` des Täufers, in enger Verbindung zur Sommersonnenwende (zwischen dem 20. Und 22. Juni). Neben Jesus Christus und dessen Mutter Maria ist Johannes der Täufer die Ausnahme der Personen, bei denen sowohl des Geburts- als auch des Sterbetages in religiösen Rahmen gedacht wird. Der Johannistag war so im religiösen und landwirtschaftlichen Brauchtum verankert, dass er sich einprägsam als Erntegrenze nutzen ließ und auch bis heute die Zäsur setzt.

Nicht nur Johannisfeuer – erstmals im 12. Jahrhundert belegt –  werden entzündet und sind an den Küsten der skandinavischen Länder besonders eindrucksvoll. Im Landwirtschaftsjahr ist der Johannistag ist ein Lostag, der sich mit Ernteregeln und Erntetraditionen verbindet. Die vorangehende Schafskälte, mit meist sehr kühlem Wetter, endet zuvor. Nun beginnt die Ernte etlicher Feldfrüchte, Futtergräser erreichen ihre Reife und die Heuernte beginnt (Johannisschnitt). Wichtig dafür ist eine konstante Warmwetterperiode ohne Regen, die u. a. durch vorkommende Johanniskäferschwärme zur Balzzeit charakterisiert wurde. Bei naturnah bewirtschafteten Wiesen wird das Mähen frühestens ab dem Johannistag begonnen. Typische Wildblumenwiesen und Gräser erreichen ihre Reife und für am Boden brütende Vögel ist die Aufzucht der Jungen gesichert. Auch für Kleinstlebewesen wie Insekten und Spinnen ist die artenerhaltende Vermehrung mit diesem Termin verbunden. Laubbäume haben um Johanni einen zweiten Austrieb, den Johannistrieb. Bäume und Hecken erhalten einen zweiten Schnitt (Johannisschnitt). Bei Obstbäumen entfernt man die Johannistriebe, die nicht geschnitten sondern rausgezogen werden, da es die Bäume zusätzlichen Nährstoffverbrauch kostet. Andererseits wiederum bietet das Austreiben zusätzlicher Zweige ein Potenzial Ersatz zu schaffen, wenn Fraßschäden auftreten sollten. Die Zeit um den Johannistag ist auch mit dem Aufblühen des danach benannten Johanniskrautes und dem besagten Reifwerden der Johannisbeeren verbunden, die zu den Steinbrechgewächsen (Saxifragaceae) zählen. Ihr Wuchs gedeiht in Strauchform oder als Halbstamm. Weltweit gibt es nach derzeitigem Stand 150 Arten. Die Urform der roten Johannisbeere wird in Nordosteuropa vermutet. Erst seit dem Mittelalter findet sie als Kulturpflanze Erwähnung.

Die ersten Früchte lassen sich bei der roten und weißen Johannisbeere bereits nach zwei bis drei Jahren nach Pflanzung ernten; bei schwarzen Johannisbeeren bereits nach einem Jahr. Fruchttragend können sie etwa 10 bis 15 Jahre sein, da sich kontinuierlich neue, die Pflanze verjüngende Bodentriebe ausbilden. Ältere Zweige sind im Januar/Februar auszuschneiden. Dies wird als wesentlicher beschrieben als der Rückschnitt an sich. Nicht nur als einzelnstehende Büsche mit einem Mindestabstand von 1,50 m zueinander werden Johannisbeeren angepflanzt, sondern sind auch in Heckenstruktur zusammen mit anderen Beerenfrüchten sind sie zu finden. Seltener gibt es die sog. Spaliererziehung. Pflanzzeit für die Sträucher ist im Herbst. Ein sonniger bis halbschattiger Standort auf nährstoffreichem, leicht saurem, humosen Boden gilt als geeignet für ein optimales Pflanzenwachstum und gute Fruchterträge. Die Erde der ausgehobenen Pflanzgrube wird mit gut verrottetem Stalldung bzw. ausgereiftem Kompost gemischt.

Die selbstbefruchtende Eigenschaft der Johannisbeere macht es möglich, dass auch ein einzelner Johannisbeerstrauch im Garten angepflanzt werden kann. Die angelockten Insekten sorgen dann für die Bestäubung der Blüten, aus denen sich die Früchte bilden, während die noch anhängenden Blütenreste mit dem Heranwachsen der Beeren abwelken und dann abfallen.

 


                                                                                     Heranwachsende Früchte mit noch vorhandenen Blütenteilen, Ende Mai 2020 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das für das erste Juniwochenende 2021 noch im Mai – trotz Pandemie – mit Realisierbarkeit erhoffte Rendezvous im Garten für Pflanzen-, Garten-, Natur- und Naturschutzbegeisterte, war mit dem Motto bedacht: Wissen das wandert. Auch beim ausgewählten Pflanzenporträt zur Johannisbeere gibt es einen praktikablen Aspekt der Vermittlung. Besonders interessant dürfte mit Blick auf den umweltverträglichen Pflanzenschutz die vorliegende Erkenntnis sein: Eine Pilzerkrankung, der Säulenrost, befällt u. a. auch Johannisbeeren. Ist allerdings Wermut in unmittelbaren Nachbarschaft gepflanzt, der ansonsten andere Gewächse an seinem unmittelbaren Standort durch seine Pflanzeninhaltsstoffe stark beeinträchtigt oder sogar eingehen lässt, hat Wermut eine förderliche, schützende Funktion gegen Befall bei Johannesbeeren. Und dies ist nur ein Beispiel, bei denen Pflanzengemeinschaften einen Schädlingsbefall auf natürliche Weise minimieren oder ganz verhindern.

Beerensträucher waren in den Gärten der hiesigen Dörfer mindestens im Zeitraum der zurückliegenden 60 Jahre sehr häufig zu finden. Nur teilweise zum Rohverzehr, vielmehr zum Einwecken als Kompott, zur Saft-, Gelee- und Marmeladenzubereitung für die Winterbevorratung wuchsen Stachelbeeren, schwarze und rote Johannisbeeren, teilweise auch Him- und Brombeeren im eigenen Garten. Auch der Bauerngarten der Vorbesitzerfamilie Heinemann, heute Schulgarten der Grundschule Burg Ummendorf, besaß solchen Bestand an Sträuchern. Unter Erhalt der alten Gartenstruktur wurden seit gut 20 Jahren auch neue Bepflanzungen hinzugefügt, die den Schulgarten zum praktischen Lehrgarten mit grünem Klassenzimmer machen, den veränderten klimatischen Bedingungen Rechnung tragen und für vielfältige Blühpflanzen sorgen, die besonders Wildbienenarten, Schmetterlingen und deren Raupen ein vielseitiges Nahrungsangebot bieten. Doch auch Beerensträucher haben inzwischen im Garten Erneuerung gefunden.

 

                                                                                              Beerensträucher, Stauden, Obstbäume und blühende Kräuter, Schulgarten Ummendorf,                                                                                                                                                                                                                                                       Ende Mai 2021 © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Auch im Kräutergarten des Börde-Museums wurden die vorhandenen Pflanzenbestände durch erste Beerensträucher erweitert, die perspektivisch im Garten in einen Naschgartenbereich einbezogen werden können. Mit allen Sinnen erleben, ist generationsübergreifendes Anliegen, ebenso unabhängig von jeder Art von Einschränkungen der Bewegung und Wahrnehmung, das sich mit essbaren Gartengewächsen in besonderer Weise realisieren lässt. Sehen, fühlen, riechen, schmecken und mit fantasieanregende Märchen und Geschichten in die Pflanzenwelt einzutauchen:

»Anneliese Schnickschnack und Rosi Raupe machen sich auf den Weg. Sie gehen zum alten, verwilderten Johannisbeerstrauch. Der wächst in der letzten Ecke des Gartens, gleich neben dem Komposthaufen. Jedes Jahr trägt er die allerschönsten Früchte, die man sich nur vorstellen kann. Blutrot hängen sie in langen dicken Trauben an den Zweigen. Die biegen sich schon ganz weit nach unten, weil sie die schwere Last kaum noch tragen können. Obwohl die Johannisbeeren so wunderschön und prächtig aussehen, kommt doch nie jemand aus dem Haus, um sie zu pflücken. Die Johannisbeeren sehen nämlich nur so lecker aus. In Wirklichkeit sind sie so schrecklich sauer, dass sie keiner essen mag. Unter dem alten Johannisbeerstrauch wohnt Ribisel. Ribisel ist ein Gartenzwerg.

Rosi Raupe und Anneliese Schnickschnack steigen durch einen engen, dunklen Schacht in Ribisels Höhle hinab. Was sie hier sieht, kann sie einfach nicht glauben. Bis unter die Decke stapeln sich hunderte von Einmachgläsern mit Johannisbeermarmelade. An einer anderen Wand stehen unzählige Flaschen mit Johannisbeersaft. „Der scheint ja die Johannisbeeren ganz besonders gern zu mögen“, flüstert Anneliese. „Ach was“, erklärt Rosi. „Ribisel hasst sie!“ Anneliese starrt den Zwerg ungläubig an: „Aber wenn Sie die Johannisbeeren so hassen, warum kochen Sie dann soviel Marmelade und Saft?“ Rosi verrät Anneliese: „Er kann es einfach nicht ertragen, die vielen schönen Johannisbeeren, die über ihm wachsen, verfaulen zu lassen. Und deshalb kocht er jedes Jahr riesige Mengen davon ein. Essen mag er sie natürlich nicht. Dafür sind sie ihm viel zu sauer. Und so sammeln sich die vielen Gläser hier in seiner Höhle an.“ „Ja, verdammt nochmal, du hast Recht! Aber ist es nicht wirklich eine Schande? Sie kochen Erdbeermarmelade und Kirschkonfitüre. Sie machen Apfelsaft und Pflaumenmus. Sie backen Rhabarberkuchen, und sie machen Stachelbeerkompott. Sie kochen die Birnen und die Aprikosen ein. Warum, zum Teufel, vergessen sie die Johannisbeeren?“ Wütend springt Ribisel durch seine Höhle.
„Vielleicht sollte er doch mal ein paar von seinen Johannisbeeren probieren. Schließlich sagt man ja »Sauer macht lustig«!“, flüstert Anneliese ihrer Freundin ins Ohr. Da müssen sie beide ein bisschen kichern.

„Ribisel, du hast mir doch erzählt, dass du aus den Johannisbeeren diese besonders leuchtende, rote Farbe gemacht hast“, fragt Rosi den Zwerg. „Ja, und?“
Rosi dreht sich zu Anneliese: „Ribisel ist ein großer Künstler. Er malt die schönsten Bilder, die ich je gesehen habe. Und nun hat er ein Rezept erfunden, wie er aus den sauren Johannisbeeren eine Farbe machen kann, die so besonders rot leuchtet, wie du sie dir in deinem schönsten Traum nicht vorstellen kannst.“
Aus einem großen Farbtopf leuchtet es besonders heraus. Es ist das wunderschönste Johannisbeerrot, das Anneliese je gesehen hat.
„Los, stell dich hierher.“ Wie der Zwerg es ihr befohlen hat, stellt sie sich in der Mitte des Raumes auf. Ribisel sucht sich ein paar von den herumliegenden Pinseln zusammen und greift sich den Topf mit der johannisbeerrot leuchtenden Farbe. Noch ehe Anneliese begreift, was hier geschieht, beginnt Ribisel, wunderschöne rote Blumen auf Annelieses Schneckenhaus zu pinseln.
(Anneliese Schnickschnack lädt den Zwerg Ribisel zu ihrem Geburtstag am nächsten Tag ein. Dieser schlägt die Einladung zuerst aus. Und doch überrascht das kleine Männlein die Schnecke Anneliese.) Plötzlich tritt jemand zwischen den vielen bunten Blumen hervor und lacht sie an: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Anneliese!“ Es überreicht Anneliese die große rosa Torte mit den vielen Kerzen darauf. Anneliese schaut den Zwerg ganz verdutzt an. „Das ist eine Johannisbeertorte. Ich habe sie extra für dich gebacken. Die ist ganz bestimmt nicht sauer!“« (gekürzte Fassung, https://blumenbunt.blogspot.com/2010/07/hier-ist-die geschichte-zuden.html)

Eine würzige Variante der Zubereitung von Johannisbeeren ist ein Chutney mit erfrischender Fruchtsäure.



Rezept:

Würziges Johannisbeerchutney

500 g rote Johannisbeeren, 2 Stück Langer Pfeffer oder ¼ TL Cayennepfeffer, ¼ TL Senfkörner, 2 Stück Kardamom, 2 Schalotten, 2 cm langes Stück Ingwer, 1 Peperoni, ¼ TL Salz, 2 TL Rapshonig

Zubereitungszeit: ca. 80 Minuten

Die frisch geernteten Johannisbeeren waschen und mit einer Gabel von den Stielen steifen.  Pfeffer, Senfkörner und Kardamom im Mörser zerreiben. Schalotten schälen, und mit dem frischen, geschälten Ingwer und der Peperoni fein würfeln. Alle Zutaten in einen Edelstahltopf geben, etwa eine Stunde leicht köcheln lassen, mit Salz abschmecken, nach Belieben Honig zum Ende des Kochens hinzufügen. Alles verrühren. Die Masse sogleich in zuvor noch einmal ausgewaschene und heiß ausgespülte Schraubgläser füllen, zuschrauben und zum Auskühlen beiseitestellen. Bis zum Verzehr kühl aufbewahren! Passt zu gegrilltem Obst, Gemüse, Fleisch und Käse!


Literatur:

R. Beitl – K. Beitl, Wörterbuch der deutschen Volkskunde (Stuttgart 1981) 410–416.

F. Böhmig, Rat für jeden Gartentag, 8. Auflage 1978 (Radebeul 1978) 421.

J. Böttcher, Gartenbuch für Anfänger, fünfzehnte Auflage (Frankfurt a. O. 1922) 414–421.

K. Greiner – A. Weber – P. Michaeli-Achmühle, Die Gartenschule rund ums Jahr (München 2004) 190–191.

G. von Gynz-Rekowski, Der Festkreis des Jahres, 2. veränderte Auflage (Berlin 1985) 172–174.

I.-M. Richberg, Altes Gärtnerwissen wieder entdeckt. Naturgemäß und erfolgreich gärtnern mit dem Erfahrungsschatz vergangener Zeiten, 4. Auflage (München, Wien, Zürich 1999) 22. 44. 88. 104. 123.

Digitale Quellen:

http://alte-obstsorten.de/johannisbeeren.html (21.05.2021).

https://blumenbunt.blogspot.com/2010/07/hier-ist-die geschichte-zuden.html (21.05.2021).

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannisbeeren (21.05.2021).

https://www.essen-und-trinken.de/rezepte/49417-rzpt-johannisbeer-chutney (25.05.2021).

 

 




KräuterZeit Mai 2021

Echte Pfingstrose (Paeonia officinalis)



Pfingstrose im Kräutergarten des Börde-Museums © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Être rouge comme une pivoine – rot sein wie eine Pfingstrose, so heißt es in französischer Sprache, wenn Verlegenheit oder sich schämen in einem rot werdenden Gesicht äußern.

In Parkanlagen, botanischen Sammlungen, Haus- und Bauerngärten sind Pfingstrosen bis heute als dekorative Zierpflanzen zu finden, darunter die Echte/Gewöhnliche Pfingstrose, die sog. Bauernpfingstrose, mit ihrem intensiven Rot. Die Hauptblühzeit der Pfingstrosen liegt zwischen Mai und Juni, in den Wochen um das Pfingstfest (frühester Pfingsttermin 10. Mai, spätester 13. Juni). Dies war namensgebend. Es gibt noch weitere Bezeichnungen wie Benediktinerrose, Gichtblume, Garten-Pfingstrose, Marienblume oder Rose ohne Dornen. Für den Wortteil Rose liegt die Ähnlichkeit mit Rosenblüten zugrunde. Die Pfingstrose hat ihren Ursprung in China. Ihr Verbreitungsgebiet liegt im Mittelmeerraum (Portugal bis Albanien, Kleinasien, Armenien) ebenso wie in nördlicher gelegenen Gebieten (Frankreich, Deutschland, Schweiz, Italien, Slowenien, Ungarn). An der Westküste Nordamerikas sind zwei Pfingstrosenarten zu finden.

Die Pfingstrose besitzt in der chinesischen Kultur einen besonderen Stellenwert und ist Symbol für Reichtum und Glück, Ehre und weibliche Schönheit. Als kaiserliche Pflanze erfährt sie noch heute Verehrung und Züchtung. Gleichzeitig steht sie in China als Jahreszeitenblume für den Monat März und den Frühling. Sowohl in der chinesischen als auch in der europäischen Kunst fand und findet die Pfingstrose Darstellung. Sie verbindet sich in der chinesischen Malerei mit den Namen Guo Qishan und Guo Zhusan sowie in Fortführung bis in die Gegenwart mit den Pfingstrosenmalern im Dorf PingLe (zentralchinesische Provinz Henan) auf dem Markt der Päonienmalerei. Auf mittelalterlichen Gemälden sind immer wieder Pfingstrosen in Verbindung mit Maria und Jesus zu finden, so auch beim Gemälde Paradiesgärtlein (Oberrheinischer Meister, 1410/20, lesender Muttergottes und Christuskind, auf einem Psalterium spielend, davor ein rotblühender Pfingstrosenbusch). Auch der französische Maler Édouard Manet widmete sich zum Beispiel in seinem Stillleben „Weiße Pfingstrosen“ (1864) dieser Blume. Joseph Freiherr von Eichendorff und Ferdinand von Saar würdigten u. a. als deutschsprachige Lyriker/Schriftsteller die Pfingstrose. Seit 1957 ist sie Wahrzeichen des amerikanischen Bundesstaates India. Der Asteroid 1061 ist nach Paeonia benannt.

Ende des 18. Jahrhunderts gelangten Paeonien aus China und Japan über die Alpen in die Klostergärten der Benediktiner/innen, wo sie als Heilpflanzen angebaut wurden. Die Wildformen haben von Natur aus einfache Blüten mit fünf Blütenblättern und auffallenden Staubfäden, die für Insekten bei der Pollensuche gut erreichbar sind. Die gefüllten Blüten sind vermutlich im späteren Mittelalter entstanden. Dabei erfolgte eine Umwandlung von Staubfäden zu Blütenblättern.



                                                          Pfingstrosen mit einfacher Blütenstruktur, Botanischer Garten Meran (Südtirol) © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Hinweis:

Bei der Gartengestaltung empfiehlt es sich, auch Sorten mit einfachen Blütenständen und freiliegenden Staubgefäßen auszuwählen, um insektenfreundliche Blühpflanzen einzubeziehen.

Die wissenschaftliche Bezeichnung Paeonia bezieht sich in einer Deutungsvariante auf die makedonischen Landschaft Paeonia, wo eines der Verbreitungsgebiete der Pfingstrose liegt. Eine zweite, häufiger wiedergegebene Variante nimmt Bezug auf Paeon, Schüler des Götterarztes Aesculap. Er soll die Wunden Plutos aus dem Kampf mit Herkules geheilt haben. Daraufhin wurde Paeon aus Eifersucht von Aesculap in eine Pfingstrose verwandelt.

Die Pfingstrosen bilden die eigene Pflanzenfamilie der Paeonaceae mit nur einer Gattung: Paeonia. Zuvor zählte die Pfingstrose zu den Ranunculaceae, den Hahnenfußgewächsen. Pfingstrosen werden unterschieden nach Stauden- und Strauchpfingstrosen. Die Echte oder Gemeine Pfingstrose ist eine Staude mit einem krautigen Wuchs und einem Rhizom mit sichtbar verdickten Speicherwurzeln. Alles oberirdisch Wachsende welkt im Herbst ab. Der üblicherweise flach unter der Erdbedeckung befindliche Wurzelstock bringt im Frühling neue Stängeltriebe hervor. Bei Strauchpfingstrosen hingegen bleibt das gewachsene Strauchwerk mit verholzten Ästen und Zweigen, auch ohne Winterbelaubung, sichtbar. Sie sind in der Wuchshöhe bis zu 1,5 Meter höher als die Staudenpfingstrosen.



                                                          Stängelaustrieb eines Pfingstrosenrhizoms mit verdickten, verholzten Speicherwurzeln (links) und Blütenknospe (rechts) © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Bestäubt werden Pfingstrosen meist durch Käfer. Das Aufblühen der Pfingstrosenknospen braucht zusätzliche tierische Hilfe. Um die Blütenköpfe herum gibt es zuckerhaltige Absonderungen, die die Blütenöffnung behindern, wenn nicht Ameisen das Verzehren dieser klebrigen Schicht übernehmen. 

Tipp:

In Blumengeschäften werden Pfingstrosen als Schnittblumen mitunter in knospigem Zustand verkauft. Um dennoch das vollständige Aufblühen zu haben, wird ein Waschbecken mit lauwarmem Wasser gefüllt und darin schwenkt man die Stängel, mit dem Blütenkopf nach unten hängend, einige Male vorsichtig hin und her, um die Anhaftungen abzuspülen. Danach werden die frisch angeschnittenen Pfingstrosenstiele in die Vase gestellt.

Pfingstrosen bevorzugen sonnige bis halbschattige Standorte, benötigen nährstoffreichen, wasserdurchlässigen Boden und ca. 1x1 Meter Pflanzabstand. »Sie möchten am liebsten jahrzehntelang an ihrem windgeschützten Platz … stehenbleiben. Da Pfingstrosen nicht tiefer als 5 cm gepflanzt werden dürfen – sonst blühen sie nicht und fallen oft der Stengelfäule zum Opfer –, vertragen sie auch nur oberflächliches Hacken. Für die jährliche Kompostgabe im Herbst empfiehlt sich daher ein vorsichtiges Entfernen der obersten Bodenschicht, die dann durch Kompost ersetzt wird. Wegen der Stengelfäule darf der frostgefährdete Austrieb der Pfingstrose im Frühjahr auch nicht angehäufelt werden. Schützen Sie den Austrieb bei Bedarf also besser nach Großmutterart mit einem großen Eimer.« (Richberg 1999, S. 51–52)

Meistens werden von Züchtern vorgezogene Pflanzen ausgebracht. Das erste Blühen ist nach ca. drei Jahren zu erwarten. Doch auch das Heranziehen aus Samen, die sich in den Balgfrüchten nach dem Abblühen der Pfingstrosen entwickeln, ist möglich. Die Ausbildung der Samenstände schwächt allerdings die Pflanzenkraft für das Blühen im Folgejahr.

Auf dem Gelände des 774 begründeten Benediktinerklosters Lorsch im heutigen Landkreis Bergstraße (Weltkulturerbe der UNESCO) entstand im Jahr 2013 der Lorscher Pfingstrosengarten als Lehr- und Schaugarten zur Paeonie. Das Lorscher Arzneibuch vom Ende des 8. Jahrhunderts (UNESCO Memory oft he World, UNESCO Weltdokumentenerbe in Deutschland seit 2013) beinhaltet auch heilkundliche Rezepte mit Pfingstrosen. In den handschriftlichen Aufzeichnungen ist die Anwendung von Wurzeln, Samen und Blütenblättern dokumentiert sowie die Art der Krankheiten, bei denen die Aufbereitungen zum Einsatz kommen.

Die Bezeichnung officinalis (Linné, 18. Jahrhundert) verweist auf die arzneiliche Verwendung der Pflanzenteile, der Rhizome, der Samen und Blütenblätter. Genutzt bei Erkrankungen wie Gicht, Epilepsie und Darmbeschwerden kamen zum Einsatz. Hauptinhaltsstoffe sind Flavonoide, Gerbstoffe und Anthocyane. Die Wirkweisen sind bisher medizinisch nicht nachgewiesen und werden aktuell laut BGA (Bundesgesundheitsamt) lediglich als Schönungsmittel in Tees befürwortet, zur roten Farbgebung (Paeonin).

Im Unterschied dazu wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die Chinesische Pfingstrose bis heute zu Heilzwecken verwendet. Der Anbau der Strauchpfingstrose Fen Dan Bai zur Gewinnung der Wurzeln erfolgt seit ca. 4000 Jahren. Die getrockneten Wurzeln kommen zur Anwendung für therapeutische Tees, die krampflösend, schmerzstillend und entzündungshemmend wirken, u. a. bei Menstruationsproblemen, Venenentzündungen und Hämorrhoiden. Die Verarbeitung zu Salbe und Tropfen sind ebenso gebräuchlich. Als Urtinktur ist Paeonia officinalis in der Homöopathie zu finden. Von einer Selbstbehandlung mit Paeonia ist abzuraten, da die Pflanze schwach giftig ist!

Die meisten Arten und Sorten der Päonien sind allerdings ausschließlich dekorative und vielgestaltige Zierpflanzen. Deutsche Züchtungen von Pfingstrosen sind erst für das 20. Jahrhundert belegt. In Sachsen-Anhalt, nahe Halle, in Wettin-Löbejün OT Nauendorf, gibt es seit 2003 eine spezialisierte Pfingstrosengärtnerei. So wie auch beim namhaften Lorscher Pfingstrosengarten und bei deutschlandweit agierenden privaten Züchtern besteht seit 2008 eine Vernetzung im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Pfingstrosenzüchtung.



Staudenpfingstrose auf einem ehemaligen Schrebergartengelände der 1970er-/80er-Jahre © S. Vogel BMBU – Landkreis Börde



Rezept:

Chinesischer Pfingstrosenwurzeltee

20 g getrocknete, zerkleinerte Wurzeln der Chinesischen Pfingstrosen (Fachhandel), 750 ml Wasser

Zubereitungszeit: ca. 35 Minuten

Die Pfingstrosenwurzelstücke in einen Edelstahltopf schütten, mit kaltem Wasser übergießen und ca. 30 Minuten leicht kochend halten, bis sich die Flüssigkeitsmenge auf etwa 500 ml verringert hat. Danach den Tee durch ein feines Sieb abgießen. Empfohlen wird, dreimal täglich ½ Tasse Tee zu trinken bei Menstruations- und Wechseljahresbeschwerden, jedoch nicht ohne vorherige ärztliche Abklärung!

 

Literatur:

M. Breckwoldt, Kleines Lexikon der Gartenirrtümer, 2. Auflage (Frankfurt am Main 2010) 44. 58.

S. Danert, Urania Pflanzenreich in vier Bänden, Bd. 4, 1. Auflage (Leipzig, Jena, Berlin 1994) 16–18.

H.-D. Krausch, »Kaiserkron und Päonien rot …« Entdeckung und Einführung unserer Gartenblumen (München/Hamburg 2012) 400–406.

M. Pahlow, Das grosse Buch der Heilpflanzen (München 2004) 468.

I.-M. Richberg, Altes Gärtnerwissen wieder entdeckt. Naturgemäß und erfolgreich gärtnern mit dem Erfahrungsschatz vergangener Zeiten, 4. Auflage (München, Wien, Zürich 1999) 51–52.

 

Digitale Quellen:

german.china.org.cn/culture/txt/2009-06/02/content_17876203.htm (25.04.2021).

https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Lorsch (25.04.2021).

https://de.wikipedia.org/wiki/Pfingstrosen (25.04.2021).

https://lorsch.de/de/kulturprojekte-pfingstrosen.php (25.04.2021).

https://www.gesundu.de/lexikon/detail/chinesischer-pfingstrosenwurzel-tee (25.04.2021).

www.pfingstrosengaertnerei.de (25.04.2021).

 




KräuterZeit April 2021

Hänge-Birke (Betula pendula)


                                                                                     Baumbestand mit Birken in der Außenanlage der Burg © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Ein Baum, die Hänge-Birke (Betula pendula), steht im Mittelpunkt des Monatsbeitrages zur Gartenanlage des Börde-Museums. Der Tag des Baumes, der im April begangen wird, gibt die Anregung dazu. Ins Leben gerufen wurde dieser Aktionstag (Arbor Day) bereits 1872 in den USA durch den amerikanischen Politiker Julius Sterling Morton, der Baumpflanzaktionen initiierte.

Am 27. November 1951 wurde der Tag des Baumes dann offiziell von den Vereinten Nationen ausgerufen. Der Hintergrund, diesen Tag seit dem 27. April 1952 auch in der damaligen Bundesrepublik Deutschland ins Blickfeld zu rücken, begründete sich aus der massiven Abholzung von ca. 10 Prozent der landesweiten Waldflächen aufgrund eines Teiles der Reparationszahlungen, die von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges eingefordert wurden. Damit waren große Herausforderungen an die Wiederaufforstung gestellt, auch wenn zur damaligen Zeit die forstwirtschaftliche Bedeutung im Vordergrund stand.

Die Pflanzfrauen, die sog. Trümmerfrauen des Waldes, übernahmen einen wesentlichen Anteil dieser immensen Aufgabe. Als Würdigung ihrer Leistungen wurde erstmals 1949 auf der 50 Pfennig Münze (Bank Deutsche Länder 1949 Prägung F Stuttgart), eine kniende baumpflanzende Frau mit Kopftuch dargestellt.

Seit 1989 erhält der 25. April eine vertiefende inhaltliche Ausrichtung mit Blick auf eine ausgewählte Baumart, dem »Baum des Jahres« (Nominierung des Baumes seit 1991 durch die Dr. Silvius Wodarz Stiftung – und deren Fachbeirat sowie durch den jeweiligen amtierenden Bundesumweltminister mit der Schirmherrschaft). Es gilt inzwischen mehr denn je das Augenmerk auf die sich deutlich verringernde Artenvielfalt zu richten – auch im Bereich der Laubbäume, als einer wesentlichen Säule des Ökosystems und als wichtige Klimakomponente.

Ein gemischter Baumbestand mit vorwiegend unterschiedlichen Laubgehölzen, von Birke und Esskastanie, über Kornelkirsche und Linde bis hin zu Pappel und Rosskastanie befindet sich im Außengelände der Burg. Die weiße Baumrinde der Hänge-Birke (Betula pendula) ist ganzjährig besonders auffallend und ein wesentliches Erkennungsmerkmal des Laubbaumes.

Die Verwendungsmöglichkeiten der Birke sind über die Jahrhunderte so vielgestaltig geworden, dass dieses Monatsporträt die Bereiche lediglich umreißen kann und Leserinnen und Leser zur vertiefenden Beschäftigung anregen möchte.

Bereits im Jahr 2000 war die Sand-Birke Baum des Jahres. Sand-, Hänge-, Weiß- oder Warzen-Birke werden als Bezeichnungen parallel verwendet. Birken zählen zur Pflanzengattung in der Familie der Birkengewächse. Der sommergrüne Laubbaum hat einen schlanken Wuchs mit der markanten weißen Borke, wobei Jungpflanzungen eine rotbraune Rinde besitzen. Die stilisiert herzförmig erscheinenden kleinen Blätter sind ebenfalls sehr markant.

Allgemein bevorzugen Birken sandige Böden und sind dementsprechend häufig in Heidelandschaften, in Laub- und Nadelwäldern mit Lichtungsbereichen und in Moorlandschaften anzutreffen. Als Pionierpflanzen (sog. Erstbesiedler im Bereich der Bäume) finden sie auch dort gute Wuchsbedingungen, wo sich Pflanzen auf Ödland ansiedeln, gelegentlich z. B. noch auf vor Jahrzehnten entstandenen Abraumhalden vom Erzbergbau oder in ehemaligen Steinbrüchen zu finden.

 


Stammquerschnitte bei einer gefällten schadhaften Birke © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Holz der Birke lässt sich gut bearbeiten, ist allerdings schwer spaltbar. Die Farbe reicht von Weiß bis Rötlich-Gelb. Da die Beständigkeit im Außenbereich gering ist, erfolgt der Einsatz im Möbel- und Innenausbau, für die Fertigung von Furnieren, für die Herstellung von Span-, Sperrholz- und Faserplatten sowie Zellstoff. Weiterhin entsteht die gute Brennholzeigenschaft aufgrund des hohen Terpengehaltes. Die Rinde der Birke ist so stark damit angereichert, dass diese mit aufgerollter Rinde fackelähnlich verwendet wurden. Nach dem Entzünden brannten sie sogar noch im Wasser weiter, was im museumspädagogischen Programm des Börde-Museums zu Licht und Feuer nach wie vor Erstaunen und Begeisterung hervorbringt.

Als therapeutisch wirksame Bestandteile wirken besonders die Terpene entzündungshemmend und harntreibend. Blättertees sind u. a. relevant bei Nierengries, Nieren- und Blasensteinen. In der Pflanzenheilkunde kommen Blätter, Knospen und Rinde zur Anwendung. Birkenteer kann bei Hautkrankheiten eingesetzt werden und dient auch der Behandlung von Leder in Form von Juchtenöl (Birkenteeröl, durch nochmalige Destillation gewonnen).

Auf dem Historischen Handwerkermarkt des Börde-Museums wurde seit Ende der 1990er-Jahre von Museumsmitarbeiter U. Schmidt die einfachste Art der Gewinnung von Birkenteer/Birkenpech an der Pechsiedestelle vorgeführt und auf dem Infoblatt des Aktionsstandes wie folgt beschrieben:

»Bei diesem Verfahren wird ein feuerfester Topf, der mit Birkenrinde gefüllt ist, mit der Öffnung nach unten, über einen Lehmtrichter gestellt. Der Lehmtrichter steht mit einem Rohr in Verbindung. Anschließend wird der Topf mit Lehm verstrichen, um ein Einschlagen der Flamme zu verhindern. Von außen wird der Topf beheizt. Nach einer gewissen Zeit tritt als Erstes Rauch aus dem Rohr. Anschließend tropft eine bräunliche Flüssigkeit in den Auffangtopf. Die aufgefangene Flüssigkeit ist teerhaltig. Wobei sich unten der reine Birkenteer absetzt.«

Dieser kann durch Wasserentzug mittels Kochen zu Birkenpech eingedickt werden.

 


Reste der Birkenrinde, Birkenteer und Birkenpech (v.l.n.r.), Historischer Handwerkermarkt © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Museumsrestaurator A. Schnitzer hatte zudem ein Modell des Doppeltopfverfahrens nachgebaut, um damit eine rekonstruierte mittelalterliche Methode der Birkenpechgewinnung zu veranschaulichen. Eine Wanderausstellung mit damaligem Erkenntnisstand und Nachbildungen zur Ausstattung, die Ötzi, der Mann aus dem Eis, auf seinem letzten Weg mit sich führte, wurde Anfang der 2000er-Jahre in Ummendorf mit einer Auswahl nahezu zeitgleicher archäologischer Funde aus der Magdeburger Börde erweitert und bot an einem Aktionstag einige praktische Einblicke in die Alltagswelt.

Birkenpech, das von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter als Klebemittel Verwendung fand, kam auch bei der Pfeilspitzenfixierung in Ötzis Ausrüstung zum Einsatz. Außerdem hatte er nachweislich zwei zylindrische Behälter aus Birkenrinde bei sich. Eines der Rindengefäße wies eine von Glut erzeugte schwarze Verfärbung der Innenwand auf, durch die der Schluss auf ein Transportbehältnis für glühende Holzkohle fiel. Diese wurde, von Ahornblättern umhüllt, im Birkenrindengefäß auf der Wanderung mitgenommen.

Die Nutzung von Birkenteer und -pech waren über die Jahrhunderte u. a. gebräuchlich beim Abdichten von Fässern und Booten sowie als Schmiermittel bei Wagenachsen, für Schutzanstriche gegen Schädlingsbefall und Schutz vor Feuchtigkeit.

Die Birke ist hinsichtlich des immateriellen Kulturgutes eng mit dem Frühlingserwachen verbunden, da Birken meist zuerst im Jahr Blätter zeigen. Die Fruchtbarkeit bei Mensch und Tier, die Förderung von Gesundheit und das Vertreiben von Krankheiten sollte das Schlagen mit besenähnlich gebundenem Birkenreisig bezwecken. Bekannt ist heutzutage meist noch die Verwendung in der finnischen Sauna bei Wellness und zur Gesundheitsförderung.

Brauchtum um die Birke spiegelt sich bis in die Gegenwart in einigen noch gepflegten Bräuchen wider. Das Birkenstellen zu Pfingsten ist uns im Aufstellen des mit bunten Bändern geschmückten Maibaumes, möglichst einer Birke, noch am vertrautesten. Dass fast an jedem Haus junge Birken aufgestellt waren, ist in einigen Regionen noch heute üblich, hat sich vielfach allerdings auch auf das Schmücken des Kircheneingangs und des Kirchenraumes zum Pfingstfest reduziert. Doch auch zu Fronleichnam (erster Donnerstag nach der Octav des Pfingstfestes) wurden Wegränder und Gebäude u. a. mit Birken für die festliche Prozession geschmückt. In Teilen Süddeutschlands und Österreichs hat sich diese Tradition erhalten.

Auch etliche Märchen, Lieder und Gedichte um die Birke sind zu finden, so beispielsweise das sibirischen Märchen »Die Birkennase« oder aus dem arabischen Sprachraum stammend: »Das Märchen von der schlanken Birke«, das die Unersättlichkeit und die Folgen jeglicher Wunscherfüllung erzählt. Lieder mit thematischem Kontext Birke sind z. B. das russische Lied »Stand ein Birkenbaum am grünen Raine« oder »Alle Birken Grünen in Moor und Heide«, ein Kunstlied mit dem Text des Heidedichters Hermann Löns bzw. das Volkslied »Birke am grünen Bergeshang«, um nur einige zu nennen. »Bind mir ein blaues Band um unseren Birkenbaum« ist eine Textzeile aus einem Schlager Anfang der 1970er-Jahre und Hildegard Knef besang die Birke als Metapher in »Ich brauch Tapetenwechsel«.

Auch die Zahl der Autoren, die der Birke ein Gedicht gewidmet haben, ist beachtlich. Auswahlweise seien genannt: »Alle Birken grünen« von Hermann Löns, »Birken« von Oskar Loerke, »Die Birke« von Martha Weber, »Birke« von Rosemai M. Schmidt. »Zu Gast bei der Birke« von Willi Grigor und »Meine Birke« von R. Brunetti. Beziehen sich die vorgenannten Gedichte mehr auf die Birke im Jahreslauf, seine Schönheiten und das Vergehen, schildert Wilhelm Busch die Birke in seinem Gedicht mit Blick auf die Verwendungsmöglichkeiten, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt wurden.


Die Birke

Es wächst wohl auf der Heide

Und in des Waldes Raum

Ein Baum zu Nutz und Freude,

Genannt der Birkenbaum.


Die Schuh, daraus geschnitzet,

Sind freundlich von Gestalt.

Wohl dem, der sie besitzet,

Ihm wird der Fuß nicht kalt.


Es ist die weiße Rinde

Zu Tabaksdosen gut,

Als teures Angebinde für den,

der schnupfen tut.


Man zapfet aus der Birke

Sehr angenehmen Wein,

Man reibt sich, dass es wirke,

Die Glatze damit ein.


Dem Birkenreiserbesen

Gebühret Preis und Ehr.

Das stärkste Kehrichtwesen,

Das treibt er vor sich her.


Von Birken eine Rute,

Gebraucht am rechten Ort,

Befördert oft das Gute

Mehr als das beste Wort.


Und kommt das Fest der Pfingsten,

Dann schmückt mir fein das Haus,

Ihr, meine liebsten Jüngsten,

Mit Birkenzweigen aus.


Die Birkenblätter sind in den ersten Frühlingswochen zart und mild aromatisch. Und auch das Birkenwasser als Getränk birgt einen Aha-Effekt. Wer beides einmal ausprobieren möchte, behält den Schutz des Baumes im Blick, pflückt nur einzelne Blätter von den Zweigen und hält sich beim Anzapfen der Birke für das Birkenwasser an die gegebenen Hinweise.

 

Rezepte:

Frühlingswildkräutersalat mit Birkenblättern

Je ein gefüllter Kaffeebecher mit Frühlingswildkräutern wie Bärlauch, Vogelmiere, Löwenzahn, Spitzwegerich, Sauerampfer und Birkenblättern sowie ca. 10 Gänseblümchen- und 10 Veilchenblüten als essbare Dekoration, 4 EL Rapsöl, 2 EL Apfelessig, Salz und Pfeffer

Die frisch geernteten Wildkräuter vorsichtig waschen und gut abtropfen lassen. Aus den weiteren Zutaten das Dressing zubereiten. Bei Bedarf die größeren Blätter zerteilen, die Blütenblätter abzupfen. Alles locker in einer Schüssel vermischen, das Dressing über dem Salat verteilen, unterheben und innerhalb von 1–2 Stunden verzehren, damit sich die zarten Blätter nicht mit Öl vollsaugen und unappetitlich werden.

 

Gewinnung von Birkenwasser

Dazu wird zur Zeit der aufsteigenden Pflanzensäfte im Frühling, vor dem Austreiben der Blätter, mit einem desinfizierten Handbohrer etwa bei 1,50 m Höhe ein ca. 2 cm tiefes Loch in die Baumrinde gebohrt, in das ein ebenfalls keimfreies Röhrchen (aus Edelstahl, Kunststoff oder Bambus) gesteckt wird. Eine Glasflasche zum Auffangen des Birkenwassers kann mit einem Seil unterhalb des Röhrchens am Stamm befestigt werden, sodass die Flüssigkeit hineintropft, ohne verunreinigt zu werden. Der Geschmack ist leicht süßlich und mineralisch, wie dies im Rahmen einer Kräuter im Topf-Veranstaltung des Museums Anfang der 2000er-Jahre ausprobiert wurde, sodass die Gäste das frisch gezapfte Birkenwasser probieren konnten.

Unbedingt erforderlich ist das Verdünnen mit Wasser, im Verhältnis 1 Teil Birkenwasser und 3 Teile Wasser! Was vor 20 Jahren noch bestaunt wurde, ist inzwischen längst in vielen Supermärkten, auch unter dem Fitnessgetränke-Aspekt, im trinkfertigen Mischungsverhältnis erhältlich. Das Birkenwasser wird dazu vorwiegend in großen Birkenbeständen Russlands und Skandinaviens gewonnen. Auch lässt sich Wein und Essig daraus zubereiten.

 

Hinweis:

Der Praxisversuch, in der Zeit der aufsteigenden Pflanzensäfte (März/April), vor dem Austreiben der Blätter, selbst Birkenwasser von einer mehrjährigen Birke zu zapfen, sollte nur an einem eigenen Baum vorgenommen werden. Wichtig ist es, die Verletzung am Holz nach dem Entfernen des Röhrchens wieder fachkundig mit Baumwachs zu verschließen, damit keine Krankheitserreger in die Birke eindringenAuch die seit einigen Jahren an Beliebtheit gewinnenden Behältnisse zur Aufbewahrung von Lebensmitteln aus Birkenrinde, z. B. für Brot oder Kaffee, finden ihr Ausgangsmaterial in russischen bzw. skandinavischen Birkenarten mit einer lederartigen, formbaren und strapazierfähigen Rinde, die zudem antibakterielle Eigenschaften hat. Das Vorteilhafte bei der Gewinnung der Birkenrinde ist das Schälen bei Erhalt des Baumes, ähnlich wie bei Korkeichen im westlichen Mittelmeerraum. Bleiben die Bäume unverletzt, wächst die Rinde in einigen Jahren wieder nach und kann erneut geerntet werden. So werden inzwischen auch Sitzmöbel, Lampenschirme oder Armbänder aus Birkenrinde in jungen Unternehmen manufakturmäßig gefertigt.

 


                                                                                     Birkenrindenbehältnis © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Literatur:

R. Beitl – K. Beitl, Wörterbuch der deutschen Volkskunde (Stuttgart 1981) 92–93.

D. Henschel, Essbare Wildbeeren und Wildpflanzen, 1. Auflage (Stuttgart 2002) 202.

A. Kurzweil – Dieter Todtenhaupt, Das Doppeltopf-Verfahren – eine rekonstruierte mittelalterliche Methode der Holzteergewinnung, in: Experimentelle Archäologie in Deutschland, Bd. 4 (Oldenburg 1990) 472–479.

S. G. Fleischhauer – J. Guthmann – R. Spiegelberger, Essbare Wildpflanzen. 200 Arten bestimmen und verwenden (Augsburg 2011).

D. Mack, Möbel aus Wildholz. Gestaltung, Bautechniken, Objekte, 3. Auflage (Staufen bei Freiburg 2004) 32–34.

M. Pahlow, Das grosse Buch der Heilpflanzen (München 2006) 84–85.

M. Pahlow, Heilpflanzen. Sanfte Behandlung von Alltagsbeschwerden (Stuttgart 2009) 199–200.

R. Phillips, Der grosse Kosmos-Naturführer Bäume, 6. Auflage (Stuttgart 1998) 38. 90.

J. Radkau, Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt. Stoffgeschichten Band 3 (München 2007) 25. 45. 102. 106. 111. 119. 248.

A. Spring – M. Glas, Holz. Das fünfte Element (München 2005), 66. 70. 168–169.

https://www.Kinderzeitmaschine.de (05.03.2021).

http://www.survival-werk.de (20.03.2021).

https://www.volksliedarchiv.de/lexikon/birke/ (01.04.2021).

https://de.wikipedia.org/wiki/Baum_des_Jahres (26.03.2021).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_des_Baumes (01.04.2021).






 

KräuterZeit März 2021

Stinkende Nieswurz

Botanischer Name: Helleborus foetidus

Volksnamen: Palmblättrige Nieswurz, Winterrose, Lenzrose, Läusekraut

 

Im späten Herbst, wenn alle Blumen verblüht sind, das letzte Blatt von den Bäumen geweht ist, der Novemberregen den goldenen Oktober in ein tristes Grau verwandelt und jegliche frische Farbe im Garten verschwunden ist, kommt der große Auftritt der Nieswurz. Etwa Mitte bis Ende Dezember, zur Zeit der Wintersonnenwende, wenn die Tage am kürzesten sind, öffnen sich seine zahlreichen Blütenknospen, welche in dichten Büscheln an langen Blütenstielen über dem Laub stehen und die Form von kleinen hängenden Glöckchen haben. Die Hüllblätter der Blüten verändern im Laufe der Zeit ihre Farbe. Am Anfang stehen die Blüten komplett in einem eleganten grüngelb da, später kommt ein zarter bordeauxroter Rand hinzu. Jede Blüte hat 5 Hüllblätter. Die Blüte der Nieswurz dauert bis in den April/Mai.





Blüten im Garten des Börde- Museums Burg Ummendorf  © J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde

 

Durch die sehr ungewöhnliche Blütezeit von Dezember bis Mai muss die Pflanze einige Tricks anwenden, um ihre Aufmerksamkeit bei Hummeln und Bienen zu erregen und sie aus ihrer Winterstarre oder Winterunterkunft zu locken. In der Blüte enthaltene Hefen erwärmen den Nektar durch ihre Stoffwechselaktivität. Im Inneren der Blüte ist es bis zu 6° Celsius wärmer als in der Umgebung und somit ein guter Platz für frierende Hummeln. Diese Hefe-Heizung wurde erst 2010 entdeckt und fand in der Fachwelt sehr große Beachtung.

Es gibt einige Giftpflanzen, welche sich gegen den natürlichen Sonnenrythmus auflehnen und im Winter blühen. So wie der Efeu, die Mistel und die Herbstzeitlose ist auch die Nieswurz eine stark giftige Pflanze. Dies können wir schon im lateinischen Gattungsnamen Helleborus lesen. Das Wort ist aus den griechischen Wörtern helein (töten) und bora (Speise) zusammengesetzt und gibt uns klar zu verstehen, diese Pflanze nicht zu kosten oder zu verzehren.

Schon für die Kelten war die Nieswurz eine bedeutende Pflanze. Sie verwendeten das Gift der Nieswurz als Pfeil- und Lanzengift bei der Jagd. Sie brachten das Gift in die seitlichen Tüllenlöcher ihrer Wurfspeere und das Tier starb dann durch das Herzgift an Herzlähmung und wurde dadurch nicht bis zur Ungenießbarkeit vergiftet.

Doch woher kommt der ziemlich abwertenden Name dieses schönen Winterblühers? Wenn man die Blätter zerreibt, riechen sie intensiv wie auch bei vielen anderen Pflanzen im Garten, nach Grün, nach Pflanze, etwas wie Holunder. Auch hier kommt es auf die Nase des Schnupperers an, was für den einen stinkend ist, riecht für den anderen einfach nach Natur und Garten.

Der berühmte Potsdamer Staudenzüchter und Verfasser von Gartenbüchern,  Karl Förster, war mit der geringschätzigen Bezeichnung der Pflanze unzufrieden. Er gab ihr den Namen „Palmblatt-Nieswurz“, wegen der schönen und fein gefiederten Blätter. Niesen muss man von diesen Blättern auch nicht, hier kommt jetzt das Rhizom der Nieswurz ins Spiel. Das getrocknete und zerkleinerte Wurzelpulver wurde früher geschnupft oder auch als Mischung dem Schnupftabak zugefügt. Die Wirkstoffe in dem Pulver reizten die Schleimhäute und regen zum Niesen an. Hierdurch sollte Schwindel vertrieben werden und das Gedächtnis und Verstand gestärkt bzw. frei geblasen werden.  Auch als Herzmittel, Brechmittel, Abführmittel und zu Wurmkuren wurde das Pulver verwendet. Heute wird das Mittel kaum noch verwendet.


Hinweis:

Von Laien dürfen Pflanzenextrakte niemals, auch nicht als homöopathische Mittel verwendet werden.



Bestand der Stinkenden Nieswurz Anfang März © J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde

  

Paracelsus schrieb 1525 in seinem Herbarisus: „Mehr Tugend und mehr Kraft ist in diesem Kraut, als alle Schriftsteller, die auf den Hohen Schulen gelesen werden, jemals in Bezug auf das lange Leben geschrieben haben. Ein Arzt der allein diese Pflanze richtig anzuwenden weiß, der hat Kunst genug.“ In den Kräuterbüchern dieser Zeit wird aber auch auf den hohen Giftgehalt hingewiesen und vor einer Überdosierung gewarnt. Im 19. Jahrhundert erwähnt Ludwig Ganghofer die Pflanze und ihre Wirkung in seinem historischen Roman „Klosterjäger“, welcher im 14. Jahrhundert zu Zeit Ludwig des Bayern (1282-1347) spielt: „Zwei Tröpflein machen rot, zehn Tröpflein machen tot.“

Die stinkende Nieswurz ist eine heimische Giftpflanze und Schattenstaude, sie gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse. Das Verbreitungsgebiet liegt von Süd- und Mitteleuropa bis nach Zentralasien. Auch in Nordamerika wurde er durch die Siedler eingeführt und gedeiht dort gut. Die Pflanze wird ca. 20-40 cm hoch, die immergrünen Blätter sind palmartig gefiedert, sie bestehen aus 7-9 keilförmig langgestreckten Teilblättern, deren Ende grob gezähnt ist. Sie sind intensiv grün, glänzend und lederartig. Als dankbare und genügsame Pflanze kommt sie auch mit Trockenheit gut zurecht, sät sich nach der Samenreife selbst aus und sorgt so für frische Bestände, da die alten Pflanzen nach 4-5 Jahren absterben.

Es ist dringend angeraten, die Pflanzen nur in ganz jungem Stadium zu verpflanzen, ältere Exemplare vertragen das Umpflanzen schlecht oder gar nicht. Auch zu häufiges umgraben oder tiefes hacken im Bereich der Wurzeln wird schlecht toleriert, einfach gesagt: die Nieswurz möchte in Ruhe gelassen werden und dankt uns das mit tollen Blüten. Im Garten steht die Nieswurz gern im Halbschatten, auch Schatten wird gut vertragen, wenn der Boden dort trocken ist. Ein guter Pflanzplatz ist der lichte Schatten unter Gehölzen oder an deren Rand. Schöne Pflanzkombinationen ergeben sich mit Lungenkraut, Leberblümchen, Tulpen, Narzissen oder Blaustern.

      

Literatur:

W. D. Storl, Pflanzen der Kelten (Aarau 2000) 333─339

https://de.wikipedia.org/wiki/Nieswurz (10.03.2021)

https://www.heilpraxisnet.de/heilpflanzen/christrose-nieswurz-geschichte-wirkungen-und-gehttp (10.03.2021)

http://www.hpgrumpe.de/etschenreutter/lexikon.htm#S (10.03.2021)

https://stadtpark-guetersloh.de/stinkende-nieswurz/ (11.03.2021)

http://www.oeav-obergailtal.at/index.php?option=com_content&view=article&id=134/ (11.03.2021)

               







KräuterZeit Februar 2021

Germanische Mispel – ein fast vergessener Obstbaum

Botanischer Name: Mespilus germanica

Volksnamen: Echte Mispel, Gemeine Mispel, Steinapfel, Hundsärsch, Asperl

 

Im Mittelalter wurde die Germanische Mispel in Deutschland intensiv und häufig angebaut und gehörte zum damaligen Alltag wie heute Apfel- und Birnenbäume. Genau diese Bäume verdrängten den Mispelbaum etwas zu Unrecht. Äpfel und Birnen sind direkt vom Baum genießbar und haben größere Früchte, was sich bei den Mispeln etwas anders verhält. Doch dazu später.

Mispelkulturen werden erstmals 700 v.Ch. in Griechenland beschrieben. Mit den Römern gelangten sie nach Mitteleuropa. In der Capitulare de villis vel curtis imperii, der Landgüterverordnung Karls des Großen, wird die Mispel um 800 als einer von 16 Bäumen erwähnt und ihr Anbau angeordnet. Auch im berühmten Klosterplan von St. Gallen ist die Mispel aufgeführt. Danach ist sie einige hundert Jahre in Mitteleuropa und dem Gebiet des heutigen Deutschland heimisch und weit verbreitet, was wohl auch zu dem irrtümlichen Namen des Baumes geführt hat. Stammt die Mispel doch wahrscheinlich aus Westasien, dem Kaukasus und Turkmenistan und hat mit » germanica« nichts gemeinsam und müsste eigentlich Mespilus persica heißen.


                                                                                     Mispelbaum, Tacuinum sanitatis Manuskript aus dem 14. Jahrhundert ©                                                                                                                                                                                                                                                                         https://de.wikipedia.org/wiki/Mispel#/media/Datei:Mespilus_Ibn_Butlan.jpg

 

Hildegard von Bingen beschreibt die heilenden Eigenschaften der Mispel zur Blutreinigung, Stärkung und Muskelaufbau. »Die Früchte des Mispelbaumes sind nützlich und gut für gesunde und kranke Menschen, wie viel man auch davon isst. Sie reinigen das Blut und lassen das Gewebe wachsen.«

Die Mispel wird in Russland zur Behandlung von chronischen Darmerkrankungen, wie z.B. Morbus Crohn angewendet. Ihre Früchte gelten als antibakteriell, darmanregend, entzündungsabbauend, cholesterinsenkend und verkalkungshemmend. Von den zahlreichen Inhaltsstoffen sind die Apfelsäure, Beta Carotin, Gerbstoffe, Pektin und Vitamin B2 hervorzuheben und an der heilenden Wirkung beteiligt. Besonders die Gerbstoffe wirken bei Verdauungsstörungen gesundmachend. Die entzündungshemmende Wirkung der reifen Früchte wird auch bei Nieren- und Harnwegsentzündungen geschätzt.



Mispelzweig mit Frucht © https://pixabay.com/de/photos/mispel-natur-pflanze-obst-herbst-3718103/

 

Nun zu den besonderen Früchten der Mispel: die 2- 4 cm, bei Kulturformen bis 6,5 cm großen apfelförmigen Früchte sind im Kelchbereich stark abgeplattet, die Schale filzig, korkig und haben lange Kelchblätter an der Spitze. Diese Form hat ihr wohl auch den Volksnamen »Hundsärsch« eingebracht. Die behaarten, erst grünen, später goldbraunen Früchte sind erst nach einer entsprechenden Nachreife genussreif, wobei die Reife bereits eine Art von Zerfall ist. Zur normalen Apfelerntezeit sind sie grün, hart, bitter und ungenießbar. Das Problem der Frucht ist die Reife in unseren Breiten. Denn hier reicht die Jahreswärmesumme oft nicht aus, um die Früchte am Baum reifen zu lassen. Bedingt ist das durch die Herkunft aus wärmeren Regionen und die späte Blütezeit. In vielen alten Quellen wird die Lagerung der Mispel als normale Methode zur Nachreife und Fruchtaufbereitung beschrieben. Hierzu wird die Mispel Anfang November vor den ersten Frösten gepflückt. Die Mispeln werden dann in flache Obstkisten, welche dünn mit Stroh ausgelegt werden, kühl und frostfrei gelagert, ohne das sie sich berühren. Auch das angetrocknete Laub vom Adlerfarn kann als Unterlage verwendet werden, da dieses eine pilzabwehrende und keimhemmende Wirkung hat. Nach ca. 3 Wochen verfärbt sich die Fruchtschale dunkelbraun. Hier ist der austretende Fruchtsaft durch die Fruchthaut sichtbar, am Anfang fleckig, später komplett. Mit dieser Lagerung geht eine aromatische Verwandlung in den Früchten vor. Die Konsistenz ändert sich in dieser Zeit von hart zu weich und teigig, der Geschmack von bitter zu fruchtig-süß mit erdigen Aromen und Anklängen von Feige und Birne.

In modernen Publikationen und Webseiten wird oft die Ernte nach dem ersten Frost beschrieben. Doch für das perfekte Obstaroma ist die oben genannte Lagerung zu bevorzugen, da hier die sehr komplexen Prozesse der Reife in Ruhe ablaufen können und die Mispeln uns das mit einem viel besseren Aroma danken. Von der auch sehr oft beschriebenen Lagerung der Mispeln für einige Stunden im Tiefkühlschrank ist generell abzuraten. Hierbei werden die Zellen durch den Frost mechanisch zerstört, um die langsam ablaufenden, Enzym abbauenden, Prozesse zu umgehen. Die frostigen Temperaturen können jedoch nicht die für das gute Aroma  so wichtige Reaktion von Luftsauerstoff mit Pflanzenmaterial (Polyphenoloxidase) ersetzen.

Nach der Lagerung werden die Mispeln roh verzehrt oder zu Marmelade, Gelee, Kompott oder Obstbrand verarbeitet. Zum Essen schneidet man die Früchte auf, entfernt die Kerne und löffelt oder lutscht das innere Fruchtfleisch heraus. Auch lässt sich die Schale der reifen Früchte fast wie bei gekochten Kartoffeln abziehen




Mispelfrüchte nach der Ernte © https://pixabay.com/de/photos/mispel-obst-herbst-193641

 

Die in Baumschulen angebotenen Kulturformen werden auf unterschiedlichen Unterlagen vermehrt. Hierzu werden Unterlagen von Weißdorn, Quitte oder Eberesche verwendet. Beliebte Sorten sind:  »Westerwald«, »Nottingham« und die besonders großfrüchtige Sorte »Macrocarpa«.

Der Mispelbaum wird ca. 3-6 m hoch und ist im Garten durch seinen malerischen, knorrigen Wuchs mit gedrehten oder knieförmig geknickten Ästen ein schöner Anblick. Seine Krone wächst breitausladend, was bei der Standortwahl zu berücksichtigen ist. Die 3-5 cm großen weißen Blüten erscheinen im Mai/Juni, der Baum ist selbstfruchtbar, ein zweiter Baum in der Nähe erhöht jedoch die Erträge. Der Boden sollte kalkhaltig, mäßig trocken, nährstoffreich, locker und humushaltig sein. Steinige Lehmböden in sommerwarmer Lage werden gut vertragen. Die Art ist frosthart, verträgt sommerliche Hitzeperioden sehr gut und ist somit für die wohl kommenden heißen Sommer eine ideale Bepflanzung für den Garten. Stadtklima stellt für den Baum kein Problem dar. Er ist in Deutschland meist verwildert in Hecken, Gehölzrainen und am Waldrand zu finden. Eine Pflanzung im Garten ist für diese weitgehend unbekannte Pflanze absolut empfehlenswert. Nach dem Erziehungsschnitt und dem Aufbau der Krone muss die Mispel nur noch wenig geschnitten werden, lediglich ältere Äste können bei zu dichten Kronen entfernt werden. Die Früchte reifen an den jungen Trieben, also bitte Vorsicht mit dem Rückschnitt dieser Äste, denn dieser kann die Ernte erheblich geringer ausfallen lassen.

 

Dass der Mispelbaum im Mittelalter eine große Rolle spielte, zeigt auch, dass William Shakespeare die Frucht in zwei seiner Stücke literarisch verarbeitet. Bei ihm hatten viele Pflanzen und Früchte eine lyrische Symbolik. Etwa 120 Pflanzen werden in seinen Werken erwähnt und betreten somit die Theaterbühne.

 

In »Wie es euch gefällt« heißt es:

Probstein:
Wahrhaftig, der Baum trägt schlechte Früchte.

Rosalinde:
Ich will Euch auf ihn impfen, und dann wird er Mispeln tragen: denn Eure Einfälle verfaulen, ehe sie halb reif sind, und das ist eben die rechte Tugend einer Mispel.

In »Romeo und Julia« geht es eher derber und anzüglich zu, als sich zwei Freunde über Romeo unterhalten:

Mercutio:

»Nun wird er unter einem Mispelbaum sitzen,

Und wünschen, seine Geliebte wäre diese Art von Frucht

Wie die Mägde Mispeln nennen, wenn sie allein lachen.

O Romeo, wär´ sie, o wär` sie

Ein offener Arsch und du eine knackige Birne!«

Die Verarbeitung der Früchte hatte im Mittelalter eine große Bedeutung, hat aber seitdem ständig an Bedeutung verloren. Dennoch haben einige Rezepte überlebt oder wurden wieder neu entdeckt.

 

Mispel Kompott

500 g Mispeln, 100g Zucker, 100 g Butter, 20 g Speisestärke

Von den gewaschenen, reifen und teigig gewordenen Mispeln entfernt man die Kelchblätter und die Kerne. Danach werden die Mispeln in der geschmolzene Butter angeschmort und das heiße Fruchtmus mit der Speisestärke angedickt.

 

Mispel Marmelade

1,5 kg Mispeln, 1 kg Gelierzucker

Die vollreifen Früchte in einem Topf mit so viel Wasser übergießen, dass sie gerade damit bedeckt sind. Unter ständigem Umrühren aufkochen lassen, anschließend das Fruchtmus durch ein grobes Siebs streichen. Die verbleibende Masse mit dem Gelierzucker nochmal 2 Minuten aufkochen lassen und sofort heiß in sterile Gläser abfüllen.

 

Blätterteigtaschen mit Mispelfüllung

Mispeln weichkochen, pürieren und mit Zucker und Zimt abschmecken. Den Blätterteig ausrollen und in Quadrate oder Dreiecke schneiden. Das Mispelmus darauf geben und mit Blätterteig abdecken, mit der Gabel einstechen und mit Eigelb bestreichen.

Bei 200 Grad mit Umluft ca. 20 Minuten goldbraun backen.

 

Literatur:

 

Mansfeld, Verzeichnis landwirtschaftlicher und gärtnerische Kulturpflanzen (Berlin 1986) 371 f

Fleischhauer Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen (Aarau 2003) 218

https://www.plantura.garden/gartentipps/obstratgeber/mispel (21.01.2021)

https://www.gartenzauber.com/mispel-mespilus-germanica/ (21.01.2021)

https://www.eggert-baumschulen.de/de/mespilus-germanica.html (22.01.2021)

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflanzen/steckbrief-mispel-100.html (22.01.2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mispel (21.01.2021)

https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/so-klein-und-unscheinbar-doch-voller-kraft_aid-634107 ( 22.01.2021)

https://www.mein-schoener-garten.de/pflanzen/obst/mispel (21.01.2021)

https://www.zobodat.at/pdf/Pub-Ver-Regionale-Gehoelzvermehrung_4_0001.pdf (21.01.2021)

http://www.william-shakespeare.de/wie_es_euch_gefaellt/wie_es_euch_gefaellt_3_2.htm (22.01.2021)










KräuterZeit Januar 2021

Kartoffel-Rose (Rosa rugosa)



Kartoffel-Rose (Rosa rugosa) mit Raureif © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Beim ersten Blick auf die Früchte der Kartoffel-Rose (Rosa rugosa) – die rundlichen, von oben und unten abgeplatteten Hagebutten – wäre eine namensgebende Verbindung zu den essbaren Kartoffelknollen aus der Erde denkbar. Doch folgt man der Herleitung in Pflanzenbüchern, soll die Benennung von der Ähnlichkeit der Blätter hergeleitet worden sein. Am einfachsten lässt sich die Kartoffel-Rose allerdings durch die anders aussehenden Hagebutten ab dem Spätsommer bis in den Winter hinein erkennen, denn die Hagebutten der meisten anderen Rosenarten, so auch der ebenfalls als Wildrose verbreiteten Hunds-Rose (Rosa canina), sind aufrechtstehend oval, nach oben hin schmaler werdend. Ein direkter Fruchtvergleich hingegen ist die umgangssprachliche Bezeichnung Apfel-Rose. Einen Hinweis auf einige Verbreitungsregionen geben die Namen Japan-Rose, Sylter Rose oder Kamtschatka-Rose.

Die Kartoffel-Rose ist durch gezielte Pflanzungen, in Deutschland seit Mitte der 1850er-Jahre bis in das 20. Jahrhundert hinein, an unterschiedlichen Standorten, in größerer Zahl, ausgebracht worden. Maßgeblich dafür waren die Vorzüge der Rose:

-       Geringe Ansprüche an die Wuchsbedingungen

-       besondere Fähigkeit des Gedeihens an Extremstandorten (salzhaltige Untergründe)

-       Widerstandsfähigkeit gegenüber typischen Rosenkrankheiten (Rosenrost oder Sternrußtau),

-       hohes Regenerationspotenzial der Wurzeln,

-       dekorative Größe der Blüten und leuchtende Blütenfarben in Rosa, Rot bzw. Weiß.

Diese Eigenschaften bedingten als wesentliche Nutzung die Anpflanzung von Hecken zum Zweck von Wind- und Erosionsschutz, u. a. im Küstenbereich, bei Steilhängen und Dünen sowie bei Ferienhäusern in Küstennähe, allerdings auch zur Tarnung militärischer Objekte mit Rosenbewuchs, besonders während des Zweiten Weltkrieges. Doch auch der ausschließlich dekorative Charakter dieser Rosen führte mit zur Verbreitung bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert wurden Kartoffel-Rosen auch in der Ortsbegrünung und im naturnahen Bereich, beispielsweise an Rändern von Streuobstwiesen, angepflanzt. In den zurückliegenden Jahren war vielfach der Hintergrund des Ansiedelns der insektenfreundliche einfache Blütenaufbau, durch welchen zusätzliche Pollen- und Nektarquellen entstanden. Auch die rot-orangenen Hagebutten, die Sammelnussfrüchte der Rosen, sind für heimische Vögel und Kleinsäuger ebenso Nahrungsquelle wie die Beeren und Früchte anderer Wildsträucher.

Doch inzwischen wird auch eine Eindämmung des Neophyten Kartoffel-Rose thematisiert und praktisch ausgeführt. Die ungeminderte Verbreitungsfreudigkeit führt nach wissenschaftlicher Einschätzung zu massiven Veränderungen des natürlichen Gleichgewichtes bis hin zum Wandel des Landschaftsbildes und zur Verdrängung heimischer Arten. Als besonders relevante Pflanzen werden an den Küsten beispielsweise Stranddistel/Meer-Mannstreu aus der Familie der Doldenblütler, Krähenbeerheide – eine Zwergstrauchheide, Sandliesch-Gras, eine Pionier-/ Erstbesiedlerpflanze aus der Familie der Süßgräser und Bibernellrose, auch Dünen- oder Felsrose aufgeführt. Sogar der sortenreiche Sanddorn erfährt an seinen Küstenstandorten nach länger währenden Beobachtungen und Dokumentationen eine Zurückdrängung. Somit entsteht ein spezieller Handlungsbedarf zum Erhalt der vielgestaltigen heimischen Flora und Fauna.

 


                                                                                     Blühende Kartoffel-Rose (Rosa rugosa) als Hecke (links) und als Solitäranpflanzung © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die Kartoffel-Rose ist eine Pflanzenart aus der Gattung Rosen innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). »In der Blüte ist der Blütenboden becherförmig um die freistehenden Fruchtknoten herumgewachsen. Er wird nach der Befruchtung fleischig und birgt in seinem Inneren die Nußfrüchtchen. Bei der Reife verfärbt er sich orangerot, löst sich aber nicht vom Stiel, sondern verbleibt als Winterzierde am kahlen Strauch. Die Farbe wird hauptsächlich durch das Carotinoid Lycopin, den Tomatenfarbstoff, bewirkt. Der Achsenbecher ist besonders reich an Vitamin C (250–2900 mg %).« (Franke, 1997, S. 318)

Die Früchte von Rosa canina, der Hunds-Rose, sind zwar für heilkundliche Zwecke bekannter, erprobter  und verbreiteter, doch auch die Kartoffel-Rose und weitere Wildrosenarten lassen sich entsprechend verwenden. Sammelzeit ist ab Ende September bis zum ersten Frost, da die Hagebutten dann beim Auftauen matschig werden. Die reifen Hagebutten können für die Nutzung zu Tee, Gelee, Marmelade, Mus, Likör, Wein und sogar Essig aufbereitet werden. Die enthaltenen Kerne – mit einem vanilleähnlichen Aroma –  werden industriell zu Hagebuttenöl verarbeitet. Der Ertrag bei den Früchten der Kartoffel-Rose ist aufgrund der Hagebuttengröße höherer und so gestaltet sich die individuelle Verarbeitung weniger mühsam.

  


                                                  Hagebutte der Kartoffel-Rose (Rosa rugosa) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Ebenso können die Blüten und Blätter der Wildrosen verwendet werden. Allerdings entscheidet der jeweilige Verwendungszweck über die Auswahl der Rosen.

Hinweis:

Die Blüten sammelt man vor dem Aufblühen im Juni und Juli. Die Blätter sind in der Zeit von März bis Juni als Sammelgut geeignet. Sie sind hauptsächlich in getrockneter Form für Teezubereitungen relevant. Die Hagebutten der Kartoffel-Rose sollten bei der Ernte schon intensiv rot, allerdings noch fest sein. Werden die Früchte roh aufgeschnitten, um Samen und Härchen für die weitere Verarbeitung zu entfernen, empfehlen sich Einmalhandschuhe, um die Verbreitung dieser Bestandteile mit Juckreizwirkung zu unterbinden.

  


Längs aufgeschnittene Hagebutte der Kartoffel-Rose mit Samen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Rezepte:

Hagebuttenmus

500 g frisch geerntete Hagebutten, Wasser

Zubereitungszeit: ca. 60 Minuten           

Eine praktischere Variante sieht vor, die Früchte nach dem Ernten zu waschen, Stielende und Blütenrest abzuschneiden, die Hagebutten mit etwas Wasser zu erhitzen und vorsichtig aufkochen zu lassen, diese ca. 1 Stunde bei geringer Hitze vor sich hin köcheln lassen, durch ein Sieb zu rühren und bei geringer Wärmezufuhr ein weiteres Mal aufkochen zu lassen.

Zur geschmacklichen Verfeinerung können der Abrieb einer Bio-Zitrone, das Mark einer Vanilleschote und nach Geschmack  ½ Teelöffel frischer, geriebener Ingwer hinzugegeben werden. Diese Zutaten in der Hagebuttenmasse vor dem Abfüllen nochmals ca. 5 Minuten ganz leicht aufkochen lassen, heiß in Schraubgläser füllen. Abgekühlt werden die Gläser im Kühlschrank aufbewahrt.

Tipp:

Das Mus eignet sich, täglich einen ½ Teelöffel voll pur verzehrt, zur Stärkung der Abwehrkräfte in Erkältungszeiten, als Beigabe für das Frühstücksmüsli  sowie zu Joghurt oder Quark bzw. als Zutat für ein winterliches Heißgetränk.

 

Hagebutten-Spaghetti-Sauce

500 g frische, gereinigte Hagebutten (Zubereitung wie oben) oder 150 g getrocknete Hagebuttenschalen, 700 ml Wasser, je eine Messerspitze Salz, Pfeffer, Thymian, Oregano, Rosmarin und Cayennepfeffer, 1 TL Sanddorn- oder Berberitzensaft (alternativ Zitronensaft), 1 EL Dinkelmehl oder 1 EL Kartoffelstärkemehl, 3 EL Wasser

Zubereitungszeit: ca. 60 Minuten           

Frische Hagebutten sind, wie oben beschrieben, vorzubereiten. Getrocknete Früchte müssen über Nacht, in kaltem Wasser eingeweicht, quellen. Anschließen die Hagebuttenschalen in einen Topf geben, das Wasser bzw. das Einweichwasser hinzufügen und 20 Minuten lang bei mittlerer Wärmezufuhr kochen lassen, ca. aller 5 Minuten umrühren. Nach einer Abkühlzeit von ca. 5 Minuten die weichen Schalen durch ein Sieb rühren. Das Püree in einen anderen Topf schütten, die Gewürze und den Saft zugeben, unterrühren und alles nochmals für 5 Minuten bei geringer Wärmezufuhr aufkochen lassen. Mehl oder Kartoffelstärke mit dem kalten Wasser anrühren und in die Sauce zum Andicken einrühren,          ca. 1 Minute aufkochen lassen. Zur Aufbewahrung die heiße Sauce in Schraubgläser füllen, verschließen und ausgekühlt in den Kühlschrank stellen bzw. die Hagebutten-Kräuter-Sauce nach der Zubereitung zur vorbereiteten Pasta servieren.

 

Literatur:

S. Bickel-Sandkötter, Nutzpflanzen und ihre Inhaltsstoffe (Wiebelsheim 2001)322.

B. Bross-Burkhardt, Wildobst & Wildbeeren (Frankfurt am Main 2003) 104–109.

W. Franke, Nutzpflanzenkunde. Nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen und Tropen, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage (Stuttgart 1997) 318–319.

H. Haßkerl, Holunder, Dost und Gänseblümchen … Vegetarische Rezepte mit wilden Kräutern und Früchten (Darmstadt 2000) 78–79.

W.-D. Storl, Wandernde Pflanzen. Neophyten, die stillen Eroberer. Ethnobotanik, Heilkunde und Anwendungen, 2. Auflage (Aarau und München 2014) 267–269.

M. Strauß, Natur Genuss. Köstliches von Hecken und Sträuchern bestimmen, sammeln und zubereiten (Weil der Stadt 2011) 30–37.

H. Thoms, Altes Kräuterwissen aus dem Harz (Quedlinburg 2015) 99–100.

B. van Wyk, Handbuch der Nahrungspflanzen (Stuttgart 2005) 325.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kartoffel-Rose (08.12.2020).

https://www.gartendialog.de/kartoffelrose-pflege/(08.12.2020).





 


 

KräuterZeit Dezember 2020

Färber-Hundskamille

                                                                                                       Geerntete Blütenköpfe der Färber-Hundskamille im November im Kräutergarten                                                                                                                                des Börde-Museums Burg Ummendorf © J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde


Botanischer Name: Anthemis tinctoria

Volksnamen: Färberkamille, Goldblume, Johannisblume, Steinblume, Streichblume

 

Völlig zu Unrecht trägt diese schöne Pflanze eine Beleidigung in ihrem Namen. Das gibt es in der Botanik nicht so häufig. Hier wurde als Vergleich für die negative Bewertung die Echte Kamille mit ihren vielfältigen und verlässlichen Heilwirkungen herangezogen. Dagegen sieht die Färber-Hundskamille tatsächlich blass aus, aber nur was ihre medizinische Anwendung betrifft. Hier kann diese „hundsgewöhnliche“ Kamillenart nicht mithalten. Ganz und gar nicht blass bleibt die Blume hingegen mit ihren intensiven gelben Blüten, welche Ähnlichkeit mit Margeriten haben. Bei dieser Kamille sind nicht nur die Blütenkörbchen, sondern auch die Blütenblätter gelb. Schon seit Jahrhunderten werden diese zum Färben von Stoffen verwendet. In den Blüten steckt ein hoher Anteil des Farbstoffes Luteolin, der zur größten Farbgruppe, den Flavonoiden (lat. flavus= gelb), gehört. Hiermit lassen sich Stoffe in verschiedenen Gelbtönen färben. Diese Verwendung ist auch im Artnamen zu sehen. Tinctoria kommt vom lateinischen „tingere“, was soviel wie „färben“ bedeutet.

 

 

Bis zur Entwicklung von synthetischen Farbstoffen ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts waren diese Naturmaterialien zum Färben ersatzlos und weit verbreitet. Leider ist das uralte Wissen  über die teils aufwändigen Herstellungsprozesse im Laufe der Zeit weitgehend verschwunden. In den letzten Jahren wird dieses immaterielle Kulturerbe im Sinne der Nachhaltigkeit und des Reichtums an natürlichen Farben wiederbelebt.

Um einen gelben Sud von der Färberhundskamille zum Färben zu erhalten, köchelt man 50 Gramm der getrockneten Blüten in 1 Liter Wasser etwa 2 Stunden und seiht die Blüten anschließend ab. Mit dieser so gewonnenen Farbe kann man Wolle, Leinen, Baumwolle, Hanf oder Seide in verschiedenen Gelbtönen färben. Die Stoffe oder Garne müssen aber vorher in einer Beize gekocht werden, damit die Farbstoffe an den Fasern haften bleiben. Je nach verwendeter Beize lassen sich unterschiedliche Farben erzielen. Während bei Alaun oder Weinstein gelbe bis goldgelbe Töne erzielt werden, gibt es mit Eisensulfat ein Olivbraun und mit Kupfersulfat eine bronzegelbe Färbung. Bei Proteinfasern wie z. B. Wolle oder Seide ist die Färbung wenig licht- und waschecht. Bei Baumwolle und Hanf hingegen kann man sehr lichtechte und intensive Farbtöne erzielen. Eine leichte und auch gut mit Kindern durchführbare Aktion ist das Färben von einem weißen T-Shirt, indem man es mit Essigwasser und einer oder zwei Handvoll Blüten kocht.

Tipp:

Für gelbe Ostereier 20 Gramm getrocknete Blüten in einem Liter Wasser köcheln lassen. Danach werden die rohen weißen Eier hinzugefügt. Nach weiteren 10 Minuten sind die Eier dann gelb und hart.

Die Färberkamille ist im Garten ein gefragter Dauerblüher, der uns von Juni bis Oktober, manchmal auch bis in den November hinein mit seinen strahlenden gelben Blüten erfreut. Der botanische Name Anthemis enthält den griechischen Wortbestandteil „anthos“, was Blume oder Blüte bedeutet. Diesen Namen trägt die Pflanze wegen ihres Blütenreichtums völlig zu Recht. Die Endung „-emis“ nimmt Bezug auf die griechische Göttin Artemis, die als Hüterin der Frauen und Gebärenden galt, denn viele Arten aus der Familie der Korbblüten-gewächse haben in der Volksmedizin bei Frauenleiden eine wichtige Bedeutung.

Schon Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) beschrieb 3 verschiedene Anthemis-Arten, welche sich nur durch die Farbe der Blüttenblätter unterscheiden würden. Das Innere sei immer gelb, die Blüttenblätter dagegen weiß (Echte Kamille), gelb (Färber-Hundskamille) oder rosa (Hundskamille rosa). Er zählte auch zahlreiche Heilwirkungen auf, so z. B. bei Menstruationsbeschwerden, Krämpfen, Leberleiden oder Schlangenbissen. Die hier genannten Heilwirkungen dienen nur zur Information und stellen keine Anwendungsempfehlung dar.

Im Jahr 1753 verwendete dann der schwedische Naturforscher Carl von Linne` den überlieferten Namen „Anthemis“ für die Gattung der Hundskamillen. Die anderen Kamillenarten wie z.B. die Echte Kamille wurden unter dem Gattungsnamen Matricaria zusammengefasst.

  


                                        Ansicht der Pflanze im Beet © J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde


Im Garten gilt die Staude als ein pflegeleichter und anspruchsloser Begleiter, die von Schnecken und Läusen verschont wird. Sie besitzt fein gefiederte Blätter von graugrüner Farbe und wird ca. 4060 cm hoch. Die Blüten haben einen Durchmesser von 35 cm. Bei zu feuchter Witterung kann es zu leichtem Mehltaubefall kommen.  Ein voll sonniger Standort auf eher kargen, sandigen und durchlässigen Böden dankt sie uns mit einem reichen Flor. Auf nährstoffreichen und zu nassen Böden wachsen mehr Blätter als Blüten, beim Düngen gilt hier: „weniger ist mehr“. Es ist eine sehr passende Pflanze für die regenarmen Sommer, die wir in den letzten Jahren in unserer Gegend hatten. Der Rückschnitt nach der ersten Blüte fördert die Bildung neuer Blüten und lässt die Pflanze buschiger wachsen. Ein weiterer Rückschnitt vor dem Winter ist empfehlenswert, damit nicht die letzte Kraft in die Blüten geht und so die Winterhärte leidet. Sollte die Kamille den Winter nicht überstehen, ist die Neuzucht im Frühjahr einfach zu handhaben. Die Aussaat erfolgt im April/Mai direkt an Ort und Stelle, bei zu dichtem Auflaufen sind die Sämlinge zu vereinzeln.

Rot oder blau blühende Stauden sind passende Begleiter, mit denen die Kamille um die Wette blüht und ein beeindruckendes Farbenspiel schafft. Gute Partner sind hier: Steppen- Salbei, verschiedene Duftnesselarten (Agastache), Skabiosen, Sonnenhut oder rote Hortensien. Aber auch in größeren Gruppen gepflanzt, kann die Färberkamille vor dunklen Hintergründen den Garten zum Leuchten bringen. Zahlreiche Insekten wie Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebfliegen finden auf den nektarreichen Blüten über einen langen Zeitraum Nahrung. Somit bildet die Kamille eine wichtige Futtergrundlage bis in den Herbst. Deshalb ist das Saatgut oft in Mischungen für Insektenbeete zu finden.



                                                         Blüten (links) und Blätter (rechts) der Färber-Hundskamille © J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde


Literatur:

Dr. Barbara Bräuer, Textilfärben für Jedermann (Leipzig 1990) 69ff 133

Nico Vermeulen, Illustrierte Kräuterenzyklopädie (Eggolsheim) 45

https://www.mein-schoener-garten.de/lifestyle/gruenes-leben/stoffe-faerben-die-besten-faerberpflanzen-33416 (16.11.2020)

http://textilegarden.kyosev.com/doku.php?id=anthemis_tinctoria_faerberkamille (16.11.2020)

https://anstiftung.de/images/jdownloads/webinar_faerberpflanzen.pdf (17.11.2020)

https://www.gartenflora.de/gartenwissen/ziergarten/stauden/faerberkamille/ (17.11.2020)

https://anstiftung.de/images/jdownloads/webinar_faerberpflanzen.pdf (17.11.2020)

http://rikkasblog.blogspot.com/2011/07/farben-mit-naturfarben.html (17.11.2020)

https://www.kraeuter-verzeichnis.de/kraeuter/Faerberkamille.shtml (07.12.2020)

https://stadtpark-guetersloh.de/faerber-hundskamille/ (16.11.2020)

http://flora-emslandia.de/wildblumen/asteraceae/anthemis/anthemis.htm (07.12.2020)





 

KräuterZeit November 2020

 

Herbstzeitlose   ̶  Tödliche Schönheit

Botanischer Name: Colchicum Autumnale L.

Volksnamen: Giftkrokus, Nackte Jungfer, Giftblume, Hennengift, Teufelswurz, Leichenblume, Spinnblume

Im Frühherbst, meistens im September, erfreuen uns die zarten strahlenförmigen Blütenkelche der Herbstzeitlosen. Wie aus dem Nichts tauchen sie einzeln oder in Gruppen auf. Sie leuchten in einem hellen Purpur und bringen in diese schon etwas dunklere Jahreszeit noch etwas Farbe und Magie in den Garten. Dann, wenn außer einigen Winterastern, fast alles schon verblüht ist, grüßen uns diese scheinbar aus der Zeit gefallenen Blüten mit einem zeitlosen Gruß, als hätten sie sich in der Jahreszeit verirrt. Auch  herbstliche Regentage nehmen die Blüten gelassen hin und trotzen manchem Herbststurm.

     


                                                         Blühende Herbstzeitlose im Oktober im Kräutergarten des Börde-Museums Burg Ummendorf © J. Neubauer BMBU ̶ Landkreis Börde


Die Herbstzeitlose ist die einzige heimische Zwiebelpflanze, welche im Herbst ihre Blüte zeigt. Sie blüht bis in den Oktober hinein, trägt aber ihre Früchte bereits im Frühjahr. Im Mittelalter nannte man die Pflanze deshalb auch Filius ante patrem (Sohn vor dem Vater). Zur Blütezeit hat die Pflanze bereits keine Blätter mehr, denn diese werden bereits im Frühjahr zusammen mit den Früchten gebildet. Wir sehen bei dieser Pflanze also nie Blätter und Blüten gemeinsam. Die Blätter produzieren durch die Photosynthese die benötigte Energie für die Blüte. Das tulpenähnliche Laub ist nur kurz zu sehen, es stirbt bereits im Juli wieder ab und lagert die Kraft in der unterirdischen Knolle ein, aus welcher dann im Herbst die Blüte austreibt. Diese sitzen auf einer Art „Stiel“, was aber in Wirklichkeit eine lange weiße nackte Blütenröhre ist, welche direkt mit der 15-20 cm tief sitzenden Knolle verbunden ist. Von diesem Anblick stammt wohl auch der volkstümliche Name „ Nackte Jungfer“.

Die Blüte erinnert uns oft an den im zeitigen Frühjahr erscheinenden Krokus, jedoch sind beide Arten nicht verwandt. Die Herbstzeitlosen gehören zur Familie der Lilien, während der Krokus zu den Schwertlilien gehört. Leicht zu unterscheiden sind die beiden Arten durch die Anzahl der Staubblätter: die Herbstzeitlosen haben 6 Staubblätter, Krokusse besitzen nur 3. Die Knollen der Herbstzeitlosen sind zudem doppelt so groß.


                                                                                               6 Staubblätter und 6-teiliger Blütenkelch © J. Neubauer BMBU ̶ Landkreis Börde

Im botanischen Namen der Pflanze finden wir auch einen Hinweis auf ihre Heimat. Colchicum, übertragen Kolchis, war eine antike Landschaft zwischen dem Kaukasus und der Ostküste des Schwarzen Meeres. Heute erstreckt sich diese Region von Westgeorgien bis in die Nordosttürkei.

Hier, in diesem sagenhaften Königreich herrschte der König Aietes. Seine Tochter war Medea, eine der berühmtesten Zauberinnen, eine furchterregende Magierin. Als nun Iason und seine Argonauten kamen, um das goldene Vlies zu erlangen, bekamen sie vom König Aietes einige schier unlösbare Aufgaben, als Heldentaten getarnt. Denn der alte König dachte nicht daran, das Goldene Vlies herauszugeben und wollte Iason und seine Argonauten vernichten. Medeas Vater König Aietes ließ das goldene Vlies von einem riesigen Drachen bewachen. Niemand sollte es zu fassen bekommen. Medea verliebte sich in den fremden Helden und half ihm mit ihren Zauberkräften und einem Zaubertrank. Entscheidend hierfür waren die magischen und giftigen Pflanzen u.a. die Herbstzeitlose. Diese benutzte sie, um daraus todbringende, betäubende oder lebensverändernde Elixiere zu brauen. Der Drachen wurde nun durch den Trank in einen Schlaf versetzt und Iason konnte das goldene Widderfell an sich nehmen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte flehte Iason seine Geliebte an, seinen alten und schwachen Vater zu verjüngen. Sie lässt ihren betäubten Schwiegervater durch einen Kehlschnitt ausbluten um ihn dann einen Zaubertrank in seine Adern zu füllen. Ovid berichtete: „ Und siehe! kaum hatte der neue Saft alle Adern durchdrungen, so verwandelt sich plötzlich der graue Bart und das Haupthaar in dunkle Locken, die Runzeln verschwinden, die Blässe geht in Röthe über, die mageren Glieder werden voll, alle Adern strotzen von Blut und der von Alter gebeugte Körper streckt sich gerade. Aeson erwacht; er erstaunt über sich selbst und fühlt neue Kraft, wie vor dem vierzigsten Jahre.“

Und der Sage nach erwuchs aus dem Boden, erinnernd an diese Tat, die Herbstzeitlose, als aus dem schäumenden Kessel einige Tropfen des Elixiers auf den Boden spritzten.


                                                                 Die Verjüngung Aisons. Gemälde von Girolamo Macchietti, um 1572, im Palazzo Vecchio, Florenz                                                                                                                                                                                                                               https://de.wikipedia.org/wiki/Medea#/media/Datei:Girolamo_Macchietti_002.jpg


Medea reicht dem Drachen ein Betäubungsmittel, Iason erbeutet das Vlies. Relief von Christian Daniel Rauch, 1818 begonnen, unvollendet

                                                                            https://de.wikipedia.org/wiki/Medea#/media/Datei:Christian_Daniel_Rauch_-_Jason_und_Medea.jpg


Auch Carl von Linne` wusste von dieser Sage und dem ungewöhnlichen Blütezeitpunkt. Er gab ihr also den botanischen Namen Colchicum autumnale, was so viel heißt wie herbstliche Pflanze aus Kolchis.

Heute sind gibt es gut 130 Arten der Herbstzeitlosen, diese sind von Europa bis nach Asien verbreitet. Colchicum Autumnale zählt zu den einheimischen Arten. In Parks und Gärten ist es jedes Jahr aufs Neue ein beeindruckendes Schauspiel, wenn viele Hunderte oder Tausende Blüten mit ihrer Farbenpracht den trüben Herbst mit einem Hauch von Frühling überziehen. Im Garten ist sie eine beliebte Zierpflanze, es gibt von ihr verschiedene Formen und Hybriden mit gefüllten oder ungefüllten Blüten in Pink, Rosa oder Weiß. Die Blüten der Herbstzeitlosen sind wichtige Nektar- und Pollenspender in einer Jahreszeit, in der nicht mehr so viel im Garten blüht. Je sonniger der Standort der Pflanze ist, desto üppiger fällt die Blüte aus. Die Herbstzeitlosen lassen sich gut mit niedrigen Gräsern und Stauden kombinieren, welche eine schöne Herbstfärbung zeigen. Die lilafarbenen Blüten ergeben hier einen schönen Kontrast und ein tolles Farbenspiel. Vor dunklen Koniferen, im lichten Schatten, kommt die Pflanze auch sehr gut zur Geltung.

In  Auenwäldern und feuchten Wiesen und Weiden ist die Herbstzeitlose oft verwildert zu finden. Hier stellt jedoch die starke Giftigkeit der Pflanze ein Problem dar. Die Alttiere des Weideviehs sind in der Lage, das giftige Blattwerk zu meiden, Jungtiere kennen sich damit noch nicht aus. Bei Heu kann keines der Tiere den Unterschied ausmachen. Der hohe Giftgehalt bleibt auch nach der Trocknung erhalten, deshalb darf dieses Heu nicht verfüttert werden. Auf Weide und Heuwiesen kann man die Pflanze umsiedeln oder durch ein frühes Mähen bekämpfen bzw. unterdrücken. In der Milch von Kühen, Schafen und Ziegen ist das Gift nach Verzehr von Herbstzeitlose enthalten und somit für den menschlichen Verzehr ungenießbar und giftig!

Die Herbstzeitlose enthält ein Alkaloid namens Cholchicin, ein Gift, das Arsen ähnelt. Dieses Gift kann Menschen und Tiere töten. Alle Pflanzenteile sind stark giftig.  Das Gift schädigt Blutgefäße und lähmt Muskulatur und Nerven. Eine Atemlähmung kann hier zum Tod führen. Bei der Heuernte stellt die Pflanze eine große Gefahr für Kinder dar, wenn sie mit der Pflanze oder den Kapseln spielen in denen die ausgereiften Samen klappern. Schon bei einer Berührung der Pflanzenteile kann es zu Vergiftungserscheinungen kommen.

Im Frühjahr kann es zu Verwechslungen mit Bärlauch kommen, hier sollte man sich auf seine gute Nase verlassen und alles, was nicht stark nach Knoblauch riecht, einfach stehen lassen.

Die Herbstzeitlose wird schon seit vielen hundert Jahren medizinisch verwendet. Ovid erwähnt die von Medea verwendeten Pflanzengifte mit dem Namen „ venena Kolcha“ schon vor rund 2000 Jahren. Im 6. Jahrhundert erwähnte der byzantinische Arzt Alexander von Tralleis die Droge einer Zeitlosen- Art mit den weiteren Zutaten Anis, Pfeffer und Ingwer. Nach der Säftelehre sollte diese Arznei die schlechten Säfte aus dem Körper leiten und somit gegen die Gicht helfen. Im Mittelalter wurde ein Herbstzeitlosen-Pulver zur äußerlichen Behandlung von Hautgeschwüren eingesetzt.

Auch in der Gegenwart wird die Herbstzeitlose noch pharmazeutisch genutzt. Zur Gewinnung von Arzneimitteln wird der Samen der Pflanzen verwendet. Das Trockenextrakt  hat einen hohen Stellenwert in der Behandlung von akuten Gichtanfällen. Auch in der Krebstherapie wird der Wirkstoff eingesetzt. Aus den frischen, zerkleinerten Zwiebelknollen, in Alkohol angesetzt, wird ein Homöopathikum hergestellt, welches bei Rheuma, Magen/ Darmentzündungen oder beim Grauen Star Verwendung findet.

Aufgrund der starken Giftigkeit gehört jegliche medizinische Anwendung der Pflanze unbedingt in die Hand eines Arztes oder Pharmazeuten.

 

Literatur:

https://de.wikipedia.org/wiki/Herbstzeitlose (26.10.2020)

https://www.wissenschaft.de/allgemein/kolchis-die-schatzkammer-trojas/ (26.10.2020)

https://www.gaissmayer.de/web/welt/gartenmagazin/von-der-schoenen-aus-kolchis/ (26.10.2020)

https://medea.liebieghaus.de/ (26.10.2020)

http://www.drhpn.de/Mythologie/docs/m/medea.htm (26.10.2020)

https://www.pflanzen-vielfalt.net/wildpflanzen-a-z/%C3%BCbersicht-a-h/herbstzeitlose/ (26.10.2020)

https://www.pnn.de/wissenschaft/die-blume-der-medea/22107850.html (27.10.2020)

https://www.mein-schoener-garten.de/pflanzen/zeitlose/herbstzeitlose (27.10.2020)

https://www.wildfind.com/artikel/medea-eine-tochter-der-hekate (28.10.2020)

https://books.google.at/books?id=DEhKAAAAYAAJ&pg=PA300&dq=Ovid+Metamorphosen+Medea+Nacht+vertrauteste&hl=de&sa=X&ei=kpeRT4_vLKzV4QTwgPnDBA&ved=0CDUQ6AEwAA#v=onepage&q=Ovid%20Metamorphosen%20Medea%20Nacht%20vertrauteste&f=false (28.10.2020)

 






KräuterZeit Oktober 2020

(Färber-)Resede/(Färber-)Wau (Reseda luteola)


                                                                                                       Resede/Färberwau  (Reseda luteola) im Kräutergarten des Börde-Museums ©                                                                                                                                                                                                                                                                    Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Gras-, Kirsch-, Rotkohl- oder Heidelbeerflecken auf hellen Textilien sind beispielhaft dafür, dass recht schnell, wenn auch meist ungewollt und wenig erfreulich, eine Verfärbung entsteht. Das, was anfangs noch grün, rot bzw. blau-violett aussieht, geht zwar mit dem textilen Material eine Verbindung ein, verliert allerdings mit jedem Waschvorgang an Farbintensität, ohne ganz zu verschwinden, bis unansehnliche gräuliche Verunreinigungen übrig bleiben.

Beim handwerklichen Färben mit pflanzlichen Naturmaterialien wird Pflanzenfarbstoff gezielt aufgebracht und mit der naheliegenden Absicht, dass die Farbe möglichst lange Zeit in der Form erhalten bleiben. Dabei können die Farben von zarten Pastelltönen bis zu intensiver Leuchtkraft reichen. Färben lässt sich mit vielen Pflanzenteilen: Blüten und Blättern, auch mit Holz- oder Wurzeln.

Anzahl und Unterschiedlichkeit der Pflanzen mit denen beispielsweise Gelbfärbungen mit verschiedenen Nuancen, besonders bei Seide und Wolle, hervorgebracht werden können, sind beachtlich. Von Apfelbaumrinde, Birkenblättern und Färberginster über Färberkamille, Faulbaumrinde, Gelbholz, Heidekraut, Rainfarn, Ringelblume, Tagetes bis hin zu Wau, Weidenblättern und Zwiebelschalen (36 benannte Pflanzen bei Bächi-Nussbaumer 1996) reicht die Vielfalt der Möglichkeiten dazu.

Das Ehepaar Lieselotte und Gerhard Heydecke aus Wolsdorf bei Helmstedt (Niedersachsen) hatte bereits in den 1980er-Jahren das Projekt zum Wiederbeleben des Färbens mit Pflanzenfarbstoffen in Angriff genommen, was sie vorrangig bei der Wollfärberei erprobten. Dazu bauten sie auch einige Färbepflanzen im eigenen Garten an und erkundeten akribisch, welche Teile der Gewächse zu welchem günstigsten Erntezeitpunkt zur Anwendung kommen sollten. Anfang der 1990er-Jahre besuchten sie einige Male das Börde-Museum in Ummendorf und mit besonders großem Interesse den Kräutergarten mit seinen zahlreichen Färbepflanzen. Schließlich stellten sie auch in Ummendorf die Ergebnisse ihrer umfangreichen Arbeiten in einer Sonderschau vor. Die genau dokumentierten erprobten Färberezepturen gaben den Besuchern wichtige Informationen, wie zu den Farbergebnissen zu gelangen war.

      


Gelbtönig gefärbte Wolle mit Pflanzenfarbstoff aus Isländisch Moos, Ringelblume, Weidenblättern und Zweigen, Zwiebelschalen,                                                                                                                                                                       getrocknetem Heidekraut, frischem Rainfarn mit Gelbwurz, getrockneten Birkenblättern und frischen Birkenblättern (v.l.n.r.) ©                                                                                                                                                                                                Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Im Rezept Farbe Nr. 113 aus dem Erprobungsjahr 1987 hält Lieselotte Heydecke in ihren Aufzeichnungen zur Gelbfärbung mit Rainfarn und Gelbholz fest:

»Die Wolle 1 Stunde in 15 % Alaun kochend beizen, die Wolle im Beizbad auskühlen lassen und schließend in Regenwasser ausspülen. 200 % frischen Rainfarn (Stiele, Blätter und Blüten) einen Tag in Regenwasser einweichen und 2 Stunden auskochen, abkühlen lassen und den Sud durchseihen. 10 % Gelbholz-Pulver in etwas heißem Wasser auflösen und dem Farbsud zufügen, gut umrühren und die gebeizte Wolle bei ca. 50° C einlegen. Die Wolle 1 Stunde kochend färben, danach die Wolle ausspülen und trocknen.«

Das Färben mit Pflanzenmaterial braucht spezielle Abfolgen und Zusätze. Damit sollen neben der besseren Farbaufnahme durch das zu färbende Material auch das Farbspektrum und die Lichtbeständigkeit erhöht werden. Färbeergebnisse sind bei direkter Verwendung von Pflanzenmaterial in herkömmlicher Weise nie völlig gleich. Dadurch entstehen allerdings der individuelle Reiz und die Vielfalt der Farbnuancen, so wie in der Natur selbst.

Auch das vermeintlich naturnahe Färben mit Pflanzen erforderte über die Zeiten meist Zusätze von Chemikalien (so z. B. Eisen-, Kupfer- und Zinksalze), die gesundheitsbeeinträchtigend oder giftig waren, wie dies nicht zuletzt von der traditionellen Ledergerberei bekannt ist.

Doch inzwischen ist es durch moderne Forschung und Entwicklung, in Sachsen-Anhalt durch die NIG Nahrungs-Ingenieurtechnik GmbH in Magdeburg, möglich, Pflanzenfarbstoffextrakte zu gewinnen und so aufzubereiten, dass die Verwendung eine positive Ökobilanz hervorbringt,  und u. a. im Produktionsprozess bei den Anwendern in jedem neuen Fertigungsvorgang des Färbens die völlig identische Farbgebung erreicht wird. Gleichzeitig werden alte Nutzpflanzen wieder in das Blickfeld gerückt, die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Pflanzenfarben aufgezeigt sowie deren biogenes Wirkstoffpotenzial. In den NIG-Firmennews aus Magdeburg wird unter dem 29.03.2016 über die bis dato seit 15 Jahren bestehende erfolgreiche Markteinführung der GOTS (Global Organic Textile Standard) geprüften Naturfarbstoffextrakte für Textilien und Leder im Jahr 2001 berichtet, inzwischen mit weltweitem Export.

Auch wenn viele Pflanzen färbende Inhaltsstoffe vorweisen, haben sich Waid (Isatis tinctoria), Krapp (Rubia tinctorum) und Resede(Reseda luteola) über die Jahrhunderte als die bewährtesten Färbepflanzen herauskristallisiert. Die Bedeutung schwand mit dem verstärkten Einsatz synthetischer Farbstoffe (erster synthetischer Farbstoff: Mauvein, 1856 von William H. Perkin entdeckt).

Resede, Färberresede (Reseda luteola), auch Reseda, Färberwau oder nur Wau genannt, besitzt neben der Farbintensität mit einem leuchtenden Gelb ebenfalls eine gute Lichtbeständigkeit.

 


                                                                     Mit Resede/Färberwau (gelb) und Indigo (blaugrün) gefärbtes Halbleinen, Muster: Arashi, aus der Pflanzenfarbenmanufaktur ©                                                                                                                                                                                               Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Färberresede ist eine mehrjährige krautige Pflanze aus der Familie der Resedagewächse (Resedaceae). Die Benennung Wau soll aus dem Niederländischen abgeleitet sein. An Wuchshöhe der Pflanze werden durchschnittlich zwischen 40 bis 80 cm erreicht. Der Ursprung liegt in Westasien und im Mittelmeerraum. Resede gilt in weiten Teilen Europas als alteingebürgert (Archäophyt) und ist heutzutage mitunter wild bzw. verwildert wachsend zu finden. Da die Färberpflanze kalkhaltige, trockene Böden bevorzugt, wächst sie häufiger an Bahndämmen. Die schmalen Blätter erinnern an Estragon. Die schlank aufragenden Blütenstängel bilden lange, gelbliche Blütentrauben. Folgt man den meisten Literaturangaben, werden die oberirdischen Pflanzenteile kurz nach der Blüte des Gewächses geerntet und getrocknet.

      


Blütenstände des Färberwau © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die Gelbfärbung ermöglichende Inhaltsstoffe – mit anderen Zusätzen auch olivefarben oder braun – sind Luteolin und Apigenin (zu den Flavonoiden zählend), welche in höherer Konzentration in den Samenhülsen vorliegen. Der gewonnene Farbstoff wird als beständigste gelbe Pflanzenfarbe eingeordnet. Das bevorzugte Färbematerial war seither Seide, da darauf die größte Lichtechtheit besteht. Doch das Färben auf pflanzlichem Textilmaterial wie Baumwolle und Leinen ist ebenso möglich. Auch für Wandfarben spielt Färberwau eine Rolle. Da die Samen bis zu 40 % Öl enthalten, werden daraus auch oberflächenschützende, farblose Anstriche (Firnisse) hergestellt. Zur Blütezeit ist Resede außerdem Insektenweide.

Samen von Resede konnten bei Grabungen in einer jungsteinzeitlichen Uferbausiedlung bei Robenhausen am Pfäffiker See in der Schweiz nachgewiesen und auf 8000 v. Chr. datiert werden. Das Färben mit Resede ist aus Süditalien für das 8. Jahrhundert n. Chr. aus Rezepten der Färber bekannt. Im 17. Jahrhundert sind Gebiete in Südengland benannt, die die Londoner Färbereien mit Resede belieferten und somit Beleg der Nutzung darstellen.  Es ist weiterhin zu lesen, dass in Europa Südfrankreich und Italien als bevorzugte Anbauregionen galten, weil dort der Farbstoff in den Pflanzen am hochwertigsten gewesen sein soll. Felder mit Resede gab es noch Anfang des 20. Jahrhundert in Deutschland (Thüringen, Sachsen, Bayern und Württemberg).

Allmählich entwickelt sich eine Renaissance der Färbepflanzen, unter Berücksichtigung der Erkenntnisse und der Erfordernisse in der Gegenwart. Forschungen des Instituts für Ökologischen Landbau an der Universität für Bodenkultur Wien dokumentierten im Jahr 2000 ihre Forschungsergebnisse unter der Thematik: Faser- und Färbepflanzen aus ökologischem Anbau – Anbauversuche Färbepflanzen. Ertragsleistung und Farbstoffgehalt von Färber-Resede, Färberkamille und Färberknöterich auf Biobetrieben in Niederösterreich im Vergleich mit praxis- und handelsüblichen Warenpartien.

Hinweis:

Da es verschiedene Reseda-Arten gibt – etliche auch heilkundlich genutzt wurden als schweiß- und harntreibendes Mittel –  ist darauf zu achten, dass z. B. zwischen Färberesede (Reseda luteola) und Garten- oder Duftresede (Reseda odorata), einer einjährigen krautigen Pflanze, unterschieden wird, wenn es um das zielgerichtete Färben geht. Pulverisiert vorliegende Färbesubstanz kann durch entstehende Farbstäube Augen- und Hautreizungen hervorrufen.

Besonders im Kreativbereich mit Kindern und als umweltbewusstere Variante finden weiterhin Weinstein, Alaun, Pottasche und Eisensulfat als vertretbare Färbezusätze Anwendung.

Wollfärbung  mit Reseda (Wau):

»Diese Pflanze wächst an Wegrändern und läßt sich gut im Färbegarten anbauen. Am schönsten werden die Farben vor der Blüte [der Pflanzen – S.V.]. Man erhält ein gutes Geld, mit Pottasche [Kaliumcarbonat – S.V., wird auch in der Weihnachtsbäckerei verwendet] ein reines Gelb.

Beize: 75 g Alaun [Kaliumaluminiumsulfat – S.V.], 500 g Wolle, 10 l Wasser, 1 Stunde kochen

Färben: 2000 g frischen Reseda, 500 g gebeizte Wolle

Die Pflanze kleinschneiden und 1 Stunde auskochen. Am nächsten Tag die gebeizte Wolle in dem Farbsud 1 Stunde kochen. Ein reines Gelb erhält man durch Zusatz von 100 g Pottasche.

Entwicklung: 20 g Eisensulfat [z. B. verarbeitet in Präparaten bei Eisenmangel – S.V.]« (E. Jentschura, 1998)

Die Kombination von Farbbädern macht es u. a. möglich, aus dem Gelb der Färberresede/des Färberwau und dem Blau des Indigos ein intensives Grün zu erzeugen.

 

                                                                                                   Grünfärbung von Halbleinen mit Resede und Indigo, Muster: Nemaki, aus der Pflanzenfarbenmanufaktur ©                                                                                                                                                                                                                             Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Literatur:

E. Bächi-Nussbaumer, So färbt man mit Pflanzen, 4., durchgesehene und erweiterte Auflage (Bern/Stuttgart/Wien 1996) 81–83.

B. Bräuer, Textilfärben für jedermann, 2. Auflage (Leipzig 1990) 90.

L. Heydecke, Färbetagebuch, 1980er-Jahre, Manuskript, Kopien in Auszügen bei der Verfasserin.

E. Jentschura, Pflanzenfärben ohne Gift. Neue Rezepte zum Färben von Wolle und Seide. Werkbücher für Kinder, Eltern und Erzieher 11. Herausgegeben von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten, 3. Auflage (Stuttgart 1998) 27.

R. Jörke, Färben mit Pflanzen. Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten, Heft 3, herausgegeben von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten (Stuttgart 1995) 55–61. 69.

U. Kircher, Mit Pflanzen färben, 2.Auflage (Marburg 1982) 7.

E. Prinz, Färberpflanzen. Anleitung zum Färben, Verwendung in Kultur und Medizin (Stuttgart 2009) 47–48, 172–173.

http://www.nig-magdeburg.de/index.php?id=94&lang=6&hp=21 (11.09.2020).

https://de.wikipedia.org/wiki/Färber-Wau (09.09.2020).

https://nachhaltigwirtschaften.at/de/publikationen/faser-und-faerbepflanzen-aus-oekologischem-landbau-anbauversuche-faerbepflanzen.php (12.09.2020).

https://www.seilnacht.com/Lexikon/Reseda.htm (10.09.2020).






KräuterZeit September 2020

Mangold (Beta vulgaris subsp. vulgaris var. flavescens, vorm. Beta vulgaris subsp. vulgaris var. cicla)                                         


                                                                        Mangold im Kräutergarten des Börde-Museums © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die Magdeburger Börde wird bis heute u. a. mit fruchtbaren Schwarzerdeböden sowie der Züchtung und dem Anbau von Zuckerrüben in Verbindung gebracht, obwohl diese Feldfrucht erst um 1830 ihren entwicklungsbestimmenden Weg für die Region begann. Doch wie passt Mangold dazu? Mangold hingegen findet sich schon im 8. Jahrhundert v. Chr. auf einer Pflanzenliste aus den Gärten des babylonischen Königs Merodach-Balandan. Die Verbindung von Zuckerrübe und Mangold ist schnell benannt und wird in den noch Ende er 1990er-Jahre offiziell gebräuchlichen botanischen Bezeichnungen gut erkennbar: Zuckerrübe (Beta vulgaris L. ssp. vulgaris var. altissima) und Mangold (Beta vulgaris L. ssp. vulgaris var. cicla) sowie Rote und Gelbe Bete (Beta vulgaris L. ssp. vulgaris var. esculenta) und Runkel- oder Futterübe (Beta vulgaris L. ssp. vulgaris var. rapa) sind eng miteinander verwandt, auch wenn sich dies beim ersten Betrachten der Gewächse nicht sofort erschließt. Die Blätter haben jedoch schon eine gewisse Ähnlichkeit. Lässt man allerdings die Pflanzen über die natürliche Vegetationsperiode bis zur Blüten- und Samenbildung wachsen, wie im Schaugarten des Börde-Museums Burg Ummendorf zu sehen, wird die nahezu Gleichheit der Samenstände und Samen unübersehbar. Die wilde Beta-Rübe (Beta vulgaris subsp. maritima) gilt als die Ausgangspflanze der Züchtung von Mangold bis Zuckerrübe, allerdings mit großem zeitlichen Versatz. Der Begriff cicla für Mangold soll seinen Ursprung im Mittelalter haben. Als Mangold ist er im 13. Jahrhundert und dann in den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts anzutreffen.

 

                                        Samen von Mangold (links) und Zuckerrübe (rechts) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Zuckerrübe, Rote Bete und Futterrübe sind meist bekannt. Mangold hingegen steigt erst allmählich wieder auf der Bekanntheits- und Beliebtheitsskala. Züchtungen des Mangold mit Blattrippen in den Farben Rot, Gelb und Orange wecken das Interesse für Gaumen und Auge. Sie sind auch schon für das 19. Jahrhundert überliefert. Weißrippige Formen gelten allerdings als ursprünglich.

Mangold hat gegenüber anderen Blattgemüsen u. a. den Vorzug, dass er gedeiht, wenn beispielsweise keine Saison für Blattgemüse wie Spinat, Guter Heinrich oder Baumspinat  ist. Zudem wird regional erzeugten Produkten und der Erhalt der Vielfalt wieder zunehmende Aufmerksamkeit geschenkt. Da etliche Mangold-Sorten winterhart sind, treiben die in der Erde belassenen Pflanzen im nächsten Frühjahr wieder aus und bringen zarte Frühlingsblätter hervor. Durch Kälte-/Frosteinwirkung wird allerdings die sog. Schossbildung mit Blüten und Samen vorangetrieben, sodass sich nach den ersten Blättern auch bald die Blütenstängel zeigen, was dann mit dem Abwelken des eigentlichen Erntegutes einhergeht.


                                                                                                Schnittmangold auf einem Hochbeet, Gemüsegarten Kloster Michaelstein (Sachsen-Anhalt) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Mangold wird vorwiegend in Schnittmangold (Nutzung ähnlich Spinat für Salat und Gemüse) und Rippenmangold (Verwendung für  spargelähnliche Zubereitungen) unterschieden. Als regionalgeprägte Bezeichnungen findet man auch die Begriffe Römischer Kohl oder Krautstiel für den Mangold. Inzwischen gilt bei der botanischen Bezeichnung: Beta vulgaris sbsp. vulgaris, Kultivargruppen Cicla-Gruppe und Flavescens-Gruppe. Mangold zählt zudem nicht mehr zu den Gänsefußgewächsen sondern wurde der Familie der Fuchsschwanzgewächse zugeordnet. Dies trifft auch für Rote, Gelbe und Weiße Bete sowie Zucker- und Futterrübe zu.


Hinweis:

Der Aussaat liegt für den Sommer-Erntetermin zwischen Ende März und Mitte April. Es kann dann nach ca. 80 bis 90 Tagen Wachstumszeit geerntet werden.  Für die Ernte im Herbst empfiehlt es sich, noch einmal in der Zeit von Anfang Juli bis Mitte August auszusäen. Mangold gedeiht gut auf Böden, auf denen auch Zuckerrüben bevorzugt wachsen, wie hier in der Magdeburger Börde: humos, nährstoffreich und tiefgründig gelockert. Ein sonniger Standort ist zu bevorzugen. Trockenheit hingegen schadet dem Gedeihen. Auch wenn Spinat und Mangold ähnlich genutzt werden, ist der nacheinander erfolgende Anbau von Mangold nach Spinat zu vermeiden.

 

                                                                    Rippenmangold mit roten Stielen, Küchengarten Eutin (Schleswig-Holstein) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Mangold ist jedoch nicht ausschließlich als Gemüse von Interesse sondern auch als Zierpflanze, zum  Setzen von Farbakzenten und -kontrasten bei Beetbepflanzungen.

Der heilkundliche Einsatz ist überschaubar: Wickel zur kühlenden, beruhigenden Wirkung für die Haut, zum Erweichen verhärteter Geschwüre. Mangold soll blutbildende und säureregulierende Eigenschaften haben. Der Leberstoffwechsel wird angeregt. Bei den Mineralien sind es Kalium, Kalzium und Eisen. Bei den Vitaminen zählen u. a. Vitamin B1, B2 und Vitamin C dazu.

So wie Rote Bete ist auch Mangold Geschmackssache. Es dürfte nicht zuletzt von der Art der Zubereitung abhängen, ob künftig Schattendasein oder Neuentdeckung des Gemüses angesagt sein wird. Mangold ist z. B. auch eine Komponente der arabischen Küche. Die Kombination der Zutaten und die Verwendung landestypischer Gewürze gibt den Gerichten eine eigene Attraktivität. Die erprobten Rezepte des KräuterZeit-Beitrages bieten die Möglichkeit, einfache und schmackhafte Gerichte mit Mangold kennenzulernen oder den vertiefenden Genuss zu erleben.

 

                                                                                                                  Verschiedenfarbig gezüchteter Mangold © Foto H. Vogel 


Rezepte:

Mangoldstielsalat

1,5 kg Mangold, 1 Bio-Zitrone, 1/8 Liter trockener Weißwein, 2 Knoblauchzehen, Salz, 2 Zwiebeln, 1 Bund oder 1 handelsüblicher Kräutertopf Basilikum, 5 EL Rapsöl, weißer Pfeffer,  2 EL Weissweinessig Creme oder Apfelweinessig

Zubereitungszeit: ca. 40 Minuten  (zzgl. 30 Minuten Durchziehzeit)

Den Mangold waschen, die Blätter möglichst unversehrt von den Stielen trennen (Sie können dann noch für Krautwickel, z. B. mit einer Hirse-Kräuter-Sumach- oder Naturreis-Karotten-Ingwer-Koriander-Füllung, verwendet werden. Sind sie beschädigt, eignen sie sich gut für einen Gemüseeintopf.)

Bei den Stielen von unten ca. 1 cm breit abschneiden. Ansonsten die Stiele in 2 cm breite Stücke schneiden, in einen Edelstahltopf geben, Zitronensaft und Wein hinzufügen. Noch so viel Wasser auffüllen, bis das Gemüse bedeckt ist, anschließend salzen. Topfdeckel auf den Topf legen und bei mittlerer Hitze die Stiele so lange vorsichtig kochen, bis die Mangoldstiele zwar gar, jedoch noch bissfest sind (ca. 10 Minuten).

Inzwischen die Basilikumblätter abzupfen und in einem Sieb unter fließend kaltem Wasser waschen. (Das Waschwasser in einem Behältnis auffangen und zum Gießen verwenden!) Die Blätter auf Küchenkrepp zum Abtropfen flach auslegen. Knoblauch und Zwiebeln schälen, sehr fein würfeln, die Basilikumblätter möglichst klein zerschneiden. Aus Essig und Öl eine Salatsauce rühren, der die zuvor geschnittenen  Zutaten hinzugefügt werden. Die Mangoldstiele noch warm und zuvor gut abgetropft in die Sauce geben. Alles mit zwei Gabeln vorsichtig durchmischen, mit Pfeffer und Salz abschmecken. Für ca. 30 Minuten zum Durchziehen stehen lassen!

 

 

Scharfe Mangoldpfanne mit Kokossauce

150 g Möhren, 1 Zwiebel, 200 g Mangold, 1 Gelbe Bete, 4 Rote Bete-Blätter, Cocktailtomaten, 3 EL Rapsöl, ca. 2 EL grüne Currypaste, 1 EL Malabar-Curry (alternativ: handelsübliches Currypulver), Fünf-Sterne-Chinagewürz, ca. 200 ml Kokosmilch, 1 EL Sojasauce, 1 EL Tamarinde (alternativ: Zitronenabrieb und Zitronensaft), Salz

Zubereitungszeit: ca. 30 Minuten

Die Möhren abwaschen und mit einer Gemüsebürste reinigen und dann schälen. (Frische junge Möhren brauchen nicht geschält zu werden.) Diese in gleichmäßig dünne Scheiben schneiden (ca. 0,5 cm). Die Zwiebel ebenfalls schälen und halbieren, schmale Halbringe schneiden. Die Mangoldblätter waschen, gut abtropfen lassen und Stiele sowie Blätter in 1 cm breite Stücke/Streifen schneiden. Die gewaschenen Cocktailtomaten waschen, abtrocknen und halbieren. Das Öl in einen Wok oder eine Bratpfanne geben und erhitzen. Currypaste einrühren und kurz anbraten. Die Möhren ca. 2 Minuten anbraten, umrühren. Dann die Mangoldstiele ca. 2 Minuten mit anbraten und zuletzt die Mangoldblätter hinzufügen. Zum Fertigstellen Kokosmilch, Sojasauce, die weiteren Gewürze sowie Tamarinde und Salz zum Abschmecken hinzufügen, alles gut miteinander vermengen und warm servieren!


Mangold-Gratin mit Oregano

1500 g bunter Mangold, 2 Zweige frischer Oregano (alternativ: ½ TL getrockneter), 4 EL Rapsöl, 5 Schalotten, 1 Knoblauchzehe, Salz und Pfeffer, 200 g Feta und 200 g Parmesan,      2 EL Senf, 150 g frisch gemahlene Zwiebackbrösel  (alternativ: Semmelbrösel)

Zubereitungszeit: ca. 45 Minuten

Mangold waschen und gut abtropfen lassen. Die Stiele vorsichtig von den Blättern trennen. Schalotten und Knoblauch schälen und klein zerschneiden. Stiele und Blätter vom Mangold trennen, getrennt belassen und in ca. 2,5 cm große Stücke schneiden. Oregano waschen und abtropfen. In einer großen Bratpfanne das Öl erhitzen. Zwiebeln und Knoblauch anbraten, die Mangoldstielstücke hinzufügen und anbraten. Nach ca. 10 Minuten die Blattstücke und den Oregano zugeben. Bei geringer Hitze garen lassen, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Senf, Fetastücke und frisch geriebenen Parmesan in einer größeren Schüssel verrühren, den angebratenen Mangold hinzugeben. Alles gut vermengen. Eine Auflaufform dünn einölen. Die Masse hineingeben und mit Zwiebackbrösel bestreuen. Im vorgeheizten Backofen (Umluft 175° C) ca. 15 bis 20 Minuten überbacken.

 

Literatur:

S. Bickel-Sandkötter, Nutzpflanzen und ihre Inhaltsstoffe (Wiebelsheim 2001) 230–231.

W. Franke, Nutzpflanzenkunde. Nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen und Tropen. 6. Überarbeitete und erweiterte Auflage (Stuttgart 1997) 225–226.

U. Körber-Grohne, Nutzpflanzen in Deutschland. Kulturgeschichte und Biologie (Stuttgart 1994) 206– 211.

K. McMillan, Vegetarisch für jeden Tag. Saisonal und variantenreich (Augsburg 2013) 99. 118. 130.

I.-M. Richberg, Altes Gärtnerwissen wieder entdeckt. Naturgemäß und erfolgreich gärtnern mit dem Erfahrungsschatz vergangener Zeiten, 4. Auflage                                            (München, Wien, Zürich 1999) 47. 122.

T. Ruppel – S. Vogel, Rezeptblatt: Tag der Süßen Tour 2010: Verblüffende Leckereien aus der Rübe – Beta vulgaris in schmackhaften Zubereitungen (Ummendorf 2010) 3. 4.

M. Serena – M. Suanjak – F. Pedrazzetti – B. Brechbühl, Das Lexikon der alten Gemüsesorten. 800 Sorten – Geschichte, Merkmale, Anbau und Verwendung in der Küche                  (München 2014) 332–338.

B. Steinberger, Alte Gemüse. Die Wiederentdeckung des Geschmacks (München 2017) 57–59.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mangold (14.07.2020).

 

 

 

 



KräuterZeit August 2020

Zimbelkraut- Das einzig wahre Mauerblümchen

Botanischer Name: Cymbalaria muralis

Volksnamen: Ruine von Rom, Zymbelkraut, Mauer- Zimbelkraut

 

Schon der etwas geheimnisvolle französische Name »Ruine de Rome«- Ruine von Rom verweist auf die ursprüngliche Herkunft aus Mittel- und Süditalien. Im 16. Jahrhundert machte sich das Zimbelkraut auf den Weg Richtung Norden. Vermutlich mit Stein- und Marmortransporten kam es über die Alpen zu uns nach Mitteleuropa. So kommt es nun seit über 400 Jahren auch hier wild wachsend an Mauerritzen, Felsen und zwischen Wegplatten vor. Außerdem wird es auch in den Gärten als Zierpflanze kultiviert. Der Gattungsname »Cymbalaria« stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie »Gefäß«, was eine Anspielung auf die vertieften Blätter der Pflanze ist. Die Form der Blätter ähnelt kleiner Schlaginstrumente (Zimbeln), die Unterseite der Blätter ist rötlich gefärbt. Im englischen heißt die Pflanze: »Ivy leaved snapdragon«, was übersetzt Efeublättriges Löwenmaul heißt. Mit diesem Namen wird die Form der 5-7 lappigen Blätter gut beschrieben. Der Name »muralis« steht für »Mauer« oder »Wand« und macht den bevorzugten Standort des Mauerblümchens aus.


                                                                                        Zimbelkraut am Fuß einer Sandsteinmauer im Börde-Museum Burg Ummendorf © Foto J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde


Trotz seines Ausbreitungsdrangs ist es nicht störend oder aufdringlich. Das filigrane und zartgliedrige Blümchen ist anderen Pflanzen gegenüber eher konkurrenzschwach. Denn dort wo das Zimbelkraut wächst, gedeiht ohnehin kaum etwas anderes. Es ist ein guter Kletterer sowie Bodendecker. Wenn man es ungestört wachsen lässt, kann es in einigen Jahren große vertikale oder horizontale Flächen bewachsen. Sollte es doch die Mauern einmal zu verschwenderisch kleiden, kann man es jederzeit in eine angemessene Form stutzen. Mauern und Fugen werden durch die Wurzeln und Triebe nicht geschädigt, es werden nur die vorhandenen Hohlräume, welche mit Humus gefüllt sind, genutzt. Gern wächst es an warmen, schattigen bis halbschattigen Orten und ist daher auch für Nordseiten geeignet. Obwohl das Zimbelkraut oft an sehr trockenen Mauern oder Felsen wächst, benötigt es eine gewisse Grundfeuchtigkeit. Hier wirkt manch alte Mauer nach dem Regen wie ein Schwamm und versorgt so das Zimbelkraut auch in trockenen Zeiten mit Wasser.


                                                                                                            Artentypischer Wuchsort in der Fuge einer Sandsteinmauer © Foto J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde

 

Das Mauerblümchen ist eine 10-20 cm hohe, mehrjährige Staude und bildet lange, kriechende Ausläufer, die bei Erd- bzw. Fugenkontakt bewurzeln. Die Blätter sind herzförmig und fast immergrün. Von Mai bis zum ersten Frost erscheinen die ausdauernden, hellvioletten Rachenblüten. Diese sind Lippenblüten und erinnern an kleine Löwenmäulchen. An der Unterlippe der Blüte befinden sich 2 gelbe Flecken, welche Staubbeutelattrappen sind und Insekten anlocken. Wildbienen und Schwebfliegen übernehmen die Bestäubung.

 


                            Blüten und Ausläufer des Mauerblümchens © Foto J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde

 

Bei der Vermehrung des Zimbelkrautes gibt es eine Besonderheit: die zahlreichen kleinen Blüten sitzen auf lange Stielen, die bis zur Reife des Samens durchaus einen Meter lang werden können. Bis zur Befruchtung wachsen die Blüten in Richtung des Lichts, sind also positiv phototrop. Danach wächst der Fruchtstiel auf wundersame Weise vom Licht weg (negativ phototrop), um den Samen in die Dunkelheit der Spalten und Mauerritzen abzulegen. Zur Unterscheidung von hell und dunkel besitzt die Pflanze Photorezeptoren, die durch Licht aktiviert werden. In den Spalten von Mauern finden die Samen dann ein ideales Saatbett vor und eine neue, eigenständige Pflanze kann entstehen.  Der Pflanzenvorhang, den man an den Mauern sieht, besteht also nicht aus einer Pflanze sondern aus vielen Einzelpflanzen.

 

                                                                                                                               Zimbelkraut im Garten des Börde- Museums Burg Ummendorf                                                                                                                                                                                                                                                                                           © Foto J. Neubauer BMBU ─ Landkreis Börde

 

Als Heilpflanze wurde diese Pflanzenart erstmals in den Kräuterbüchern von Adam Lonitzer (1582) und Pietro Andrea Mattioli (1586) erwähnt. Hauptsächliche Verwendung fand das Heilmittel für die Versorgung von Entzündungen und Wunden. Hierbei wirkte ein Umschlag aus dem Brei frischer Blätter wundheilend. Blätter und Blüten sind essbar, enthalten viel Vitamin C und dienten nach einem langen Winter als Zutaten für einen stärkenden Salat sowie zur Vorbeugung und Behandlung von Skorbut. Aus den gelben Blüten wurde ein gelber Farbstoff zur Lebensmittelherstellung gewonnen.

Auch heute kann man mit den attraktiven kleinen Blüten einen Wildkräutersalat verzieren oder die Blätter, deren Aroma Kresse, ähnelt auf ein Butterbrot streuen. Bei der fortlaufenden Ernte der Blätter sollten immer einige Blätter stehen gelassen werden, um das Wachstum der Pflanze nicht zu beeinträchtigen.

Auch in der Literatur und der Kunst wurde das Zimbelkraut verewigt. So gibt es die schönen Zeilen des deutschen Schriftstellers und Märchensammlers Ludwig Bechstein (1801 ̶ 1860) aus der Zeit der deutschen Romantik. In seinem Gedichtzyklus „Die Blumen und das Leben“ schreibt er:

»Niedliche Pflanze, du kleidest der alten Ruine Gemäuer, rankend hinab und hinauf blühest du einsam für dich. Sey der Erinnerung Bild, die, der Einsamkeit traute Genossin, oft des vergangenen Glücks sinkendes Luftschloß, umgrünt.«

In der Eremitage in Sankt Petersburg ist das Frauenporträt mit dem Titel »Flora« oder auch »Columbine« von Francesco Melzi (1491─1570) zu sehen. Melzi war ein Maler der lombardischen Schule, Lieblingsschüler Leonardo da Vincis und dessen Haupterbe. Es zeigt die Flora, welche in der römischen Mythologie die Göttin der Blumen, der Jugend und des Frühlings war. Flora war ein beliebtes Motiv von Renaissancekünstlern. Nach ihr wird noch bis in unsere Zeit der gesamte Reichtum an Gewächsen und Blumen eines Landes oder einer Region als »Flora« bezeichnet.

Die Pflanzen, welche Flora auf diesem Bild umgeben, hatten für den Betrachter des 16. und 17. Jahrhunderts eine symbolische Bedeutung. Flora hält in ihrer linken Hand eine Akelei, im englischen »Columbine«. Diese Blume ist in der damaligen Zeit ein Zeichen für Fruchtbarkeit und betont an Floras entblößter Brust ihre Rolle als »Mutter der Blumen«.

Doch nun zurück zu unserem Mauerblümchen. Auf dem Bild der Flora ist rects oben das Efeublättrige Zimbelkraut (Ivy leaved), zu sehen. Da Ivy im englischen Efeu heißt, gibt es hier in der Literatur viele Deutungen und Bezeichnungen der Pflanze als Efeu. Kunsthistoriker und Botaniker sind hier verschiedener Meinung oder vermutlich wurde einfach nur das erste Wort des Namens der Pflanze gelesen, was dann zur Bestimmung als Efeu führte. Der Efeu in seiner symbolischen Bedeutung steht für die Ewigkeit, das ewige Leben. Doch auch Rom, die »ewige Stadt« mit ihren Ruinen hat ja etwas von Ewigkeit und somit auch das nach ihnen benannte Zimbelkraut, welches seit langer Zeit auf den Mauern der Burg Ummendorf zu finden ist.

 

                                                                    Francesco Melzi »Flora« (»Colombine«) um 1520, St. Petersburg Eremitage                                                                                                                                                                                               https://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Melzi#/media/Datei:Francesco_Melzi_002a.jpg      


                                                                                                                            Detailaufnahme des Zimbelkrautes aus dem Bild »Flora« 


 

Rezepte:

Klassischer Zimbelkraut- Tee

2 TL der getrockneten Blätter mit 100 ml heißem Wasser übergießen und 10 Minuten zugedeckt ziehen lassen, abseihen und für Waschungen und Kompressen verwenden.

 

Klassischer Zimbelkraut- Brei

Das frische Kraut im Mörser zerstampfen und den so gewonnenen Frischpflanzenbrei 2x täglich je 15 Minuten lang auf die betroffenen Stellen auflegen.

 

Heilend können diese Teekompressen bei Hämorrhoiden und Wunden sein, da das Zimbelkraut antibakterielle und entzündungshemmende Wirkstoffe erhält. Bei leichten Verbrennungen kann der Brei die Schmerzen lindern. Dabei ist der Brei 2x täglich eine viertel Stunde auf die betroffenen Stellen aufzulegen. Die Dosierungsangaben sind als reine Empfehlungen zu verstehen. Bisher sind keine Nebenwirkungen bzw. Wechselwirkungen bekannt, daher kann das Zimbelkraut gefahrlos eingesetzt werden. Doch wie immer gilt: sollten sich die Beschwerden nicht bessern oder schlimmer werden, ist umgehend ein Arzt aufzusuchen.

    

Literatur:

https://www.vorsichtgesund.de/glossary/zimbelkraut-cymbalaria-muralis/ (15.07.2020).

https://medlexi.de/Zimbelkraut (15.07.2020).

https://www.gartennatur.com/zimbelkraut (15.07.2020).

https://heilkraeuter.de/lexikon/zimbelkraut.htm (15.07.2020).

https://gartenhit24.de/cymbalaria-muralis-mauer-zimbelkraut_1 (15.07.2020).

https://www.gartenflora.de/gartenwissen/ziergarten/stauden/zimbelkraut/ (15.07.2020).

https://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Melzi (15.07.2020).

https://foundation.wikimedia.org/wiki/File:Francesco_Melzi_-_Flora_(Hermitage)_and_copy.jpg (15.07.2020).

https://www.mein-schoener-garten.de/pflanzen/zimbelkraut/zimbelkraut-mauerbluemchen (15.07.2020).

https://de.wikipedia.org/wiki/Zimbelkraut (15.07.2020).

http://www.ruderal-vegetation.de/epub/cymbalar.pdf (20.07.2020).

https://www.vkz.de/serien/phaenomene-der-natur/kw-42-das-mauerbluemchen-zimbelkraut/ (20.07.2020).

 

 

 

 

 


KräuterZeit Juli 2020

Rosmarin (Salvia rosmarinus, vorm. Rosmarinus officinalis)

 

 

                                                                            Blühender  meterhoher Rosmarin (Salvia rosmarinus) im Botanischen Garten in Meran (Südtirol) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Felsige Landschaften am Mittelmeer, sonnenbeschienen, karge Böden und Hänge mit wildwachsendem Rosmarin in kräftigem Grün mit unzähligen blauen Blüten lassen die Gedanken wandern und Urlaubsstimmung aufkommen. Die Bezeichnung Meerestau trifft wohl recht gut die Benennung für den immergrünen Halbstrauch Rosmarin und weckt die Reiselust. Inzwischen haben auch in unseren Breiten etliche Pflanzenfreunde den Rosmarin für sich und als Garten- oder Kübelgewächs für die Terrasse entdeckt. Und bedurfte es vor ca. 20 Jahren noch besonderer gärtnerischer Fähigkeiten, die Rosmarinpflanzen zu überwintern oder den Rosmarin selbst zum Blühen zu bringen, gelingt dies inzwischen auch dem nicht so versierten Hobbygärtner. Neue Züchtungen und die heißeren, trockenen Frühjahrs- und Sommermonate lassen auch hier bei uns den Rosmarin üppig gedeihen. Durchlässiger, eher sandiger Boden am Standort begünstigt das Wachstum. Wichtig ist, dass sowohl im Sommer als auch bei der Überwinterung keine größere Feuchtigkeit an den Wurzeln und im unteren Pflanzenbereich besteht, die sonst zum Verfaulen führt. Das ein- bis zweimalige Schneiden (nach dem Winter und der Blühzeit) fördert den Wuchs.

 

 


Die feinteiligen Wurzeln des Rosmarins © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Bereits in der Landgüterverordnung Karls des Großen ›Capitulare de villis vel curtis imperii‹ aus dem 8. Jahrhundert wird auch der Anbau von ›ros marinum‹ erlassen. Noch 2019 kannte man das aromatische mediterrane Gewächs Rosmarin, aus der Familie der Lippenblütler, unter dem botanischen Namen Rosmarinus officinalis L., mit dem er in der wissenschaftlichen Literatur und zahlreichen populärwissenschaftlichen Kräuterbüchern aufgeführt ist. Das neulateinische Wort officinalis im botanischen Pflanzennamen ließ seit Linnés Zeiten des 18. Jahrhunderts bis heute erkennen, dass die Pflanze zu Arzneizwecken verwendet wurde bzw. für medizinische Zwecke geeignet ist. Seit 2020 nun trägt Rosmarin, aufgrund der Neuzuordnung zum Salbei (Salvia), die lateinische Bezeichnung Salvia rosmarinus.

Rosmarin enthält ca. 2,5 % ätherische Öle, zu denen auch Campher gehört und im Kraut schmeckbar ist. Bei den ca. 8 % Gerbstoffen ist vorwiegend Rosmarinsäure zu nennen. Hinzu kommen als wesentliche Inhaltsstoffe noch Flavonoide, Bitterstoffe, Saponine und Harze. Besonders die ätherischen Öle werden heilkundlich, medizinisch und außerdem bei der Kosmetik- und Parfümherstellung genutzt. Ob zuerst die heilkundliche Verwendung von Rosmarin relevant war oder die Nutzung zum Haltbarmachen von verderblicher Ware wie Fleisch und als Gewürz, um die bereits im Verderben begriffenen Zutaten und Speisen geschmacklich aufzubessern und somit bekömmlicher zu machen, wird unterschiedlich eingeordnet.

Ähnlich wie bei der Anwendung der Lavendelsäckchen und -sträußchen ist Rosmarin für den Wäscheschrank zum Fernhalten von Motten und zur Duftanreicherung geeignet. Welche Größe der Halbstrauch Rosmarin am Mittelmeer erreichen konnte, lässt sich erahnen, wenn man liest, dass im Mittelalter Truhen zur Aufbewahrung des Leinens aus Rosmarinholz gefertigt wurden. Auch zur Geruchsverbesserung in Wohnräumen und Kirchen kam er zum Einsatz und in der Hoffnung, durch den intensiven Geruch ein Schutz vor Pesterkrankung zu sein. Nicht selten soll Personen, die sich im Trauerzug einer Beerdigung befanden, jeweils ein Rosmarinzweig in die Hand gegeben worden sein, um besonders im Sommer den Verwesungsgeruch durch das Riechen am Rosmarin etwas abzumildern. Wo der teure Weihrauch für die Gottesdienste in den Kirchen nicht verfügbar war, kam Rosmarin zum Einsatz. Rosmarin steht sinnbildlich für die Tugend Treue und als Zeichen der Hoffnung auf die Wiederkehr nach dem Tod.  

 

 


                                                       Handelsüblicher Rosmarin © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Bereits im 17. Jahrhundert sollen Aufgüsse aus Rosmarin gegen Vergesslichkeit Anwendung gefunden haben, sozusagen Vorläufer der modernen Aromatherapie. Neuere Studien experimentierten damit, welchen Einfluss Rosmarin, als Zweig im Bereich des Kopfes, im Haar oder hinter dem Ohr, getragen, auf die Konzentrationsfähigkeit habe und wurde als förderlich befunden.

Eine sehr praktische und wohlriechende Nutzung des Rosmarins stammt aus viktorianischer Zeit. Die englische Originalausgabe des Buches mit Texten von Hazel Evans übermittelt aus der Kulturgeschichte Großbritanniens den Gebrauch von Nadelkissen, die mit getrockneten Rosmarinblättern gefüllt wurden. Der Effekt war nicht nur der verströmende Duft beim Verwenden des Nadelkissens, sondern durch die getrocknet sehr spitzen, fast nadelartigen und recht festen Blätter des Rosmarins in der Stoffumhüllung wurden die eingesteckten Nadeln nicht so schnell stumpf und waren vor dem Rosten geschützt, bedingt durch den Schmirgeleffekt und die enthaltenen ätherischen Öle. Besonders dekorativ ist ein orientalisch wirkender, ornamentiert bestickter oder mit eingewebten glänzenden Fäden versehener Stoff. In Rautenform (als Parallelogramm) werden zwei gleichgroße Stoffstücke geschnitten (12,5 x 10 cm). Die Ansichtsseiten des Stoffes legt man aufeinander und näht beides an drei Seiten mit einem Rand von jeweils 1,5 cm zusammen. Die vierte Seit nur soweit zunähen, dass das Kissen nach dem Wenden (Stoffansicht nach außen) noch mit Rosmarinblättern befüllt werden kann (ca. 2 Handvoll)! Rosmarin gut im Kissen verteilen! Zuletzt die Öffnung mit feinen Stichen schließen! Eine Borte oder Kordel, die man um das Nadelkissen festnäht und an den Ecken noch mit Troddeln verziert, bringt eine besondere Optik wie sie bei den viktorianischen Näherinnen in dekorativer Form Arbeitsausstattung waren.

Die vielseitige Verwendung von Rosmarin im heilkundlichen Bereich sorgte dafür, dass der Rosmarin im Jahr 2000 durch den Verband der Heilkräuterfreunde Deutschlands e.V. (2004 aufgelöst) und 2011 durch den Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim gen. Paracelsus e.V. (NHV Thephrastus) zur Heilpflanze des Jahres wurde.

Zum Einsatz kommt Rosmarin heutzutage hauptsächlich u. a. zum Anregen des Kreislaufes bei zu niedrigem Blutdruck durch Kräuterteemischungen, auch bei sog. Befindensstörungen wie Völlegefühl und Blähungen. Kreislaufstimulierend wirken weiterhin Bäder mit Rosmarinzusatz, die sich ferner zur Stärkung bei Erschöpfungszuständen eignen und als Bestandteil von Einreibungen bei Zerrungen, Rheuma und Gicht zur Durchblutungserhöhung Anwendung finden.


Hinweis:

Aufgrund der Inhaltsstoffe ist auf Rosmarin während der Schwangerschaft zu verzichten. Rosmarinöl als Wasserdampfdestillat ist nur nach fachkundiger Beratung zu verwenden!


Rosmarin ist vielseitig, auch für eine selbstgemachte Seife mit Hafermehlanteil als wohlriechendes Peeling, für dekorative Duftkränze und Duftbäumchen, zu denen getrockneter Rosmarin verwendet wird. Bereits im Mittelalter wurden Rosmarin verwendet, um ein Eau de Toilette wie das Ungarische Wasser (aus blühenden Spitzen Rosmarin, Rosenblütenblättern, Minze, Zitronenschale, Rosen- und Orangenblütenwasser sowie Wodka bereitet) bzw. das im 18. Jahrhundert kreierte Eau de Cologne (aus Rosmarin- und Bergamottblättern, geriebener Schale von Orange und Zitrone und wiederum Wodka angesetzt) zu erzeugen. Rosmarinöl ist nicht zuletzt Bestandteil von ›Köllnisch Wasser‹. Ein  Kräutermärchen, das den Sommer über das Jahr weiterträgt handelt vom Rosmarin: »An einer unscheinbaren Straße, irgendwo im Heiligen Land, wuchsen an einer Stelle ein Dornbusch, ein Rosenstrauch und ein Rosmarin. Der Dornbusch war sehr stolz auf seine Kraft, immerhin hatte er schon so manchem Reiter und Wanderer heimlich ein Loch in das Kleid gerissen.  … Dann, es war zu der Zeit, als die Nächte sehr kühl wurden, bewegte sich eine kleine Gruppe auf die Sträucher zu. »Wenn der Esel ein bißchen schneller gehen würde«, sagte der Dornbusch, »könnte ich seiner Herrin ein Stück ihres Tuches rauben.« – Wird er nicht, die alte Klappergestalt«, erwiderte die Rose, »aber der Mann sieht so aus, als hätte er Geschmack. Er könnte – ja ich bin mir ziemlich sicher, daß er es tun wird, er könnte seiner Frau eine meiner Blüten schenken.« Der Rosmarin brachte kein Wort hervor. Was hätte er auch sagen sollen. Aber er spürte ein unheimliches Knistern in der Luft – er wußte nicht, woher es kam; und das beunruhigte ihn ein wenig. Der Esel mit der Frau und der Mann waren nun schon ganz nahe herangekommen. »Laßt uns eine Rast machen«, sagte die Frau. »Ja, eine gute Idee«, antwortete der Mann. »Eselin, halte dort bei dem Dornbusch.« … »Also das ist wieder einmal typisch Mann«, hörte der Busch plötzlich die Eselin keifen, »will seine hochschwangere Frau in die Nähe eines Dornbusches bringen. Siehst du nicht die Stacheln, die nur darauf warten, ihre Kraft zu zeigen?« Noch bevor der der Dornbusch auf die Eselin losschimpfen konnte, sagte die Frau: »Die Eselin hat recht, Josef, sieh doch nur den Rosenstrauch. Wie schön er blüht. Laß uns dort ausruhen.« »Seid ihr denn noch bei Trost?« schrie die Eselin. »Soll das Kind schon im Mutterleib von vergänglicher Schönheit geblendet werden?« … »dort vorne liegt das Goldrichtige für uns drei – ein Rosmarinstrauch. Bescheiden, zart, duftend herrlich, schmeckt gut, und das Ungeziefer hält er auch fern.« … Die Eselin galoppierte an Dornbusch und Rosenstrauch vorbei zum Rosmarin. … »Du hast recht, Eselin«, lobte Maria, »dieser Strauch ist wunderschön, und wie er duftet.« … Die Eselin verschlang inzwischen schmatzend die köstlichen, festen Rosmarinblätter, und der Rosmarin ließ es sich gern gefallen, ja, er war sogar stolz darauf. Und als Maria sagte, Josef solle doch ihren blauen Mantel über den Strauch hängen, damit er mehr Schatten gebe, wurde das Knistern, das in der Luft lag, beinahe unerträglich für den Rosmarin … »Laßt uns weiterziehen«, sagte Josef, »damit wir vor der Dunkelheit noch einen Unterschlupf finden. « Marie erhob sich, wollte schon auf die Eselin steigen, kehrte aber noch einmal um und pflückte zwei Hände voll Rosmarinzweige. … Das Datum, das alles erklären sollte, rückte immer näher. … Josef hatte eine Futterkrippe bereitgestellt, Maria hatte sie mit Stroh ausgelegt und dann aus ihrem Sack die Rosmarinzweiglein geholt. … Als der Morgen des 25. Dezember anbrach, … da war weit von der Krippe entfernt, an einer unscheinbaren Straße irgendwo im Heiligen Land, noch ein Wunder geschehen: Einem nackten, bescheidenen Rosmarinstrauch waren in dieser Nacht Blüten, blau wie der Himmel, gewachsen! « (Tegetthoff Kräutermärchen 2004) – Je nach Sorte kann Rosmarin auch rosafarben und weiß blühen. Selbst wenn man das Aroma von Rosmarin nicht so mag, Honig- und Wildbienen sind emsig an den Blüten.


                                                                                                            Blühender Rosmarin auf der Terrasse, Juni 2020 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Tipp:

Beim Rosmarin als Gewürzkraut sind nicht nur die zarten Blätter sondern auch die Blüten ebenso aromatisch, essbar und dekorativ. Auch zum Ansatz von Kräuteröl und -essig sind die Blüten gut geeignet.


»Rosmarin ist ein köstliches Gewürz, doch muß man es sehr vorsichtig dosieren. Ein Chefkoch sagte einmal über Rosmarin: »Die Hälfte ist immer noch zuviel!« Rosmarin paßt zu zu allen Gemüsesuppen, Gemüse- und Fleischeintöpfen, zu Braten und zu Bratensaucen, zu Geflügel und besonders zu Pilzen. Innereien vertragen Rosmarinwürze (wenig!) ebenso wie gekochter Fisch. Auch zu Käse paßt dieses Gewürz gut; mit Rosmarin (und auch mit Thymian) angemacht, wird jeder Weichkäse bekömmlicher und schmackhafter. Eine delikate Gewürzmischung besteht aus Salz, Pfeffer, Thymian, Rosmarin und Cayennepfeffer zu gleichen Teilen zum Nachwürzen für diejenigen, die es gern scharf mögen. Auch das Frühstücksei läßt sich auf diese Weise abwechslungsreich würzen.« (Pahlow 2006, 263)

Mit Rosmarin verbinden sich auch die ›Kräuter der Provence‹. Diese sind jedoch keine festgelegte Zusammenstellung. Sie werden frei kombiniert mit in Südfrankreich meist wildwachsenden Kräutern. Dass Rosmarin nicht nur in der Tradition des Lammbratens und diverser Eintöpfe steht, belegt eine Auswahl fleischloser Zubereitungen.

 

 


                                    Getrocknete Rosmarinblätter, geschnitten (links) und gemahlen (rechts) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die folgenden Rezeptvorschläge lassen etwas Mittelmeerflair in den eigenen Garten oder auf Balkon und Terrasse einziehen bzw. heimisches, oft reichlich anfallendes Erntegut wie z. B. Kirschen, Kartoffeln und Walnüsse nachhaltig nutzen und dabei doch geschmacklich besonders veredeln.



Rezepte:


Rosmarin- Pfeffer-Kirschen

1 kg Sauerkirschen, 2 Zweige Rosmarin, ½ Bio-Zitrone, 200 ml Rotweinessig, 150 ml Orangensaft, je 2 EL grüne und schwarze Pfefferkörner, 1 Prise Salz, 1 Zimtstange, 2 Gewürznelken, 1 Messerspitze gemahlener Kardamom, 250 g Gelierzucker (3:1)

Zubereitungszeit: ca. 25 Minuten (zzgl. Durchziehzeit von 3 Wochen)

Die Kirschen waschen, entstielen und entsteinen. Rosmarinzweige waschen und trocken schütteln. Die Blättchen abzupfen und sehr fein zerschneiden oder mit einem Wiegemesser zerkleinern. Die Zitrone mit warmem Wasser abwaschen, abtrocknen und die Schale dünn abschälen. Rosmarin, Zitronenschale, Essig, Orangensaft, Pfefferkörner, Salz, Zimtstange, Gewürznelken, Kardamom und Gelierzucker in einen Topf geben, zum Aufkochen bringen und ca. 3 Minuten bei starker Hitze und ständigem Rühren kochen lassen. Die Kirschen hineinschütten, ebenfalls zum Kochen bringen und ca. 1 Minute mit den Gewürzen garen. Aus der Masse Zitronenschale, Zimt, Gewürznelke und Kardamom mit einer Gabel herausnehmen und die Kirschzubereitung in zuvor heiß ausgewaschene Schraubgläser füllen, zuschrauben und die Gläser auskühlen lassen. Die Rosmarin-Pfeffer-Kirschen brauchen noch etwa drei Wochen bis zum Verzehr und sind dann eine leckere Beigabe zu Käse, Wildgerichten, Gegrilltem oder Desserts.

 

Rosmarin-Ofen-Kartoffeln mit veganer Mayonnaise

Für die Rosmarin-Ofen-Kartoffeln: 1,2 kg kleine Pellkartoffeln, 4 Zweige frischen Rosmarin, ca. 3 Knoblauchzehen, 4 EL Olivenöl, ½ TL Meersalz, Pfeffer aus der Mühle

Für die vegane Mayonnaise: 3 EL Kichererbsenwasser aus der Kichererbsen-Konserve, 1 TL mittelscharfer Senf, 1 EL Balsamico-Essig, 125 ml Rapsöl, 1 Prise Salz, Pfeffer aus der Mühle

Zubereitungszeit: ca. 30 Minuten (zzgl. 45 Minuten Garzeit)

Den Backofen auf 180° C vorheizen. Die Kartoffeln mit einer Gemüsebürste in kaltem Wasser reinigen, gründlich nachspülen und auf ein Küchenkrepp zum Trocknen ausbreiten. Rosmarinzweige waschen, trocken schütteln, von zwei Zweigen die Blättchen abzupfen und zerschneiden. Knoblauch schälen und in dünne Scheiben schneiden. Die Kartoffeln halbieren und mit allen Zutaten in eine Schüssel geben und gut durchmischen. Ein Blech mit Backpapier auslegen, die Kartoffeln mit der Schnittfläche nach oben darauf verteilen, mit Salz und Pfeffer bestreuen. Die restlichen zwei Zeige Rosmarin in Stücke schneiden und zwischen die Kartoffeln legen. Mit Umluft bei 160° C ca. 45 bis 50 Minuten backen bis sie leicht gebräunt sind.

Für die vegane Mayonnaise Kirchererbsenwasser, Senf und Essig in einen Mixbecher geben und alles mixen. Das Öl teelöffelweise während des Mixens hinzufügen bis eine cremige Konsistenz erreicht ist, mit Salz und Pfeffer abschmecken, gekühlt servieren.

 

Rosmarin-Walnüsse

20 g Butter, 1 TL getrockneter, sehr fein gehackter oder gemahlener Rosmarin, ¼ TL Salz, ½  TL Edelsüß-Paprikapulver, 120 g Walnusshälften

Zubereitungszeit: ca. 30 Minuten

Backofen auf 150° C vorheizen, Walnusshälften auf einem ungefetteten Backblech ausbreiten und für 10 Minuten backen. Inzwischen in einer Pfanne Butter flüssig werden lassen, die Walnusshälften hineingeben und mit Rosmarin, Salz und Paprikapulver bestreuen. Alles gut verrühren und für weitere 10 Minuten bei geringer Wärmezufuhr durchziehen lassen. Den Pfanneninhalt auf einen Teller schütten. Die Nüsse noch lauwarm genießen! Ist die Butter gut eingezogen, können die Walnüsse auch kalt gegessen werden bzw. eignen sich als halbe Nüsse oder grob gehackt zum Bestreuen von Salaten oder Nachspeisen.

 

Literatur:

T. Dusy, Sommer Küche voller Sonne und Aroma. 1. Auflage (München 2010) 91. 167.

H. Evans – G. Nicol, Mein Kräuterkörbchen. Die besten Ideen und Rezepte für Rosmarin, Raute & Rose (Rastatt 1996) 13–16. 20. 22. 24. 26–29. 32. 34–35. 44–45. 48. 50–51. 56.

T. Grandis, kräuter – vierzig kräuter und hundertvierzig rezepte (Aarau und München 2015) 61. 277.

Kochen mit Rosmarin (Köln 2010) 14. 16. 18. 26. 28.

J. McVicar, Eßbare Blüten. Rezepte für Genießer. Mit Tips für den richtigen Anbau (München 1998) 118–119. 142–146.

J. Norman, Kräuter und Gewürze. Herkunft, Geschmack, Verwendung (Starnberg 2003) 94–95. 315.

M. Pahlow, Das grosse Buch der Heilpflanzen. Gesund durch die Heilkräfte der Natur (München 2006) 262–263. 319.

T. Ruppel – S. Vogel, Rezeptblatt: Kräuter im Topf – Kochen um den Kräutergarten, Internationaler Museumstag 2001, Ungeahnt würzig (Ummendorf 2001) 4.

K. J. Strank – J. Meurers-Balke (Hrsg.) » … dass man im Garten alle Kräuter habe … « Obst, Gemüse und Kräuter Karls des Grossen (Mainz 2008) 97–99.

F. Tegetthoff, Kräutermärchen, 6. Auflage (München 2004) 119–126.

N. Vermeulen, Illustrierte Kräuter-Enzyklopädie (Eggolsheim o. J.) 251–252.

https://de.wikipedia.org/wiki/Rosmarin (11.06.2020)

https://www.genuss-nomaden.de/2016/09/19/vegane-mayonnaise (20.10.2017).







KräuterZeit Juni 2020

Gemeiner Rhabarber (Rheum rhabarbarum)



  Rhabarber im Museumskräutergarten, April 2020 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Noch ist Rhabarberzeit! Botanisch zwar eine Gemüsepflanze (in den USA seit 1947 als Obst geführt), ist diese doch eher in zahlreichen fruchtig-süßen Zubereitungen anzutreffen. Lieblings›partnerin‹ des Rhabarbers ist  bei etlichen Rezepten die Erdbeere. Die heilkundliche Stärke liegt beim Gemeinen Rhabarber (Rheum rhabarbarum), gern auch als Gemüse- oder Krauser Rhabarber bezeichnet, in der  leicht abführenden Wirkung bei Darmträgheit und dem allgemein stimulierenden Einfluss auf den Verdauungstrakt. Mit der umgangssprachlichen Benennung Gewöhnlicher Rhabarber wird auf die Unterscheidung zum Medizinalrhabarber (Rheum palmatum), zur gezielten arzneilichen Nutzung der Wurzeln, hingewiesen. In der Homöopathie angewendet, sind Stuhlgangregulierung und Hilfe bei Zahnungsdurchfall im Säuglings- und Kleinkindalter gleichermaßen wichtige Einsatzbereiche. In fachkundig festgelegter Potenz gilt das Prinzip ›Ähnliches wird mit Ähnlichem‹ geheilt, also kann Verstopfung ebenso damit behandelt werden wie ursächlich bekannter Durchfall. Der Medizinalrhabarber ist zur Unterscheidung gut an den gefurchten Blatträndern zu erkennen und meist (nur) in botanischen Gärten und Schauanlagen anzutreffen. Im Himalaya ist das Knöterichgewächs Rhabarber beheimatet und seine Wurzeln wurden einst hauptsächlich medizinisch genutzt. Über Zentralasien und China gelangte es im 16. Jahrhundert nach Russland und von dort aus etwa zwei Jahrhunderte später nach Europa. Der erste gewerbsmäßige Anbau von Rhabarber wird erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnt, u. a. in den Vierlanden, im Südosten Hamburgs.

Beachtenswert bei den Inhaltsstoffen ist der relativ hohe Gehalt an Kalium mit 270 mg in 100 g Rhabarber. Vitamin C wird mit 10 mg verzeichnet. Die enthaltene Zitronen- und Apfelsäure gibt dem Gemüse den frisch-säuerlichen Geschmack. Die Menge an Oxalsäure, die geschmacklich eher bitter-säuerlich wahrgenommen wird, beträgt ca. 460 mg auf 100 g der Rhabarberstängel. In den Blättern ist der Anteil an Oxalsäure höher, ca. 0,7 %,  sodass Blätter nicht für den Verzehr geeignet sind. Da die Oxalsäure zur Kristallbildung im Körper neigt (Oxalate als Salze der Oxalsäure), besonders zu Calciumoxalat, kann es bei individueller Veranlagung zu verstärkter Nierensteinbildung kommen. Dem lässt sich gut entgegenwirken, wenn in der Rhabarbersaison nur wenig Rhabarber konsumiert wird und stets in gegarter Form. Es gibt bei einigen Menschen nach dem Essen von Rhabarber auch Haut- und Schleimhautreizungen, die mit dem Verzicht darauf wieder abklingen. Die ebenfalls im Rhabarber enthaltenen Antraglycoside werden durch Darmbakterien umgewandelt zu Anthrachinon, welches reizend auf das Nierengewebe wirken und es schädigen kann.

Ob die Oxalsäure dem Körper tatsächlich größere Mengen Kalzium entzieht, ist wissenschaftlich umstritten. Fest steht für die meisten Rhabarberfreunde, dass besonders das Kompott zusammen mit kalziumhaltigen Milchprodukten wie z. B. Joghurt, Frischkäse, Quark und Milcheis oder selbst zubereiteter Vanillesauce eine schmackhafte Kombination ist.

Die in den Wurzeln des Rhabarbers enthaltenen Gerbstoffe haben Ende der 1990er-Jahre zu einer besonderen Nutzungsüberlegung geführt, nämlich dem Gerben von Leder ohne die gesundheitlich umstrittenen Chromsalze. Sowohl die Idee als auch die praktische Umsetzung sind ein Forschungsergebnis aus Sachsen-Anhalt, realisiert an der Hochschule Anhalt in Bernburg. In der Doktorarbeit der Ernährungswissenschaftlerin Anne-Christin Bansleben ging es um Pflanzeninhaltsstoffe, u. a. in Rhabarber. Das Resultat nach vierjähriger Experimentierzeit im Forscherteam um Prof. Ingo Schellenberg, der bereits 1998 die Gerbungsfähigkeit von Leder durch Rhabarber nachgewiesen hatte, war nun ein wirtschaftlich nutzbarer Extrakt, der aus der Mischung verschiedener geeigneter Rhabarbersorten entstand.

 


 Frühjahrsaustrieb, März 2020 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Historisch betrachtet, waren es ohnehin zuerst die pflanzlichen Inhaltsstoffe, die zur Aufbereitung von Tierhäuten verwendet wurden, so wie bei der Lohgerberei, einem Verfahren, bei dem man u. a. hauptsächlich Eichen- oder Fichtenrinde in Verbindung mit Galläpfeln nutzte.

Die chemische Industrie ermöglichte ab dem 19. Jahrhundert verstärkt wirtschaftlichere Verfahren. So entsteht bis heute der überwiegende Teil des gegerbten Leders durch die Verwendung von Chromsalzen, vor allem in Asien. In einem Artikel der Ausgabe 8/2018 des National Geographic Magazins wird dazu ausgeführt: »Das Problem: Der Gerbstoff Chrom-III oxidiert leicht zu Chrom-VI, das stark krebserregend ist. Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation in einem Gerbereizentrum in Bangladesch ergab, dass 90 Prozent der dort Beschäftigten sterben, bevor sie 50 Jahre alt werden. Ein Viertel der Arbeiter in den Gerbereien sind Kinder unter elf Jahren.« (https://www.nationalgraphic.de, 05.05.2020)

Alternativ konnte 2010 ›rhubarb technology GmbH‹ seine Produktion aufnehmen. Allerdings bisher ohne die Wirtschaftlichkeit, die konventionell möglich ist. Das eingetragene Warenzeichen ›Rhabarberleder‹, mit eigenem Modelabel für Lederwaren, kommt aus Sachsen-Anhalt. Die Versuchsfelder der Hochschule Anhalt in Bernburg werden auf einer Fläche von 15 bis 30 Hektar bis heute genutzt. Die angebauten Rhabarberwurzeln sind nach drei bis vier Jahren erntefähig. Es folgen die Trocknung und das Zerkleinern sowie die anschließende, über das Gelingen der Gerbung entscheidende Extraktgewinnung.


                                                                 Rhabarberpflanze mit Blütenstängel, auf nährstoffreichem Boden (links) und an nährstoffarmem Standort (rechts) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Dass auch der Anbau von Rhabarber einige zu realisierenden Anforderungen stellt, um eine qualitätsvolle und ergiebige Ernte zu haben, ist unter der Überschrift ›Verschiedene Dauergemüse‹  im ›Gartenbuch für Anfänger‹ aus dem Jahr 1922 nachzulesen und besitzt bis heute Aktualität, wenn es um Ertragserzielung geht:

»Um die Kultur des Rhabarbers mit Erfolg zu betreiben, verschaffe man sich Pflanzen der Sorte ›Verbesserte Viktoria‹. Aus Samen können zuverlässig gute Rhabarberpflanzen nicht gezogen werden, … Locker und feucht sei der Boden, zwei Spaten tief umgegraben (flach rigolt) und reichlich mit Stalldünger gedüngt (8 bis 10 Kilo auf den Geviertmeter [alte Bezeichnung für Quadratmeter – S.V.]), … Ende September oder Anfang März werden die geteilten Wurzelstücke mit Kopf auf das gut vorbereitete Rhabarberland gesetzt. Jede Pflanze braucht mindestens 1 Geviertmeter Raum. Es wird an der Pflanzstelle ein Loch so tief gegraben, daß die Wurzeln bequem darin ausgebreitet werden können. Die Wurzeln werden ringsum gut mit Erde umhüllt – man kann auch Komposterde dazu nehmen – und festtreten. Der Kopf der Pflanze liegt etwa 6 Zentimeter unter der Erdoberfläche. Anfangs treibt frischgepflanzter Rhabarber allerdings schwach, aber im Juli, nachdem er festgewurzelt ist, mach er üppige Blätter; Überspritzen mit lauem Wasser und bei Trockenheit durchdringendes Gießen sind der Entwicklung der Blätter dienlich. Im ersten Jahr darf noch nicht geerntet werden, aber im zweiten Frühjahr beginnt das Ausbrechen von Blattstielen etwa am 20. April, und dauert bis Ende Juni.

Bei günstigem, warmem, feuchten Wetter ist es gestattet, in Zwischenräumen von acht zu acht Tagen von der gleichen Pflanze Blätter zu brechen oder Blütenstiele auszureißen. Ist das Wetter kalt und wächst nicht viel, so müssen die Stauden nach dem Brechen mindestens 14 Tage Ruhe haben. … – Das Land rings um dir Rhabarberstauden wird in jedem Herbst umgegraben; vorher kommt tüchtig Dünger auf das Land. … – Der Rhabarber bleibt 4 bis 5 Jahre, in gutem Boden noch einige Jahre länger an einer Stelle, dann läßt er im Ertrage nach und muss umgepflanzt werden. Gleichzeitig werden die Wurzeln geteilt.«

Bei der Rhabarberernte schließt man sich dem traditionell bewährten Termin des Ernteabschlusses von Spargel am 24. Juni, dem Johannistag, an. Gründe dafür sind folgende: Beim Rhabarber reichern sich mit weiterem Zeitverlauf die Pflanzen weiter mit Oxalsäure an. Sowohl geschmackliche wie auch gesundheitlich kann diese größere Menge der gebildeten Oxalate die bereits benannten Beeinträchtigungen verstärken.  Außerdem gilt wie beim Spargel, dass bei einer zu lang ausgedehnten Erntezeit das für die Photosynthese notwendige Blattgrün fehlt, um die Staude mit notwendigen Nährstoffen zu versorgen und die Einlagerung von Reservestoffen zu ermöglichen. Dies ist für das Austreiben im nächsten Jahr erforderlich.

Die ab Mitte April sprießenden Blütenstängel sind auszubrechen, wenn es um einen möglichst optimalen Ertrag beim Rhabarber geht. Lässt man diese dekorativen Blüten wachsen, wird die baldige Samenbildung vorangetrieben. Das Ende der Rhabarberernte verfrüht sich.


Hinweis:

Zum Gedeihen der Rhabarberpflanzen wird ausreichend Platz benötigt, sodass zwischen mehreren Rhabarberpflanzen jeweils ein Abstand von 1 x 1 m gewählt werden sollte. Dies gilt auch in Verbindung mit anderen Stauden.


Unter Punkt 389 im Buch ›Rat für jeden Gartentag‹ aus den 1970er-Jahren wird auf einige markante Sorten und deren Beschaffenheit hingewiesen:  »Vom Rhabarber gibt es rot- und grünfleischige Sorten. Eine Sorte mit roten Blattstielen hat aber nicht immer rotes Fleisch. Das trifft beispielsweise auf die Sorte ›The Sutton‹ und ›Holsteiner Blut‹ zu, deren Blattstiele mehr oder weniger rot gefärbt sind und trotzdem grünes [Frucht- S.V.] Fleisch haben. Beide gehören zu den ertragreichsten. Die besten rotstieligen Sorten mit rotem Fleisch sind ›Elmsfeuer‹ und ›Elmsjubiläum‹, die zum Anbau im Kleingarten sehr zu empfehlen sind.« ›Holsteiner Blut‹ als rotstielige Sorte sowie in leichter namentlicher Abwandlung ›Elmsblitz‹ als rot fruchtfleischiger Rhabarber, finden sich bis heute. Inzwischen gibt es auch Sorten wie ›Cambell‹, ›Frambozen Rood‹ und ›Red Valentine‹, die sich durch die rote Farbe, auch nach der Verarbeitung, auszeichnen und ein angenehmes Aroma besitzen. Die Sortennamen zeigen zudem den zunehmend internationalen Charakter.



  Von den Blättern getrennte Rhabarberstiele, Mai 2018 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Tipp:

Die Rhabarberblätter, meist als Abfall entsorgt, können noch zum Pflanzenschutz eingesetzt werden. Eine Empfehlung aus dem Buch ›Der Pflanzenarzt. Ein gesunder Garten ohne Chemie‹, erschienen im März 2020, ist die Bereitung eines Rhabarbersuds zum Schutz vor Braunfäule bei Tomaten. Dazu lässt sich aus 200 g kleingeschnittenen Rhabarberblättern und 1 Liter Wasser in einem Topf gegeben – mit etwas geriebenem Meerrettich angereichert und 15 Minuten leicht kochend – ein Sud erzeugen, der nach dem Abkühlen zur Anwendung mit 5 Liter kaltem Wasser verdünnt wird. In eine Sprühflasche gefüllt, werden die Tomatenpflanzen damit besprüht.

In aktueller Gartenliteratur werden Rhabarberblätter ebenfalls empfohlen für das Mulchen der Wege zwischen den Beeten. So wird Unkraut über längere Zeit ferngehalten. 

Auch die beim Schälen des Rhabarbers anfallenden Pflanzenfasern lassen sich nachnutzen, wie hier an einem Belegbogen zu sehen, der im Rahmen einer Papierschöpfaktion des Börde-Museums Burg Ummendorf im Sommer 2001 in der Reihe ›Kräuter im Topf‹ entstand. Es kamen dabei etliche Pflanzenmaterialien und dekorative Blüten zum Einsatz. U. a. wurden kurze Fasern der Rohbaumwolle (Baumwolllinters) mit Rhabarberschälgut kombiniert.


                                                                              Handgeschöpftes Papier aus Baumwoll- und Rhabarberfasern © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Rezepte:

Das ›Gartenbuch für Anfänger‹ benennt als Voraussetzung für ein schmackhaftes Rhabarber-Kompott eine gute Rhabarbersorte.

»Die Stiele werden geschält, in Würfel geschnitten, mit kochendem Wasser überbrüht und dann, nachdem das Wasser abgegossen ist, mit ½ Pfund [250 g –  S.V.] Zucker auf 1 Pfund [500 g – S.V.] Rhabarber, etwas Zitronenschale und einem Glas Weißwein gargekocht. – Eine große Zahl vorzüglicher Rhabarberrezepte veröffentlichte der Praktische Ratgeber im Jahr 1898.«

 

Rhabarber-Hähnchen mit Safran

 

6 rote Zwiebeln, 1 Knoblauchzehe, 4 Hähnchenschenkel, 2 EL Olivenöl, 500 g Rhabarber, ½  EL grob gemörserter schwarzer Pfeffer, ½ TL Salz, 2 TL Kurkuma, 1 Konservendose stückige Tomaten, 6 EL Honig, 6 Safranfäden, 2 Bio-Limetten, 700 ml Geflügelbrühe (frisch zubereitet oder Instandbrühe)

Zubereitungszeit: ca. 30 Minuten (zuzüglich Garzeit: ca. 120 Minuten)

Zwiebeln und Knoblauch schälen, halbieren und in dünne Scheiben schneiden. Die Hähnchenschenkel unter fließendem Wasser gründlich abwaschen und mit Küchenkrepp abtrocknen. In einer Pfanne das Olivenöl erhitzen und das Hähnchenfleisch darin von beiden Seiten anbraten, aus der Pfanne nehmen und auf einen Teller legen. Anschließend Zwiebeln und Knoblauch im selben Öl anbraten und ca. 5 Minuten dünsten. In der Zwischenzeit die Rhabarberstiele schälen, halbieren und in dünne Scheiben schneiden und beiseite stellen. Die Safranfäden in einer kleinen Schale mit 1 EL Wasser einweichen und ca. 5 Minuten so belassen. Pfeffer, Kurkuma und Salz zu der angedünsteten Zwiebel-/Knoblauchmasse geben und weitere 5 Minuten garen. Nun die Tomatenstücke aus der Dose hinzufügen, alles verrühren und leicht köcheln, bis es etwas eindickt.

 Die Limetten warm abwaschen und mit einer Gemüsebürste scheuern, gut abtrocknen und dann die Schale abreiben. Schalenabrieb und den ausgepressten Limettensaft zusammen mit Honig, dem Safran im Einweichwasser, Rhabarber und Hähnchenschenkel sowie 700 ml Geflügelbrühe in die Pfanne tun. Nun alles bei mittlerer Hitze ca. 2 Stunden schmoren. Dabei die Pfanne unbedeckt lassen und die Zubereitung während des Garens einige Male umrühren. Vor dem Servieren mit Salz und Pfeffer abschmecken. Mit Naturreis, Couscous oder Hirse ist eine passende Beilage gegeben. Auch Baguette jeder Art eignet sich bestens für das Schmorgericht mit Rhabarber.

 

Rhabarber-Spargelsalat mit rosa Pfefferbeeren

1 kg erntefrischer weißer Spargel, 500 g erntefrischer Rhabarber, 1,5 l Wasser, 2 TL Salz, 1 TL Bio-Rohrzucker, 1 Bio-Orange, 2 Stangen Porree, 3 EL Rapsöl zum Braten, 1 TL rosa Pfefferbeeren, Pfeffer und Salz aus der Mühle, 4 Stängel krausblättrige Petersilie

Zubereitungszeit: ca. 50 Minuten 

Spargel und Rhabarber waschen, schälen und in ca. 2 cm lange Stücke schneiden. Wasser mit Salz in einem Topf zum Kochen bringen. Je nach Dicke des Spargels, diesen ca. 10 bis 15 Minuten garen. Aus dem Topf nehmen und in kaltem Wasser, möglichst mit Crasheis oder Eiswürfeln versetzt, abkühlen und zum Abtropfen auf ein Sieb legen. Die Stücke sollten noch bissfest sein.

Orange auspressen. In einem zweiten Topf den Saft mit Rohrzucker und dem geschnittenen Rhabarber erhitzen und den Rhabarber ca. 3 bis 5 Minuten dünsten, ohne den Deckel aufzulegen. Auch hier sind bissfeste Stücke gewünscht. Spargel und Rhabarber sollten während des Garprozesses, leicht abgekühlt, probiert werden.

Den Porree waschen. Wenn nötig, welkes Grün entfernen und die Porreestangen in 2 cm breite Ringe schneiden. Öl in einer Pfanne erhitzen und die Porreeringe kräftig anbraten. Mit Salz und Pfeffer würzen. Die rosa Pfefferbeeren im Mörser grob zerstoßen.

Die Petersilie waschen, trockenschütteln und grob zerzupfen. Zum Servieren die Spargelstücke auf einen Teller geben und den Rhabarber sowie die gebratenen Porreeringe darüber verteilen. Mit den zerstoßenen Pfefferbeeren und der Petersilie bestreuen.

 

Literatur:

 

F. Böhmig, Rat für jeden Gartentag. Ein praktisches Handbuch für den Gartenfreund. 8. Auflage (Leipzig 1978) 106–107, 256.

J. Böttner, Gartenbuch für Anfänger (Frankfurt a. O. 1922) 229–232.

Das Große Blumen & Pflanzenbuch für Haus und Garten (Köln o. J.) 249–251. 

Ein Gartenjahr. Tipps und Ideen für den Gemüsegarten (Renningen 2016) 59.

Hugge. Skandinavische Ideen und Rezepte (München 2019) 16.

M. Pahlow, Das grosse Buch der Heilpflanzen. Gesund durch die Heilkräfte der Natur (München 2006) 37, 412.

R. Wadas, Der Pflanzenarzt. Ein gesunder Garten ohne Chemie (Hamburg/Berlin 2020) 25.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Rhabarber (06.05.2020).

https://www.chefkoch.de/rezepte/1661531274266252/Rhabarber-Haehnchen.html (04.05.2020).

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/nachhaltigkeit-rhabarber-liefert-gerbstoff-fuer-lederherstellung (06.05.2020).

https://www.chefkoch.de/rezepte/2786531430780287/Spargel-mit-Rhabarber-und-rosa-Pfeffer.html (04.05.2020).

https://www.leder-info.de>index.php (05.05.2020).

https://www.nationalgraphic.de (05.05.2020).

 







KräuterZeit Mai 2020

Echter Lavendel (Lavendula angustifolia)


                                                                                                Echter Lavendel (Lavendula angustifolia) als Blühstreifen für Insekten im öffentlichen Raum, Juli 2019 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


»Der König eines sehr nahen Landes hatte die sehr unkönigliche Eigenschaft, bei allen nur erdenklichen Gelegenheiten in Ohnmacht zu fallen und ohne Sprache dazuliegen. Würde dies einem Handwerksburschen, einer feinen, alten Dame oder einem jungen Mädchen nach dem ersten Kuß zustoßen, keiner hätte sich jemals die Mühe gemacht, darüber auch nur ein Wörtchen zu schreiben. Aber Ohnmacht ist nicht Ohnmacht, und so bekommt der König sein Märchen … Es war natürlich äußerst peinlich, wenn ein großer, starker Mann mit einem spitzen Aufschrei aus den Hermelinsocken kippt, die Krone vom Kopf rutscht, das Zepter über den Mamor kollert – und nur, weil er von einem Kammerjungmann erfahren hat, daß die Hofkatze soeben sieben Junge geworfen hat. … Und es war selbst für zarte, königliche Nerven schwer einzusehen, warum man beim Anblick einer duftenden Markschöberlsuppe [Schöberl ist eine rasch und heiß gebackene plätzchenähnliche Suppeneinlage der österreichischen Küche. – S.V.] vor Entzücken ohnmächtig vom Thron rutschen mußte. …« Der König wurde dann entkleidet und in einen Bottich mit lauwarmem Wasser wieder zu Bewusstsein gebracht. Am „Tag der offenen Palasttür“ kamen viele Leute, um dem König zu huldigen. Und wieder fiel der König in Ohnmacht. Dieses Mal war es jedoch ein umherziehender Mann, der ein duftendes Kraut im Knopfloch trug. Als sich dieser zur Hilfeleistung über den König beugte, erwachte selbiger im Augenblick. Den Namen des Wunderkrautes kannte der Mann nicht und auch sonst niemand der Anwesenden und Befragten. Man wusste nur zu berichten, dass es Flöhe, Läuse und Wanzen vertrieb und ins Badewasser getan, zur Wohltat für den Körper beitrug. Nach langem Fragen und Suchen führte eine kräuterkundige Frau den König zu einem blauen Meer – einem Blütenmeer. »Und als sie von den Pferden stiegen und sich niederknieten, sahen sie das Kraut mit den zarten, grünen Blättern und den tiefblauen Blüten. Es roch so stark, als müsse es gegen alle Ohnmachten und alle Flöhe und alle Schwächeanfälle dieser Welt zum Kampf antreten.  So kam der Lavendel in das Königreich, das so nahe bei uns liegt. …«

Bei einem blau-violetten Blütenmeer, bei ›Lavendel‹  – so auch der schlichte Titel des obigen Kräutermärchens – denken wohl viele an Bilder mit Lavendelfeldern in der Provence oder den eigenen Urlaub dort, wo zu gewerblichen und touristischen Zwecken Lavendelanbau betrieben wird. Schwerer vorstellbar ist vielleicht, dass auch aus England große Lavendelfelder belegt sind, wie u. a. im Buch von Hazel Evans anschaulich dokumentiert. Angepasst an die klimatischen Bedingungen und die jeweilige Verwendung sind somit zwischen 20 und 30 verschiedene Arten gebräuchlich. Einige davon sind: Echter Lavendel (Lavendula angustifolia), Weißer Lavendel (Lavendula angustifolia ´Alba`), ´Old English`-Lavendel (Lavendula x intermedia), Schopf-Lavendel (Lavendula stoechas), Woll-Lavendel (Lavendula latana) und Zahn-Lavendel (Lavendula dentata).

Unsere eigenen Assoziationen bei Lavendel reichen spontan von hochwertigen Parfums, edlen Seifen, Beetbepflanzungen, beruhigenden, stimmungsaufhellenden und schlaffördernden  Lavendelkissen, Tees und Badezusätzen, Lavendelsträußchen und -säckchen als wirksamer natürlicher Mottenschutz sowie zur Erzeugung eines wohlriechenden Wäscheschrankes bis hin zu geschmacksgebenden Komponenten für herzhafte Gerichte, Backwerk, duftige Desserts und aromatische Getränke.

Dem Echte Lavendel (Lavendula angustifolia) – einem Lippenblütengewächs, ursprünglich im Mittelmeergebiet beheimatet und bevorzugt an sonnigen Hängen wachsend – kommt heilkundlich und arzneilich ein besonderer Stellenwert zu. Das breite Anwendungsspektrum liegt in den Hauptinhaltsstoffen begründet: Ätherisches Öl, Gerbstoffe, Flavanoide, Phytosterole und Cumarine. Der botanische Name Lavendula leitet sich, wie in fast allen Kräuterbüchern beschrieben, vom lateinischen Wort lavare ab, das waschen bedeutet. Sowohl die Körperpflege als auch die Behandlung der Wäsche erfolgte vor der Seifenverwendung mit Lavendelwasser. Auch heute noch für beide Anwendungen zu empfehlen, da Lavendel weder alkalisch noch basisch ist und somit die die Haut schont, die Aufnahmefähigkeit für Bakterien reduziert und somit auch daraus entstehenden Körpergeruch minimiert. Was im anfangs geschilderten Kräutermärchen ›Lavendel‹ eine Ohnmacht durchbrechende Wirkung zeigte, wurde über Jahrzehnte hinweg in der praktischen Anwendung durch Lavendel-Ammoniak-Riechampullen erreicht, die auch heute noch handelsüblich sind. Allerdings dürfte es mehr der durchdringende Geruch des Ammoniaks sein, der aufwachen lässt.


                                                                                                         Lavendelhang im Botanischen Garten in Meran (Südtirol), 2017 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Im großen Buch der Heilpflanzen werden die Einsatzbereiche populärwissenschaftlich wie folgt benannt: »Lavendelblüten wirken beruhigend auf das Zentralnervensystem und auch auf das Nervensystem der Luftröhre. Der Gerbstoffgehalt verleiht der Droge [getrocknetes Pflanzenmaterial – S.V.] eine stopfende Wirkung bei Durchfällen, besonders bei solchen, die mit Gärungserscheinungen einhergehen. Auch als Gallemittel spielen Lavendelblüten eine Rolle. Nur noch selten gebraucht man Lavendelblüten-Tee allein, meist gibt man ihn Mischungen bei, die das Einschlafen fördern oder strapazierte Nerven beruhigen sollen. Die sogenannte vegetative Dystonie ist heute das Hauptanwendungsgebiet für Lavendel, und da wird mehr das Lavendel-Bad als der Lavendel-Tee gebraucht. … So wird ein Lavendel-Bad bereitet: 50 bis 60 g Lavendelblüten werden mit 1 l Wasser übergossen, zum Sieden erhitzt und nach 10 Minuten abgeseiht. Die Flüssigkeit wird dem Vollbad zugesetzt. Ein Lavendelbad bekommt Hypotonikern (Menschen mit zu niedrigem Blutdruck) besonders gut. Sie werden dadurch erfrischt. Überreizte Menschen erfahren durch ein Lavendel-Bad eine ausgleichende Beruhigung und Entspannung. – Schließlich ist der Lavendelspiritus noch zu erwähnen, ... Als Einreibung bei Rheuma wird er häufig verwendet. Obwohl über die Lavendelwirkung keine pharmakodynamischen Untersuchungen [Art der Arzneimittelwirkung im Körper, die biochemischen und physiologischen Effekte – S.V.] bekannt sind, übernimmt auch das BGA [Bundesgesundheitsamt – S.V.] die Erfahrungen der Volksmedizin weitgehend, denn es heißt unter dem Stichwort Anwendungsgebiete auf dem Beipackzettel der Standardzulassung: „ Bei Befindensstörungen wie Unruhezustände, Einschlafstörungen, Appetitlosigkeit sowie bei funktionellen Oberbauchbeschwerden (nervöser Reizmagen, Meteorismus, nervöse Darmbeschwerden)“, und in der Monographie der Kommission E [selbstständige, wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel – S.V.] wird auch das Lavendel-Bad zur Behandlung von funktionellen Kreislaufstörungen genannt.“ Bei dieser Vielfalt der Anwendungsbereiche ist es naheliegend, dass die Wahl der Arzneipflanze des Jahres 2020 durch den interdisziplinären Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg auf den Echten Lavendel (Lavendula angustifolia) fiel.

Hinweis:  Besteht bei der Verwendung von Lavendelblüten nach medizinischer Beratung eher Unbedenklichkeit, sollte beim Einsatz von Lavendelöl Vorsicht gelten, da durch eine Überdosierung deutliche gesundheitliche Beeinträchtigungen und Schädigungen auftreten.


                                                                                                Insektenfreundliche Blühpflanzenmischung mit Lavendel und Phlox in der Stadtbegrünung von Preetz (Schleswig-Holstein), Juli 2019                                                                                                                                                                                                                                         © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Kleine Lexikon der Gartenirrtümer von M. Breckwoldt geht auf die Kombination von Lavendel und Rose ein, die als Traumpaar der Blühpflanzenkombination gilt. Optisch mag das durchaus so sein, jedoch nicht mit Blick auf die benötigten Bodenverhältnisse. Zutreffend ist, dass die Nähe des Lavendels zur Rose bei letzterer den Befall minimiert bzw. ganz verhindert. Allerdings bevorzugen Rosen lockere, nicht zu trockene und nährstoffreiche Böden. Lavendel gedeiht hingegen gut auf durchlässigem, nährstoffarmem Untergrund, der auch sandig und steinig sein kann.

Tipp: Als Halbstrauch neigt der Lavendel zum Verholzen. Verlangsamen lässt sich dies, wenn er mindestens einmal bzw. zweimal (im Frühjahr vor dem Austrieb und nach der Blüte) geschnitten wird. Der Rückschnitt sollte allerdings nur erfolgen, wenn kein Frost mehr zu erwarten ist!


                                                                                               Lavendelbepflanzung im Parkbereich des Universitätsklinikums Magdeburg, April 2018 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die milden Winter und die schon im Frühling teils sommerlichen Temperaturen verfrühen die  Blütezeit des Lavendels. Sie beginnt inzwischen ab Ende April/Anfang Mai. Die teilweise sehr heißen, trockenen Sommermonate sind – für den natürlichen Lebensraum, die Land- und Forstwirtschaft, den eigenen Gartenbereich und uns Menschen besorgniserregend – fördern die Blühfreudigkeit des Lavendels als ursprüngliche Pflanze aus dem Mittelmeerraum. Der relativ hohe Nektargehalt des Lavendels lockt Schmetterlinge, Schwebfliegen, Honigbienen und die unterschiedlichsten Wildbienenarten an. So könnte Lavendel eine der Pflanzen sein, die einerseits den veränderten klimatischen Bedingungen künftig im wahrsten Sinne des Wortes gewachsen ist und sich andererseits  als eines von etlichen Gewächsen fungiert, die das Ökosystem als Nahrungspflanze für die wichtigen bestäubenden Insekten stärkt.  Und wenn am Geburtstag des Pioniers der modernen Imkerei Anton Janschau (*20.05.1734, +13.09.1773) am 20. Mai 2020 zum dritten Mal der Weltbienentag begangen wird, ist es auch eine  Blickschärfung, die zwar speziell der Honigbiene gilt, letztendlich jedoch Handlungsmotivation zur Schaffung von notwendigen Voraussetzungen für eine Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren sein soll.  


                                                                                                                   Lavendel als begehrte Nektarpflanze,  Juni 2019 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Gelegentlich werden die Herbes de Provence mit Lavendel in Verbindung gebracht. Hauptsächlich sind es Bohnenkraut, Rosmarin und Thymian, die die Basis der Kräutermischung bilden. Mitunter findet man die Ergänzung durch Lavendel in Kombination mit Majoran und Oregano. Kräuter der Provence erfahren eine noch umfänglichere Ausgestaltung mit Basilikum, Estragon, Fenchelsamen, Kerbel, Lorbeer oder Wacholder. Liebstöckel, Petersilie und Salbei, stellen eine weitere Variante der Erweiterung dar, sodass es keine regelhafte Zusammensetzung von Kräutern bei den Herbes de Provence gibt und folglich auch keine Stetigkeit bei der Verwendung von Lavendel.

Die nachfolgenden Zubereitungsanleitungen mit Lavendel wurden zum Originalrezept entsprechend der eigenen Erprobung stückweit abgewandelt.



Rezepte:

Bohnen-Lavendel-Creme

300 g gekochte weiße Bohnen (Dose),  ½ Bio-Zitrone, ½ Bio-Orange, 6 EL Olivenöl, 1 TL Rosmarinpulver, 2 TL getrockneter Lavendel, 1 Knoblauchzehe, Meersalz und Pfeffer aus der Mühle

Zubereitungszeit: ca. 15 Minuten

Zitrone und Orange mit einer Gemüsebürste in warmem Wasser reinigen, abtrocknen und nachtrocknen lassen. Knoblauch schälen und ganz fein würfeln. Den Lavendel im Mörser zerkleinern. Von der Zitrone den Schalenabrieb und den ausgepressten Saft von Zitrone und Orange zusammen mit Bohnen, Olivenöl, Rosmarin, Lavendel und Knoblauch in einen Mixbecher geben und mit dem Pürierstab zerkleinern, bis eine cremige Konsistenz erreicht ist. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und gut verrühren. In Schraubgläser gefüllt und im Kühlschrank aufbewahrt, hält sich die Bohnen-Lavendel-Creme ca. 1 Woche. Sie passt zu allem Gegrillten und auch als Aufstrich bei Brotchips und anderem knusprigem Brot. 



Aprikosen-Lavendel-Marmelade

 

1 kg reife Aprikosen, 3 Zweige frischer Lavendel, 1 Vanilleschote, 500 g Gelierzucker 3:1

Zubereitungszeit: ca. 30 Minuten  (zuzüglich 12 h Durchziehzeit)

Die Aprikosen waschen, abtrocknen, entkernen und vierteln. Die Blätter von den Lavendelzweigen streifen und etwas hacken. Die Vanilleschote aufschneiden, das Vanillemark mit einem Teelöffel herauskratzen und zu den Aprikosenstücken geben. Alle Zutaten in einen ausreichend großen Edelstahltopf schütten und über Nacht, kühlgestellt, durchziehen lassen.
Am nächsten Tag alles mit einem Pürierstab auf die gewünschte Konsistenz zerkleinern und anschließend allmählich erhitzen. Die Masse aufkochen und 3 Minuten sprudelnd kochen lassen. Die Marmelade in heiß gespülte Schraubgläser füllen. Zum Auskühlen die Gläser beiseite stellen.

 

Sommerkräutertrunk

 

Wer dem Geschmack von Lavendel eher skeptisch gegenübersteht, sollte sich diesem zuerst in einer Mischung aus frischen Gartenkräutern, z. B. in einem Apfelsaftgetränk, nähern. Von Kindern wird der Trunk in eigener Zubereitung sehr gemocht (Kräuterernte und Aufbereitung; die Blättchen werden nach dem Waschen mit den Händen in kleine Stückchen zerzupft und in den Saft gegeben). Die Durchziehzeit lässt sich gut im Garten mit Pflanzenmärchen und Kräuterfantasiegeschichten sowie Kräutermemory mit echten Pflanzenteilen oder selbst bestückten Riechdosen spielerisch füllen.

 

1,4  l naturtrüber Apfelsaft, 3 Blätter frischer Lavendel, 10 Blätter Pfefferminze, 1 Zweig Zitronenthymian, ein 1 cm langes Zweigstück Rosmarin, 10 Blätter Zitronenmelisse, 2 Fiederblätter Süßdolde, 3 Blätter Monarde (Indianernessel), 1 Bio Limette, 1 Bio-Zitrone (Kräuter variierbar!)

Zubereitungszeit: ca. 10 Minuten (zuzüglich 1 h Durchziehzeit)

Die noch nicht blühenden, frisch geernteten Kräuter waschen und gut trockenschütteln. Limette und Zitrone mit einer Gemüsebürste unter warmem Wasser reinigen und abtrocknen. Apfelsaft in einen Edelstahltopf gießen und die feinzerzupften Kräuter hineingeben. Zitronen und Limette in dünne Scheiben schneiden und mit in den Topf legen. Alles mit einem Löffel im Saft vermengen, zugedeckt ca. 1 Stunde durchziehen lassen. Getränk durch ein Edelstahlsieb in ein Ausschankgefäß gießen!


Literatur:

 

M. Breckwoldt, Kleines Lexikon der Gartenirrtümer, 2. Auflage (Frankfurt am Main 2010) 97–98.

K. Brown, Blüten-Kochbuch. Die schönsten Rezepte für Blüten zum Reinbeißen und Tipps zum Anbau (München 2000) 26, 32, 100–103.

A. Eder – D. Peters – M. Römer, Wildbienenhelfer. Wildbienen und Blühpflanzen (Rheinbach 2018) 150–151.

H. Evans – G. Nicol, Mein Kräuterkörbchen. Die besten Ideen und Rezepte für Lavendel, Liebstöckel und Zitronengras (Rastatt 1996) 10–15, 20–21, 27–31, 40–42, 46–48, 50–59.

J. Mc Vicar, Eßbare Blüten. Rezepte für Genießer. Mit Tips für den richtigen Anbau (München 1998) 74–77, 138–147.

M. Pahlow, Das grosse Buch der Heilpflanzen. Gesund durch die Heilkräfte der Natur (München 2006) 205–206. 

T. Ruppel – S. Vogel, Rezeptblatt: Kräuter im Topf – Kochen um den Kräutergarten, Klassische Gewürze 2: Aromatische Sommerkräuter (Ummendorf 2005) 4.

F. Tegetthoff, Kräutermärchen. Lavendel, 6. Auflage (München 2004) 81–88.

N. Vermeulen, Illustrierte Kräuter-Enzyklopädie (Eggolsheim o. J.) 165–168.

H. Winkler – R. M. Bachmann – B. Kofler-Bettschart, Heinz Winklers Heilpflanzen für Genießer. Die natürliche Gourmetküche (Ostfildern 2006) 105 – 109.

https://www.chefkoch.de/rezepte/1275771232973260/Bohnen-Lavendel-Creme.html (15.04.2020).

https://www.chefkoch.de/rezepte/693931171961722/Aprikosen-Lavendel-Marmelade.html

(15.04.2020).








KräuterZeit April 2020

Echtes Lungenkraut (Pulmonaria officinalis)

                                                                                            Blühendes Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Am Waldrand, im Bereich von Hecken, auf Wiesen und Auwaldflächen sowie gelegentlich  in heimischen Gärten ist das Echte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), auch Geflecktes Lungenkraut genannt,  zu finden. Es blüht im zeitigen Frühjahr. Die Pflanzen sind eher unscheinbar, da die Blüten zwar zahlreich, doch klein und trichterförmig sind und die Stängel meist nur zwischen 10 und 20 cm in die Höhe ragen. Auffallend ist, dass an einem Stängel gleichzeitig Blüten in den Farben Rosé/Pink und Blau-Violett vorkommen. Schaut man täglich einmal auf die sich entwickelnden Blütenknospen, sieht man, dass die Blüten, wenn sie sich öffnen, zuerst  rosafarben sind. In den Folgetagen findet ein Farbwechsel zu Blau-Violett statt. Umgangssprachlich wird dieses gleichzeitige Vorhandensein von zwei Farben als »Hänsel und Gretel«, »Schwesterchen und Brüderchen« oder auch als »Adam und Eva« bezeichnet. Dies hat nach Literaturangaben mit einer ph-Wert-Änderung der Blüten zu tun und ist eine Erscheinung der Pflanzenfamilie Raublattgewächse (Boraginaceae), die u. a. auch bei Boretsch/Borretsch, Natternkopf und blauroter Steinsame vorkommt.

Das Echte Lungenkraut besitzt zudem eine charakteristische Blattzeichnung, die oft erst beim zweiten Blick auffällt, für die Pflanze allerdings markant ist. Diese gefleckten Blätter sind namensgebend für das Gewächs: Lungenkraut. Bei etwas Fantasie lässt sich ein Lungenflügel mit Lungenbläschen darin sehen. Die silbrig-weißen Flecken auf der Blattoberfläche werden mit Lungenbläschen gleichgesetzt.

                                                                                            Lungenkrautblatt mit typischen hellen Flecken © Foto S. Vogel                                                                                                                                                                                                                                                                                                           BMBU – Landkreis Börde


Dieses besondere Aussehen führte dazu, dass der Pflanze bereits im Mittelalter Heilkraft bei Atemwegs- und Lungenerkrankungen zugesprochen wurde. Die Kräuterkundige Hildegard von Bingen (1098–1179) beschreibt im Lehrbuch »Causae et Curaedie« die Verwendung des Krautes bei Lungenleiden als Abkochung mit Wasser als Tee und die Bereitung eines Lungenkrautweines. Auch bei Erkrankungen der Verdauungsorgane wurde es empfohlen.

Nach dem Prinzip »Gleiches helfe Gleichem« stellte man die Verbindung zwischen dem Aussehen einzelner Pflanzenteile und der Entsprechung zu den menschlichen Organen her und leitete davon die Heilkraft für das jeweilige Organ ab. Zu diesen Pflanzen zählen zum Beispiel auch Leberblümchen und Augentrost. Im Rahmen der Signaturlehre entstand ein komplexes Betrachtungsbild der einzelnen Komponenten/Signaturen. Schon die alten Ägypter kannten die Lehre der Signaturen zur Ermittlung von Heilmitteln, doch erst Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, Schweizer Arzt, 1493/94–1541) schrieb sie sorgfältig auf und machte sie einem breiten Publikum zugänglich.

»Um die Signaturen zu verstehen, werden astrologische Eigenschaften hinzugezogen, die im mittelalterlichen Weltbild die Welt einteilen und erklären. Die Begründung dafür ist, dass alles zusammenhängt, dass der Makrokosmos mit dem Mikrokosmos korrespondiert. Das heißt, man kann am Stand der Sterne und Planeten ablesen, was auf der Erde aktuell wichtig ist. Im Himmel sieht man die gleichen Prinzipien der Welt, wie im Pflanzenreich und bei den Menschen. … Aus moderner wissenschaftlicher Sicht ist diese Lehre natürlich haltlos, doch hat sich herausgestellt, dass viele Erkenntnisse der Signaturlehre in der Praxis zutreffen.« http://www.heilkraeuter.de

In Europa ist Lungenkraut heimisch. Die Ausdehnung reicht von Mittelschweden bis Mittelitalien und Mittelrussland. Auch im Süden Russlands ist es zu finden. Es handelt sich beim Echten oder Gefleckten Lungenkraut um eine mehrjährige Wildstaude, die sich durch Teilung der Rhizome in handtellergroße Stücke gut vermehren lässt. Auch Aussaat ist möglich.

Sucht man heutzutage in modernen oder auch in den ca. 100 bis 130 Jahre alten Kräuter- und Heilpflanzenbüchern sowie Encyklopädien  nach Lungenkraut wird man meist nur kurz über die Pflanze informiert bzw. sie ist gar nicht verzeichnet.  In Meyers Konvensations-Lexikon aus dem Jahr 1889 gibt es einen knappen Eintrag unter dem Stichwort Pulmonaria:

»Pulmonaria …(Lungenkraut), … ausdauernde, rauh- oder weichhaarige Kräuter mit großen, gestielten Grundblättern, wenigen und kleinern Stengelblättern und blauen oder purpurnen Blüten in beblätterten, wickeligen Blütenständen und schief eiförmigen, glänzenden Nüßchen, zwölf Arten in Europa und Asien. P. officinalis L., in den Wäldern Deutschlands, … ward früher bei Heiserkeit und leichten Hals- und Brustentzündungen verwendet.«

Vor rund 130 Jahren wird also bereits in der Vergangenheitsform: »ward früher … verwendet« über die Nutzung des echten Lungenkrautes geschrieben. Vermeintlich besser wirkende Heilkräuter wie  Salbei (Salvia officinalis), Thymian (Thymus vulgaris), Rosmarin (Rosmarinus officinalis) und Efeu (Hedera helix) erlangen künftig mehr Popularität, auch Modewellen und die Möglichkeit, Krankheiten mit Antibiotika zu bekämpfen (1941 erste Behandlung mit Penicillin), dürften zu einer Bedeutungsverschiebung beigetragen haben. Im heutigen Arzneimittelgesetz (AMG) ist verzeichnet: »Lungenkraut erhielt bisher keine Einstufung als traditionelles Arzneimittel im Sinne des § 39a      AMG.« Die Inhaltsstoffe des Lungenkrautes, zu denen als wichtigste zählen:  Flavonoide (hauptsächlich Kampferöl und Quercetin), bis zu 15 % Mineralstoffe, darunter bis zu 3% Kieselsäure, Schleimstoffe, Saponine, Allantoin und Gerbstoffe und Vitamin C.

Auch in Veröffentlichungen der zurückliegenden 30 Jahre zu essbaren Wildpflanzen wird das Echte Lungenkraut zwar aufgeführt, jedoch ohne besonderen Stellenwert. Es ist hin und wieder von der Nutzung der zarten Blätter und der frischen Blüten für Salat- oder Gemüsezubereitungen zu lesen. Die botanische Zuordnung zu den Raublattgewächsen ist beim Anfassen des Pflanzenstängels und der Blätter und beim Rohverzehr auch im Mund nachempfindbar. Meist kennt man das Gefühl beim frischen Verzehr von Boretsch/Borretsch. In Zubereitungen mit einer Salatsauce kommt eher der angenehme Geschmack zum Tragen. Unbedingt zu beachten bleibt, dass beispielsweise das Schmalblättrige Lungenkraut (Pulmonaria angustifolia) und das Weiche Lungenkraut (Pulmonaria mollis) als Wildkräuter schon den Status der Bestandsgefährdung aufweisen, sodass eine sog. Wildsammlung untersagt ist.

Heutzutage werden u. a. das Handelserzeugnis  Lungenkrautwein nach der Rezeptur von Hildegard von Bingen, Lungenkrauttees, Kräuterteemischungen (Der Anteil von Lungenkraut darf laut Vorschrift nicht mehr als 5 g auf 100 g Teemischung betragen.) und Tinkturen beworben. Die pflanzliche Heilkunde erlebt seit einigen Jahren einen neuerlichen Aufschwung, so auch die Verwendung des Echten Lungenkrautes, bleibt jedoch in der Anwendung umstritten. Im Internet finden sich inzwischen etliche Nutzungs- und Zubereitungsanleitungen, die allerdings nicht ohne kritische ärztliche Einschätzung zu übernehmen sind, wenn es um die Behandlung von Krankheiten geht.

Löst man sich in der Betrachtung von der heilkundlichen Bedeutung und der essbaren Verwendung, lässt sich, aktuell betrachtet, das Potenzial für zwei ganz andere wichtige Bereiche des Echten Lungenkrautes hervorheben. In Verbindung mit der auffallenden Verringerung der Insekten und den klimatischen Veränderungen kann auch das Lungenkraut einen Beitrag zum Erhalt unseres Lebensraumes leisten.  Die Sommer 2018 und 2019, letzterer der heißeste seit Beginn der offiziellen Wetteraufzeichnungen der Wetterdienste seit 1881, gingen mit extremen Wettererscheinungen einher, von Trockenheit bis hin zu Starkregen.

 Um das Austrocknen der Böden zu minimieren und sie vor Abtragung durch starken Wind und Regen zu schützen, kann man zumindest in Parks, bei Ortsbegrünungen und in naturnahen Gärten auf den Bewuchs mit Bodendeckern zurückgreifen. Auch das Lungenkraut ist dazu geeignet, oft vergesellschaftet mit anderen Pflanzen. Und wichtig dabei: Dies ist eine Variante des Bodenschutzes mit einem wesentlichen zusätzlichen Effekt. Durch die  Ansiedlung von möglichst vielen Wildpflanzen wird auch für die notwendige Pollen- und Nektarquelle besonders für Wildbienen geschaffen. Meist sind sie einzeln (solitär)lebend anzutreffen wie zum Beispiel die Frühlings-Pelzbiene (Antophora plumipes). Bereits bei Temperaturen ab 3° C fliegen die Pelzbienen aus und benötigen dementsprechend die frühen pollenreichen Pflanzen. Ebenso ist dies bei Hummeln. Auf Honigbienen hingegen trifft man meist erst ab ca. 12° C. Doch auch sie sind bei konstant milden Temperaturen sammelnd zu sehen.


                                                                                            Fingernagelgroße Wildbienen finden in den Blüten des Lungenkrautes wichtige erste Nahrung                                                                                                                                                                                                                                                                                                  des Frühlings.  © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

                                                                                                                           Hummel auf Futtersuche im März © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Hinweis:

Bei Meerschweinchen sollte auf das Füttern von Lungenkraut verzichtet werden, da diese einen sensiblen Stoffwechsel haben und einige Kultur- und Wildpflanzen nicht oder nur bedingt geeignet sind.

Wer gerne experimentiert und die geschmackliche Vielfalt der Wildkräuter in Zubereitungen mag, der findet möglicherweise im Rezept, der in Anlehnung an die Neun-Kräuter-Suppe (Gründonnerstagssuppe) aufgeschriebene Variation, eine passende Anregung mit besonderen Geschmacksnuancen. Bei der Auswahl der Wildkräuter richtet man sich nach den Gegebenheiten. Wichtiger sind Kräuterkenntnis und das Suchen auf möglichst schadstofffreien Wuchsflächen, besser noch auf einem naturnahen Areal im eigenen, ökologisch bewirtschafteten Garten. Auch mit weniger unterschiedlichen Wildpflanzen schmeckt die Suppe.


Rezept:

Vorösterliche Wildkräutersuppe

6 mittelgroße mehligkochende Kartoffeln, 4 kleine Möhren, 1 ca. 2 cm dicke Scheibe Sellerie, 2 mittelgroße Zwiebeln, 2 Handvoll frische Wildkräuter (so wie verfügbar z. B. Bärlauch, Giersch, Brennnessel, Löwenzahn, Vogelmiere, Sauerampfer, Spitzwegerich, Schafgarbe und Lungenkraut), 1 Handvoll Wildkräuterblüten (z. B. von Gänseblümchen, Märzveilchen, Löwenzahn, Bärlauch und Lungenkraut), 3 Bärlauchzwiebeln, 1 Prise Muskat (frisch gerieben/gemahlen), 2 EL Rapsöl, 1 EL Dinkelmehl, 1 ½ l frisch gekochte Gemüsebrühe (für die Brühe: 2 Liter Wasser, 2 Möhren, ½ Porree, ¼ Sellerie, ½ Kohlrabi, 1 Petersilienwurzel, 2 Zwiebeln, 4 Tomaten, 1 Lorbeerblatt, 6 Pimentkörnern,  1 gehäufter TL Salz) oder Instant-Brühe, 2 Scheiben Roggenbrot, 1 EL Rapsöl

Zubereitungszeit: ca. 60 Minuten

Kartoffeln, Möhren, Sellerie, Petersilienwurzel und Zwiebeln schälen und würfeln. Von allen Gemüsen je einen Esslöffelvoll abnehmen. Den anderen Teil mit der Gemüsebrühe in einem Topf zum Kochen bringen und ca. 20 Minuten leicht köcheln lassen. In einer Pfanne das Rapsöl erhitzen und das gewürfelte Gemüse und die in Scheiben geschnittenen Bärlauchzwiebeln darin ca. 5 Minuten anbraten, das Dinkelmehl darübersieben, verrühren und weitere 5 Minuten bei geringer Wärmezufuhr bräunen. Das angebratene Gemüse mit in die Suppe geben, etwa 10 Minuten garen. Die frisch geernteten Wildkräuter und Blüten unter fließendem Wasser abbrausen, trocken schütteln und mit einem Messer oder einer Kräuterschere fein zerschneiden bzw. die Blütenblätter abzupfen. Die Gemüsesuppe vom Herd nehmen, etwas abkühlen lassen und dann die festen Bestandteile in einem Sieb durchrühren. Das Püree in die Brühe geben, mit einem Schneebesen gut verrühren, mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss abschmecken und die Suppe nochmals heiß werden lassen. Das Roggenbrot in kleine Würfel schneiden und in einer heißen Pfanne mit Rapsöl anbraten. Die knusprigen Croutons auf Küchenpapier etwas entfetten. Die geschnittenen Kräuter ca. 15 Minuten vor dem Servieren in die Suppe geben und darin nur durchziehen lassen. Beim Anrichten einen ½ Teelöffel voll Blüten in die Suppenschale geben, die Suppe auffüllen und obenauf Blüten und Croutons streuen.

 

Literatur:

 

A. Eder – D. Peters – M. Römer, Wildbienenhelfer. Wildbienen und Blühpflanzen (Rheinbach 2018).

S. G. Fleischhauer - J. Guthmann - R. Spiegelberger, Essbare Wildpflanzen (Augsburg 2011) 72.                                                                                                                                                                                                                                            E. Hohenberger, Gewürzkräuter und Heilpflanzen, 3. Auflage (München 2002) 75.                                                                                                                                                                                                                                     Meyers Konversations-Lexikon. Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens, vierte, gänzlich umgearbeitete Auflage, Band 13 (Leipzig 1889) 457.                                                                                                                                                                                                                                    M. Pahlow, Das grosse Buch der Heilpflanzen. Gesund durch die Heilkräfte der Natur (München 2006) 218.R. Phillips - N. Foy, Kräuter (München 1991) 95.                                                                                                                                                                                                                                                                           Praktischer Hausschatz der Heilkunde. Mit einem Vorwort von Sanitätsrat Dr. med. Paul Bergmann (Leipzig o. J.[ca. 1920er-Jahre S.V.]) 12.                                                                                                                                                                                                                             https://www.tierarztpraxis-erkrath.de/media/Fuetterungsempfehlungen-Meerschweinchen.pdf?m=1541346195& (16.03.2020).                                                                                                                                                                                                         https://www.arzneipflanzenlexikon.info (17.03.2020).                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      https://www.chefkoch.de (17.03.2020).                                                                                                                                                                                                                   https://www.heilkraeuter.de (16.03.2020).                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             https://www.mein-schoener-garten.de (17.03.2020).                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        https://www.tierarztpraxis-erkrath.de/media/Fuetterungsempfehlungen-Meerschweinchen.pdf?m=1541346195& (16.03.2020).

 







KräuterZeit März 2020

Schlehdorn (Prunus spinosa)

 

                                                                                                                            Blühender Schlehdorn (Prunus spinosa) mit Knospen und geöffneten                                                                                                                                                                                                                                                                                      Blüten, am Ökoteich in Ummendorf © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Ein weißes Blütenmeer – an blühende Pflaumenbäume oder Weißdorn erinnernd, zeigt sich immer häufiger schon Ende März/Anfang April an Wandrändern und in den Randstreifen von Streuobstwiesen. Der ausbleibende Winter mit Minusgraden und Schnee verfrüht Baumblüte und Fruchtreife, so auch bei der Schlehe/dem Schlehdorn (Prunus spinosa), wie das Gewächs regulär heißt. Die Schlehe ist ein Steinobst, mit der Pflaume verwandt. Sie gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Im Unterschied zum blühähnlichen Weißdorn (Crataegus), treibt die Schlehe zuerst ihre weißen Blüten aus und es wachsen erst nachfolgend die Blätter. Auffallend auch die langen Sprossdorne, die zum Schutz vor Fressfeinden dienen. Die Vermehrung des Schlehdorns erfolgt über Samen und Schösslinge der Wurzeln. Letzteres sorgt dafür, dass Schlehen zu sog. Wurzelkriechpionieren werden, die beispielsweise Trockenhänge bewachsen und einen heckenartigen Bewuchs bilden. Was sich als Lebensraum für Tiere als vorteilhaft zeigen kann, bedeutet mitunter das Verdrängen einer vorhandenen Pflanzenvielfalt. Ingenieurbiologische Bedeutung besitzen Schlehen ebenfalls durch ihr verzweigtes, sich flächenmäßig ausbreitendes Wurzelgeflecht. Sonnige Standorte und kalkhaltige Böden werden von den Schlehen bevorzugt. Vergesellschaftet sind sie zusammen mit Weißdorn, Hasel, Wacholder, Wildrose und Berberitze anzutreffen.

Trotz unterschiedlicher Einsatzbereiche und der sowohl historischen als auch aktuell  Relevanz hat Schlehdorn eher einen spezifischen Bekanntheitsgrad, der sich mit der jeweiligen Nutzung verbindet. Dabei reicht seine Verbreitung von Europa über Vorderasien  bis zum Kaukasus und Nordafrika sowie erstreckt sich zudem über Gebiete in Nordamerika und Neuseeland. Wahrnehmung und Wissen über die Verwendung des Schlehdorns sind erst allmählich wieder im Wachsen begriffen.

Heilkundlich sind Blüten, Rinde und Früchte relevant. Fiebersenkende, magenstärkende, entzündungshemmende, zusammenziehende (astringierende), harntreibende und verdauungsfördernde Eigenschaften werden dem Gewächs zugeschrieben. Das Holz hat im Inneren eine rötlich-braune Färbung und ist sehr hart, was auch bei der Fertigung von Spazierstöcken genutzt wurde und wird.

Schlehen zählen bei den Wildsträuchern zu den wichtigen Nahrungspflanzen für Schmetterlinge, Raupen, Falter, Käfer und Vögel gleichermaßen. Die Nutzung in der Tierwelt beginnt mit der zeitigen Schlehenblüte im März/April und dem reichlich vorhandenen Pollen und Nektar, der für ca. 20 Wildbienenarten Futter bietet. Und erstreckt sich bis zu den Blättern, die für einige Spannerraupen wichtige Nahrungspflanzen sind wie beispielsweise für die Raupen des gefährdeten Grauen Laubholz-Dickleibspanners (Lycia pomonaria), des Gebüsch-Grünspanners (Hemithea aestivaria) und des stark gefährdeten Schwalbenwurz-Kleinspanners (Scopula umbelaria). Die Früchte sind ebenfalls Nahrung für etliche Vogelarten, angefangen bei Meisen bis hin zu Grasmücken. Und selbst das Strauchwerk der Schlehen bietet für Strauchbrüter wie z. B. den Neuntöter einen bedeutsamen Lebensraum.

Die Verwendung der Zweige reicht bis in den Bereich der mittelalterlichen Tintenbereitung sowie bei Gradierwerken seit dem 17. Jahrhundert, in denen mithilfe von Reisigbündeln des Schwarzdorns, wie der Schlehdorn in diesem Kontext genannt wird, die Salzkonzentration der Sole erhöhte wurde.

 

                                                                          Schlehdornzweige, mit Rinde und geschält                                                                                                                                                                                                                                                                                                               © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das I. Buch des Traktats »De diversis artivus – Von den verschiedenen Künsten«, welches  um 1100 von einem Mönch namens Theophilus verfasst wurde, beinhaltet auch Rezepte für die Bereitung von Tinte aus unterschiedlichen Ausgangsmaterialien. Eine Variante ist die Verwendung von Rinde der Schlehdornzweige.

Die Übersetzung aus dem Lateinischen lautet:

»XXXVIII. Von der Tinte (Erl. 2.6.3.) Wenn du Tinte (incaustum) machen willst, schneide dir im April oder Mai Zweige vom Dornbusch ab, ehe sie Blüten oder Blätter treiben. Binde sie zu kleinen Bündeln zusammen, lasse sie zwei, drei oder vier Wochen im Schatten liegen, bis sie ziemlich ausgetrocknet sind. Dann brauchst du Holzhämmer, mit denen du auf einem harten Holz(-klotz) selbige Dornzweige zerklopfst, bist du die Rinde überall abgelöst hast, die du sofort in ein mit Wasser gefülltes Faß schüttest. Hast du zwei, drei, vier oder fünf Fässer (mit Rinde) gefüllt, laß sie acht Tage lang stehen, bis das Wasser all den Saft der Rinde aufgenommen hat.

Dann fülle selbiges Wasser in einen ganz sauberen Topf oder in eine Pfanne, stelle dies (Gefäß) auf das Feuer und erhitze es. Wirf trotzdem noch etwas von den Rinden in den Topf, damit auch das, was noch an Saft zurückgeblieben ist, herauskocht. Und wenn du sie einige Zeit gekocht hast, nimm sie heraus und fülle wiederum andere hinein. Ist das fertig, koche das verbliebene Wasser bis auf ein Drittel ein, und gieße es aus selbigem Gefäß in ein kleineres, und koche es so lange, bis es dunkel wird und einzudicken beginnt. Achte unbedingt darauf, daß du nicht irgendwelches (klares) Wasser zusetzt, sondern nur solches, das mit dem Saft gemischt ist.

Wenn du siehst, daß es eingedickt ist, füge ein Drittel reinen Wein zu, fülle es in zwei oder drei frische Töpfe und koche es so lange, bist du siehst, daß sich an der Oberfläche gewissermaßen eine Haut bildet. Nimm dann selbige Töpfe vom Feuer, stelle sie an die Sonne, bis sich die dunkle Tinte von dem roten Bodensatz trennt. Nimm dann sorgfältig vernähte Pergamentsäckchen oder -blasen, gieße die reine Tinte hinein, und hänge sie in die Sonne, bis (die Tinte) ganz trocken ist.« 

Nach dieser Rezeptur bereitete Museumsmitarbeiter und Restaurator A. Schnitzer Tinte aus Schlehdorn, die von ihm an seinem Mittelalterstand zum Historischen Handwerkermarkt des Börde-Museums Burg Ummendorf in den Arbeitsschritten dargestellt und erklärt wurde.

 

                                                                                                                  Eingeweichte Schlehdornrinde, Auszug aus der Rinde, fertige braune Tinte –                                                                                                                                                                                                                                                                         in flüssiger und fester Form (v.l.n.r.) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

                                                                                                              Schriftprobe mit Schlehdorntinte © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Wurde die Methode der Reinigung der Sole und der Erhöhung der Salzkonzentration zur Wirtschaftlichkeit durch Gradierwerke im 19. Jahrhundert mehr und mehr abgelöst, so sind Teile dieser Anlagen heute noch für therapeutische Zwecke im Einsatz. Denn es gibt den zusätzlichen Effekt, dass beim Herabtropfen des salzhaltigen Wassers am stark verzweigten Reisig des Schwarzdorns die Oberfläche der Tropfen vergrößert wird.

»Durch den Einfluss von Sonne, Wind und trockener Luft verdunstet das Wasser und die Salze reichern sich in der Lösung an. Bei dem Herabtropfen setzen sich Gips und Eisenverbindungen an den Schwarzdornzweigen als kristalline Niederschläge an. Dieser sogenannte „Dornstein“ umhüllt immer mehr die einzelnen Zweige. Durch die feine Zerstäubung der Sole herrscht in der Nähe der Gradierwerke ein der Nordseeluft ähnliches Mikroklima, welches bei der Behandlung von Atemwegserkrankungen hilfreich ist.«

59 Gradierwerke sind für Deutschland aktuell gelistet, davon drei in Sachsen-Anhalt, mit den Standorten Schönebeck, Bad Kösen und Bad Dürrenberg. Das heutige Solebad und Gradierwerk Schönebeck-Salzelmen geht zurück auf die historische Anlage Bad Elmen, die vor dem Ersten Weltkrieg als Königliches Soolbad Elmen betitelt wurde. Das bestätigt älteste Soleheilbad Deutschlands gehört heutzutage zum Solepark Schönebeck im Kurpark von Bad Salzelmen.

 

                                                                                                               Ansichtskarte vom Gradierwerk Bad Elmen, um 1920 (Inv.-Nr. BMBU 2009-1505)                                                                                                                                                                                                                                                                    © Scan S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Gradierwerk war ursprünglich zwischen 1756 und 1765 zum Zwecke der Erhöhung des Salzgehaltes der Sole aus den Elmener Solequellen errichtet worden. Die Anfangslänge von 1332 Metern wurde in jenen Jahren auf fast zwei Kilometer Länge (1837 Meter) baulich erweitert. Es galt als das in seiner Ausdehnung längste gebaute Gradierwerk. Der Schönebecker Salzschacht, der im 19. Jahrhundert entstand – in Verbindung mit dem nun möglichen Spritzverfahren zur Solegewinnung im Untertagebau – ließ die Bedeutung des Gradierwerkes schwinden. Dies galt aufgrund der technischen Neuerungen generell für die Gradieranlagen. Die heutige Ausdehnung des Gradierwerkes im Kurpark von Salzelmen, welches ausschließlich der Freiluftinhalation dient (Sole wird dazu aus einem Tiefbrunnen über das Schwarzdornreisig verrieselt), beträgt nur noch 300,4 Meter. Dies ist gerade ein Sechstel der früheren Maximallänge.

In Bad Kösen ist bis heute die bautechnische Leistung einer hölzernen Anlage zur Kraftübertragung zu sehen und in Betrieb, auch wenn die Verrieselung der Sole über das Schwarzdornreisig heutzutage ausschließlich für Atemwegsbehandlungen in der Kuranlage genutzt wird.

»Vom Wasserrad einer Mühle an der Saale wurde über ein hölzernes, 180 m langes so genanntes Kunstgestänge, die Wasserkraft mechanisch zum Solschacht übertragen. Dieser liegt auf einem Berg und pumpte mit der von der Saale übertragenen Kraft aus einem 175 m tiefen Schacht die 5-prozentige Salzsole in das untere Becken des Gradierwerks. Dort wurde mittels eines weiteren Gabelgestänges eine Pumpe angetrieben, welche die Sole nochmals auf das 20 m hohe Gradierwerk hob. «

Betrug in Bad Dürrenberg die Höhe der Gradierwerkswände lediglich 12 Meter, lassen sich auch hier Besonderheiten benennen. Es gab ursprünglich 5 Gradierwerksbauten, von denen noch die Anlagen I bis III mit den dazugehörigen Verbindungsbauten erhalten sind.

»Mit über 636 m Länge verfügt Bad Dürrenberg über die längste zusammenhängende erhaltene Gradieranlage in Deutschland überhaupt. Darüber hinaus ist ihr einzigartiger Wert darin zu sehen, dass die Gradiergebäude in konstruktiver Hinsicht noch weitestgehend die Authentizität vom Beginn des 19. Jahrhunderts bewahrt haben. Im Vergleich zu allen anderen erhaltenen Gradierwerken wurden die Bad Dürrenberger nie für die Anforderungen der Kurinhalation umgestaltet. Die Authentizität gilt besonders für die hier noch erhaltenen, typisch sächsischen (Senffsche Bauart) und für die typisch altpreußischen Konstruktionsmerkmale (Colberger Bauart). Auch die Soleverteilungsanlagen auf den Gradierwerken stellen beachtliche technische Leistungen des 18./19. Jahrhunderts dar. «

In Vorbereitung der Landesgartenschau 2022 in Bad Lauterberg  werden nun 100 Meter der maroden Holzkonstruktion und die Bestückung mit Schwarzdorn ausgewechselt.

 

                                                                                           Die pflaumenähnlichen Schlehen-Früchte, Streuobstwiese in Ummendorf                                                                                                                                                                                                                                                                             © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Saft, fruchtige Brotaufstriche, Gelee und Likör sind die häufigsten Produkte, die aus Schlehenfrüchten entstehen. Die Kombination von Schlehen mit den Gewürzen Zimt und Vanille sowie Kaffeebohnen und Anis gibt eine besondere Geschmackskomponente. Wer Anis nicht so mag, kann diesen auch weglassen und erhöht die Schlehenmenge auf 300 g.

 

Hinweis:

Schlehen entfalten erst nach der Einwirkung der ersten Fröste ihr angenehmes Aroma. Durch Lagerung der schon vorher gepflückten Früchte im Gefrierschrank (flach ausgebreitet) kann derselbe Effekt erzielt werden.

 

Rezept:

Patxarán (baskischer Schlehen-Anis-Likör)

200 g Schlehen, 1,4 l weißer Rum, 400 g braunen Kandis, 20 Kaffeebohnen, 1 Zimtstange, 1 Vanilleschote, 3 EL Anis-Samen

Zubereitungszeit:  ca. 10 Minuten (zzgl. Standzeit von ca.  40 Tagen)

Die Schlehen waschen und mit den Anissamen, der durchgebrochenen Zimtstange und der aufgeschnittenen Vanilleschote sowie dem Kandiszucker und den ganzen Kaffeebohnen in ein größeres Schraubglas geben. Den weißen Rum auffüllen. Das Glas zuschrauben. Den Ansatz mindestens 4 Wochen bei Zimmertemperatur stehen lassen. Einmal wöchentlich das verschlossene Glas schütteln.


Literatur:

E. Brepohl, Theophilus Presbyter und das mittelalterliche Kunsthandwerk. Band 1, Malerei und Glas (Köln, Weimar, Wien 1999), 79.

S. G. Fleischhauer, Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen. 1500 Pflanzen Mitteleuropas mit 400 Farbfotos (Aarau und München 2003) 270.

M. Pahlow, das grosse Buch der Heilpflanzen (München 2006) 280–281.

M. Pahlow, Heilpflanzen. Sanfte Behandlung von Alltagsbeschwerden, 2. Auflage (Stuttgart 2009) 262–263.

W. Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland. 20. Auflage (Heidelberg/Berlin 2011) 478.

V. Trost, Skriptorium. Die Buchherstellung im Mittelalter (Stuttgart 1991) 21.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gradierwerk_(Schönebeck) (17.02.2020).

https://www.chefkoch.de/rezepte/2038161330184814/Patxaran.html (18.02.2020).

https://badduerrenberg.eu/Gradierwerk(2-10).html (21.02.2020).

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/saalekreis/abriss-am-gradierwerk-bad-duerrenberg-begonnen-100.html (21.02.2020).

https://www.quermania.de/sachsen-anhalt/ausflug/saline-bad-koesen.php (21.02.2020).






KräuterZeit Februar 2020

Baumwolle

Botanische Namen :

Gossypium herbaceum  Levante Baumwolle, Anbau in Indien, China, Pakistan

Gossypium arboreum    Baumartige Baumwolle, Tree Cotton,  Anbau in Asien

Gossypium hirsutum      Hochland Baumwolle, Anbau in Amerika, Afrika

Gossypium barbadense Sea Island Baumwolle, Peru, Ägypten, Indien

Im letzten Jahr wagten wir uns hier, im Kräutergarten des Börde- Museums Burg Ummendorf, zum ersten Mal an den Anbau von Baumwollpflanzen.

Diese Art ist ursprünglich in den Tropen und Subtropen beheimatet. Die Hauptanbaugebiete sind Indien, China, die Türkei, Kirgisien, die USA sowie viele afrikanische Länder südlich der Sahara. Indien und China sind die weltweit größten Produzenten mit jeweils 6 Millionen Tonnen Baumwolle pro Jahr. Heute beträgt der Anteil der Baumwolle etwa ein Drittel von allen Textilfasern.

Die Baumwolle ist eine der ältesten Kulturpflanzen unserer Welt. Der Mensch kleidete sich schon vor sehr langer Zeit mit ihr. Man fand in einer mexikanischen Höhle Baumwollstoffe, deren Alter auf 7000 Jahre geschätzt wurde. Auf anderen Kontinenten wie Asien oder Afrika wurde die Pflanze schon sehr früh von einer Wildpflanze zu einer Kulturpflanze gezüchtet. Wahrscheinlich wurde die Baumwolle also von 4 Völkern unabhängig voneinander domestiziert. Daher stammen auch die 4 verschiedenen botanischen Namen, siehe dazu auch die oben aufgeführten Benennungen. Es gibt über 290 Sorten der Baumwolle, die bis zu 300 cm hoch werden. Doch nur die 4 oben genannten Sorten kommen als Rohstofflieferanten in Frage. Es werden oft niedrig wachsende, windresistente Sorten angebaut und durch Züchtung entstanden aus den Wildformen die heute langfaserigen Nutzarten.

In Europa setzte sich die Baumwolle erst im 18. Jahrhundert durch, wo sie hauptsächlich den Lein als Textilfaser ablöste. Die Baumwolle war in großem Maß für die industrielle Revolution im England des späten 18. Jahrhunderts mitverantwortlich, ja, hat diese vielleicht sogar ausgelöst. Im Jahr 1767 wurde von James Hargreaves die erste industrielle Spinnmaschine (Spinning Jenny) zum Verspinnen von Baumwollfasern zu Garn erfunden. Durch die Industrieproduktion betrug der Baumwollverbrauch im Jahr 1800 bereits das Zwölffache des Verbrauchs von 1770.

Baumwolle ist saugfähig, leicht und zäh. Bio Baumwollstoffe sind hautfreundlich und haben geringes Allergiepotential, sie können gekocht und sterilisiert werden. Baumwolle ist in feuchtem Zustand reißfester als im trockenen. Die Stoffe sind unersetzlich für Handtücher, T- Shirts, Unterwäsche und viele andere Kleidungstücke. Besonders für Jeans werden große Mengen Baumwolle verarbeitet.

Es sollte in diesem Zusammenhang allerdings nachdenklich stimmen, dass eine Jeans vor dem Tragen 50.000 – 100.000 km rund um den Erdball zurücklegt, was eine sehr schlechte Ökobilanz nach sich zieht. Zu dieser enormen Strecke gehören auch sämtliche Zubehörteile wie Reißverschluss, Knöpfe, Indigofarbe, Bimssteine, Waschhinweise, Fair Trade Siegel, Garnspule, Baumwollstoff, Maschinen und vieles mehr. Auch hier ist ein mäßiger bis sparsamer Konsum von Baumwollprodukten sehr zu befürworten!

Doch nun zurück zum Anbauversuch im Kräutergarten des Museums. Unsere Baumwollsamen brachten wir Anfang Februar in die Erde des Anzuchtblumenkastens. Sie keimen bei 21 ̶ 25 Grad und deshalb bekamen sie einen warmen Platz auf der Fensterbank im Wohnzimmer der Gärtnerin. Dort ging die Saat rasch auf und entwickelte sich gut. Platzbedingt wurden die Setzlinge nun in die etwas kühlere Burg umgesiedelt, was ihnen nicht so gut tat und ihre Entwicklung etwas hemmte. Im Mai pflanzten wir die Baumwolle dann auf ein sonniges Beet in Südlage und nach einer längeren Anwachsphase zeigten sich bald die ersten Knospen, welche sich dann zu wunderschönen gelben Blüten öffneten.


                                                                                                              Baumwollblüte im August in Kräutergarten des Museums © Foto J. Neubauer                                                                                                                                                                                                                                                        BMBU ̶ Landkreis Börde


Diese, hier bei uns gelben Blüten der Baumwolle, sehen auf den ersten Blick der Stockrose, dem Hibiskus oder der Malve sehr ähnlich. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall, sondern liegt daran, dass sie alle zur gleichen Familie, den Malvengewächsen (Malvaceae), gehören. Auch der Kakaobaum gehört als bekannter Vertreter dazu. Die Baumwolle benötigt für ihr Wachstum eine hohe Erdfeuchte, was im letzten Jahr eine große Herausforderung war. Auf schönes Regenwetter warteten wir vergeblich und so kamen Schlauch und Gießkanne zum Einsatz.

Der hohe Wasserbedarf der Baumwollpflanze stellt in den Anbauländern ein großes Problem dar. Für die Herstellung von einem einzigen Kilogramm Baumwollgewebe sind durchschnittlich 11.000 Liter Wasser nötig. Durch die massive künstliche Bewässerung versalzen die Böden, die Erträge auf den Feldern gehen zurück, der Grundwasserspiegel sinkt und das Trinkwasser wird für die Menschen in den betroffenen Gebieten knapp. Für die ausreichende Bewässerung der riesigen Anbauflächen werden oft Flüsse gestaut und ihr Wasser umgeleitet. Ein besonders tragisches Schicksal ereilte dadurch den Aralsee in Usbekistan und Kasachstan. Bis 1960 war der Aralsee das viertgrößte Binnenmeer unserer Erde. Seine Fläche war mit 68.000 Quadratkilometern fast so groß wie Bayern oder 120-mal größer als der Bodensee. Heute bedeckt hier eine riesige Wüste mit versalzten Böden die frühere Wasserfläche.

Unsere Pflanzen hier im Kräutergarten standen gut, gesund und in voller herrlicher Blüte auf dem Beet und erfreuten die Besucher, welche die Pflanzen oft erst durch das Lesen des Schildes als Baumwolle identifizierten. Pflanzenschutzmaßnahmen waren nicht erforderlich.

Doch auch hier sieht es in der Massenproduktion anders, um nicht zu sagen katastrophal aus und sollte jeden zu einem sensiblen Umgang mit Baumwollprodukten ermutigen. So werden die Pflanzen in den riesigen Monokulturen pro Saison 20-mal mit Pestiziden besprüht. In Indien wird mehr als die Hälfte der Pestizide für den Baumwollanbau verbraucht, obwohl er nur 5% der landwirtschaftlich genutzten Fläche einnimmt. Diese Pestizide finden sich dann auch in den Textilien wieder und werden über die Haut in den Körper aufgenommen.

Dass es auch anders geht, zeigen Bio Baumwollbauern in Westafrika. Hier werden Sonnenblumen an die Ränder der Baumwollfelder gepflanzt. Die Blumen ziehen z. B. den Baumwollkapselkäfer an, dieser ist ein Hauptschädling der Baumwollpflanze. Die Bio Wolle wird per Hand geerntet. Der Einsatz von chemischen Entlaubungsmitteln zur Erleichterung der maschinellen Ernte entfällt. Durch den Kauf eines T-Shirts aus Bio Baumwolle schützen wir 7 qm Boden vor Pestiziden und chemisch-synthetischen Dünger. Der Wasserverbrauch ist beim Bio Anbau 91 % geringer als beim konventionellen Anbau. Der weltweite Anteil an Bio Baumwolle beträgt trotz hoher jährlicher Steigerungsraten noch immer unter 1 %.

                                                                                                              Baumwollpflanze mit unreifen grünen Samenkapseln © Foto J. Neubauer BMBU ̶  Landkreis Börde

Doch zurück zu unseren Pflanzen. Aus den Blüten entstanden nach dem Abblühen viele grüne Kapseln. Doch leider kamen diese nicht mehr zur Vollreife, sie platzten also nicht auf und der Anblick der Baumwollfasern blieb uns versagt. Zwischen Aussaat und Ernte liegen in der Regel 8 ̶ 9 Monate, die Zeit vom Abblühen bis zum Erscheinen der Samenhaarbüsche beträgt ca. 6 ̶ 8 Wochen. Doch der Herbst kam rasch und vor allem die kühleren Nächte waren für die Reife der Kapseln nicht förderlich. Gern hätten wir den zahlreichen Kindern auf dem Schulhof einmal den Ursprung ihrer Kleidung gezeigt und ihnen ein Stück Wissen dazu vermittelt. Vielleicht gelingt es uns ja im nächsten Jahr. Auch, dass die weichen aber zähen Baumwollfasern sich nur schwer von den Samenkörnern trennen lassen und die Fasern den Samen als Flughilfe für ihre Verbreitung und als Wasserspeicher zur Keimung dienen, gehört hier zu den interessanten Punkten für die Kinder. Eine Kapsel der Baumwolle enthält etwa 30 Samen, an jedem Samen sitzen 2000 ̶ 7000 Samenhaare.


                                                                                                              Geöffnete Baumwollkapseln zur Erntezeit                                                                                                                                                                                                                                                                                                       © https://pixabay.com/de/photos/wolle-baumwolle-bl%C3%BCte-pflanze-3402827/


Die Baumwolle ist aber auch eine weitgehend unbekannte Heilpflanze. Aufgrund der Giftigkeit der Pflanzen, insbesondere der Samen, ist jedoch von einer Selbstanwendung generell abzusehen. Aus der Rinde der Baumwollwurzel kann man niedrig dosiert ein Mittel gegen die sogenannten Frauenbeschwerden herstellen. Dieser Auszug stärkt die Gebärmutter und wurde in früheren Zeiten bei weiblicher Unfruchtbarkeit oder zur Vorbeugung gegen Fehlgeburten eingesetzt. Der in der Pflanze enthaltene Wirkstoff Gossypol hemmt Blutungen und fördert die Gerinnung des Blutes.


Literatur:

http://www.umweltinstitut.org/fragen-und-antworten/bekleidung/anbau-von-baumwolle.html (28.01.2020)

https://www.sonnenseite.com/de/umwelt/schlimmste-umweltkatastrophe-der-welt-austrocknung-des-aralsees.html (28.01.2020)

https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/produkte-aus-der-landwirtschaft/baumwolle/ (28.01.2020)

http://www.baumwoll-seite.de/Baumwolle/baumwolle.html (28.01.2020)

https://schneewolle.de/lexikon/baumwolle/ (29.01.2020)

https://vorort.bund.net/uz-ortenau/dokumente/kms/kms_materialien_5-unterrichtseinheit_konsum.pdf (29.01.2020)

https://www.heilkraeuter.de/lexikon/baumwollpflanze.html (29.01.2020)






KräuterZeit Januar 2020

Weberkarde (Dipsacus sativus)                 

                                                                                                               Fruchtstände der Weberkarde (Dipsacus sativus), im Museumskräutergarten,                                                                                                                                                                                                                                              Oktober 2019 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Rau-, Woll- oder Tuchkarde sind einige der umgangssprachlichen Bezeichnungen für die Weberkarde (Dipsacus sativus), die auch als Kardel bzw. Kratzkopf bezeichnet wird.

Die Karde ist eine bis zu zwei Meter hohe Pflanze. Auf den ersten Blick assoziiert man eine ›Distel‹ mit den ovalen, stachligen Fruchtständen. Das dies nicht so ist, bringt die französische Bezeichnung ›chardon faux‹ – ›falsche Distel‹ zusätzlich zum botanischen Namen zum Ausdruck. Tatsächlich gehört die Weberkarde zu den  Kardengewächsen. In der Literatur – auch der 2000er-Jahre – wurde dies nicht generell reflektiert. Zu  den Kardengewächsen zählen beispielsweise ebenso Skabiosen (Scabiosa) und der Gemeine Teufelsabbiss (Succis apratensis).

Hinweis:

Alle diese Gewächse sind sog. Trachtpflanzen, d. h. Bienenweiden /Insektennährpflanzen mit einem hohen Pollen- und Nektargehalt, was ihr gezieltes Ausbringen im Garten anregen sollte.

Im Anbau ist die Weberkarde recht anspruchslos. Ein wasserdurchlässiger, sand- und lehmdurchsetzter Boden erweist sich als günstig für das Pflanzenwachstum wie auch ein sonniger bis halbschattiger Standort. Trockenheit wird besser vertragen als Staunässe des Erdreiches.

Die Weberkarde ist ein sog. Kühlkeimer, d. h., dass Temperaturen zwischen 5 und 7 °C  nötig sind, um die Voraussetzungen zur Keimung der Saat zu haben. Dies wird entweder mit der  Aussaat im Herbst oder im zeitigen Frühjahr, Anfang März,  gewährleistet. Frostempfindlichkeit des Saatgutes besteht nach bisherigem Kenntnisstand nicht. Alternativ ist es möglich, die Weberkardensamen mit Sand zu mischen und in einer verschlossenen Tüte für ca. 4 Wochen in den Kühlschrank zu legen. Hier entsteht dann auch der gewünschte Effekt. Bei anschließender Aussaat und höheren Temperaturen beginnt die Keimung der Saat.

Im ersten Vegetationsjahr bildet sich eine Blattrosette. Im zweiten Jahr wächst daraus der Stängel, der nach der Blüte die oben abgebildeten Fruchtstände hervorbringt.

 

                                                                                                               Blattrosette der Weberkarde (Dipsacus sativus) des ersten Vegetationsjahres, im                                                                                                                        Museumskräutergarten, Oktober 2919 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Pflanzen von angezogenen, getopften Weberkarden, gelegentlich bereits im Fachhandel erhältlich, ist ebenso möglich und schafft einen gewissen Vorlauf. Doch unabhängig davon, wofür man sich entscheidet, kann aus den ausgereiften, ausfallenden Samen bei der zweijährigen Pflanze auf Selbstvermehrung gesetzt werden. Lässt man die Samenstände den Winter über im Garten stehen, ist dies eine gute Voraussetzung dafür. Außerdem bieten die ovalen Samenstände für einige Vögel Winterfutter. Auch für Trockengestecke eignen sich die getrockneten Weberkarden im Herbst.

Die ›Wilde Karde‹ ist im Unterschied zur ›Weberkarde‹ immer noch recht häufig in der freien Natur zu finden, wohingegen letztere meist nur selten anzutreffen ist. Hier ist die kultivierte Form vorrangig, doch heutzutage gering verbreitet. Ursächlich dafür war der Rückgang der Nutzung im Bereich der Tuchherstellung im 20. Jahrhundert.

»Im österreichischen Mühlenviertel wurde 1955 die letzte Kardengenossenschaft geschlossen. In Südfrankreich gab es noch 1980 Felder mit Kardenanbau (Bouches-du-Rhone, Vaucluse). Die letzte Fabrik in Tarascon stellte erst 1985 ihre Produktion ein.« (Karden – stachlige Helfer bei der Textilbearbeitung. Handwebmuseum Ruppenrath, 3)

Die Verwendung der Weberkarde ist seit der Antike bekannt. Intensiv genutzt wurden Weberkardenfruchtstände besonders seit dem Mittelalter. Die Weberkarden-›Köpfe‹, die meist auf Holzgestellen befestigt wurden, kamen als Handwerkzeug zum Aufrauen von Gewebeoberflächen zum Einsatz. Dazu wurden die Fruchtstände der Weberkarden entweder zwischen Holzleisten fest nebeneinander angebracht oder auch längs durchbohrt, drehbar auf einer Halterung angeordnet. Nicht zuletzt bestimmte die gewünschte Qualität des Tuches, die Feinheit des Gewebes, wie das Bearbeitungswerkzeug bestückt und wie lange es benutzt wurde.

Die Abbildungen im ›Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnberg‹ aus dem 16. Jahrhundert zeigen beim 330. Bruder, Jakob Spensetzer, einen Kardenmacher (1545), der auf seinem Arbeitsplatz Fruchtstände der Weberkarde zu Tuchbearbeitungsgerätschaften auf vorbereiteten Gestellen zusammenfügt. So ein Nachbau erfolgte u. a. im Börde-Museum Burg Ummendorf durch Restaurator A. Schnitzer.  

 

 

                                                                                                                Nachbau eines Handgerätes mit Weberkardenfruchtständen zum Aufrauen von                                                                                                                                       Gewebeoberflächen, Nachbau A. Schnitzer, Börde-Museum, 2003                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Bei der Darstellung des 270. Bruders der Zwölfbrüderstiftung, Hanß Forchhamer, wird eine über einer Stange herabhängende gewebte Stoffbahn durch ein mit Weberkarden-›Köpfen‹ bestücktes Arbeitswerkzeug  aufgeraut.

Die Weberkardenfrüchte wurden allgemein nicht zum Kardieren (ordnen/ausrichten der losen Fasern zu einem Flor oder Vlies) ungesponnener Wolle verwendet, wenn auch gelegentlich so benannt. Dazu waren die sog. Spreublätter der Karde viel zu instabil, sodass diese letztlich abbrechen und in der Wolle stecken würden. Allerdings sind die klimatischen Anbaubedingungen der Karden nicht unerheblich für die Festigkeit der Weberkarden-›Köpfe‹. Haupteinsatzbereich ist das nachträgliche Aufrauhen fertig gewebter Wolltuche und gewirkter Strümpfe und Mützen. Stoffe wurden vor dem Aufrauvorgang in Wasser gelegt und kamen nass aus der sog. Walkmühle. Dies ist auch für das Gewebe von Vorteil, da es beim Aufrauen nicht so schnell Gefahr läuft, zerrissen zu werden.

In den Jahrgängen 1996 und 2007 der Schriftenreihe ›Experimentelle Archäologie‹ – Neues aus dem Mittelalter im Museumsdorf Düppel‹ (Freilichtmuseum in Berlin-Zehlendorf) bzw.  ›Experimentelle Archäologie in Europa – Bilanz 2007‹ berichtet Annelies Goldmann von der Erprobung einzelner Arbeitsschritten zur Gewebefertigung innerhalb des Projektes zur Tuchmacherkunst im frühen Mittelalter. Dazu zählte auch das Weben und die Veredlung von Wollgeweben in historischer Art und Weise. Dabei wurde das zuvor mit Druck, Wärme und Feuchtigkeit bearbeitete (gewalkte) Gewebe mit sog. Wollkratzern aus Karden aufgeraut, die im Bauerngarten des Museumsdorfes Düppel Anbau fanden.

A. Goldmann schreibt dazu: »1998 wurden erstmalig Kardenköpfe in größerer Zahl geerntet. Dazu müssen etwa ab August die gereiften, beinahe abgeblühten Köpfe mit einem ca. 20 cm langen Stengel abgeschnitten und getrocknet werden. « (Experimentelle Archäologie 2007, 144 –145).

Sie stellt weiterhin fest, dass durch viel Regen zur vermeintlichen Erntezeit in den Jahren 2001 und 2002 die Samen in den Fruchtständen zu keimen begannen und Blätter von neuen Pflanzen aus den Karden-›Köpfen‹ wuchsen, wodurch sie unbrauchbar wurden. Aus den Erntejahren mit geeigneten Karden-›Köpfen‹ konnte dann das Vorhaben des Nachbaus von Raugeräten, die grob gesehen, einem Tischtennisschläger ähneln, realisiert werden.

»Die beste Anleitung fanden wir in einer französischen Quelle von 1765 über die Tuchmacherkunst von Duhamel de Monceau. Hier sieht man genau, wie Distelköpfe auf ein Holzkreuz gesetzt, die Stengel zwischen zwei Brettchen geklemmt und mit einer Schnur fest zusammen gebunden werden. …  Zum Bau von brauchbaren Raugeräten müssen die Kardenköpfe möglichst so getrocknet sein, dass alle Samen herausgeschüttelt werden können. Jetzt kommt es auf das Sortieren nach Größen an. Eine angelsächsische Quelle gibt 1 ½ bis 2 inch Länge als am wirtschaftlichsten an (GORDON 1982, 12) also etwa  4 bis 5 cm. Ein gutes Gelingen der Geräte ist der gleichmäßige Durchmesser der Köpfe, damit es auf dem Tuch beim Rauen keine Streifen gibt. « (Experimentelle Archäologie 2007, 147). Da sich die Raugerätschaften schnell abnutzen, werden etliche für die Gewebebearbeitung benötigt, was durch die experimentelle Erprobung ebenfalls bestätigt werden konnte.

Mit der Mechanisierung der Gewebeproduktion im 19. Jahrhundert wurden die Handgeräte durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen mehr und mehr abgelöst. Die maschinelle Bearbeitung kann im Tuchmachermuseum in Bramsche (bei Osnabrück) an den industriellen Raumaschinen, besonders eindrücklich bei Vorführungen, in Augenschein genommen werden. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch die von Maschinen ausgeführten Produktionsverfahren bei der Tuchherstellung den Einsatz von Kardenköpfen beibehielten, die nun auf rotierende Maschinenteile aufgereiht waren. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden unter weiterer Nutzung des Raueffektes, den die Kardenköpfe auch durch ihre Form effektiv erfüllten, andere Materialien, allerdings weiterhin in Gestalt der Karden, zum Einsatz gebracht.

 

                                                                                             Aufgerauter Wollstoff, welcher als Futtermaterial eines Trachtenrockes                                                                                                                                   (Inv.-Nr. BMBU_V:13/03/05/96:330) im 19. Jh. verwendet wurde. Archiv BMBU,                                                                                                                                                      Foto Dirk Nordmann © Scan S. Vogel BMBU – Landkreis Börde   

 

Die Blätter und  Wurzeln der Weberkarde kamen und kommen zur heilkundlichen Anwendung bei Borreliose, Hautbeschwerden, Fisteln, Rheuma, Gelenkschmerzen und Gallenbeschwerden. Zur Behandlung im Bereich der Verdauungsorgane (appetitanregend, verdauungsfördernd, entzündungshemmend) ist dies gut machbar, solange es sich um nur leichte Beschwerden handelt, die nicht länger andauernd sind. Auch bei Teezubereitungen empfiehlt es sich, aufbereitetes Pflanzenmaterial aus dem Handel zu verwenden und den Zubereitungshinweisen zu folgen.

In der Tiermedizin kommt Karde besonders bei der Behandlung von Borreliose zum Einsatz.

Ebenso werden Pflanzenteile der Karden, besonders die Wurzeln, bei der Likörproduktion eingesetzt. Markant ist der Anteil an Bitterstoffen, ähnlich wie bei Kalmus (Acorus calamus), dessen Wurzel geschmacklich prägt und u. a. ebenfalls für die Herstellung von Likören genutzt wird. Wurzelpulver der Karde ist gelegentlich auch eine Beimengung bei Backwaren.


Literatur:

K. Becker – S. John, Farbatlas Nutzpflanzen in Mitteleuropa (Stuttgart 2000) 218.

A. Goldmann, Die Weberkarde – eine Pflanze 1000 Jahre im Dienste der Textilindustrie. In: Experimentelle Archäologie in Europa, Bilanz 2007, Heft 6 (Oldenburg 2007) 145–153.

A. Goldmann, Das Ausrüsten von Wollgeweben. In: Neues aus dem Mittelalter. Experimentelle Archäologie im Museumsdorf Düppel (Oldenburg 1996) 46–47.

T. Ruppel – S. Vogel, Ländliche Festtagskleidung aus dem 19. Jahrhundert in der Deuregio Ostfalen. Begleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung im Börde-Museum Burg Ummendorf 14. November 1998 bis 14. Februar 1999 (Ummendorf 1998) 18–19.

https://berufe-dieser-welt.de/der-wollkaemmer/ (14.10.2019).

https://tinkturen-selbstgemacht.de (04.01.2020).

https://www.handweb-museum.de/karden (14.10.2019).







KräuterZeit Dezember 2019

Chinesische Teechrysantheme

Botanische Namen: Chrysanthemum morifolium (Dendranthema morifolium)

Volksnamen: Goldblume (Übersetzung aus dem Griechischen) Bai Ju Hua in China

                                                                                                    Blühende weiße Teechrysanthemen im Oktober im Kräutergarten                                                                                                                                                                                                                                                                                           des Börde-Museums Burg Ummendorf © J. Neubauer BMBU  ̶ Landkreis Börde


Hierzulande kennen wir die Chrysanthemen meist als groß- oder kleinblumige Schnittblumen im Bouquet. Auch im Garten erfreuen uns die zahlreichen Sorten der Chrysantheme mit ihren langlebigen Blüten und ihrem robusten Wuchs. Hier gibt es u.a. Goldmargerite, Kronenwucherblume, Rainfarn und Mutterblume.               

Und wer einmal die Blumen in der Vase arrangiert hat oder in seinem Garten den Blumen im Staudenbeet etwas näher kommt, kennt den unverwechselbaren Duft von Chrysanthemen. Bei diesen Pflanzen duften die Blätter und Stiele und nicht so sehr die Blüten wie bei anderen Blühpflanzen. Es gibt viele hundert Arten aus der Gattung der Chrysanthemen,  doch nur eine wird als Tee verwendet.

Die Bekanntheit dieser Chrysantheme als Heilpflanze oder essbares Kraut ist in unseren Breiten noch nicht so hoch wie z. B. in Asien. Die erste Erwähnung des Tees geht bis in die chinesische Song-Dynastie (960–1279) zurück.

Die Goldblume, so die Übersetzung des griechischen Namens gilt als Zeichen für Glück und Wohlstand. In Japan ist die Chrysantheme ein Nationalsymbol, hier werden die Blütenblätter in stilisierter Form dargestellt. Die 16-teilige Blüte der Chrysantheme ist auf jedem japanischen Reisepass abgebildet und findet sich auch an jedem Eingang einer japanischen Botschaft. Sie ist also die wichtigste Blume in Japan und hat sogar einen eigenen Feiertag. Am 9. September wird hier das Chrysanthemenfest »Kiku no Sekku« gefeiert.

Stilisierte Chrysantheme als japanisches Nationalsymbol

                                                                                                             Abbildung: https://www.heraldry-wiki.com/heraldrywiki/index.php?title=File:Japan.png


                                                                          Einzelne Blüte der weißen Teechrysantheme © J. Neubauer BMBU  ̶  Landkreis Börde


In China wird aus den Blütenköpfen der Teechrysantheme einer der beliebtesten Tees des Landes gebrüht. Ob als Heilmittel oder gekühltes Hausgetränk im Sommer, die Chinesen setzen auf die heilende Wirkung des Chrysanthementees. Er soll gegen Kopfschmerz, Fieber, hohen Blutdruck, Angina und Altersdiabetes helfen. Laut der traditionellen chinesischen Medizin wirkt der Tee beruhigend auf die Lungen- und Lebermeridiane. Der Tee stärkt die Sehkraft und hilft gegen verschwommenes Sehen.

Das Getränk ist sehr aromatisch und wohlschmeckend und soll das Altern verzögern. ›Ju Hua‹ lässt das Blut leichter fließen und macht den Körper durchlässiger. Der Tee wird von den Chinesen regelmäßig getrunken, auch wenn sie nicht krank sind. Er ist also kein reiner Arzneitee, sondern auch ein Genusstee. Auf der koreanischen Halbinsel ist der Tee dafür bekannt, die Konzentration der Trinkenden zu erhöhen und sie länger wach zu halten.

In der Kräutermedizin des Westens wird der Chrysanthementee getrunken und auch oft als Kompresse aufgelegt um Durchblutungsstörungen wie Krampfadern oder Arteriosklerose zu behandeln. Pharmakologische Untersuchungen haben ergeben, dass die Inhaltsstoffe (Triterpene) entzündungshemmend sind und auf menschliche Krebszellen zytotoxisch (als Zellgift) wirken.

Die Chrysanthemen sind Kurztagspflanzen das heißt, sie blühen also erst, wenn die Tage deutlich kürzer werden. Hier gibt es Sorten, welche erst im November/Dezember blühen. Im leicht temperierten Gewächshaus ist das kein Problem, doch für die Ernte im Freiland sind diese nicht zu empfehlen. Sie würden bei den zu erwartenden Temperaturen im Freien nicht mehr aufblühen.

Hier bietet sich die weiße, gefüllt blühende Teechrysantheme an. Diese blüht im Oktober und kann damit sicher geerntet werden. Leichten Frost verträgt die Pflanze in geschützter Lage problemlos. Die Ernte erfolgt, wenn die Blüten richtig aufgehen. Es werde die ganzen Blütenköpfe geerntet und möglichst schnell bei 30- 40° Celsius getrocknet, damit sich kein Schimmel bildet. Eine luftiges und warmes Auslegen der Blüten oder Aufhängen der Zweige ist zu empfehlen.


                                                                                                              Im Vorjahr getrocknete Chrysanthemenblüten im November                                                                                                                                                                                                                                                          © J. Neubauer BMBU  ̶  Landkreis Börde


Für unseren Kräutergarten im Börde-Museum bestellten wir im Frühjahr 2018 eine sehr gut bewurzelte Stecklingspflanze. Schon im ersten Jahr wuchs sie trotz eines sehr trockenen Sommers zu einer stattlichen Pflanze, mit einer Größe Größe von ca. 60 cm, heran und erfreute uns mit ihren Blüten, welche noch bis weit in den November hinein rein und weiß strahlten. Diese Blüten sind eine tolle und helle Bereicherung für jedes Blumenbeet, wenn all die Sommerblumen sich schon verabschiedet haben und der Nebel im Garten zu Gast ist. Bei jungen Pflanzen ist ein Winterschutz aus Laub oder Reisig günstig, bis sich die Pflanzen gut eingewurzelt haben. Nach dem ersten kleinen Frühjahrsaustrieb werden die Zweige des Vorjahres ca. 6–8 cm über dem Boden abgeschnitten und der Winterschutz schrittweise entfernt.

Auch in diesem Jahr entwickelte sich die Pflanze sehr gut.

Im Sommer mussten die kräftigen Triebe zu Beginn der Knospenbildung mit Stäben und Band gestützt werden, um ein Abbrechen zu verhindern. Die Pflanze wurde ungefähr 80 cm hoch. Bis Ende November/Anfang Dezember, den ersten Frösten trotzend, verabschieden sich nun die letzten Blüten des Jahres. Die unweit daneben stehenden Studentenblumen sind dagegen schon seit Wochen erfroren.

 


Rezepte:

Chrysanthementee

Eine Blüte pro Person in eine Teetasse geben und mit heißem Wasser (90-100 Grad Celsius) aufgießen. Den Tee 10 Minuten ziehen lassen. Die Blüte bleibt bis zum Schluss in der Tasse und kann anschließend als Pad zum Erfrischen müder Augen verwendet werden.

Chrysanthementee mit Kardamom und Sternanis

5-6 getrocknete Chrysanthemenblüten, 1 Esslöffel getrocknete Grünteeblätter, 1 Esslöffel getrocknete Birnenstücke (alternativ getrocknete Äpfel, Datteln oder Aprikosen), 6 zerstoßene Kardamom-Kapseln, 3 Sternanis

Zubereitungszeit: ca. 15 Minuten

Alle Zutaten im Wasser langsam erwärmen, bis es fast kocht. Danach vom Herd nehmen und 5 Minuten ziehen lassen, dann durch ein Sieb gießen.


Literatur:

Rühlemanns Kräuter und Duftpflanzen 2018, Seite 69.

Kräuter und Essenzen- Gesundheit und Wellness aus der Natur Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft mbH, Seite 70.

B.-E. van Wyk – C. Wink – M. Wink, Handbuch der Arzneipflanzen, 2.Auflage (Stuttgart 2014) Seite 97.        

https://de.wikipedia.org/wiki/Chrysanthemen-Tee (03.12.2019).

https://www.wildfind.com/pflanzen/chinesische-teechrysantheme (03.12.2019).

https://nipponinsider.de/kiku-no-sekku-japanisches-chrysanthemenfest/ (03.12.2019).

https://www.tollwasblumenmachen.de/rezept-tee-aus-garland-chrysanthemen (03.12.2019).

 






KräuterZeit November 2019

Gemeine Hasel (Corylus avellana)               

 

                                                                                                              Noch unreife Haselnüsse am Strauch © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


»Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. „Schöne Kleider“, sagte die eine, „Perlen und Edelsteine“, die zweite. „Aber du, Aschenputtel“ sprach er, „was willst du haben?“ „Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab.“ Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu seiner Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber und ward ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab, was es sich gewünscht hatte.« So liest es sich in Grimms Märchen zum Aschenputtel. Und im Filmklassiker »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« sind die Wunscherfüller bereits im Titel benannt. So ist dies auch im Märchen »Die Haselnüsse« von Karoline Stahl aus dem Jahr 1821. Hier handelt es sich um drei Geschwister, die nach dem Tode der Mutter auf sich gestellt waren. Elmine, die jüngste der Mädchen, kümmerte sich ganz allein um den Haushalt, obwohl es alle drei Kinder der Mutter am Sterbebett versprochen hatten. Als eine arme Frau um Nachtlager und etwas zu essen bat, zeigte sich nur Elmine fürsorglich »und als die Frau am anderen Morgen das Hauß verließ, schenkte sie einer jeden eine Haselnuß. Verächtlich warfen die ältern Schwestern das armselige Geschenk auf die Erde, von der es die Alte schweigend aufnahm, und nun Elminen alle drei Nüsse gab.« Bei all dem Unglaublichen, das aus den ersten zwei Haselnüssen hervorkam (feinstes Leinen und ein winzig kleiner Hund) erzeugte die dritte Haselnuss wohl das größte Erstaunen bei der Königin, der sie zum Geschenk gemacht wurde. »Elmine öffnete sie geschwind, und siehe, welch ein Wunder! Der Kern rollte auf die Erde, eine Menge anderer Kerne kamen aus ihm heraus, die alle Wurzel faßten, schnell enstanden Bäumchen, dann große Nussbäume, die sich mit Blüthen bedeckten, die Blüthen verschwanden, und in einigen Minuten waren sie alle mit den herrlichsten Haselnüssen überdeckt.«

Zauberwirkung, Glaube und Aberglaube, Liebesorakel, Fruchtbarkeitssymbolik sowie Schadensabwehr mit Haselzweigen und Nüssen sind vielfach überliefert. Vergleichbar ist die Bedeutsamkeit mit der des Holunders im Brauchtum. Vom Schutz der Heimstätte bis zum Totenbrauch sind Holunderstrauch und Zweige dem Haselstrauch und seinen Früchten sehr ähnlich. Nicht nur Frau Holle, auch Holla genannt, galt als Beschützerin von Haus und Hof, deren sagenumwobenes Domizil im Holunderstrauch angesiedelt ist. Als Behüterin des Gehöftes und seiner Bewohner wird ebenfalls die Frau Haselin genannt, deren besonderen Fähigkeiten mit dem Haselstrauch verbunden sind, weshalb er keinesfalls gefällt werden durfte.

Im antiken Rom galt die Hasel sogar als Friedenssymbol und bei friedensstiftenden Verhandlungen trug man sogar einen Zweig eines Haselstrauches mit sich. Im Hochzeitsbrauchtum wurden der Braut Haselnüsse als Zeichen der Fruchtbarkeit geschenkt bzw. bewarf man das Hochzeitspaar damit, um den Nachwuchs anzuregen. Sogar für Wünschelruten kamen Zweige des Haselstrauches zur Anwendung, da ihnen die Eigenschaft, Kraftströme fließen zu lassen, nachgesagt wird.

Haselnusszweige die zu Ostern für das Grünen und Erblühen in der Vase geschnitten werden, tragen die Bezeichnung Palm-Kätzchen in Anlehnung an den Einzug Jesu in Jerusalem. Bis in die Heraldik gelangte die Haselnuss. Verschiedene Wappen beinhalten die Abbildung einer oder mehrerer Haselnüsse. Mitunter sind sie naturalistisch dargestellt oder auch stilisiert. Im sog. redenden oder sprechenden Wappen nehmen sie Bezug auf Familien- oder Ortsnamen, so u. a. bei Hasselbach im Taunus. Generell variiert die Anzahl der abgebildeten Haselnüsse von einer einzelnen (mitunter auch von einem Eichhörnchen als kleinem Wappentier gehalten) bis hin zum Dreipass, aus drei verbundenen Haselnüssen, ähnlich des natürlichen Wuchses.

Die Gemeine Hasel (Corylus avellana) zählt zur Familie der Birkengewächse (Betulaceae) und wird umgangssprachlich auch Haselstrauch oder Haselnussstrauch genannt. Dieser kann sich in seiner Höhe um die fünf bis zehn Meter erstrecken. Kleinasien und Europa gelten als Heimat. Häufig in Parks und Gärten anzutreffen, wächst die Hasel auch im Lichtungsbereich von Wäldern und gelegentlich in Heckenbereichen. Bereits im Herbst, nach erfolgter »Ernte« der reifen, heruntergefallenen Haselnüsse, bilden sich die grünen Haselkätzchen für das Folgejahr.


         Im Herbst ausgebildete männliche Haselkätzchen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Heilkundlich ist der Einsatz der Haselnuss weniger bekannt bzw. Wirkungsweisen sind bisher nicht wissenschaftlich belegt. Hilfreich sollen Haselnüsse bei der Übersäuerung des Körpers sein. Dabei sind es wohl die Mineralstoffe, die durch ihr größeres Vorkommen in den Haselnusskernen eine Art Pufferwirkung erzeugen, was besonders dem Anteil an Calcium (ca. 225 mg auf 100 g) und Magnesium (150 mg auf 100 g) zuzuschreiben ist. Auch gegen Wadenkrämpfe kann sich der Magnesiumanteil positiv auswirken. Für eine natriumarme Ernährung sind Haselnüsse gut geeignet, da sie nur ca. 2 mg Natrium auf 100 g enthalten dafür jedoch 630 mg Kalium. Der Phosphatgehalt (ca. 330 mg auf 100 g) wird als vorteilhaft angesehen, um die Konzentrationsfähigkeit zu steigern.

Die  Türkei und Italien sind mit Abstand die Länder mit den größten Erntemengen an Haselnüssen (Gemeine Hasel – Corylys avellana und Lambertshasel – Corylus maxima) für den Weltmarkt.

Da der Haselstrauch keine Borke ausbildet, findet man nur eine umschließende Rinde. Diese gilt als wichtige Zutat für die Salbenherstellung bei sog. Altersflecken, den bräunlichen Pigmentstörungen. Dem Tee aus Haselrinde wird eine blutstillende Wirkung zugeschrieben, die auf deren hohen Gerbstoffgehalt zurückgeführt wird. Auch getrocknete Haselstrauchblätter für Teezubereitungen sind naturheilkundlich bekannt und im Reformhaus- und Biohandelssortiment zu finden. Haselnussöl gilt als wirkungsvolles Hautpflegemittel für besonders sensible Haut. Auch für strapazierte Haare hat das Öl eine Pflegewirkung, teilweise sogar mit tönendem Effekt in Richtung Nussbraun. Zeichenkohle, die u. a. aus Haselnussholz hergestellt wird, besitzt eine gute, konstante Qualität für die Ausführung von grafischen Arbeiten.

In Zeiten der verringerten Insektenzahl und Vielfalt kommt den pollenreichen, zahlreich am Haselstrauch vorhandenen Kätzchen, eine besondere Bedeutung zu. Sie bietet eine erste ergiebige Nahrungsquelle für die Insekten im Frühjahr und gehört somit zu den unverzichtbaren Gehölzen zusammen mit Sal-Weide (Salix caprea) und Kornelkirsche (Cornus mas), die wieder verstärkt angepflanzt und gehegt werden sollten. Dekorativ sind sie außerdem und spenden im Sommer Schatten. Und auch Blätter, Früchte und Pflanzensaft sind über das Jahr für etliche Insekten, Vögel und Säugetiere wichtige Nahrungsmöglichkeit, so beispielsweise für Zikaden (Zirpen), Kleiber, Eichelhäher und Eichhörnchen.

 

                                                       Links: Große, pollenreiche männliche Haselkätzchen und rechts: sehr kleine weibliche Haselblüte im Frühling © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Tipp:

Frische Haselnussblätter, im Frühling geerntet, können ähnlich der eingelegten gefüllten oder ungefüllten Weinblätter als Antipasti zurechtgemacht werden. Wichtig ist, dass die kalt abgewaschenen Haselblätter vor der Verwendung in heißem Wasser kurz blanchiert, dann in Eiswasser schnell abgekühlt und gut abgetropft werden. Erst durch das Blanchieren bekommen die Blätter einen angenehmen Geschmack.


Rezepte:


200 g Haselnusskerne, 2 Zweige frischer Thymian oder ¼ TL getrockneter Thymian, ¼ TL Rosmarinpulver, ¼ TL grobes Salz (alternativ auch feinkörniges) und Pfeffer aus der Mühle, ca. 10 EL Rapsöl

Zubereitungszeit: ca. 30 Minuten (Durchziehzeit: ca. 1 Stunde)

Haselnusskerne fettlos in einer beschichteten Pfanne anrösten und danach auf einem Teller, flach ausgebreitet, gänzlich auskühlen lassen. In einen Mörser das grobe Salz geben. Je nach Größe des Mörsers einen Teil der Haselnusskerne schütten und die Gewürze. Alles mit dem Stößel zerkleinern. Dann nach und nach das Rapsöl hinzufügen und gut vermengen, bis ein cremiges Pesto entsteht. Eignet sich gut zu Pasta, als Zutat beim Panieren und auch zu Eiscremes!

 

Haselnuss-Milch‹ (nach: K.-H. Peper, Nutze die Heilkraft der Nüsse, Kerne, Körner und Samen, S. 61)

100 g Haselnusskerne, 500 ml kaltes Wasser, 1 EL Rapshonig (Nicht für unter Einjährige verwenden!)

Zubereitungszeit: ca. 5 Minuten (Einweichzeit: ca. 12 Stunden)

Die Haselnusskerne werden in einen Edelstahltopf geschüttet, mit dem kalten Wasser übergossen und mit dem Deckel bedeckt über Nacht an einen kühlen Ort gestellt. Am nächsten Tag zusammen mit dem Honig in der Küchenmaschine pürieren. Die Masse durch ein Mulltuch oder sehr feinmaschiges Sieb abgießen. Die übrige Nussmasse noch gut ausdrücken. Die leicht cremige Haselnuss-›Milch‹ eignet sich zum pur Trinken (Bei Übersäuerung des Körpers zur Behandlung bis zu dreimal täglich ein Glas des Haselnussgetränkes zu sich nehmen.) Auch als Basis für Smoothies passend, ist die Haselnuss-Milch‹ vegan und hat B-Vitamine, Vitamin E und Omega-3-Fettsäuren.


Literatur:

B. Bross-Burkhardt, Wildobst & Wildbeeren. Die besten Rezepte (Frankfurt am Main 2003) 40– 43.

R. Fink – C. Ladurner, Suchen, sammeln, kochen. Rezepte mit Zutaten aus Wald und Wiese (Bozen 2015) 78–79.

K.-H. Peper, Nutze die Heilkraft der Nüsse, Kerne, Körner und Samen (Oldenburg 2016) 59–62.

K. Stahl: Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder (Nürnberg  1821) 74-79.

Aschenputtel. Ein Märchen der Brüder Grimm. Illustrationen von E. Klein (Plauen 1965) 7 – 9.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeine_Hasel (15.08.2019).

https://www.gartenratgeber.net/pflanzen/haselnuss.html (05.08.2019).

http://www.pflanzen-im-brauchtum.de/Haselnuss.htm (16.08.2019).

https://symbolonline.de/index.php?title=Nuss (16.08.2019).

https://www.gartenjournal.net/haselnussblaetter (18.10.2019).






KräuterZeit Oktober 2019

Immortelle - Heilkraft aus Sonnenenergie

Botanischer Name: Helichrysum italicum oder auch Helicrysum augustifolia

Volksnamen: Sandstrohblume, Currykraut, Unsterbelein, Sonnengold, Italienische Strohblume


                                                                                                                        Blühende Immortelle im September, Kräutergarten der Abbey de Daoulas, Bretagne (Frankreich)                                                                                                                                                                                                                                                 © J. Neubauer BMBU ̶  Landkreis Börde 


Bald kommen wieder die grauen Novembertage und wir sehnen uns zurück nach Sonne, Sommertagen und Blumendüften.

Genau diese Dinge speichert die Immortelle in ihren Blüten ab. Das daraus gewonnene ätherische Öl hilft gegen den Winterblues und wenn das innere Gleichgewicht einmal gestört ist, hilft schon das Einatmen des Blütenkonzentrates, die innere Waage wieder in die Mitte zu bringen. Das Öl kommt deshalb auch oft bei stressbedingten Funktionsstörungen, Depressionen oder nervöser Erschöpfung zum Einsatz.

Andrea Naber, promovierte Kulturwissenschaftlerin und Autorin des bislang einzigen Buches über die Immortelle, schreibt über das heilende Potential der Pflanze insbesondere bei seelischen Verletzungen:

»So wie es auf der körperlichen Ebene blaue Flecken aufzulösen vermag, kann das Immortellenöl ebenso helfen, blaue Flecken auf der Seele als Folge von Traumata und Schock zu mildern und aufzuarbeiten.«

Grundsätzlich gilt auch hier die Regel, sich von einem erfahrenen Therapeuten begleiten zu lassen.

Doch die Immortelle kann noch sehr viel mehr. Ihr Öl enthält außergewöhnliche chemische Verbindungen und Inhaltsstoffe, welche in der Natur nur selten vorkommen, was auf sehr viele Anwendungsgebiete hinweist. Das Öl wirkt schmerzstillend und seine regenerative Wirkung wird als einzigartig beschrieben.

Es kommt als Erste - Hilfe - Maßnahme bei Sportverletzungen wie Prellungen, Stauchungen, Zerrungen sowie Blutergüssen zum Einsatz. Auch bei Insektenstichen, Ekzemen, Akne, Abszessen, Verbrennungen und Schnittwunden ist das Öl häufig das Mittel der ersten Wahl. Das Immortellenöl kann unverdünnt auf frische Wunden aufgetragen werden, später kann es auch mit einem Basisöl verwendet werden. Der Auftrag des Öls kann ganz individuell und intuitiv erfolgen.

Für die Einreibung werden 10 ml Mandelöl mit 5 Tropfen Immortellenöl vermischt. Diese Mischung wird wiederholt auf die verletzten Bereiche einmassiert. Diese Mischung hat sich wegen ihrer schmerz- und entzündungshemmenden Wirkung auch bei Arthritis und Rheuma bewährt. Die Mischung kann auch mit Cistrosenöl und Lavendelöl hergestellt werden.

Das Immorttelenöl ist außerdem ganz hervorragend zur Behandlung von Narben geeignet. Bei frischen Narben kann durch die Behandlung mit dem Öl die Bildung einer wulstigen Narbe verhindert werden. Doch auch für alte Narben ist das Öl gut geeignet. Dafür sollte man die Narbe mindestens 3x täglich sanft mit Immortellenöl, was mit einem Basisöl gemischt wurde, massieren. Als Basisöl hat sich für diese Behandlung Hagebuttenkernöl bewährt.

Die Immortelle gehört zur Familie der Korbblütler (Asteracea) und ist eine Art der Gattung der Strohblumen (Helychrysum). Der Name Immortelle geht auf das lateinische Wort ›immortalis‹ zurück, das übersetzt ›unsterblich‹  heißt. Auch im verblühten Zustand behält die Pflanze ihre Schönheit in Farbe, Form und Duft.

Ihr wissenschaftlicher Name Helichrysum italicum oder auch Helichrysum augustifolia wird aus dem Griechischen von ›helios‹ (Sonne) und ›chrisos‹  (Gold) abgeleitet. Die Pflanze trägt also den schönen Namen ›Gold der Sonne‹ oder ›Sonnengold‹, was sich auch in ihrem Standort wiederspiegelt, sie gedeiht sehr gut in sonnigen Regionen. Thomas von Rottenburg schreibt in seinem Buch ›Heilkunde der ätherischen Öle‹: »Die Pflanze vermag es, Sonnenkräfte in Ätherkräfte zu verwandeln und diese mit ihrem Öl in physisch-ätherischer Form zur Verfügung zu stellen.«

Die Immortelle ist ein robuster und ausdauernder Halbstrauch, wächst aufrecht und buschig und wird ca. 30-80 cm hoch. Die Blätter sind nadelförmig, graugrün bis sil