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    Börde-Museum Burg Ummendorf

 

SammlungsStücke

Viele Stücke aus dem Museumsbestand werden in Dauer- oder Sonderausstellungen gezeigt. Doch darüber hinaus gibt es in Museen naturgemäß viele weitere Objekte, die besonders erhaltenswert sind, aber in der öffentlichen Ausstellung manchmal keinen Raum finden. Hierzu zählen oft auch Bestände des Archivs und der Bibliothek. Die Rubrik SammlungsStücke gibt diesen hier ein Forum. 



Bidenhänder

Material: Eisen, Stahl, Messing, Textil, Holz und Leder

Maße: Länge 193 cm / B 54 cm

Datierung: 1573

Nummerierung: N 71

Herkunft: Braunschweig

Inv. Nr. V:17/01/02/11


                                  Gesamtaufnahme des Bidenhänders nach der Restaurierung © U. Mühe BMBU – Landkreis Börde


Dieser frühneuzeitliche Bidenhänder gehörte zur Leibgarde (Trabanten) von Julius Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, Fürst von Wolfenbüttel (*29.6.1528 †3.5.1589). Es handelt sich dabei um eine Paradewaffe. Ursprünglich wurden Bidenhänder aber auch im mittelalterlichen Deutschland im Kampf eingesetzt. Ihre Träger waren aufgrund des hohen körperlichen Risikos im Kampf schwer verletzt oder getötet zu werden Doppelsöldner, die das zwei- bis fünffache an Sold/Lohn erhielten. Sie standen meist hinter den Pikenieren und griffen erst ins Kampfgeschehen ein, nachdem der erste Angriff erfolgt war. Als Garde diente eine Abteilung von Doppelsöldnern mit Bidenhändern aber auch dem Schutz der Fahnenträger. Die Funktion als Paradewaffe behielt der Zweihänder, als er ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert nach und nach aus dem Nahkampf verschwand.



Detail der Fehlschärfen beim Exemplar aus Ummendorf und Philadelphia Museum of Art: Bequest of Carl Otto Kretzschmar von Kienbusch, 1977, 1977-167-569 © Fotos N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde; Philadelphia, Museum of Art.


Das überdimensionale Schwert ist in einem guten Zustand und wurde jüngst restauriert einzig der Knauf am Abschluss des Griffes fehlt. Trotzdem misst es immer noch 193 cm. Auf dem Schwert ist mit 1573 angegeben, wann es hergestellt wurde. Durch die Angabe N 71 ist zudem vermerkt, dass es die Nummer 71 dieses Typus ist. Im Philadelphia Museum of Art (USA) in der Kretschmer von Kienbusch Collection befindet sich neben einem vergleichbaren Bidenhänder mit der Nummer 158 (Inv. 1977-167-569) zudem eine stählerne, teils geschwärzte Rüstung, die aufgrund eines Monograms auf dem Brustpanzer dem Herzog Julius selbst zugeschrieben wird (Inv. 1977-167-23). 2017 wurde ein Paradeschwert gleichen Typs mit der Nummer 4 in einem Münchener Auktionshaus versteigert. Auch das Exemplar mit der Nummer 59 hat bis heute überstanden und findet sich auf Fotos im Internet. Das Ummendorfer Exemplar stammt ursprünglich aus der Heimatstube Wanzleben. Nachdem diese im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, löste man die Sammlung auf und übergab die verbliebenen Objekte 1956 dem Ummendorfer Museum. Im Archiv sind einige Fotos von Beständen des Wanzlebener Museums erhalten, die verloren gegangen sind. Sie zeigen eine große Vielfalt der Sammlung auf, leider ist aber kaum etwas über deren Provenienzen bekannt.



                                                                      Blick in die ehem. Ausstellung in Wanzleben nach 1945 © Archiv BMBU – Landkreis Börde


Der Bidenhänder besteht aus einer zweischneidigen Klinge mit rhombischem Querschnitt. Auf der Fehlschärfe finden sich außer der Datierung auch einige Zierelemente: eine Krone über drei Balustern. Zudem folgen zwei geschwungene Parierhaken, auf einem Haken befindet sich eine einseitig geschlagene Schmiedemarke. Auch die Parierstange mit gerollten Enden ist verziert. Gut erkennbar ist noch heute das florale Dekor und die gegenständigen Fische mit geöffnetem Maul. Beidseitig folgen große Parierringe mit Innenspangen und einseitigem Daumenring. Im Vergleich der Schwerter aus Ummendorf und Philadelphia fallen neben Gemeinsamkeiten in der Form auch einige Unterschiede auf. Die Schmiedemarken sind andere. Jene in Ummendorf ähnelt einem Mühlrad und jenes in Philadelphia ist kreuzartig. Auch die Schriftart und –anordung unterscheiden sich. So ziert die Datierung fasst die gesamte Fehlschärfe der N 71 aus Ummendorf und ist bei N 158 deutlich kompakter. Am ähnlichsten vom Schriftbild ist dem hier vorgestellten Stück die N 59.



Details des Schwertes aus Ummendorf und aus Philadelphia Museum of Art: Bequest of Carl Otto Kretzschmar von Kienbusch, 1977, 1977-167-569 © Foto U. Mühe BMBU – Landkreis Börde; Philadelphia Museum of Art


Beschäftigt man sich mit den Leibwächtern aus Brunswick (Braunschweig) stößt man unausweichlich auf eine besondere Gestalt, den ›Groten Anton‹. Anthon de Franchepoint wurde zwischen 1544 und 1561 in Geldern am Niederrhein geboren und starb 1596. Bereits mit 14 Jahren handelte es sich um einen 2,30 m großen Hünnen. Zum Ende seines Lebens war der 2,44 m große Mann Leibwächter bei Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel und weilte auf Schloss Gröningen. Da die 1571 für Julius hergestellten Zweihänder sicher auch die Garde seines Sohnes Heinrich Julius weiter nutze, ist es vorstellbar, dass Anton einen solchen Bidenhänder mit beeindruckender Gestalt führte. Nach seinem Tod wurde er in der Helmstedter Universität authospiert und skelettiert. Anton litt wenigstens im fortgeschrittenen Alter wegen seiner Größe unter Schmerzen (Knie- und Hüftgelenke) und ging an einer Krücke, die heute noch erhalten ist. Nach der Schließung der Helmstedter Universität 1810 gelangte das Skelett nach Marburg, wo es sich auch noch heute befindet und zuletzt 2012 durch Nina Ulrich in einer Dissertation eingehend untersucht wurde.


Flugblatt aus dem Jahre 1575 aus Nürnberg; nach: Aumüller – Ulrich 2017, 2.

Abb_5


Literatur:

G. Aumüller – N. Ulrich, Der lange Anton kehrt zurück – Lang weg, jetzt wieder da. In: Präsidentin der Philipps-Universität Marburg (Hrsg.), Uni: Leute. Preise & Personalia 2017 (Marburg 2017) 2–3.

S. Breer, Erstcheck der Sammlung Ummendorf (Halle 2017) 7. 19. 46.

W. Boeheim, Handbuch der Waffenkunde (Leipzig 1890) 241. Abb.277; 267. Abb. 301.

https://archive.org/details/handbuchderwaff00collgoog/page/n9/mode/2up (Stand 1.11.2021).

Emil-von-Behring-Bibliothek/Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin Philipps-Universität Marburg; dpa

https://www.op-marburg.de/Marburg/Langer-Anton-Marburger-Riese-huetet-das-Geheimnis-seiner-Groesse (9.11.2020)

Vergleiche:

https://philamuseum.org/collection/object/71693 (Stand 1.11.2021).

https://philamuseum.org/collection/object/71380 (Stand 1.11.2021).

https://www.lot-tissimo.com/en-gb/auction-catalogues/hermann-historica-ohg/catalogue-id-srher10031/lot-da6479b6-043a-4e0d-9422-a75b00e7f2bc (Stand 1.11.2021).

https://www.alamy.de/zweihandiges-schwert-fur-die-leibwache-von-julius-herzog-von-braunschweig-lneburg-und-prinz-von-wolfenbttel-1573-norddeutsch-braunschweig-eisen-stahl-image434289638.html (Stand 1.11.2021).

https://www.alamy.de/zweihanliges-prozessionsschwert-getragen-von-der-garde-des-herzog-julius-von-brunswick-deutsch-brunswick-vom-jahre-1573-deutsch-brunswick-stahl-holz-leder-samt-l-77-zoll-1955-cm-w-20-78-zoll-53-cm-d-8-14-zoll-21-cm-wt-10-lb-4-oz-4653-g-schwerter-image344603470.html (Stand 1.11.2021).

https://www.alamy.de/zweihandig-schwert-mit-scheide-15801600-deutsch-evtl-munchen-herkunft-munchen-datum-1575-1600-mittel-stahl-eisen-holz-seide-samt-image236014695.html (Stand 1.11.2021).

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/CWI647XF4XL2YYQDEQ6BJCQX3WNYPFBQ (Stand 1.11.2021).

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/ME74LUP4SDCP6U5YA3RNMWRUWBGD2DJY (Stand 1.11.2021).

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/JBS26PAWI55MSFUAZK6VRNGC32XAEWZN (Stand 1.11.2021).







Wulst, der oder die

Künstlerin: Julia Himmelmann (Halle a. d. Saale)

Material: Ton

Maße: 50 x 47 x 40 cm

Datierung: 2021

o. Inv. – Privatbesitz



                                              Wulst, der oder die (2021) von Julia Himmelmann im Vordergrund – im Hintergrund Liegende (1976) von Jochen Sendler                                                                                                                                                                                                     © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde; M. Ritzmann Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt


Moderne Kunst, wie die Wulst von Julia Himmelmann, ist immer wieder faszinierend. Künstler und Künstlerinnen setzen sich dabei mit bestimmten Themen auseinander und können der ›künstlerischen Freiheit‹ ihren Lauf lassen. Der Blick eines Künstlers oder im musealen Bereich eines Nicht-Wissenschaftlers kann zu neuen Impulsen für die eigene Arbeit führen, unter anderem deshalb bewarb sich das Börde-Museum 2019 um einen Platz für das Heimatstipendium#2 bei der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt.

Außerdem bot sich damit die Möglichkeit, die Verbindung des Museums zur modernen Kunst wiederzubeleben. Das hat den Hintergrund, dass insbesondere in den 1970er- und 1980er-Jahren das Museum einen engen Kontakt zur modernen Kunstszene hatte und Gastgeber für Bildhauer des Verbandes Bildender Künstler der DDR aus Magdeburg war. Insgesamt 10 Sandstein-Symposien fanden zwischen 1975 und 1985 in Ummendorf statt. Über 4 Wochen lebten und arbeiteten die Bildhauer im Steinbruch. Ein Begleitprogramm war ebenso Bestandteil der Veranstaltungsreihe wie die abschließende Ausstellung der Werke im Außengelände des Museums. Einige der Werke stehen noch heute im Skulpturengarten des Börde-Museums, in dem auch Frau Himmelmanns Arbeiten ausgestellt sind.

Im April 2020 stand fest, dass Julia Himmelmann das Stipendium für ihr Projekt erhält. 1984 in Leverkusen geboren, schloss sie 2010 an der Keramikfachschule Landshut die Ausbildung zur Keramikerin ab. Von 2012 bis 2019 studierte sie in der Keramikklasse bei Prof. Martin Neubert an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. 2019 erhielt sie zugleich mit dem Kunstpreis Art Figura ihre erste Auszeichnung.

Ab dem Spätsommer 2020 besuchte sie das Börde-Museum regelmäßig. Sie studierte unter anderem die Keramiksammlung, informierte sich in der Literatur über die Region und im Besonderen über den fruchtbaren Lössboden. Darüber hinaus widmete sie sich den Sachsengängern, jenen Wanderarbeitern*innen, die als Saisonkräfte auf den Feldern und in den Zuckerrübenfabriken tätig waren. Dabei versuchte sie mehr über die Wanderarbeiter*innen und über deren Nachkommen in der Börde zu erfahren.

»Ihre gesammelten Eindrücke ließ Julia Himmelmann schließlich in die Gestaltung keramischer Plastiken einfließen, in denen sie sich mit ›Potenz und Fruchtbarkeit‹ von ›Mutter Erde‹ – so auch der Titel ihrer Ausstellung – auseinandersetzt. Mit reduzierter und infantil anmutender Formensprache befragt die Künstlerin humorvoll und kritisch die mit dem Material Ton und Erde verknüpften weiblichen Konnotationen und die Zuschreibungen von Sinnlichkeit und Natürlichkeit und führt sie in ihren Werken ad absurdum. Julia Himmelmann spielt bei der Erstellung ihrer Objekte bewusst mit den Assoziationen, die der Betrachter beim Gedanken an deren Erschaffung hat. Es entstanden organische Formen von Hügeln, Würsten, Wülsten und Beulen, die nicht nur optisch allerlei Gedankenspiele hervorrufen, sondern auch durch Titel wie Inkontinenz, Furche oder Gurke. Den figürlichen Skulpturen der Magdeburger Künstler, deren Oberflächen mittlerweile mit natürlicher Patina versehen und bemoost sind, stehen die bis zu 60 cm hohen und zum Teil mit leuchtenden Farben glasierten Objekte Himmelmanns gegenüber und wirken wie landwirtschaftliche Erzeugnisse aus einer anderen Welt.«

Björn Hermann, Katalog zum HEIMATSTIPENDIUM #2 der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, 2021.



14 der Modelle u. a. Gurke, Hügel, Inkontinenz, Stöpsel sowie Glasur- und Oberflächenproben © Foto J. Himmelmann


Für die im Börde-Museum zu sehenden Plastiken schuf die Künstlerin zunächst um die 30 Modelle. Von diesen setzte sie hinterher in Großformat für die Ausstellung Gurke, Hügel, Inkontinenz, Stöpsel und Karve in der Art der Modelle um. Dann war nichts mehr los. wandelte sie hingegen ab. In der Ausstellung steht die eiförmige Arbeit nun aufrecht und liegt nicht mehr auf einer Art Liege, wie sie es als Modell tat. Die Wulst hingegen entstand direkt als großformatige Arbeit. Sie ist auch diejenige, die sich von der Formensprache am stärksten an die üppigen Körper der Bildhauerarbeiten der 1970er-/1980er-Jahre anlehnt, in der Farbgebung jedoch viel offensiver ist. Hier liegt auch eine besondere Stärke der Künstlerin, in der Herstellung ihrer eigenen einmaligen Glasuren. Diese haben oftmals kräftige Farbtöne. In Kombination mit den zweideutigen Formen sind diese selbstbewusst und mutig, was auch Björn Hermann in seiner Charakterisierung ihrer Arbeiten hervorhob. In seiner Rede zur Ausstellungseröffnung ergänzte er seine Einschätzung weiter: »Ihre Arbeiten sind zweideutig, ja mehrdeutig – sie sind vielschichtig. Julia Himmelmann macht Ihnen [als Besucher*innen] mit ihrer Ausstellung ›Mutter Erde‹ ein Angebot sich diesem Skulpturengarten und somit dem Museum neu zu nähern.«

Björn Hermann, Rede zur Ausstellungseröffnung, 12. Sept. 2021


Die Künstlerin beim Ausstellungsaufbau im September und Blick in den Skulpturengarten im November 2021 © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Bis zum 28. November besteht noch die Möglichkeit, sich die Arbeiten in Ummendorf anzusehen. Machen Sie sich selbst ein Bild!

Quellen:

M. Bursian (Hrsg.), HEIMATSTIPENDIUM #2. Die Ausstellungen (Halle 2021) 9–10.

B. Hermann, Katalog zum HEIMATSTIPENDIUM #2 der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, 2021.

N. Panteleon, Rhätsandsetin aus Ummendorf und seine (historische) Verwendung, in: Festschrift 875 Jahre Ummendorf (Backnang 2020) 48–54.

https://www.youtube.com/watch?v=MtyU7FOQftg (Stand 5.11.2021).

https://www.youtube.com/watch?v=4GCXyDA4b_Q (Stand 5.11.2021).

https://www.mdr.de/kultur/ausstellungen/heimatstipendium-julia-himmelmann-100.html (5.11.2021)

https://www.julia-himmelmann.de/ (5.11.2021).









SammlungsStück Oktober 2021

Gesangvereinsfahne aus Bottmersdorf

Maße: 120 cm x 90 cm

Material: Seide

Provenienz: Prübenau, Bottmersdorf

Zugang: 1996

Datierung: 1924

Erhaltung: deutliche Alterungsspuren, teilweise kleinere Beschädigungen am Stoff

Inv.-Nr. V: 18/01/02/96:555a,b

Von den vielen verschiedenen Sammlungsbereichen, welche im Börde-Museum beheimatet sind, gibt es einen, der bisher in unserer Reihe ›SammlungsStücke‹ nur wenig zur Geltung kam: die Fahnen. Durch eine umfassende Sichtung und fotographische Dokumentation in diesem Jahr, wurde jedoch erneut deutlich, welche Schätze sich in diesem Sammlungsteil verbergen. Hinsichtlich ihrer ikonographischen Gestaltung sind es vor allem die Fahnen verschiedener Gesangvereine, die sich für eine Besprechung geradezu aufdrängen. Ihre reiche Symbolik kann Themen der antiken und deutschen Mythologie enthalten und bietet daher dem interessierten Betrachter ein lohnendes Untersuchungsfeld.

Ab dem  19. Jh. blühte das Vereinswesen auf und erreichte während der Weimarer Republik seinen Höhepunkt. Ähnlich wie ihre militärischen Pendants sind die Fahnen ein Symbol der Gemeinschaft und der Zusammengehörigkeit des Vereins. Sie trugen somit zur Identifikation der Mitglieder bei, weshalb bei der Gestaltung auch besondere Sorgfalt auf die verwendete Symbolik und Ikonographie gelegt wurde. Für den Mythos einer Fahne war besonders deren Einzigartigkeit von Bedeutung. Heute werden die Begriffe Fahne und Flagge im allgemeinen Sprachgebrauch synonym verwendet. Eigentlich ist eine Fahne jedoch ein spezifisch für eine Gruppe gefertigtes Unikat, während Flaggen austauschbar sind.


                                                          Heimat- und Vereinsseite der Fahne des Gesangsvereins Bottmersdorf © Archiv BMBU


Als Ausgangspunkt soll eine Fahne aus dem Jahr 1924 dienen. Fahnen für Vereine gliedern sich in eine Heimatseite und eine Vereinsseite. Dabei zeigt die Heimatseite vor allem den Herkunftsort an, kann aber ebenso auf das Gründungsdatum verweisen. Die Vereinsseite ist meist freier gestaltet und  verfügt über eine vielfältige Symbolik. Bei der hier besprochenen Fahne wird auf der textilen blauen Heimatseite die Datierung, 1924, die Herkunft, Bottmersdorf, angegeben und mitgeteilt, dass es sich um die Fahne des ›Männer-Gesang-Verein »Einigkeit«‹ handelt.

Als eines der Motive der Vereinsseite ist eine Lyra abgebildet. Sie findet sich ebenso auf allen weiteren Fahnen von Gesangsvereinen im Museumsbestand. Dieses aus dem antiken Griechenland stammende Instrument kann auf Apollon, den Gott der Künste, verweisen. Zwar ist der Götterbote Hermes der Erfinder des Instruments, doch überreichte er dieses Apollon als ein Geschenk. Sie war bereits in der antiken Kunst ein kennzeichnendes Attribut des Gottes. Dieser nutzte die Lyra um seinen Gesang zu untermahlen. Als generelles Symbol der musikalischen Künste, findet sich in ihr ein treffendes und traditionsreiches Symbol für Gesangsvereine. Dies wird noch deutlicher, bezieht man einen weiteren bekannten Lyraspieler der griechischen Mythologie in diese Überlegung mit ein. Der Held Orpheus war vor allem für seine Meisterschaft im Gesang bekannt, welche sogar die Pflanzen- und Tierwelt sowie die unbelebte Natur berührte.




                                                                        Detailansicht der Lyra der Bottmersdorfer Fahne und Vereinsseite einer Fahne aus Belsdorf © Archiv BMBU


Die Lyra wird nicht nur auf der hier besprochenen, sondern auch auf den anderen Fahnen des Museums von einem Kranz gerahmt. Dabei handelt es sich in zwei Fällen um einen Lorbeerkranz, während die vier anderen Fahnen einen Eichenkranz abbilden. Der Lorbeerkranz hat erneut Bezüge zu Apollon. Dieser verliebte sich in die Nymphe Daphne, die ihn jedoch ablehnte und darum bat, dem Drängen des Gottes entgehen zu können. Ihr Vater, ein Flussgott, erfüllte ihr diesen Wunsch indem er sie in einen Lorbeerbaum verwandelte. Als Zeichen der Zuneigung trug Apollon von da an einen Lorbeerkranz. Gleichzeitig war im antiken Griechenland der Lorbeerkranz ein Symbol besonderer Ehre. So erhielten Feldherren, Sportler, aber auch Gewinner künstlerischer Wettbewerbe, diesen als Siegesauszeichnung. Die auf der Fahne abgebildete Bekränzung zeigt somit die Meisterschaft des Gesangvereins a


                                                                                                    Detailansicht einer Fahne aus Belsdorf mit der Darstellung eines Lorbeerkranzes © Archiv BMBU


Der Eichenkranz war bereits in der Antike Herrschaftszeichen und konnte ebenfalls für Treue stehen. Die Krone Philipp II., des Vaters Alexanders des Großen, soll ein goldener Kranz aus Eichenlaub gewesen sein. Ab der Mitte des 19. Jhs. wurde mit dem Aufkommen der Nationalromantik das Eichenlaub in ähnlicher Verwendung wie der Lorbeerkranz in deutsche heraldische Kompositionen einbezogen. Dort galt es als Hoheits- und Ehrenzeichen, stand aber auch als ›deutscher‹ Baum für Deutschland im Allgemeinen und für die Treue zum Vaterland.




Detailansicht des Bildes der Fahne aus Bottmersdorf © Archiv BMBU


Als drittes Bildelement tritt für die Bottmersdorfer Fahne ein Schwan als heraldisches Tier hinzu. Ein Wasservogel vergleichbarer Darstellung findet sich ebenso auf einer Fahne aus Ummendorf im Museumsbestand. Er führt uns zurück zum Helden Orpheus. Dessen Seele soll laut einer Mythenvariante nach seinem Tod eine Existenz als Schwan gewählt haben. Gleichzeitig war der Schwan der heilige Vogel des Apollons, da ihm die Fähigkeit des schönen Gesangs nachgesagt wurde. Auch wird der Streitwagen Apollons gelegentlich von Schwänen gezogen.



                                                                                                                 Vereinsseite einer Gesangvereinsfahne aus Ummendorf © Archiv BMBU


Die Fahne des Gesangvereins von Bottmersdorf treibt das Spiel mit bildlichen Referenzen auf ihrer Vereinsseite noch weiter. Auf ihr ist das Bild einer jungen Frau auf einer Steinklippe abgebildet. Anhand des tief unter ihr verlaufenden Flusses und des ihn befahrenden Schiffs, wird die Frau als Loreley identifizierbar, welche auf der nach ihr benannten Klippe am Rhein singt. Im Gedicht Heinrich Heines aus dem Jahr 1824 sitzt auf der bekannten Felsformation die junge Frau und kämmt ihr Haar. Durch ihren Gesang lenkt sie die Schiffer des Rheins ab, wodurch diese an den Klippen Schiffbruch erleiden.

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar

Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr gold’nes Haar.

Sie kämmt es mit gold’nem Kamme,

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lore-Ley gethan.1

Das Bild stellt daher die Verbindung zum Heimatland Deutschland, aber auch zur Tätigkeit des Vereins her. Auf einer weiteren Ebene wird hier auch ein Verweis auf das deutsche Liedergut erzeugt, da zahlreiche Melodien für das Gedicht geschrieben wurden, von denen Friedrich Silchers Version zu einem besonders beliebten Volkslied wurde.



                                                                        Detailansicht der Vereinsseite der Fahne aus Bottmersdorf © Archiv BMBU


Gerade auf den Vereinsseiten tritt zu den reichen Bildern häufig noch ein Sinnspruch hinzu. Auch dieser ist vollkommen auf das Betätigungsfeld des Vereins auslegelegt. Die hier vorgestellte Fahne führt den Spruch ›Dem Wahren, Guten, Schönen soll unser Lied ertönen‹.




                             Vereinsseite einer Fahne aus Bottmersdorf © Archiv BMBU

Die reiche Bildsprache der Fahne ist somit durchgängig auf die Themen Musik und Gesang ausgerichtet. Verweise auf das Heimatland sind ebenfalls prominent eingebaut. Die Fahne präsentiert also auf beeindruckende Weise den Kern der Gesangvereine und deren Verhaftung in der Gesellschaft.

1: H. Heine, Buch der Lieder. Die Heimkehr (Hamburg 1927) 178f.


Literatur:

D. Hohrath (Hrsg.), Farben der Geschichte. Fahnen und Flaggen. Ausstellungskatalog Berlin (Berlin 2007) 17f. 66

Online Quellen:

DNP I (1965), s. v. Apollon (F. Graf – A. Ley) 07 October 2021 <http://dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e128090> (07.10.2021)

DNP IX (2000), s. v. Orpheus (H. Cancik – H. Schneider – M. Landfester) <http://dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e901260> (07.10.2021)

<https://www.fahnen-koessinger.de/vereinsfahnen/vereinsfahnen.html> (07.10.2021)

<https://de.wikipedia.org/wiki/Eichenlaub> (07.10.2021)

<https://gottwein.de/Lat/ov/ovmet01452.php> (07.10.2021)

<https://de.wikisource.org/wiki/Ich_wei%C3%9F_nicht,_was_soll_es_bedeuten> (08.10.2021)








SammlungsStück September 2021

 

Tuchsiegel (-Plombe) aus Augsburg

Material: Blei

Maße: Dm 2,1 cm, max. L 2,7 cm

Gewicht: 5 g

Vorderseite: Gotisches ›A‹ von vier Kreisen eingefasst

Rückseite: Teile eines Pinienzapfens, sog. Phyr

Prägestätte: Augsburg

Fundort: Landkreis Börde (Finder: G. Wagener, Eilsleben)

Datierung: 17./18. Jh.

Inv.-Nr. V:19/00/01/12

Im Sammlungsbestand des Börde-Museums befindet sich eine große Anzahl an Plomben aus Blei. Der Denkmalpfleger Günther Wagener hat diese bei seinen Begehungen im Landkreis gefunden und sie freundlicherweise im Laufe der Jahre dem Börde-Museum überlassen. Die meisten dieser Plomben datieren in das 19. Jahrhundert. Dabei handelt es sich vor allem um Plomben für Saatgut- und Düngersäcke. Technisch betrachtet, tragen diese den Namen Dreilochscheibenplomben. Bekannte regionale Saatguthersteller wie Dippe (Quedlinburg) sowie Rabbethge und Giesecke (Klein Wanzleben) nutzen diesen Typus. Die Plomben verschlossen die Saatgutsäcke, deren Inhalt auf den Feldern ausgebracht wurde. Sie waren Markenzeichen und Garantie in einem.


                                                        Abb. 1 Auswahl an Plomben aus verschiedenen Zeiten mit Vorder- und Rückansicht im Börde-Museum – Foto © N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


1. Reihe: Rabbethge & Giesecke Klein Wanzleben, Gebr. Dippe Quedlinburg, Amt Hadmersleben, Oschersleben, Reichsnährstand Anerkanntes Saatgut

2. Reihe: Hans Kiesel Dampfmühle Potsdam, Ohlendorff, S & R, Steuer Kontr 1756, unbekannt (gekreuzte Schlüssel)

3. Reihe: unbekannt (GROS…), Biltz 1755, unbekannt (drei Kronen – Köln?), unbekannt (gekreuzte Schwerter und Brücke?), Marseille

Zu den Saatgut-Plomben stoßen alleine mehr als 30 Plomben von Peruguano-Dünger hinzu. Die Hamburger Brüder Heinrich und Albertus Ohlendorff zählten zu den größten Guano-Importeuren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, seit 1858 vermarkteten sie diesen in Deutschland und England. Auch wenn es in der Schreibweise/Prägung Varianten gibt, weist die Mehrzahl der Plomben folgende Informationen auf:

Ohlendorff & Co, alleiniger Fabrikant

aufgeschlossener Peruguano, Deponira Gehalt garantiert

In der Mitte der Rückseite befindet sich als Symbol zudem ein Füllhorn, das eine gute Wiedererkennung auch bei undeutlicheren Prägungen ermöglicht. Es steht wohl für die reichen Erträge, die durch den Dünger hervorgebracht werden sollten.

Die zweite Düngermittel-Firma, von der zahlreiche Nachweise vorhanden sind, ist die damals in Lehrte (Hannover) ansässige Firma S & R (Stackmann & Retschy). Es handelt sich dabei um mehr als 50 Plomben. Sie sind schlichter gestaltet. Auf einer Seite ist die Aufschrift ›Lehrte‹ auf der anderen Seite ist ›S & R‹ aufgeprägt. Die Firma S & R stellte künstlichen Phosphatdünger her.


                                                                                                               Abb. 2 Scheibenplombe (nach Schütte 1993).


Seltener anzutreffen auf den Feldern der Region sind die Tuchsiegel. Sie dienten zur Kennzeichnung von Produkten des Textilgewerbes und gaben ebenso wie die späteren Plomben Informationen zur Herkunft und Qualität der Ware. Hierbei handelt es sich um den Typus der so genannte Scheibenstiftplombe. Sie besteht aus zwei durch einen Steg miteinander verbundene Scheiben, wobei die zweite Seite als Rohling mehr an einen Ring erinnert. Durch Hammerschläge oder Zangendruck werden diese so am Stoff befestigt, dass ein Öffnen ohne Beschädigung des Textils nicht möglich ist. Die Prägebilder wurden mithilfe eines Plombierstempels oder einer Plombierzange aufgebracht. Dabei kann es sich um Bildzeichen oder auch um Schriftzeichen handeln.


                                                        Abb. 3 Tuchplombe aus Augsburg – Foto © N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Verschiedene solcher Tuchsiegel befinden sich im Sammlungsbestand des Börde-Museums. Ihre Aufarbeitung steht noch aus. Eine Plombe lässt sich jedoch auf Anhieb benennen. Es handelt sich um ein Stück aus Augsburg. Ein großes gotisches ›A‹ eingefasst von vier kleinen Kreisen ist gut auf der Vorderseite zu erkennen. Am Steg ist die Plombe gebrochen und von der Rückseite ist nur ein Teil erhalten. Dort erkennt man bei näherer Betrachtung noch ein rautenförmiges Muster. Es sind Überreste eines Pinienzapfens, der im Zentrum des Augsburger Stadtwappens steht. Vergleichbare Plomben werden in das 17. oder 18. Jahrhundert datiert, was wohl auch auf diese zutrifft. Sie finden sich verbreitet vor. Neben Funden in Augsburg ist eine solche beispielsweise in Trier im Museum ausgestellt. Im Gegensatz zu den jüngeren Plomben ist auf diesen kein Fabrikant, sondern mit Augsburg eine Stadt als Hersteller benannt. Damit steht die Plombe für ein ganzes Gewerbe und keinen einzelnen Hersteller. In Augsburg wurden die Plomben bis 1785 verwendet, danach wurden die Tuchballen mit farbigen Stempeln versehen.

An den wenigen hier präsentierten Beispielen lassen sich einige Informationen ablesen. Etwa lässt sich konstatieren, dass die Dünger von Ohlendorff und S & R hier am häufigsten verwendet wurden. Beim Saatgut sind verschiedene Hersteller vertreten, jedoch sind Plomben von Rabbethge und Giesecke in der Überzahl, wenigstens 15 konnten bisher im Fundmaterial identifiziert werden. Vergleichbar mit Ohlendorff trägt die Zuckerrübe als Symbol zur Identifizierung von schlechter erhaltene Plomben bei. Eine statistische Auswertung wird hier künftig weiter Aufschluss geben.


Literatur:

D. Hittinger, Tuchplomben. Warenzeichen des späten Mittelalters und der Neuzeit aus dem norddeutschen Küstengebiet (Bamberg 2008).

K. Niederhöfer – H. Brink-Kloke – I. Luther, Mehl, Salz und peruanischer Guano – Bleiplombenfunden aus Dortmund, in: Ausgrabungen und Funde. Archäologie in Westfalen-Lippe 2018, 182–184.

S. Schütte, Tuchplomben als städtische Zeichen. Das Fallbeispiel Göttingen. In: Visualisierung städtischer Ordnung (1993) 135–141.

C. Spindler, Bleiplomben aus dem Braunschweiger Raum (2005).

https://www.omfala.de/neuzeit-und-moderne/tuchplomben-augsburg-a02-a05/ (13.9.2021).

http://wwwg.uni-klu.ac.at/kultdoku/kataloge/14/html/1164.htm (13.9.2021).

https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/mitt-dgamn/article/view/18299/12098 (9.9.2021).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tuchplombe (9.9.2021).

http://www.auftragssuche-shg.de/2020/08/14/bleiplomben-im-schaumburger-land/ (9.9.2021).

http://steinsburgmuseum.de/wp-content/uploads/sites/8/2020/10/Flyer-Plomben-2020.pdf (9.9.2021).

Peter Ilisch: Kunstwerk des Monats 6/2007: https://www.lwl.org/AIS5/Details/collect/41978 (13.9.2021).

https://www.ma-shops.de/raffler/item.php?id=23170 (13.9.2021).






SammlungsStück August 2021

Eisenreif aus Druxberge (Landkreis Börde – Sachsen-Anhalt)

 

Material: Eisen

Maße: L. 23,5 cm, max. Dm 0,6 cm

Typ: Hals- oder Haarreif (?)

Fundort: Druxberge, Grab 5

Datierung: Hallstatt D ca. 600 v. Chr.

Erhaltung: starke Korrosionsspuren auch ein kleineres Stück Knochen und Bronzedrahtfragmente sind an korrodiert, in drei Fragmente gebrochen, unvollständig.

Inv.-Nr.: 1482 h

 

               Abb. 1a Eisenreif / 1b Detail der Rippenzier © Foto Nadine Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Bereits 1955 verzeichnet Heinz Nowak als damaliger Denkmalpfleger immer wieder Funde am Fundplatz 4 dem sog. Heinrichsberg (nordöstlich der Ortslage von Druxberge). Es handelte sich dabei um eine Sandgrube, an deren Stelle befindet sich heute eine Mülldeponie. Mehrfach wurde Nowak, wie die nachfolgende Postkarte zeigt, von dem Lehrer K. H. Hofmann über Funde informiert, die wenigstens in zwei Fällen (März 1960, April 1962) ursprünglich von Schülern gemacht wurden.

 

                                                                   Abb. 2 Postkarte an Heinz Nowak (16. Mrz. 1960), BMBU Archiv © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

1960 entdeckte man bei Arbeiten in der dortigen Sandgrube Gräber der vorrömischen Eisenzeit. Am 19. Juni 1960 im Anschluss an diese Entdeckung grub Heinz Nowak, der damalige Kreisbodendenkmalpfleger, das sog. Grab 5 aus. Es handelt sich dabei um eine Urne mit Deckel und Leichenbrand sowie u.a. zwei vollständig erhaltene Armreife mit Ritzdekor und Pufferenden, eine keramische Tasse und einem gebogenen Eisenstab entdeckt. Heinz Nowak benannte letzteren zunächst als Nadel. Ungewöhnlich ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass eine Verjüngung, wie sie an einer Nadel vorliegen müsste, fehlt. An einer Stelle kann jedoch eine Zierde von Rippen ausgemacht werden. An zwei Stellen sind bräunlich verfärbte Knochenreste zu erkennen. Dies spricht dafür, dass der Eisenreif und der Leichnam bei der Leichenverbrennung in direktem Kontakt standen. Zudem finden sich Reste von Bronzedraht an dem Reif. Ob es sich bei dem Objekt nun um ein Halsreif oder einen Haarreif handelt und ob dieser tatsächlich geschlossen rekonstruiert werden kann, ist unklar. Vielleicht kann die Identifizierung der Knochen dabei weiterhelfen, die derzeitig erfolgt. Die Urne war von einer Steinkiste eingefasst. Neuerdings gibt es verschiedene Ansätze für die Schmuckausstattung der Frauen in dieser Zeit. Etwa durch den Hortfund von Bánov in der Tschechischen Republik, auch dort waren interessanterweise zwei Eisenringe enthalten.

  

                                                                                   Abb. 3a Grab 5 bei der Ausgrabung, BMBU Archiv © Foto H. Nowak BMBU – Landkreis Börde

                                                                                   Abb. 3b Die Urne gefüllt mit Beigaben und Leichenbrand, BMBU Archiv © Foto H. Nowak BMBU – Landkreis Börde

 

Die Bergung löste leider Aktivitäten von Raubgräbern aus, die daraufhin 8 weitere Brandgräber in Steinkisten sowie 27 Siedlungsgruben zerstörten!

 

Sage (Heinrich Hermann an Heinz Nowak 19.7.1955): Auf dem Heinrichsberg (mundartlich: Hinriksbarch) sei Heinrich I in einem goldenen Sarge begraben, der goldene Sarg sei von anderen Särgen umschlossen.

 

Bei der daraufhin durchgeführten Nachuntersuchung, wurden die Restfunde geborgen und die Fundstellen dokumentiert. In den Jahren 1961 und 1962 wurden Informationen über weitere Grabfunde an die Bodendenkmalpflege herangetragen.

In der Gesamtaufstellung, ist von insgesamt 16 Gräbern die Rede, von 9 Beisetzungen sind Teile des Leichenbrands erhalten. Natürlich befand sich kein „goldener“ Sarg darunter. In der Dokumentation ist festgehalten, dass 11 Gräber über Steinsetzungen oder Steinkisten verfügten. Neben dem Grab 5 sind auch aus den Gräbern 12, 15 und 16 neben der Urne mehrere Grabbeigaben erhalten. Darunter sind vor allem Keramikgefäße und Bronzeschmuck. Die Funde befinden sich im Börde-Museum Burg Ummendorf. Im Museumsshop werden seit 2019 auch Kopien eines Bronzearmreifs aus dem Grab 5 von der Goldschmied Dorendorf (Haldensleben) verkauft.

  

                                                        Abb. 4 Bronzene Armreife aus dem Grab 5 © J. Hoeft / H. Nowak – Landkreis Börde

Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass sich weitere Objekte von dieser Fundstelle im Museum Wolmirstedt und in Magdeburg befinden/befunden haben. Anlass dazu gibt ein Zeitungsartikel von 1933 (?) und das Ortsarchiv des Landesmuseums Halle, die auf zwei Keramikgefäße (MW 3319, 3887) verweisen. Die Anfrage im Museum Wolmirstedt bestätigt, dass diese dort immer noch zu finden sind. Zudem könnten auch Objekte im Kulturhistorischen Museum Magdeburg sein (nach W. A. von Brunn, Bd. 30, 1939). Letztere waren nach einer Aufstellung von Heinz Nowak und Ute Steiner aus dem Jahr 1964 in Magdeburg leider nicht auffindbar.

Die Funde im Ummendorfer Museum sind trotz ihrer hohen Relevanz bis dato weder ausgewertet noch veröffentlicht worden, dies soll innerhalb eines anstehenden Projekts nachgeholt werden. Die Relevanz ergibt sich dadurch, dass diese Region in der vorrömischen Eisenzeit eine Kontaktzone unterschiedlicher „Kulturen“ war. Diese Überschneidungen zeigen sich etwa im knapp 30 km südlich gelegenen Hadmersleben in der Mittellaténezeit. Die Funde dort weisen östliche Einflüsse aus dem Oder-Warthe-Gebiet auf, deutliche Bezüge zu der Przeworsk- und zur Jastorf-Kultur. Darüber hinaus fand sich an dieser Fundstelle auch Drehscheiben-Keramik aus dem Laténeraum.

Etwas früher in der Eisenzeit gibt es im 7 km von Druxberge entfernten Eilsleben Reste einer Hausurne und in Druxberge selbst verzeichnete Nowak Funde vom Billerdorfer Typus und eine Nienburger Tasse. Wie sich diese Mischung der Kulturen in Druxberge darstellt, ist ein Aspekt, dem im Rahmen des Projektes nachgegangen wird. Im Hinblick darauf, dass die Befundlage größtenteils zerstört ist, wird ein besonderes Augenmerk darauf liegen, ob die 16 Gräber aus einem Zeithorizont stammen oder ob durch die Störung der Befunde zu viele Gräber rekonstruiert wurden. Ein erster Schritt widmet sich aktuell weiter dem Grab 5, dessen Leichenbrand gerade von der Anthropologin Dr. S. Grefen-Peters (Braunschweig) untersucht und ausgewertet wird. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass es sich um eine Mehrfachbestattung handelt. Dabei konnte bereits eine 40-50 jährige Frau identifiziert werden. Auch Speisereste befanden sich in der Urne.

 

Literatur:

W. A. von Brunn, Die Kultur der Hausurnengräberfelder in Mitteldeutschland zur frühen Eisenzeit, In: Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder. Band 30, 1939, S. 1–184.

H. Dunker, Vorgeschichte des Kreises Wolmirstedt (Wolmirstedt 1931) 125.

M. Golec, J. Bartík, T. Chrástek, Der Hort von Bánov in Mähren, in: Archäologie in Deutschland 4/2021, 42–43.

BMBU Archiv, Bodendenkmalpflege Druxberge

Für Diskussionen zur Funktion bedanke ich mich bei Silke Grefen-Peters, Marian Heiß und Immo Heske.





SammlungsStück Juli 2021

Stationärmotor H 65

Hersteller:        VEB Motorenwerk Cunewalde

Baujahr:          1954

Motor:            Einzylinder-Viertakt-liegend, Diesel, Verdampferkühlung

Leistung:          ca. 7 PS bei 1800 U/min

Inv-Nr.:            BMBU 2009 – 107


                                                                                                     Der Stationärmotor H 65 in der Ausstellung des Börde-Museums Burg Ummendorf                                                                                                                                                                                                                                                                © Foto: U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

  

Dem Stationärmotor fiel in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle zu. In den Bereichen, in denen Elektrizität noch nicht im ausreichenden Maße zur Verfügung stand, waren die kleinen leistungsstarken Motoren besonders als Antriebsquellen gefragt. Sie waren kleiner, leichter und einfacher in der Bedienung als Dampfmaschinen, konnten schneller eingesetzt werden um Maschine anzutreiben oder Strom zu produzieren.

 

Auch die noch junge DDR benötigte Kleindieselmotoren. Einer der wichtigsten Dieselmotorenhersteller war der VEB Dieselmotorenwerk Cunewalde. Das Motorenwerk geht zurück auf den Dresdener Motorenhersteller Bark. 1926 übernahm Otto Bark das 1917 gegründete Leichtmetallwerk Kühne Dresden. Das Unternehmen fertigte Motorradeinbaumotoren in verschiedenen Leistungsklassen. Hauptabnehmer waren unter anderem Ardie, Imperia und Hercules. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Unternehmen mit Rüstungsaufträgen für die deutsche Luftfahrtindustrie herangezogen. Dazu erwarb Otto Bark 1943 eine altes Webereigelände in Obercunewalde. Hier wurden bis 1945 unter Einsatz von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeiter Flugzeugteile produziert.

Nach dem Krieg versuchte man hier einen Neuanfang mit Reparatur und Herstellung landwirtschaftlicher Geräte.

Auf Grund der Rüstungsproduktion erfolgte im Januar 1946 der Demontagebefehl seitens der Sowjetischen Militäradministration. Um dies zu verhindern reiste der Seniorchef Otto Bark mit seinem jungen Chefkonstrukteur Eberhard Fritsche zur Militärverwaltung nach Dresden. Dort trugen sie Frau Oberst Dolgopolowa die Bitte vor, den Betrieb nicht zu demontieren. Frau Dolgopolowa sprach fließend Deutsch und war promovierte Volkswirtschaftlerin. Während der Gespräche legte Chefkonstrukteur Fritsche beiläufig Prospekte von Motorradmotoren aus der Bark-Produktion auf den Tisch. Sie sprang auch sofort darauf an und fragte, ob man in der Lage ist, in Cunewalde diese Motoren zu fertigen. Otto Bark bejahte dies. So kam es 1946 zu einem Liefervertrag zwischen dem sowjetischen Konstruktionsbüro Nr. 10 (SKB 10) in Chemnitz (DKW) und der Bark-Motorenbau GmbH zur Musterfertigung von 20 Motorrädern der DKW Bauart, Vorläufer der RT 125 und der BK und damit zu dem seltenen Erfolg den Betrieb vor einer Demontage bewahrt zu haben. Das DKW auf Bark als Zulieferer angewiesen war lag an der Demontage des gesamten DKW-Motorradwerkes. So entstanden die ersten Nachkriegsmotorräder der Zschopauer Produktion in der Oberlausitz.

Nachdem in Zschopau Entwicklung und Produktion der Motorräder wieder in eigener Hand lagen, musste sich Bark einen neuen Partner suchen, der im Schiffsdieselwerk Magdeburg gefunden wurde.

Am 30. Juni 1946 wurde die Firma Bark enteignet. Die Gründung des VEB Motorenwerk Cunewalde erfolgte am 01. Juli 1948. Auf Grund der bisherigen vielfältigen Motorenproduktion, war das Motorenwerk mit Entwicklungsabteilung und Musterbau sehr gut aufgestellt. Die ersten Produkte waren Zweizylinder- Zweitakt-Motoren mit Wasserkühlung für Feuerwehrspritzen. Der Motor war eine Entwicklung der Firma Koebe, später VEB Feuerlöschwerk Luckenwalde, die auch Abnehmer dieser Motoren war.

        



Eine Feuerwehrspritze mit Zweizylinder-Ottomotor vom VEB Feuerlöschwerk Luckenwalde.                                                                                                                                                                                                                                         Während der Festveranstaltung 125 Jahre Freiwillige Feuerwehr Wulferstedt am 24. Mai 2014. © Foto: U. Schmidt priv.

    

1951 übernahm man in Cunewalde die Produktion des 10 PS LD 130-Motors vom VEB Dieselmotorenwerk Leipzig. Damit begann die Dieselmotorenproduktion in Cunewalde.

Der LD 130 war ein verdampfungsgekühlter Motor. Verdampfer kommen ohne Kühler und Wasserpumpe aus. Der Zylinder liegt in einem Wasserkasten. Das Kühlwasser verdampft während des Betriebes.


                                                                                                              Aufbau eines Verdampfermotors

 

Der Motor eignete sich besonders zum Antreiben von Pumpen, Baumaschinen und Booten und ging sehr schnell in den Export, unteranderem nach Ägypten, Jemen und nach Syrien. Vom VEB Motorenwerk Kamenz (MWK) wurde um 1952 die Fertigung des H 65-Motors übernommen. Dieser technisch ausgereifte Vorkammerdiesel löste den störanfälligeren LD 130 schnell ab. Der H 65 entwickelte sich zu einem absoluten Verkaufsschlager der weltweit exportiert wurde. Über 15 000 Motoren verließen das Werk. Mit ihm wurden Pumpstationen, Bewässerungsanlagen, Betonmischer oder Boote angetrieben. Obwohl der Motor für viele Antriebsarten erdacht war, war es einem Zufall zu verdanken, dass er auch in den Fahrzeugbau zum Einsatz kam und dort seine beachtliche Leistung eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Bereits in den 1920er-Jahren wurden für innerbetriebliche Transporte kleine Elektrokarren entwickelt und produziert. Neben AEG gab es die Firma Bleichert, die ihre Fahrzeuge als Eidechse bezeichneten, ein Begriff der auch in der DDR noch lange Zeit für diese Transporttechnik benutzt wurde.


                                                                        Eine Bleichert Eidechse, um 1925.

  

Viele dieser Fahrzeuge haben den Zweiten Weltkrieg überstanden. Engpässe entstanden allerdings bei den Bleisammlern. Pfiffige Tüftler in Branderbisdorf suchten eine Möglichkeit diese Fahrzeuge auf Dieselbetrieb umzubauen. Der als Stationärmotor angedachte H 65 bot sich für das Vorhaben an. Er wurde hinter dem Fahrerstand quer zur Fahrtrichtung eingebaut. Das Getriebe wurde unter den Motor gehängt. Die Kraftübertragung von Motor zum Getriebe erfolgte über zwei Keilriemen. Das war die Geburtsstunde der Dieselameise. Der kleine 7 PS leistende Motor trieb zuverlässig das 1,2 t schwere Fahrzeug an. Die Nutzlast betrug dabei 2 t, mit Anhänger sogar knapp 4 t! Damit war der Name Ameise völlig zu Recht, denn das kleine Fahrzeug bewegte, wie das kleine Insekt ein Vielfaches seines Eigengewichtes. Der Bedarf dieser Fahrzeuge war größer als man in Branderbisdorf produzieren konnte. Die Serienproduktion wurde 1953 in das Industriewerk Ludwigsfelde gegeben. Durch Umstrukturierung der Produktion in Ludwigsfelde lief die Fertigung der DK (DieselKarre)2002, wie sie nun offiziell hieß, dort aus und wurde nach Waltershausen abgegeben. In Waltershausen wurde die DK 2002 weiter entwickelt bis zum noch heute produzierten Markenfahrzeug Multicar. Die Ludwigsfelder DK 2002 ist durch die kurze Produktionszeit heute ein sehr seltenes Fahrzeug.

       

                                                         Eine DK 2002 aus der Ludwigsfelder Produktion während eines Oldtimertreffens in Hornhausen im Juni 2007. © Foto: U. Schmidt, priv.

         



                                                         Der hinter dem Fahrerstand quer eingebaute Motor, in diesem Fall schon die verbesserte Ausführung, der 1 H 65. Auf Grund des langen                                                                                                         Einsatzlebens dieses Fahrzeuges (bis 1996) wurden sicherlich einige Motorwechsel vorgenommen. © Foto: U. Schmidt, priv.


Ab 1958 wurde der Motor in einer verbesserten Ausführung als 1 H 65 gefertigt. Als eine komplette Neukonstruktion kam im gleichen Jahr der Motor in einer Zweizylindervariante als 2 H 65 in die Produktion.                       


                                                                                                     Ein 2 H 65 während des Oldtimertreffens in Biere am 10. August 2019. © Foto: U. Schmidt priv.


Über 53. 000 1 H 65-Motore wurden bis 1977 gefertigt. Besonders beliebt waren diese Motore zum Bau von Kleintraktoren zur privaten Bewirtschaftung kleinerer Äcker.


                                                                        Ein Eigenbautraktor motorisiert mit einem 1 H 65 während des Hoffestes in Drakenstedt am 10. Juni 2018. © Foto: U. Schmidt priv.

  

Mit der Abwicklung des VEB Motorenwerk Cunewalde endete 1990 die Dieselmotorenproduktion in Cunewalde. Der H 65 und der 1 H 65 genießen heute Kultstatus und werden nur liebevoll als Cunewalder von ihren Besitzern genannt.

  

Quellen:

Oldtimer Traktor 11-12/2009, S. 66 – 70

Oldtimer Traktor 01-02/2010, S. 96 – 97

Günther Wappler, Der gebremste Lastkraftwagen (Bergstraße Verlagsgesellschaft mbH, Aue 2004).

 







SammlungsStück Juni 2021

Bördebauer

Künstler: Bernd Pielemeier

Datierung: 2000

Material: Sandstein von der oberen Aller

Maße: Höhe: 40 cm, Breite: 36 cm, Tiefe: 20 cm

Gewicht: ca. 45 kg

Provenienz: Schenkung Bernd Pielemeier, 2000

Inv.-Nr.: V 11/01/061/09



Bördebauer, Reliefplastik Bernd Pielemeier, 2021                                                                                                                                                                                                                                                                                                             © Foto K. Bielmeier BMBU – Landkreis Börde


Der Bördebauer entstand im Zuge des zweitägigen Historischen Handwerkermarktes im Jahr 2000 im Innenhof des Börde-Museums Burg Ummendorf von dem in Seggerde (Sachsen-Anhalt) lebenden Künstler Bernd Pielemeier (geboren 1956). Das vom Bildhauer selbst bestimmte Motiv wurde direkt vor Zuschauern in Stein gehauen und im Anschluss daran der Sammlung des Museums überlassen. Der für das Relief verwendete Sandstein stammt aus dem Ummendorfer Steinbruch und wurde vom damaligen Eigentümer desselbigen, Günther Gleußner (in Eltmann ansässig), zur Verfügung gestellt.

Es handelt sich um eine männliche, aufrechtstehende Figur. Sie ist mit einem Mantel, einem sog. Männerrock, versehen mit Ärmelaufschlägen und Zierknopfleiste, Stiefeln und Hut in Form eines angedeuteten Dreispitzes bekleidet sowie mit einem langen, auf dem Boden aufsetzenden Stab in der rechten Hand ausgestattet. Sie blickt den Betrachter frontal an, der linke Arm ist in die Seite gestützt. Der Hintergrund wird nicht näher definiert, das Flachrelief konzentriert sich auf die Person des Bördebauern. Der rahmenartige Rand ist gleichmäßig scharriert.

Die Reliefplastik Bernd Pielemeiers ist einem in die straßenseitige Mauer zum Hof eingelassenen Relief in der Klein Wanzlebener Rabbethgestraße 25 (gegenüber der St. Johanniskirche) nachempfunden. Wann das Original entstand, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Die unterhalb der Darstellung des Bördebauern in die Wand eingelassene Inschrift vermittelt lediglich, dass es vor 1793 entstanden sein muss, da das Gehöft nach einem Brand am 26. April 1793 neu errichtet wurde. Der keilförmige Rahmen verweist auf die vormalige Verwendung als Schlussstein, auch Keilstein genannt. Dieser nahm im Scheitel eines (Tor-)Bogens, häufig plastisch verziert, im Zugang zum Gehöft eine zentrale Position ein.



                                                                                                                           Bördebauer in der Rabbethgestraße 25 in Klein Wanzleben, 2021                                                                                                                                                                                                                                                                                 © Foto K. Bielmeier BMBU – Landkreis Börde


Noch bis in die 1990er-Jahre war das Relief farbig gefasst. Ob der ursprüngliche Stein einst polychrom ausgeführt war oder nicht, muss derzeit als offene Frage stehen gelassen werden. Seit der Restaurierung durch den Oscherslebener Steinmetzbetrieb Voß kommt der natürliche Sandstein wieder zur Geltung.



Abb_3

 Bördebauer in der Rabbethgestraße 25 in Klein Wanzleben, Zustand 1995                                                                                                                                                                                                                                                                           © Foto E. Junghans, Blumenberg (nach Erhard Junghans, Historische Bilder                                                                                                                                                                                                                                                                            aus Klein Wanzleben, Oschersleben 1995, 91)



                                                                        Bördebauer in der Rabbethgestraße 25 in Klein Wanzleben, Zustand 2021                                                                                                                                                                                                                                                                             © Foto K. Bielmeier BMBU – Landkreis Börde


Der gut 45 Jahre in der Burg in Ummendorf als Museumsdirektor wirkende Heinz Nowak (1925–2012) wählte den Bördebauern in den 1960er-Jahren als Signet der Publikationsreihe DIE MAGDEBURGER BÖRDE. VERÖFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE VON NATUR UND GESELLSCHAFT. Auch dort wird der Bördebauer in der Schlusssteinformgebung mit den an beiden Seiten schräg nach oben verlaufenden Begrenzungen verwendet. Schon in den 1950er-Jahren zierte die bäuerliche Figur in vereinfachter Form Briefkopfbögen des Museums sowie Fundzettelvordrucke und Museumsplakate.



  Signet der Reihe DIE MAGDEBURGER BÖRDE. VERÖFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE VON NATUR UND GESELLSCHAFT, 1960er-Jahre



Seit den 1970er-Jahren entstand auf Heinz Nowaks Entwurf hin die weiß gestrichene Figur aus 70 cm hohem Eisenblech als außenwirksames Zeichen für das Börde-Museum. Bis 2008 begrüßte es an der Mauer links vom Eingang mit den beiden Preußischen Adlern die ankommenden Museumsbesucher.


                                                                                                             Eingang zum Börde-Museum Burg Ummendorf, Aufnahme 2007                                                                                                                                                             © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Unter dem auf Heinz Nowak folgenden Museumsdirektor, Herrn Dr. Thomas Ruppel (Amt 1993–2013), wurde das herkömmliche Signet mit dem Ziel der besseren Erschließbarkeit der Illustration in Verbindung zum Museum, nicht zuletzt im Zuge der Kreisgebietsreform Sachsen-Anhalts im Jahr 2007, ersetzt. Das bis heute auch als Wegweiser fungierende Signet auf grünem Grund erhielt in vielen Nachbarorten Ummendorfs Platz an den Landstraßen. Seitdem verweist die Dampfpfluglokomobile (von Andreas Heucke) im Vordergrund auf die in der Magdeburger Börde bis in die 1960er-Jahre hinein, circa 100 Jahre lang genutzte Landtechnik, die heute einen Schwerpunkt der musealen Sammlung ausmacht. Die orangefarbene Architektur im Hintergrund verweist auf Bauelemente der Ummendorfer Burg.


Abb_7

Logo Börde-Museum Burg Ummendorf, Gestaltung T. Ruppel © BMBU Archiv


Literatur:

Erhard Junghans, Historische Bilder aus Klein Wanzleben (Oschersleben 1995) 91.

Archiv Börde-Museum Burg Ummendorf / Mappe Werbematerial

Herzlichen Dank für freundliche Hinweise an Frau Osterlad, Bernd Pielemeier, Dr. Thomas Ruppel, Petra Schmidt, Uwe Schmidt, Axel Schnitzer und Sabine Vogel.






SammlungsStück Mai 2021

Sesterz des Kaisers Antoninus Pius

Inv.-Nr.: IV 1185c

Provenienz: Meyendorf

Maße:  Durchmesser: 27 mm, Stärke: 2mm

Gewicht: 27,3 g

Material: Aurichalkum (Kupfer-Zink-Legierung)

Erhaltung: Der Großteil der Oberfläche besitzt eine dunkle Patina und an kleinen Stellen weist die Oberfläche Bestoßungen und Kratzer auf. Fehler in der Prägung, die zu einer unvollständigen Legende führen, stammen von der Herstellung.

Datierung: 150 n. Chr. – 151 n. Chr.

 

                                                                                                              Vorderseite (Avers) des Sesterz © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde

                                                                                                              Rückseite (Revers) des Sesterz © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde



Bereits vor fast sechs Jahren, im August 2015, stellte das Börde-Museum Burg Ummendorf eine römische Münze als Sammlungsstück vor. Wie das Objekt damals, stammt auch die für diesen Monat ausgewählte Münze aus demselben Fundkontext. Auf dem Klostergut Meyendorf wurden am Ende des 19. Jahrhunderts in einem Bereich des Gutes sechs römische Münzen und eine bronzene Schnalle gefunden. Aus Privatbesitz kam der Fund erst 1960 in das Museum, wobei zu diesem Zeitpunkt der Verbleib einer der Münzen nicht mehr nachvollziehbar war.

Die Münzen gelangten wahrscheinlich auf dem Handelsweg in das heutige Gebiet des Landkreises Börde, welches damals zum von den Römern unbesetzten Teil Germaniens (Germania magna) gehörte. Durch die schwierigen Fundbedingungen ist es unklar, weshalb die Objekte vergraben wurden. Möglich wäre, wie Dr. Albert Hansen (ehem. Museumleiter) in seiner Publikation von 1931 überlegte, dass die Funde zu einem Grab gehörten, was sich jedoch nicht mehr nachweisen lässt. Wahrscheinlicher ist, dass die Münzen wegen einer Gefahr gemeinsam versteckt wurden und später nicht wiedergeholt werden konnten. Solche Verstecke können nur wenige, jedoch auch mehrere hundert Münzen (Hortfund) umfassen.

Betrachten Archäologen römische Münzen, können anhand verschiedener Teile der Münze viele Informationen gewonnen werden: Da in den meisten Fällen der Kaiser auf die Hauptseite, dem Avers, abgebildet war, ist dort zu erkennen, unter welchem Kaiser die Münze geprägt wurde. Die hier vorgestellte Münze ist ein Sesterz des Kaisers Antoninus Pius (138 n. Chr. – 161 n. Chr.). Sesterze waren die monetäre Grundeinheit des römischen Währungssystems. So ergaben 100 Sesterze den Gegenwert zu einem Aureus, der Goldmünze mit dem höchsten Wert, vier Asse hingegen, das kleinste Nominal, einen Sesterz.

Obwohl er 23 Jahre regierte und somit eine der längsten Amtszeiten unter den römischen Kaisern vorzuweisen hatte, ist Antoninus Pius heute ein eher unbekannter Kaiser. Dies könnte daran liegen, dass ihn die antiken Quellen zwar als ‚guten‘ Herrscher, jedoch als wenig schillernde Persönlichkeit darstellen. Bekannter sind meist Kaiser, deren Regierung als auffällig angesehen wurde. Vor allem negativ bewertete Regenten wurden später häufig in Film und Fernsehen aufgegriffen und konnten sich so im öffentlichen Bewusstsein festsetzen. Bekannte Beispiele dafür wären Nero (Quo Vadis?) und Commodus (Gladiator).

Zusätzlich besitzen römische Münzen der Kaiserzeit eine Umschrift (Legende) auf Vorder- und Rückseite. Sie zeigen die offiziellen Namen des Kaisers und teilweise auch dessen Titel. Auf unserem Sesterz ist IMP. CAES. T. AEL. HADR. ANTONINVS AVG. PIVS P.P. zu lesen.


                                                                                                              Avers mit Portrait des Anoninus Pius und der Legende IMP. CAES. T. AEL. HADR.                                                                                                                                                                                                                                                                      ANTONINVS AVG. PIVS P.P. © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde


Greift man anfangs nur die Titel aus der Legende heraus, bleiben die Kürzel IMP., CAES., AVG., PIVS und P.P. Das IMP. steht für Imperator, den Oberbefehlshaber und CAES. für Caesar, den Titel des offiziellen Nachfolgers. Dieser Titel ist vom Namen des berühmten Julius Caesar abgeleitet und ist der Ursprung für unser Wort Kaiser. P.P. hingegen ist ein Ehrentitel ohne direkte Funktion, und steht für ›pater patriae‹, dem Vater des Vaterlandes. Zusammen mit dem Ehrennamen Augustus (AUG.), was so viel wie der Ehrwürde heißt, bilden sie die Titel, die fast jeder römische Kaiser verliehen bekam. Ein besonderer Ehrentitel, der weniger häufig war, ist PIVS. Er sagt aus, dass Antoninus als besonders fromm und pflichtbewusst angesehen wurde.

Für den eigentlichen Namen bleiben somit T. AEL. HADR. ANTONINVS. Ausgeschrieben ergäbe sich der Name Titus Aelius Hadrianus Antoninus. Die Namensteile Aelius und Hadrianus waren jedoch kein Bestandteil des Geburtsnamens des Antoninus Pius, sondern wurden von seinem Vorgänger und Adoptivvater Kaiser Hadrian übernommen. Auf Münzen kam dieser Name nur kurze Zeit nach Regierungsantritt des Antoninus vor, wurde jedoch später, in den Jahren 150 n. Chr. bis 152 n. Chr., erneut geprägt. Grund dafür könnte die Fertigstellung des für Hadrian und seine Frau gebauten Tempels sein. Möglich wäre auch, dass bereits ab 151 n. Chr. auf das im Jahr 152 n. Chr. fallende 15. Thronjubiläum des Antoninus Pius hingewiesen werden sollte und dafür der zum Regierungsbeginn auf Münzen geprägte Name wiederkehrte.

Dass der hier besprochene Sesterz aus dem Jahr 151 n. Chr. stammt, ist auf der Rückseite, dem Revers, zu erkennen. Ihre Legende zeigt TR. POT. XIIII COS. IIII ANNONA AVG. S.C.. Während COS IIII anzeigt, dass Antoninus Pius viermal das Amt des Konsuls innehatte, weist das links und rechts der Frauenfigur geprägte S.C. darauf hin, dass die Münze mit Zustimmung des Senats geprägt wurde (senatus consultum).


                                                                                                              Revers mit der Darstellung der Annona und der Legende TR. POT. XIIII COS. IIII ANNONA                                                                                                                                                                                                                                                          AVG. S.C. © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde


Wichtig für die Datierung ist jedoch das Kürzel TR. POT. XIIII, das für die vierzehnte Tribunizische Gewalt (tribunicia potestas), stand. Da diese Sondermacht, die den Kaiser unantastbar machte und ihm das Vetorecht für Gesetze einräumte, jedes Jahr aufgefrischt wurde, kann man die Verleihungen zurückrechnen. Daraus ergibt sich, dass Antoninus Pius die vierzehnte Tribunizische Gewalt in den Jahren 150/151 n. Chr. innehatte, da diese jeweils am 10. Dezember eines Jahres erneuert wurde und bis zum 9. Dezember des Folgejahres in Kraft blieb.

 

Zu guter Letzt soll noch ein Blick auf das Reversbild geworfen werden. Auf diesen ließ der Kaiser massenwirksam Botschaften verbreiten, die seinen Herrschaftsstil beschreiben sollten oder auf besondere Ereignisse hindeuteten. Es zeigt eine sitzende Frau, welche die Legende als Annona benennt, der personifizierten Versinnbildlichung der gesicherten Getreideversorgung Roms. Da es zu den Aufgaben der römischen Kaiser gehörte, die Bürger der Stadt Rom zu einem gewissen Teil mit Korn oder Brot zu versorgen, war die Darstellung der Annona auf Münzen häufig zu finden. Der Kaiser, hier Antoninus Pius, vermittelte damit, dass er in der Lage war, dieser Aufgabe nachzukommen. Dies drückt sich auch durch das AVG. der Legende aus, da das Kürzel die Verbindung zum Kaiser (Augustus) herstellte. In den Händen der Annona befinden sich Gegenstände, sog. Attribute, die passend zum Thema der Versorgung gewählt waren: Die Kornähre in der rechten Hand deutet direkt auf das Thema der Getreideversorgung hin, während das Füllhorn in der linken in einem eher abstrakten Sinn für Überfluss und Wohlstand stand.

Wer sich weiterführend mit den Münzen der römischen Kaiserzeit beschäftigen möchte, findet einen umfassenden Katalog mit den wichtigsten Angaben zu den Münzen unter:

http://numismatics.org/ocre/

Allein zu den Münzen des Antoninus Pius führt der folgende Link:

http://numismatics.org/ocre/results?q=Antoninus+Pius+AND+authority_facet%3A%22Antoninus+Pius%22

 

Literatur:

A. Hansen, Ein Grabfund römischer Münzen bei Meyendorf und andere Münzfunde in Ostfalen. In: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg Band 66/67, 1931/1932.

D. Kienast – W. Eck – M. Heil, Römische Kaisertabelle. Grundzüge einer römischen Kaiserchronologie ⁶(Darmstadt 2017) 128f.

H. Mattingly – E. A. Sydenham, Roman Imperial Coinage III. From Antoninus Pius to Commodus (London 1930) 10f.

Ch. Michels – P. F. Mittag (Hrsg.), Jenseits des Narrativs. Antoninus Pius in den nicht-literarischen Quellen (Stuttgart 2017) 9.

Ch. Michels, Antoninus Pius und die Rollenbilder des römischen Princeps. Herrscherliches Handeln und seine Repräsentation in der hohen Kaiserzeit, Klio 30 (Berlin 2018) 56–58. 135f.

N. Panteleon, Eine Münze der augusteischen Zeit, Sammlungsstücke 2, 2016, 5–8.







SammlungsStück April 2021

Richters Anker-Steinbaukasten Imperator N 3A



                                                                        Richters Anker-Steinbaukasten Imperator Nr. 3A © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde



Inv.-Nr.: V: 16/01/02/96:188 a, b

Provenienz: Ahrend, Ummendorf

Maße: L 29 cm / B 18,5 cm / 4,5 cm

Material: Holz, Papier, Kunststein, Metall

Hersteller: F. Ad. Richter & Cie.

Erhaltung: Holzkasten leicht wurmstichig, Boden teils ausgebrochen, Etikett größtenteils verloren, 14 der 21 Metallteile erhalten, beigelegtes Heft stark beschädigt und unvollständig

Datierung: zwischen 1906 und 1910

 

Das Spielen mit Bausteinen besitzt eine lange Tradition und auch heute erfreuen sich klassische Bauklötze und ihre Weiterentwicklungen bei Kindern großer Beliebtheit. Die Idee Kindern im frühesten Alter mit Bausteinkasten ein pädagogisch wertvolles Spielzeug an die Hand zu geben, ist bereits um das Jahr 1840 fassbar. Der Gründer des Ersten Kindergartens, Friedrich Fröbel, erkannte in dieser Zeit das Potential der Bauklötze. Sie sollten Kindern bestimmte Fähigkeiten, wie das Übertragen zweidimensionaler Abbildungen in dreidimensionale Objekte, spielerisch aneignen.

In der Frühzeit der Bausteine waren es vor allem die Produkte von Friedrich Adolf Richter, die den Markt dominierten. Richter hatte sich wahrscheinlich im Jahr 1880 die Rechte an der Idee sowie die Maschinen zur Herstellung der Kunststeinblöcke von den Brüdern Lilienthal, den bekannten Luftfahrtpionieren, für eine Summe von 1000 Mark erworben. Zusätzlich tilgte er die Schulden der Brüder von 800 Mark, die für die Maschinen noch offen waren. Das Geld für diese Investition hatte sich der Unternehmer mit verschiedenen Firmen in seinem Besitz erwirtschaftet, zu deren wichtigsten eine Schokoladenproduktion und die Herstellung von Arzneimitteln gehörten.

Im Anschluss baute Richter ein international agierendes Steinbaukastenunternehmen mit Hauptsitz in Rudolstadt auf. Richters Anker-Steinbaukasten wurden nicht nur in vielen Ländern Europas vertrieben, sondern schafften es auch bis in die USA. Erst mit dem Tod Richters am Ende des Jahres 1910 und dem bald darauf ausbrechenden Ersten Weltkrieg im Jahr 1914 geriet die erfolgreiche Firma ins Wanken.

Im Ersten Weltkrieg stoppte dann erstmalig die Produktion der Steine, da die Werkhallen in die Waffenproduktion eingebunden wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet die Firma in finanzielle Schwierigkeiten, so dass 1921 80% der mittlerweile als Aktiengesellschaft gelisteten Firma an den Hauptgläubiger Alfred Eversbusch gingen. Bis in das Jahr 1940 wurden aber weiterhin durchgängig Baukästen produziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte dann erst 1948 die Herstellung wiederaufgenommen werden. 1953 wurde der Betrieb, nun in der DDR, zu einem VEB (Volkseigenen Betrieb) umgewandelt, bis durch mangelnden Absatz die Werke 1963 schließen mussten.

Erst 1995 wurde durch die Initiative des Berliner Akustikprofessors Georg Plenge die Produktion der Steinbaukasten wiederaufgenommen. Die Ankerstein GmbH produziert auch heute in Rudolstadt und verschifft wieder in die ganze Welt.

Der Anker-Steinbaukasten aus unserer Sammlung stammt noch aus der Hochphase der Firma vor dem Tod Adolf Richters. Der Name Imperator macht erkenntlich, dass der Inhalt nicht nur die üblichen aus Kunststein bestehenden Bausteine enthält. Es lagen den Kästen der Imperator-Serie auch Metallteile bei. Die Nummer 3A zeigt auf, dass es sich hierbei um einen Ergänzungskasten handelt. Durch ein ausgeklügeltes System von Grundkästen und Ergänzungen konnte so der Kunde zu weiteren Käufen angeregt und langfristiger Spielspaß mit neuen Impulsen gewährleistet werden. Des Weiteren gab es verschiedene Schwierigkeitsstufen. Je höher die Stufe, desto anspruchsvoller waren die zu bauenden Modelle.


 


                                                                                                              Der Inhalt des Steinbaukastens und die zugehörigen Vorlageblätter                                                                                                                                                                                                                                                                                        © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde


Im Kasten befanden sich sechsundfünfzig Kunststeine und einundzwanzig Metallteile – von denen 14 noch erhalten sind – in verschiedener Form. Größere Baukästen, wie der ebenfalls in der Sammlung befindliche Imperator Nr. 7, enthielten auch Schrauben zur Befestigung der Metallteile, Klammern und sogar einen kleinen Schraubenzieher.

Die Datierung der Kästen ist schwierig, kann jedoch anhand einiger Merkmale vorgenommen werden: Erst im Jahr 1888 wechselte der Name des Produkts von Patent Bausteine zu Anker-Steinbaukasten. Damit zusammenhängend ging ein Wechsel des Logos einher. Bisher war als Markenzeichen ein Eichhörnchen verwendet worden, neben dem nun gleichzeitig der namensgebende Anker hinzukam. Erst 1898 wurde, wie auch auf unserem Baukasten, der Anker alleine Abgebildet.

Ein weiterer Hinweis, der dem Etikett zu entnehmen ist, besteht in den von Richter eingeführten Passworten. Diese besaßen die Namen bekannter deutscher Städte und dienten nicht nur der besseren Orientierung des Käufers. Den beiliegenden Vorlageblättern der Baukästen ist zu entnehmen, dass die Passwörter ebenso zum Schutz vor Plagiaten Verwendung fanden. Es wurde mit Nachdruck darauf verwiesen, dass lediglich das Markenzeichen des Ankers und die Nennung des Passwortes zum Kauf des originalen Anker-Steinbaukastens und der richtigen Kastennummer führen konnten. Diese Passwörter lösten 1906 ein kompliziertes Thelegraphiewortsystem ab. Mit diesem war zwar eine präzise Bestellung möglich, jedoch waren in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Telegraphieworte gängig, was zu einiger Verwirrung führen konnte. Durch das auf unserem Kasten aufgedruckte Passwort Sassnitz, kann der Baukasten also nicht vor 1906 entstanden sein.



                                                                                                              Die erhaltenen Reste des Deckeleticketts mit der Bezeichnung Imperator und der Nr. 3A                                                                                                                                                                                                                                                                                           in rot, sowie dem Passwort Sassnitz in Klammern hinter der Nummer                                                                                                                                                                                                                                                                                    © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde


Durch einen Blick in den Kasten selbst, vor allem auf das standartmäßig beiliegende Vorlagenheft, wird die Datierung weiter eingegrenzt. Ein Druckzeichen am unteren rechten Rand eines der Blätter zeigt die Nummer 063 II 40. Dies weist darauf hin, dass es sich bereits um die zweite (II) Auflage der im März (3) 1906 (06) für diese Kastennummer gedruckten Beihefte handelt. Diese zweite Auflage betrug vierzigtausend (40) Exemplare. Allerdings konnten die Druckzeichen auch länger im Gebrauch sein, weshalb sie immer nur den frühesten Zeitpunkt der möglichen Herstellung angeben können.

Die Vorlagenblätter bieten für das spielende Kind sowohl eine Dreiviertelansicht des zu bauenden Objekts, als auch einzelne Bauschichten. Bei größeren Kästen, wie dem Imperator Nr. 7, wurden Vorlagen und Bauschichten teils getrennt.


                                                                                                              Detail des Vorlageblattes mit dem Druckzeichen 063 II 40                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde


War das Kind mit dem Spielen fertig, erleichterte eine auf dem Rücken des Deckels befindliche Einpackvorlage das Verstauen der Steine. Direkt unter dieser Vorlage befand sich eine Angabe zur Gesamtstückzahl von Bausteinen und Metallteilen. Hier wird auch der internationale Vertrieb der Baukästen besonders deutlich: War zwar schon auf dem Deckeletikett die Aufschrift in Deutsch und Französisch gehalten, wurden die Angaben auf der Deckelrückseite sogar in Deutsch, Französisch, Niederländisch und Norwegisch abgedruckt. Gleichzeitig findet sich hier aber ebenso ein abschließender Hinweis auf die Datierung. Die im Kasten befindlichen Metallteile werden als vernickelte Eisenteile beschrieben. Ab dem Jahr 1910 wurden jedoch alle Metallelemente als lackierte Metallteile bezeichnet. Daraus lässt sich abschließend die Erkenntnis gewinnen, dass unser Steinbaukasten zwischen den Jahren 1906 und 1910 hergestellt wurde.



                                                                                                               Abb. 4: Das Etikett der Deckelrückseite zeigt die Einpackvorlage, darunter (hier rechts)                                                                                                                                                                                                                                                               finden sich die mehrsprachigen Angaben zur Gesamtstückzahl der im Deckel                                                                                                                                                                                                                                                                            befindlichen Teile. © Foto M. D. Heiß, BMBU ─ Landkreis Börde


Preislich konnten die verschiedenen Bausteinkästen stark variieren. In einem Warenkatalog des Berliner Kaufhauses Wertheim aus den Jahren 1903/4 liegt die Preisspanne je nach Größe des Kastens zwischen 2 und 70 Mark. Das jährliche Durchschnittsgehalt in Deutschland lag im Jahr 1904 bei ca. 887 Mark. Der teuerste Steinbaukasten hätte damit beinahe ein Monatsgehalt (ca. 73 Mark) gekostet. Ein Brückenbaukasten der Nr. 3 mit Metallteilen kostete in diesem Jahr 2 Mark und läge so im untersten Preissegment. Eine ähnliche Preisgestaltung wird wohl auch für den hier vorgestellten Kasten anzunehmen sein. Um den als Ergänzungskasten hergestellten Imperator Nr. 3A wie angedacht verwenden zu können musste jedoch vorher mindestens einer der Grundkästen mit den Nummer 3, 3 ½ oder 1A erworben werden. Darin zeigt sich die finanzielle Seite des Erweiterungssystems.

 

Literatur:

Olms Presse (Hrsg.), Modekatalog 1903/ 1904. Warenhaus A. Wertheim Berlin [Nachdruck Hildesheim 2000] 176

 

Digitale Quellen:

G. F. Hardy, Richters Anker-Steinbaukasten (1994), <https://www.ankerstein.ch/downloads/CVA/Book-PC.pdf> (20.04.2021) (Übers. von Claus Ahlers)

https://anker-bausteine.de/geschichte/ (Stand 20.04.2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Durchschnittsentgelt (Stand 20.04.2021)







SammlungsStück März 2021

Taschentuch mit Bubengeschichte

Maße: 41 cm x 38 cm

Material: Baumwolle

Künstler: C. Häbelin, A. Kunz (Vorlage)

Motiv: „Mit kleinem fängt man an“

Provenienz: Wipper, Ummendorf/Magdeburg

Zugang: 1944

Datierung: ca. 1870

Erhaltung: starke Benutzungsspuren, Kanten ausgefranst und teilweise eingerissen.

Inv.-Nr. V:13/05/02/8812 Altnummer: A 128-52

 

Momentan befassen sich die Mitarbeiter des Museums mit der Sichtung und Aufarbeitung seiner Bestände für die neue Dauerausstellung. Das heißt, es geht auf Spurensuche nach Objekten, die vielleicht in der Ausstellung präsentiert werden sollen. Bei einer Fülle von mehreren Tausend Stücken muss eine Auswahl getroffen werden. Nicht alles kann ausgestellt werden. So wird das Motivtaschentuch, das im Folgenden vorgestellt wird, wohl nicht in der Dauerausstellung gezeigt werden können.

  


                                                                                                                Stofftaschentuch, ca. 1870 Bildergeschichte von Carl Häberlin,                                                                                                                                                                                                                                                                                              Foto © U. Mühe (BMBU – Landkreis Börde).


1944 gelangte es als Schenkung in den Sammlungsbestand. Es handelt sich um ein Stofftaschentuch. Noch heute kennt man solche mit Spitzenbesatz, obwohl diese immer seltener verwendet werden. Dieses ist jedoch mit einer ganzen Bildergeschichte aus 12 Bildern versehen. Die Geschichte handelt von zwei nicht namentlich benannten Lausbuben, die beim Stehlen von Trauben, Äpfeln und Birnen erwischt und bestraft werden. Taschentücher mit Motiven gibt es noch heute bei Kindertaschentüchern, die allerdings ein deutlich kleineres Format aufweisen (ca. 25 x 25 cm) als dieses Exemplar und farblich meist offensiver gestaltet sind. Dieses Stück hat einen braunen Rand und auch die Streifen, welche die einzelnen Bilder trennen, bestehen aus braunen Quadratbändern mit jeweils einem schwarzen Punkt in der Mitte. Die Bilder sind in schwarz weiß gehalten. Betrachtet man die Rückseite, so erkennt man direkt, das die braunen Bereiche beidseitig den gleichen intensiven Farbton aufweisen und der Stoff vollständig eingefärbt ist. Die Bilder jedoch auf den Stoff gedruckt wurden. Hierbei handelt es sich wohl um ein Walzendruckverfahren, das 1780 von Christian Philipp Oberkampf zur Textildruckerei erfunden wurde und verstärkt im Zuge der industriellen Verarbeitung von Textilien im 19. Jahrhundert zum Einsatz kam. Vermutlich hat es sich um einen Holzstich gehandelt.

 

Zwei Buben gehen spazieren.

Sie thun einander führen.

 

Die Trauben sind so lockend.

Man sieht sie drunter hockend.

 

Apfel, Birn nicht minder.

Stehl´n die bösen Kinder.

 

Auf einmal in dem Hintergrund,

erscheint Herr Friedrich Maier und

 

packt gleich die beiden Diebe,

sie kriegen arge Hiebe.

 

„Hab´ich euch“ spricht er fürchterlich.

Die Buben sehen unter sich.

 

Sie fangen an zu weinen

und trommeln mit den Beinen.

 

Doch hilft dies alles Nix,

Sie kriegen nur noch mehre Wix.


Herr Maier bind´t sie an den Strick

und führt sie fort im Augenblick.


Er führt Sie auf die Wachen.

Die Leute steh´n und lachen.


Seht hier der Eltern großer Jammer.

Sie rufen „Was für böse Buben ham´mer!“


Zwölf Stunden sind sie in Arrest.

Das geschieht den bösen Buben recht.

 

Als Herr Maier die Buben beim Diebstahl erwischt, zögert er nicht lange und straft die Jungen mit Stock-Hieben. Die Prügelstrafe war im 19. Jahrhundert durchaus noch üblich und wurde hier wohl vom Verwalter der Obstwiesen und Weinberge eingesetzt. In der Folge führt er sie am Kniestrick zum Arrest und gibt sie dabei den Zuschauern der Belustigung Preis. Auch die jammernden Eltern werden gezeigt. Die Geschichte endet damit, dass die Buben nach einem 12 stündigen Arrest wieder freigelassen werden. Der Name der Geschichte „Mit kleinem fängt man an“. Soll wohl darauf hinweisen, dass am Anfang der banal wirkende Obstddiebstahl steht, jedoch schlimmere Taten folgen könnten. Dies muss natürlich unter Berücksichtigung des Zeichenstils und des Zeitgeistes betrachtet werden. So zeigt sich in der Darstellungsweise deutlich, dass es sich um eine Karikatur handelt. Beispielsweise hat Herr Maier im ersten Bild noch seinen Zylinder ordentlich auf dem Haupt sitzen, als er die Buben zum Arrest führt, ist dieser jedoch verknittert und außer Form. Überzogen ist auch der Sitz der Weste des Jungen im 7 Bild. Hochgeschoben und zu klein schauen darunter Hosenträger hervor.

  

                                                                                                              Detail der Darstellung © Foto N. Panteleon (BMBU – Landkreis Börde).


Der Stil der Gesichter ist sehr einheitlich und Unterschiede an den Personen werden vor allem durch Kleidungsstücke und Körpergröße hervorgebracht. So trägt einer der Buben eine Mütze, Herr Maier einen Zylinder und einen Frack. Die Frauen sind mit Mantel und Haube bekleidet.

Betrachtet man die Bildergeschichte und ihren Inhalt fühlt man sich direkt an die wohl bekanntesten Lausbubengeschichten von „Max und Moritz“ erinnert. Die Streiche von Max und Moritz des Autoren Wilhelm Busch (1832–1908) entstanden 1863/64 und wurde Ende Oktober 1865 veröffentlicht. Tatsächlich gab es im 19. Jahrhundert jedoch bereits zahlreiche Illustratoren, die ihre aus mehreren Bildern bestehenden humorvollen bis lehrreichen Geschichten in den „Münchener, Magdeburger, Deutschen oder Neuruppiner Bilderbögen“ veröffentlichten. Insbesondere die Autoren Julia Held, Henry Gawlick sowie Eckardt Sackmann haben sich in den vergangenen Jahrzehnten dazu geforscht. Zuletzt befasst sich Julian Auringer in seiner Dissertation 2019 mit dem Thema.

  

                                                                                                                           Deutscher Bilderbogen Nr. 48 Foto © E. Sackmann.


Das Motiv auf Ummendorfer Taschentuch geht auf den Deutschen Bilderbogen Nr. 48 von Carl Häberlin (1832–1911) zurück. Carl Häberlin ausgebildet in Stuttgart, Düsseldorf und München war Maler und Illustrator. Vor allem bekannt als Historienmaler, hat er jedoch auch als Illustrator gewirkt. Die Deutschen Bilderbögen – gedruckt und verlegt in Stuttgart – entstanden zwischen 1867 und 1873, wobei Nr. 48 wohl in das Jahr 1868 datiert werden kann. Das Taschentuch wird sicher ein Nachdruck sein und entstand demnach wohl um 1870. Ein Herstellungsort ist leider nicht zu ermitteln, auch da es sich bei diesem Taschentuch um ein Einzelstück handelt, für das bisher keine vergleichbaren Objekte bekannt sind.

Die Bilderbögen selber sind ein frühes Massenmedium und in Auflagen von mehreren Hunderttausend gedruckt worden. Für verschiedene Landstriche, wie Vorpommern, konnten diese auch als Truhenbilder nachgewiesen werden. Immer wenn der Truhenbesitzer den Deckel öffnete, erfreute er sich an dem Bogen. Die Verlage boten zudem Produktionslinien mit Bildbogenmotiven an, wozu etwa Schulheftumschläge und Rockenbänder gehörten. Dass auch das Taschentuch von seinem Besitzer oft genutzt wurde, darauf weisen die Risse und Blessuren hin, die vom Falten und reiben am Stoff entstanden sind.

  


                                                                                                                                         Kommodentruhe mit eingeklebtem Bilderbogen, Robahn & Co                                                                                                                                                                                                                                                                                                Magdeburg, 1924, Sammlung Gawlick, Hangenow, nach: G. Köster – K. Kanter (Hrsg),                                                                                                                                                                                                                                                            Bilder gehen um die Welt. Magdeburger Bilderbögen und ihre Zeit (Magdeburg 2018) 131 Nr. 142.

 

Danksagung:

Eckardt Sackmann danke ich herzlich für den Hinweis auf den Bilderbogen und damit verbunden mit der Identifizierung des Illustrators.

 

Literatur:

G. Köster – K. Kanter (Hrsg), Bilder gehen um die Welt. Magdeburger Bilderbögen und ihre Zeit (Magdeburg 2018) 18 – 19 Nr. 19. 20; 131 Nr. 142.

Manfred Pawlak Verlag (Hrsg.), Deutscher Bilderbogen für Jung und Alt. [Nachdruck Herrsching 1975] 172–184.

 

Digitale Quellen:

https://www.alltagskultur.de/portfolio/menschen-nasen-taschentuecher/ (Stand 8.3.2021).

https://archive.org/details/malerwerkedesne00boetgoog/page/n452/mode/2up?view=theater (Stand 10.3.2021).

Haeberlin, Karl. In: F. von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. Beitrag zur Kunstgeschichte. Band I (Dresden 1895) 442.

https://www.bilderbogenforschung.de/bilderbogen/ (Stand 11.03.2021).

https://www.bildindex.de/document/obj00023877 (Stand 11.02.2021).

http://www.comicforschung.de/vorkrieg/vorkrieg_dtbilderbogen.html (Stand 11.03.2021).

http://www.kunst-und-kultur.de/index.php?Action=showLexikonEntry&lId=3&eId=365 (Stand 8.3.2021).

Handwörterbuch der Textilkunde aller Zeiten und Völker für Studierende, Fabrikanten, Kaufleute, Sammler und Zeichner der Gewebe, Stickereien, Spitzen, Teppiche und dergl., sowie für Schule und Haus, bearbeitet von Max Heiden, Stuttgart 1904.

https://objektkatalog.gnm.de/objekt/H3039 (Stand 11.02.2021).

Germanisches Nationalmuseum Deutsche Bilderbogen für Jung und Alt Nr. 48: Mit Kleinem fängt man an – Weise, Gustav (Verleger); Hoffmann, Carl (Drucker); Häberlin, Carl von (Zeichner); Kunz, A. (Stecher), Datierung: 1868, Ort: Stuttgart (Verlagsort), Material/Technik: Papier / Holzstich & Typendruck, Maße: 44,3 x 35,3 (Blatt) (Höhe*Breite/cm)








SammlungsStück Februar 2021

FIMAG- Elektrostation                  


                                                                                                               Das Vierzylinder- Diesel- Notstromaggregat in der Ausstellung des Börde-Museums                                                                                                                                                                                                                                                    Burg Ummendorf © Foto: U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde (vorläufiges Bild)   

FIMAG- Elektrostation: Inv.-Nr.: BMBU 2009 327

Motor und Grundplatte:

Hersteller:                    Gerätebau Schönebeck Staatliche Aktiengesellschaft »AMO« (Sowjetische Maschinenbau AG)

Baujahr:                       1952

                                  4 NVD 14 (2x DEUTZ F 211 414 im VOMAG- Baukastensystem)

                                  Vierzylinder-Viertakt, Diesel, wassergekühlt

Leistung:                       40 PS bei 1500 U/min

Generator:                     DCB 30-4

Hersteller:                      FIMAG (Finsterwalder Maschinen AG)

Baujahr:                        1952

Leistung:                       U: 400 V, I:  44 A  ƒ:  50 Hz  

Bei dem Begriff »Elektrostation« handelt es sich um ein Notstromaggregat, das von einem Vierzylinder-Dieselmotor aus dem Schönebecker Motorenwerk angetrieben wurde. Der Generator ist ein Produkt der FIMAG (Finsterwalder Maschinen AG). Die Station besteht aus drei Hauptbaugruppen: der Grundplatte, dem Motor und dem Generator. Alle drei Bauteile wurden 1952 gefertigt, also in der Zeit, als die DDR schon als ein sozialistischer Staat existierte. Insofern sind die erhaltenen Typenschilder sehr interessant. Sie weisen den Hersteller von Motor und Grundplatte als eine staatliche Aktiengesellschaft innerhalb der »AMO« (Sowjetischer Maschinenbau AG) aus.

           


                                                          Motorentypenschild und das Typenschild der Grundplatte © Fotos: U. Schmidt BMBU Landkreis – Börde 

 

Dieser Industrievereinigung gehörten weiterhin die Magdeburger Betriebe ›Maschinenfabrik Buckau R.Wolf‹ (wurde zum ›Schwermaschinenkombinat Karl Liebknecht, SKL‹), ›Maschinenfabrik Krupp - Gruson‹ (wurde zum ›Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann, SKET‹), die ›Maschinenfabrik Otto Gruson‹ (wurde zum ›Georgi-Dimitroff-Werk‹), ›Maschinenbau Mackensen‹ (wurde zum ›VEB Schwermaschinenbau 7. Oktober‹) und die ›SAG Gerätebau Schönebeck/ Elbe‹ (wurde zum ›VEB Dieselmotorenwerk Schönebeck‹). Diese Betriebe bauten 1950/51 das Magdeburger Kulturhaus, das heute noch den Namen der Sowjetische Maschinenbau AG, »AMO« trägt. Anlässlich des 34. Jahrestages der Oktoberrevolution wurde es am 07. November 1951 eröffnet. Das Gebäude selbst ist im Neoklassizismus errichtet und wird von einer schönen Parkanlage umgeben.


                                                                                                               Das Kulturhaus AMO noch mit Bauzaunabsperrung, aufgenommen am 17. April 1951.                                                                                                                                                                                                                                                          © Foto: Biscan/Bundesarchiv Bild 183-10372-002 


Heute gehört das unter Denkmalschutz gestellte Haus der Stadt Magdeburg. Es wird für Tagungen und für Kulturveranstaltungen wie Konzerte noch genutzt.

In neuerer Zeit wird die Abkürzung als »Am Markt Orientiert« gedeutet, was geschichtlich nicht korrekt ist.

Der Generator wurde von der ›FIMAG‹ produziert und nach Schönebeck zugeliefert. Das Typenschild des Generators ist in russischer Sprache.

    

                                                                                        


                                                                                                              Typenschild des Generators © Foto: U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde    


Dies ist ebenfalls ein Hinweis, dass die ›FIMAG‹ der »AMO« zugehörig war oder zumindest in sowjetischer Verwaltung lag. Diese Typenschilder belegen, dass viele wichtige Betriebe des Maschinenbaus auch noch nach der DDR- Gründung unter sowjetischer Verwaltung standen.

Die Gründung der FIMAG geht auf das Jahr 1934 zurück. Auf dem Sektor der Notstromerzeugung war ›FIMAG‹ in der DDR bis zur Wende der Hauptproduzent. Es gab verschiedene Aggregatgrößen mit unterschiedlichen Motorisierungen. Sie wurden als stationäre und mobile Aggregate produziert. Für die kleinsten Aggregate fand der luftgekühlten Einzylinder-Zweitakt-Motor von ›BARKAS‹ Verwendung. Größere gab es mit Vierzylinder-Diesel luftgekühlten Antrieb von ›ROBUR‹ oder mit Vier- bis Sechszylinder wassergekühlten Dieselmotoren aus Nordhausen oder Schönebeck. Alle Notstromaggregate zeichnen sich durch Zuverlässigkeit und Langlebigkeit aus, sodass viele noch heute zuverlässig im Einsatz sind.

           



                                                         Notstromaggregat mit ROBUR- Dieselmotor ver-                                                      Drei Sechszylinderaggregate in der Bunker-                                                                                                                                                                                            lassen im Maschinenraum vom Ausflugslokal                                                             anlage Komplexlager 12/Malachit bei Halberstadt, 2005.                                                                                                                                                                       Hubertushöhe bei Oschersleben, 2007.                                                                                                                                                                                                                                                                                                     © Fotos: Sammlung U. Schmidt

 

Auch dieser Volkseigene Betrieb wurde privatisiert und 1993 als ›FIMAG‹ (Finsterwalder Maschinen- und Anlagenbau GmbH) neu gegründet.

Heute produziert die ›FIMAG‹ Blockheizkraftwerke, Notstromaggregate, Prüfgeräte sowie spezielle Logistiksysteme auf dem Sektor der Energieversorgung. Die FIMAG ist auch heute wieder ein wichtiger Produzent für das Militär.

 

Auf dem Gelände der ›Preußischen Bohrverwaltung‹ (Teil der ›Preußischen Bergs- und Hütten AG‹) in Schönebeck entstand 1946 die ›SAG Gerätebau Schönebeck/ Elbe‹ (SAG = Sowjetische Aktiengesellschaft). Mit 300 Arbeitern und Angestellten begann 1948 das Unternehmen mit der Produktion des Zweizylinder- Dieselmotors DM 20. Dieser Motor entsprach dem F2 M 414 von Deutz nur in einer stationären Ausführung.


                                                                                                             Ein DEUTZ F2 M 414- Motor, hier verbaut in einemNORMAG NG 10.                                                                                                                                                                                                                                                                                    ©Foto: U. Sch midt BMBU – Landkreis Börde

  

Aus diesem Motor wurden die Vier- und Sechszylindermotoren DM 40 und DM 60 abgeleitet. Bei diesen Motoren verwendete man nicht mehr die Einspritzpumpen der Bauart ›L´Orange‹, sondern ging über zu den IFA- Einspritzpumpen aus der Produktion der ›VEB Barkas-Werke Karl- Mark- Stadt‹. In der Bauart entsprachen die Motoren dem Baukastenprinzip, das bei ›VOMAG‹ (›Vogtländer Maschinen AG‹) entwickelt wurde. Das Anlassen erfolgte mittels elektrisch mit einem 24 Volt 4 PS Anlassers und unterstützt durch vier elektrische Glühkerzen. Der Motor hat eine Druckumlaufschmierung mit Ölfilter. Zur Kühlung konnte ein Kühler oder eine Frischwasser-Durchlaufkühlung verwendet werden.

Zu Beginn der Motorenproduktion verwendete man betriebseigene Typenbezeichnungen. Im Zuge der Systematisierung der Bezeichnungen 1951/52 entstanden die beiden Bauarten mit den Bezeichnungen NVD (Normalhub-Viertakt- Diesel) und KVD (Kurzhub- Vietakt- Diesel).

1951 wurde der Betrieb verstaatlicht und in den VVB (Vereinigung Volkseigener Betriebe) eingegliedert. Vier Jahre später erfolgte die Umbenennung in ›VEB Dieselmotorenwerk Schönebeck‹ und 1985 die Vereinigung mit dem ›VEB Traktorenwerk Schönebeck‹. Mit über 1000 Mitarbeitern war der Betrieb einer der größten Arbeitgeber in der Region des heutigen Salzlandkreises. Den 300 000sten Dieselmotor konnte der Betrieb 1986 ausliefern. Motoren wurden für landwirtschaftliche Erntemaschinen, Nutzfahrzeuge, Traktoren, Notstromaggregate sowie für den Schiffsbau geliefert.

1995 wurde das Werk endgültig geschlossen und seit 2005 systematisch abgerissen.

                

                                                                                                                Eine Werkhalle des ehemaligen Schönebecker Traktorenwerkes im Spätsommer 2017.                                                                                                                                                                                                                                                          © Fotos: U. Schmidt privat

  

Die in der Landtechnikausstellung gezeigte Elektrostation wurde 1952 an das Kreiskrankenhaus Bahrendorf geliefert und in Betrieb genommen, um die Einrichtung bei Stromausfall weiter eigenversorgen zu können. Das Kreiskrankenhaus Bahrendorf war einst Rittergut und Schloss der Familie Schaeper. 1908 wurde das Schloss nach Plänen des bekannten Architekten Paul Schultze-Naumburg (Potsdam Cecilienhof) umgebaut. Die Familie Schaeper wurde im Zuge der Bodenreform am 07. September 1945 enteignet und das Schloss zum Krankenhaus umfunktioniert.

          

 


                                                                                                                Das umfunktionierte Schloss als Kreiskrankenhaus, aufgenommen am 14. April 1958.                                                                                                                                                                                                                                                           © Foto: Biscan/Bundesarchiv Bild 183-55289-0001

  

Die ersten Patienten nahm das Krankenhaus am 24. Oktober 1945 auf. Im Zuge der Zusammenlegung der Kreise Oschersleben und Wanzleben 1994, fusionierten die Kreiskrankenhäuser Neindorf und Bahrendorf. Dadurch sank die Bettenzahl und das Personal, sodass Ende 2002 das Kreiskrankenhaus Bahrendorf geschlossen wurde. Das nun veraltete und nicht mehr benötigte Notstromaggregat wurde von Mitarbeitern des Museums 2003 abgebaut und hier wieder aufgestellt. Dieses aus der frühen Produktion stammende Aggregat ist heute sehr selten zu finden.

 

Quellen:

 

Privater Schriftverkehr H. Hintersdorf – U. Schmidt, 08. 06. 2004

J. Reichelt, Betriebskunde des Dieselmotors, Bd. III, S. 148 – S. 151, Halle 1957

FIMAG – Geschichte, firmeneigene Internetseite, https://www.fimag-finsterwalde.de/unternehmen/geschichte/

S. Buerschaper, Neues aus der Aqua-Szene, Acara Post, Ausgabe 3, Mai/Juni 2018,                                                                                                              www.aquarienverein-helmstedt.de/index.php/acara-post/acara-post-2018/send/4-acara-post-2018/22-acara-post-mai-juni-2018

H. Lorenz, Operation Schönebeck, www.robotrontechnik.de/index.htm?/html/sonderbeitraege/rzs.htm

Schloss Bahrendorf – Geschichte, https://www.schloss-bahrendorf.de/historie.html

Wikipedia, AMO Kultur- und Kongresshaus, https://de.wikipedia.org/wiki/AMO_Kultur-_und_Kongre%C3%9Fhaus







SammlungsStück Januar 2021                                                                    

Feierabendziegel von 1797      


                                                                                                                  Dachziegel, sog. Pfannen- oder Krempziegel, aus Eichenbarleben. Oberseite                                                                                                                                                                                                                                                                  mit Inschrift (links) sowie Ziegelunterseite mit  Hängevorsprung (rechts)                                                                                                                                                                                                                                                                             © Fotos  S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Inv.Nr.:                            BMBU_2018Eic012_Ton

Maße:                              Decklänge max. 30 cm

                                      Deckbreite max. 25 cm

Herkunft:                          Eichenbarleben

Erhaltung:                         Gebrauchs- und Alterungsspuren, Bestoßungen, Abplatzungen

Datierung:                        1797

 

Noch bis heute findet sich gelegentlich bei Dacharbeiten an Gebäuden, deren späteste Erbauung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts liegt, ein Dachziegel, der häufig als Feierabendziegel bezeichnet wird. Ein recht alter Dachziegel gelangte auch im Jahr 2018 als Schenkung in die Museumssammlung und erweitert somit den Bestand an historischer Baukeramik.

Da Dacheindeckungen über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg ein nahezu gleiches Aussehen hatten, ist ohne weitere Anhaltspunkte (z. B. Inschrift, Initialen, Jahreszahl) meist nur die Zuordnung in durch Handarbeit gefertigte Ziegel (Handstrichziegel) sowie die maschinell hergestellten Dachziegel (Strangpressenziegel) möglich.

 Letztere wurden bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts produziert, durch technische Neuerungen ermöglicht wie Strangpresse (1854), Revolverpresse (1865) und Ringofen (1858, Entwicklung des in Gröningen geborenen Friedrich Eduard Hoffmann). Anhand dieser  neuen Fertigungsverfahren ist eine ungefähre zeitliche Einordnung möglich. Der Vorzug für die Provenienzermittlung ist bei Maschinenziegeln die Kennzeichnung mit der Herstellermarke der jeweiligen Ziegelei. Die individuellen Inschriften, Jahresangaben und Schutzzeichen, wie sie auf den Handstrichziegeln zu finden waren, entfielen somit. Beispielhaft belegt ist dies mit dem Sammlungsobjekt aus der Wackersleber Dampfziegelei           F. Rickenstorff (Inv.-Nr. BMBU 2010-106).


                                                                                                                Maschinell hergestellter Dachziegel (Krempziegel) der Wackersleber Dampfziegelei, 1920er-Jahre                                                                                                                                                                                                                                            © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Der für diesen Beitrag der SammlungsStückeausgesuchte Dachziegel, ein als Handstrichziegel gefertigter Krempziegel, hat noch eine Inschrift, die nicht entsprechend der Ziegelhängung senkrecht, sondern quer in den noch ungebrannten Ton eingeritzt wurde: Zum Anfang / den 14 Febra / 1797/ J G C. Der Dachziegel stammt vom Privatgrundstück des Schenkgebers in Eichenbarleben. Zu den Initialen lässt sich kein entsprechender Name mehr zuordnen. Die Farbunterschiede auf der Oberseite des Ziegels, von einem dunkleren, anthrazitfarbenen Bereich zu einem ziegelroten Bereich, der etwa zwei Drittel des gesamten Ziegels ausmacht, lassen seine vormalige Verwendung auf einem Gebäudedach erkennen. Ist der obere Teil  von glatterer Oberfläche – darüber hing ein weiterer Ziegel der Dachdeckung – zeigt der untere Teil Verwitterungsspuren, die sowohl in der raueren Oberfläche als auch im deutlich helleren Farbton zu sehen sind. 

 

Der aus Ton gefertigte Krempziegel ist ein Linkskremper, der auch die Bezeichnungen Altdeutsche Pfanne, Alter Deutscher Ziegel oder Breitziegel trägt. Er zählt zu den Hohlziegeln und ist eine der ältesten verwendeten Ziegelformen.  Auf der rechten Seite befindet sich ein niedriger Steg und auf der linken Seite ist eine konisch verlaufende Deckwulst, eine Krempe ausgeformt, die nicht nur dem Dachziegel die Benennung gibt, sondern »bei der Deckung über den hochstehenden Rand des Nachbarziegels greift.« (https://construction_de.deacademic.com/2536/Krempziegel)

           


                                                      Unterschiedliche Dachziegelarten und Dachdeckerwerkzeuge,© aus: Der Sprach-Brockhaus, 1935, 109.


Der Dachziegel aus Eichenbarleben gibt nicht nur Auskunft über sein Entstehungsjahr, sondern gehört aufgrund der zusätzlich eingeritzten Initialen in die Rubrik der ›Feierabendziegel‹, in einer schlichten Ausführung. Das ›Lexikon der Ziegel‹ von Willi Bender fasst dazu die wesentlichen Inhalte zusammen: >Feierabendziegel<, ist die Sammelbezeichnung für handgefertigte, gestaltete Dachziegel. Der Brauch, Ziegel zu verzieren, hat antike Vorbilder, denn schon die Römer, welche die Kunst des Ziegelbrennens nach Deutschland brachten, versahen ihre Dach- und Mauerziegel mit Symbolen gegen böse Geister oder zur Versöhnung guter Geister. Da es keine schriftlichen Überlieferungen der Ziegler selbst gibt, welche Aufschluß über deren Motivation zur Herstellung der Feierabendziegel geben, ist man auf Vermutungen angewiesen. (Bendler 1995)

Feierabendziegel gelten als Träger einer Volkskunst, die ab dem 15. Jh. nachweisbar ist.
Es entstand eine Vielzahl von Darstellungen und Motiven, die wie folgt gegliedert werden können:

-       Inschriften (Sprüche, Namen, Buchstaben, Zahlen)

-       Zeichnungen (Menschen, Tiere, Pflanzen, Wappen, Sterne, Sonnen)

-       Symbole (zauberische und religiöse Abwehr- und Heilszeichen, christliche Symbole)

-       Verzierungen (Ornamente, Dekore, geometrische Muster)

-       Abdrucke (von Hand und Fuß, auch von Tieren, Kritzeleien von Kindern)«

 

Die Motivation des Zieglers für die Inschrift eines weiteren in der Museumssammlung befindlichen Feierabendziegels (Inv.-Nr. BMBU V:01/00/04/01), vom Anfang des 19. Jahrhunderts, lässt sich im Objekt selbst finden und ist in dieser Deutlichkeit mit sozialkritischem Inhalt eher selten. Der sorgsam eingeritzte, gut leserliche Fließtext lautet:

»Unschuldig werde ich

Hier von der Ziegelei

weg gejagt. Durch –

Goldfidge, Auf eine ge,

wiße Art. Ich weiß,

nicht wo es gut vor

iß die Zeit klährt es

auf weiß ich ganz

gewiß.

FG«

Wer mit Goldfidge gemeint ist, bleibt aufgrund mangelnder Überlieferung ebenso ungeklärt wie der Name des Zieglers, der die Initialen FG trägt. Die kritischen Worte hingegen bestehen!

 

War das Gestalten von Dachziegeln mit bildlichen Darstellungen, bevorzugt mit Sonnen und weiteren Schutzzeichen sowie Inschriften eine gezielt ausgeführte Tätigkeit, blieb das Auffinden solcher Ziegel meist eher zufällig, wenn ein Dach neu gedeckt wurde. So konnten zwischen der Herstellung und dem Finden des Ziegels große Zeitspannen von mehreren Jahrzehnten liegen, sodass sich die Herkunft, zwar meist noch mit einem Gebäude verbinden lässt, jedoch Personenbezüge und Produktionsstätten meist ungeklärt bleiben.

 

Krempziegel, besonders die Linkskremper, sind für die hiesige Region eine markante Ziegelform. Die aktuelle deutsche Dach-Landkarte von Mila Schrader (Autorin Dachziegel als historisches Baumaterial) und Siegfried Müller (Leiter des Archivs Historische Dachziegel) dokumentiert die Verbreitungsgebiete einzelner Dachziegeltypen, bei denen u. a. auch das Gebiet von Niedersachsen bis in die Magdeburger Börde reichend, mit den charakteristischen Krempziegeln dargestellt ist.

 

Auch die Museumssammlung kann weitere solcher markanten Ziegel vorweisen. Auch diese sind wiederum mit Initialen und Jahreszahl versehen.  Mag es Zufall sein oder eine zeittypische Gepflogenheit, dass die vorhandenen Ziegel eine Jahreszahl der 1790er-Jahreund die individuellen Initialen als Inschrift tragen.


                                                                                                                Krempziegel von einem 1794 neu erbauten Wirtschaftsgebäude in der Alten Straße in Ummendorf,                                                                                                                                                                                                                                            Inschrift: Belsdorf 1794, Privatbesitz © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Aus dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts stammt ebenfalls ein Krempziegel, der sich in Privatbesitz befindet und mit der Jahreszahl  1794 sowie der Inschrift Belsdorf versehen ist. In diesem Fall ist der Hintergrund seiner Entstehung bekannt. Der Krempziegel entstand nachweislich in der Zeit des Wiederaufbaus einiger Gehöfte in der Alten Straße in Ummendorf nach dem Brand vom 31. März 1794. Innerhalb weniger Wochen waren Wirtschaftsgebäude und Wohnhäuser neu errichtet worden. Über dem zweiten Tor des Eckgrundstücks Wormsdorfer Str. 1, welches sich in der Alten Straße befindet, ist durch den Hofeigentümer Johann Jacob Jacobs mit einer Inschrift das Datum »Ano 1794 den 16 Mey« für die Neuerrichtung seines Gehöftes festgehalten.

Zu vermuten ist, dass für die Dachdeckung der Gebäude die Ziegel im benachbarten Ort Belsdorf erzeugt wurden. Eine schnelle Fertigung der Dachziegel und ein möglichst kurzer Weg für den Antransport dürften in dieser Situation besonders wichtig gewesen sein. Da immer noch in der Umgebung von Wefensleben und Belsdorf Ton vorkommt und in der Tongrube oberhalb des Zechenhauses bis heute der Rohstoff für die industrielle Ziegelsteinproduktion gewonnen wird, erhärtet dies die inhaltliche Verbindung.

Eine weitere Verwendung der Ziegel war der Giebelbehang an Gebäuden, besonders auf der Seite des Hauses, die stark von Wind und Wetter beansprucht wurde. So wie in waldreichen Gegenden die sog. Wetterseite mit Holzschindeln verkleidet sind oder in Landschaften mit Schiefervorkommen dieses Material für den Behang zum Einsatz kam, waren es hier in der Region Tonziegel, die Krempziegel, die der Bausubstanz Schutz boten. Für den Hinweis auf diese typische regionale Eigenschaft danke ich N. Panteleon und                 J. Himmelmann            


                                                                                                             Ziegelbehang aus Handstrichziegeln an Giebel und Vorderseite des alten Pfarrhauses in                                                                                                                                                                                                                                                           Alleringersleben, Anfang 20. Jahrhundert © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Sind Behänge aus Handstrichziegeln heutzutage eher seltener zu finden, prägen maschinell gefertigte Ziegel noch häufiger das Ortsbild der Dörfer mit Bausubstanz, die vor den 1960er-Jahren entstanden ist. Seit den 1920er-Jahren ist allerdings die Zahl der ziegelproduzierenden Firmen auf dem Territorium des heutigen Sachsen-Anhalts von über 1.200 auf rund 10 Betriebe gesunken, was nicht zuletzt auch die Vielfalt der Produktion unterschiedlichster Ziegel für die jeweiligen Bauten  betrifft. Das digitale Archiv Historische Dachziegel führt u. a. das Wissen zu den unterschiedlichsten Dacheindeckungen und ihren einstigen und heutigen Herstellern zusammen und informiert über die zweckmäßigen und denkmalpflegerisch passenden Ziegel bei der Sanierung der Dächer historischer Gebäude und ortstypischer Bauausführung.


Literatur:

W.  Bender, Lexikon der Ziegel. Vom Aal-Deckenziegel bis zum Zwischenwandziegel in Wort und Bild, 2. überarbeitete und stark erweiterte Auflage (Wiesbaden 1995) 213.

H. Beyer, Abbau von Kohle und Salz, Kalkstein und Ton … In: Obere Aller – Im Wandel der Zeit. Eine Anzeigen-Sonderveröffentlichung der Volksstimme, 12. August 2016,  20.

R. Falke (Hrsg.), Festschrift 875 Jahre Ummendorf (Backnang 2020) 76.

M. Häusler, Technisches Denkmal Ziegelei Hundisburg in: Die Museen des Landkreises Börde. 1. Auflage (Haldensleben 2010) 114–139 

Der Sprach-Brockhaus. Deutsches Bildwörterbuch für jedermann (Leipzig 1935) 109. 340. 

C. Urbat, Alte Ziegelei Westeregeln – Ein bedeutendes Bau- und Industriedenkmal in der Börde, in: Börde, Bode und Lappwald. Heimatschrift 2001, 70–76.

https://www.bauprofessor.de/krempziegel/(01.10.2020).

https://construction_de.deacademic.com/2536/Krempziegel (01.10.2020).

https://www.dach-holzbau.de/artikel/bhw_Zeig_mir_dein_Dach_und_ich_sag_dir_wo_Du_wohnst_1957263.html (02.10.2020).

http://dachziegelarchiv.de/wiki/index.php/Feierabendziegel (02.10.2020).

http://dachziegelarchiv.de/modell.php?show_tree=0&q=Krempziegel&s.x=15&s.y=6 (02.10.2020).

http://dachziegelarchiv.ch/kat_thumbs.php?kat_id=863&kat_typ=45#sei_id_15779 (02.10.2020).

http://dachziegelarchiv.ch/kat_thumbs.php?kat_id=33608kat_typ_50#sei_id_64318 (02.10.2020).

http://dachziegelarchiv.ch/seite.php?kat_typ=50&sei_id=64317#grossbildview (02.10.2020).

https://de.wikipedia.org/wiki/Dachziegel (02.10.2020).

https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2015/4/was-sind-feierabendziegel-.php (02.10.2020).

 

 




SammlungStück Dezember 2020


Foto eines Walzenvollgatters



                                                                                                           Abb. 1, Foto Oa_2017_2206


Fotonr.:              Oa_2017_2206

Material:            Fotoabzug

Maße:               18cm x 13cm

Urheber:            Fotozirkel OS Erich Weinert, Osterweddingen

Datierung:           1970er Jahre

Auf diesem kontrastreichen schwarz-weiß Bild vereinen sich mehrere Stränge regionaler Geschichte. Es zeigt das Innere des Sägewerks Lüke in Eggenstedt. Hauptfokus ist ein sogenanntes Walzenvollgatter, die zentrale Maschine des Sägewerks, auf deren Walzen ein Stamm durch die Sägeblätter geschoben wird. Deutlich ist die Aufschrift »Lein-Pirna« auf der Säge zu erkennen. Dahinter ein Arbeiter. Weiter rechts im Hintergrund ist ein DDR-typischer IFA W50 LKW zu sehen.

Ästhetisch besticht das Bild durch sein sehr polarisiertes Lichtspektrum. Tiefschwarze Bereiche liegen direkt neben blendenden Spitzlichtern, mittlere Graubereiche sind in der Minderheit. Die Säge dominiert massiv und dunkel die Mitte des Bildes. Aber der überbelichtete Hintergrund mit dem LKW zieht den Blick immer wieder aus der dunklen Mitte in die helle Tiefe. Da dieser Hintergrund weiter rechts außerhalb des Zentrums liegt, wird die Sichtachse, die sonst klar dem fast zentral liegenden Baumstamm folgen würde, gebrochen. Unscharf ist im Vordergrund von links bis zur Mitte das Einstellrad des Schubwagens, auf dem der Baumstamm fixiert ist, zu erkennen. Das Rad ist dem Betrachter am nächsten zieht durch seine Helligkeit die Sichtachse um ein weiteres Stück nach links, wodurch sich nun eine Diagonale von vorn links, über den Baumstamm und die Säge in der Mitte zum Hintergrund rechts ergibt. Der Rest des Werkschuppens ist wenig auszumachen. Man erkennt Schienen auf dem Boden, lagernde Holzbalken und Bretter sowie Ketten und verschiedene Werkzeuge. Die monochrome (schwarz-weiße) Farbgebung lässt das Bild kühl, wenn nicht gar kalt, erscheinen. Die überwiegende Dunkelheit kann bedrücken, setzt der Kälte aber auch etwas Geheimnisvolles, vielleicht sogar leicht Mystisches entgegen.

Nun zum Motiv. Die Anfänge des Sägewerks Lüke liegen über 100 Jahre zurück. Urgroßvater Lüke war Zimmermann und fertigte um 1900 vor allen Dingen ›Tanzbuden‹, also Böden und Aufbauten für Festveranstaltungen und kaufte ein erstes Horizontalgatter, eine horizontale Sägemaschine. Sein Sohn Otto Lüke baute darauf später das Sägewerk auf und erwarb von der Firma Lein in Pirna 1936 die abgebildete vertikale Säge, das Vollgatter. Sein Sohn, ebenfalls Otto Lüke, wurde Tischler, übernahm das Sägewerk von seinem Vater und gab es wiederum an seinen Sohn, Peter Otto Lüke, weiter, der es bis zum Firmenende 2010 betrieb. 4 Generationen, etwas über 100 Jahre, währte die Geschichte des Sägewerks. Es wurden Bretter, Tischlerholz, Winterholz, Kanthölzer, Schalungsbretter und Balken hergestellt und viele Tischlereien der Region damit versorgt. Mit 4 Pferden wurden die Baumstämme aus dem angrenzenden Hohen Holz nach Eggenstedt gezogen, wo sie zuerst auf einem Holzplatz lagerten und vorbereitet wurden, bevor sie ins Sägewerk kamen. Zeitweise waren bis zu 9 Arbeiter beschäftigt, die sich auf verschiedene Arbeitsgänge spezialisierten z.B. die Arbeit mit dem Vollgatter, oder das Warten der Maschinen und das Schärfen der Sägen. Die Sägespäne wurde von anderen Betrieben zum Räuchern (Buchenspäne) oder als Einstreu (Fichtenspäne) in der Tierhaltung verwendet. Krummholz wurde von umliegenden Handwerkern zur Weiterverarbeitung in Mollen oder Kummthölzer verwendet. Nach der Wende wurde es zunehmend schwerer das Sägewerk zu erhalten. Waren es erst noch drei Mitarbeiter, war Peter Otto Lüke zum Schluss allein im Sägewerk tätig und gab diese Tätigkeit dann 2010 auf.

Die Aufschrift »Lein-Pirna« macht das Walzenvollgatter als Produkt der Maschinenfabrik Gebrüder Lein GmbH aus, wobei Informationen zu dieser Firma rar gesät sind. Ursprünglich 1885 von Gustav Heinrich Lein und Emil Paul Lein gegründet, stellte die Firma verschiedenste Fertigungs- und auch Transportanlagen her, war aber besonders auf Sägewerks- und Holzbearbeitungsmaschinen spezialisiert. Die abgebildete Zeichnung aus einem Firmenkatalog der Gebr. Lein von 1904 ist zwar ein anderes Modell, aber ähnlich und bietet eine Gesamtansicht.

 

                                                                                                                                      Abb. 2, Walzenvollgatter »Maxim«, Maschinenfabrik u.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Eisengießerei Pirna, Gebrüder Lein, Pirna a.E., Kostenanschlag, S. 15


Die Firma überstand die Rezession im 1. Weltkrieg und auch die Weltwirtschaftskrise um 1930 und beschäftigte zu ihren Glanzzeiten in Pirna zeitweise mehrere hundert (!) Arbeiter. Über 7000 Lein-Gatter wurden in alle Welt geliefert und laufen teilweise heute noch (Materialien zur Wirtschaftsgeschichte Pirnas, S.24f., Michelsmühle Münchau). Mit dem Ende des 2. Weltkrieges kam auch das Ende für die Firma: 1945 wurden die Anlagen als Restriktionsmaßnahmen zur Wiedergutmachung demontiert, abtransportiert und das Unternehmen enteignet. Abgesehen von ein paar Details, die hier aber zu weit führen würden, ist leider nicht viel mehr über diese Firma zu finden. Für eine Firma, die 60 Jahre lang bestand, international bekannt war und deren Maschinen mancherorts noch in Betrieb sind, ist das so überraschend wie ernüchternd. Ein Firmenarchiv der Gebrüder Lein, das seinen Weg in ein regionales Archiv gefunden hätte, scheint es nicht zu geben. Was von den Anlagen noch übrig war, wurde 1946-47 zur Firma Cyclop Maschinen- und Eisengießerei, 1947-90 zum VEB Fahrzeuggetriebewerk Wilhelm Friedel, 1991-2016 zum Getriebewerk Pirna, welches dann von einer größeren Firma aufgekauft wurde. Auf Nachfrage bei Mitarbeitern, die schon zu Zeiten des Getriebewerks dort gearbeitet hatten, gab es schon damals kaum Materialien zur Firma Lein mehr. Ein paar Mitarbeiter sollen zur Wendezeit noch wenige letzte Unterlagen vor der Müllhalde gerettet haben und privat verwahren. Doch ob es diese Unterlagen heute, 30 Jahre später, noch gibt, ist ungewiss. Auch im Archivverbund von Pirna gibt es nur wenig Material und nur einem dortigen Hobby-Historiker ist es zu verdanken, dass die Wirtschaftsgeschichte der Stadt überhaupt etwas zusammengetragen wurde und hier verwendet werden konnte.

Doch zurück zum Vollgatter in Eggenstedt: Wuchtig, aus massivem Gusseisen, mit darunter gelagertem Motor und Schwungrad, was insgesamt ca. 5 Tonnen Gewicht bringen dürfte. Zwar hat Peter Otto Lüke die Maschine nun mehrere Jahre nicht in Betrieb gehabt, ist aber von ihrer Funktionstüchtigkeit überzeugt. Sämtliche Räder und Walzen drehen sich noch, alle Lager sind geschmiert (Foto unten). Mittlerweile ist die Maschine 84 Jahre alt. So lange wird wohl kein einziges Gerät unserer digitalisierten Konsumwelt funktionieren.


                                                                                                                              Abb. 3, © Foto Ulrich Mühe, BMBU – Landkreis Börde


Zum Schluss kommen wir zum Foto zurück, dass der Ausgangspunkt unserer Nachforschungen war: Wie entstand es? Ein rückseitiger Stempel verweist auf einen »Fotozirkel Oberschule Erich Weinert Osterweddingen« aus den 1970er Jahren, der vom damaligen Lehrer Manfred Wiemann geleitet wurde. Zur selben Zeit gab es in Eggenstedt ein beliebtes Landschulheim und Schüler aus Osterweddingen waren dort zu Gast. Bei einem dieser Ausflüge ist dieses Foto (und noch weitere des Sägewerks) entstanden. Peter Otto Lüke kann sich auch noch an die Besuche aus dem Landschulheim erinnern. Tatsächlich können sich noch viele Bewohner des Kreises daran erinnern, als Schüler selbst Gast im Landschulheim gewesen zu sein. Trotzdem gibt es dazu nur wenig Material. Dem letzten Leiter, der es noch bis 2014 betrieb, waren schon keinerlei Akten oder Daten übergeben worden. Somit lässt sich keine Geschichte darüber erzählen und auch die Frage, wie dieses Foto es in unser Fotoarchiv schaffte, lässt sich nicht beantworten. Salopp gesagt: Der geschichtliche Hintergrund dieses Bildes ist so düster, wie das Foto selbst. Seine Ästhetik ist davon aber ungetrübt.


Quellen:

Zur Industriegeschichte Pirnas, Hugo Jensch, Manuskript

Materialien zur Wirtschaftsgeschichte Pirnas, Hugo Jensch, Manuskript

Archivverbund Pirna, archivverbund@landratsamt-pirna.de

Michelsmühle Münchau https://michelsmuehle.jimdofree.com/kontakt/

Getriebewerk Pirna, www.techpilot.nl

Maschinenfabrik und Eisengießerei Pirna Gebrüder Lein, Pirna a.E., Kostenanschlag, 1904, Kopie erstellt von Fam. Schwenzer (Michelsmühle Münchau)

Vielen Dank für die meist mündliche Kommunikation, Hilfe und Auskunft, die hier verwendet wurden: P.O. Lüke (Sägewerk Eggenstedt), Gemeinde Sülzetal , Fr. Fenzky (Gemeinde Sülzetal), Hr. Krümmer (ehem. Getriebewerk Pirna), , Archivverbund Pirna (Firma Lein), Michelsmühle Münchau/Fam. Schwenzer (Firma Lein), Fr. Spillmann (GS Erich Weinert), Fr. Samland (GS Erich Weinert), J. Duwald (Schule am Wald, Landschulheim)







SammlungsStück November 2020

Siegel

Herkunft:              Seehausen

Material:              Messing, Holz, lackiert

Maße:                 Fläche Petschaft (38 x 33 mm), H Gesamt 91 mm

Erhaltung:            Sehr gut, wenige Löcher durch Holzwurm

Datierung:            1807-1813

Zugang 1960 als Schenkung mit 11 weiteren Siegeln aus Seehausen

Inv.-Nr.: V: 19/01/02/04

 

1807 richtet der berühmte Napoléon Bonaparte das Königreich Westfalen als Satellitenstaat ein. Regent war sein Bruder Jérôme und die Hauptstadt war Kassel. Das Königreich erstreckte sich über große Teile der heutigen Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen, Hamburg und Bremen. Nach sechs Jahren wurde die französische Herrschaft in Ostfalen 1813 beendet, als Napoléon die Völkerschlacht bei Leipzig verlor. Großen Anteil daran nahm Neidhardt von Gneisenau (1760–1831). Gneisenau wurde 1825 zum Generalfeldmarshall und erhielt im Zuge dessen das Gut Sommerschenburg (Lkr. Börde). Nach seinem Tod wurde dort ein Mausoleum vom Architekten Karl Friedrich Schinkel entworfen und eine Skulptur Gneisenaus vom Bildhauers Christian Daniel Rauch aufgestellt.

 


                                                                                                                2 Centimes des Königreichs Westfalen (aus dem Turmknopf der Burg Ummendorf),                                                                                                                                                                                                                                                             1812 © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Zeugnisse aus der Zeit des Königreichs Westfalen sind vor allem Münzen. Auch im Ummendorfer Bestand gibt es solche. Darüber hinaus existieren aus dieser Zeit aber auch andere Objekte in der Sammlung. Dazu gehört ein Siegel, das sich durch seine Beschriftung in Französisch als Relikt dieser Epoche ausweist: „Le Maire du Canton Seehausen District Magdeburg - Royaume de Westphalie – Depart de l’Elbe“

Die Übersetzung lautet: „Der Bürgermeister des Kantons Seehausen / Distrikt Magdeburg – Königreich Westfalen - Departement der Elbe“.

 


                                                         Siegel aus Seehausen (1807-1813) © Fotos N. Panteleon BMBU-Landkreis Börde

 

Es handelt sich damit um das Siegel des damaligen Bürgermeisters im Canton Seehausen (heute Lkr. Börde). Der Canton, der dem District Magdeburg angehörte, fasst zahlreiche Ortschaften zusammen, die im Bulletin des lois du Royaume de Westphalie (1807) aufgeführt sind:

„Aus der Stadt Seehausen als Cantons-Hauptort, aus den Dörfern Groß-Rodmersleben, mit dem Vorwerke Bergen; Altbrandsleben, mit Meiendorf; Eggenstedt mit dem Vorwerke Gehringsdorf; Siersleben und Eilsleben mit Oevelgünne und dem Vorwerke.“

Bulletin des lois du Royaume de Westphalie (1807) S. 65

 

                                                                                                               Karte des Königreichs Westfalen aus dem Jahr 1808 im Hessischen Staatsarchiv                                                                                                                                                                                                                                                                      HStAM Bestand Karten Nr. P II 19459

 

Zwischen Eilsleben und Ummendorf lag nach Westen die Cantons- und Districtgrenze. Ummendorf gehörte schon zum Canton Harbke im District Helmstedt, dem auch die Ortschaften: Wulfersdorf, Sommerschenburg, Sommerdorf, Völpke, Badeleben, Wefensleben, Belsdorf und Marienborn angehörten (Bulletin des lois du Royaume de Westphalie (1807) S. 157).

Alle diese Cantone wurde von einem Bürgermeister (Maire) und dem Gemeinderat (Conseit municipal) geleitet. Sie brauchten natürlich entsprechende Siegel. Diese finden sich dann auf amtlichen Beurkundungen wieder. Dass es sich bei diesem Siegel nicht um ein Petschaft handelt, mit dem das Siegel in eine weiche Masse eingeprägt wurde, zeigt sich daran, dass die Buchstaben hier erhaben sind. Es handelt sich somit um ein Stempelsiegel bestehend aus Petschaft und Siegelstock.

 


                                                                                                                       Testdrucke der Siegel © Foto N. Panteleon BMBU-Landkreis Börde

 

In die Sammlung gelangte es gemeinsam mit 11 weiteren allerdings jüngeren Siegeln aus Seehausen. 1960 wurden sie dem Museum von einem lokalen Unternehmer geschenkt. Bei den anderen handelt es 9 Stempelsiegel und 2 Prägesiegel: Polizey Amt, Magistrat, Polizeiverwaltung, Stadtverordnete, Verpflegungsstation sowie Kreisprüfungs-Commission für Handwerker.

Ein von diesem Stempel beurkundetes Dokument ist im Sammlungsbestand leider nicht vorhanden. Allerdings ist ein Patent vorhanden, ausgestellt im Jahr 1810. Es handelt sich um einen Erlaubnisschein für den Händler Christoph Heynemann aus Hornhausen. Die Kopfzeilen zeigen an, dass Hornhausen zum Canton Oschersleben (District Helmstedt – Oker Department) gehörte.

 


                                                                                                                     Patent aus Hornhausen, 1810 © Foto Th. Ruppel BMBU-Landkreis Börde

  

Literatur:

 

https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10550811_00069.html?contextSort=score%2Cdescending&contextType=scan&contextRows=10&context=seehausen (22.10.2020)

https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10550811_00161.html?contextSort=score%2Cdescending&contextType=scan&contextRows=10&context=ummendorf (22.10.2020)

https://www.lwl.org/AIS5/Details/collect/63696 (23.10.2020)

https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/digitalisatViewer.action?detailid=v89723&selectId=58109999# (23.10.2020)







SammlungsStück Oktober 2020

Französische Reiterpistole mit Batterieschloss

 

Datierung:                                      um 1700

Maße:                                           52,00 cm (Länge) / 38 cm (Lauf) / 16 mm (Kaliber)

Materialien:                                    Holz (Nussbaum), Messing, Eisen

Herkunft/Fundort:                            ohne Herkunftsangaben / Altbestand (1944–1954)

Resturierungsmaßnahmen:                 Metallteile in Restauron behandelt, in Parafin gewachst, Holz in Hylotox

Erhaltung:                                      Schaft teils abgebrochen, leichte Korrosionsspuren, Schraube am Batterieschloss fehlt, sonst guter Zustand

Inv. Nr.:                                         H 37 (alte Inv.) – IV: 7025

  

                                                                                                               Reiterpistole in der Seitenansicht, die ehemalige Vollschäftung ist verkürzt                                                                                                                                                                                                                                                                              © N. Panteleon BMBU-Landkreis Börde

 

Ein Regionalmuseum wie das Börde-Museum hat verschiedenste Dinge im Bestand. Dieser Sachverhalt kommt besonders bei älteren Museumsgründungen zum Tragen. Es wurde vielfältig gesammelt und die Sammlungen glichen manchmal Kuriositätenkabinetten. Das Objekt, das heute porträtiert wird, ist allerdings keine Kuriosität, sondern eine Waffe, die von der nicht immer friedlichen Region zeugt. Es gibt laut Inventarzettel keine Herkunftsangaben. Somit kann es sich sowohl um einen Bodenfund, d.h. einen Fund der etwa beim Pflügen, einem Waldspaziergang oder in anderem Zusammenhang im Erdboden entdeckt wurde, als auch um eine persönliche Schenkung handeln. Im letzteren Fall wäre sie über die Jahre im Privatbesitz gewesen, bis sich der Besitzer entschloss, diese ans Museum zu geben.

Der Bestand an Feuerwaffen in der Sammlung ist nicht sehr umfangreich. Alle gehören zum sogenannten Altbestand und gelangten vor 1954 ins Museum. Dabei handelt es sich um Handfeuerwaffen. Das am aufwendigsten gestaltete Exemplar ist eine Reiterpistole. Sie wird in diesem Beitrag vorgestellt. Dabei begeben wir uns auf die Suche nach Vergleichen, um mehr über ihre historische Verwendung und ihre Herkunft zu erfahren.

  


                                                                                                                          Kolbenkappe mit Mascaron © N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Die Pistole (Handfeuerwaffe) ist eine Handwerksarbeit aus den Materialien Holz und Metall. Dabei wurden verschiedene Techniken der Metallverarbeitung genutzt. Teile gegossen bzw. getrieben und zudem auch ziseliert. Das Büchsenmacher-Handwerk lebt fort, heute stellen sie die ›Büchsen‹ derweil für die Jagd her.

Am auffälligsten an dem Stück ist der Griffknauf, der auch Kolbenkappe genannt wird. Dieser schwere Knauf aus Messing, gibt der Waffe ein solides Gewicht. Die Dekoration setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Zentral befindet sich eine maskenartige Fratze, ein Mascaron. Es besteht aus einem Gesicht mit aufgerissenem Mund, heraushängender Zunge, großer Nase und geöffneten Augen. Zudem kennzeichnet es zwei spiralartig aufgerollte Elemente. Diese erinnern an zwei Hörner oder schlangenartige Haare. Viele dieser Merkmale zeichnen seit der Antike die Gorgo Medusa aus. Medusa, deren Anblick zu Stein erstarren ließ, ist Bestandteil der griechischen Mythologie ab dem 7. Jh. v. Chr.

  

                                                                                                                     Archaische Gorgo mit Pegasos in Syrakus © Rabax63.

 

In dieser war Medusa eine von drei Geschwistern, den Gorgonen. Ursprünglich von großer Schönheit wurde sie von der Göttin Athena in eine Schreckgestalt verwandelt, die später von Heros Perseus enthauptet wurde. Das Gorgoneion schmückte in der Folge den Schild Athena und sollte sie schützen. Als Glückssymbol ist das Mascaron wohl auch auf der Pistole zu verstehen, die ihren Besitzer im Kampf schützen sollte.

Nachdem der Schuss mit der Pistole erfolgte, benutzte so mancher Reiter seine Waffe auch als Schlagstock, indem er diese am Lauf hielt. So kann es vorgekommen sein, dass die Fratze dem Gegner tatsächlich in die Augen sah. Ob der Gegner zu Stein erstarrte oder die Flucht ergriff, sei dahin gestellt.

Die weitere Zierde an der Kolbenkappe besteht aus einer umfassenden Ranke mit vier großen und vier kleinen Akanthusblättern.

Am Abzugsbügel befindet sich weiteres figürliches Dekor. Dort ist zuoberst ein großer symmetrisch aufgebauter Akanthusschmuck, darunter ein Löwe und ein Krieger abgebildet. Letzteren ziert ein Helmschmuck mit Feder und sein Torso endet in einem weiteren floralen Ornament. Sein Gesicht ist nicht sehr detailliert ausgearbeitet worden, bzw. über die Jahrhunderte abgerieben worden. An der linken Seite der Waffe ist das Schlossgegenblech angebracht. Es ist 13 cm lang und durch zwei Schrauben mit dem auf der anderen Seite liegenden Batterieschloss befestigt. Auch das Schlossgegenblech ist floral gestaltet. Zentral in diesem Ornament ist ein Medaillon, in dem sich eine Büste befindet. Auch diese ist zwar als solche erkennbar, aber ohne viele Details gemacht. Die letzte zusätzlich aufgebrachte Zier aus Messing befindet sich ebenfalls am Griff. Es handelt sich um das Daumenblech. In einem weiteren oval-rundem Medaillon sind Oberkörper und Kopf einer nach rechts ausgerichteten Person abgebildet. Dieses Profil erinnert an Athena, die griechische Göttin des Krieges. Eingefasst ist das Medaillon von einem Blattwerk, das oberhalb des Medaillons erneut als eine Fratze, allerdings mit wallendem Haar und Bart ausgelegt werden kann.

    

 


                                                              Schloss und Daumenblech © N. Panteleon BMBU-Landkreis Börde

  

Im Nussbaum oberhalb dieses Schmuckelementes ist ein Blattschmuck erkennbar, wie auch unter dem Lauf. In den Lauf selber und auf dem Batterieschloss finden sich dann Palmetten, Voluten und Blattwerk. Die Ähnlichkeit dieser Ornamente aus den verschiedenen Materialien spricht dafür, dass der Büchsenmacher alle Bestandteile der Waffe fertigte, auch wenn dies nicht immer der Fall war. Kennzeichnungen für einen Hersteller, etwa Initialen fehlen. So scheint der Büchsenmacher zunächst nicht zu ermitteln. Die Machart der Waffe geben jedoch Anhaltspunkte für eine regionale und zeitliche Zuordnung. So spricht die Art der Zündung, das Batterie-/Steinschloss für eine Datierung in den Zeitraum zwischen dem 2. Viertel des 16. Jh.s und dem frühen 19. Jh. Es handelt sich um den Zeitraum als das Batterieschloss erdacht wurde und bevor es vom Perkussionsschloss abgelöst wurde. Eine genauere Einordnung und einen ersten Hinweis auf die Region gibt dann die Form der Kolbenkappe. Sie kommt in Frankreich ab ca. 1670 und bis 1740 vor. Hiermit könnte man sich zunächst zufrieden geben, doch auf der Suche nach vergleichbaren Stücken fällt ein Exemplar ähnlicher Machart aus dem Museum Moritzburg (Zeitz) auf. Dort gibt die Kennung an, dass das Stück vom französischen Büchsenmacher Jean LeClerc in Paris gefertigt wurde. Datieren wir sie wohl zwischen 1735 und 1770. Eine zweite Handfeuerwaffe aus dem Sammlungsbestand des Börde-Museums hat ebenfalls eine Marke auf dem Lauf. Dort ist FLC erkennbar, wobei das F oberhalb der anderen zwei Buchstaben steht und wohl für Frankreich steht. Das LC könnte auch hier für LeClerc stehen, wobei diese Waffe deutlich schlichter als die anderen Beispiele gestaltet ist. Ein Unterschied in der Signatur gibt es ebenfalls. So ist auf der Waffe aus Zeitz eine Krone über den beiden Buchstaben angebracht.

 

                                                                                             Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel auf einem Gemälde                                                                                                                                                             von Johannes Anthoniszoon van Ravesteyn, 1620                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    © https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/259959.

 

Eingesetzt wurden diese Waffen innerhalb der Kürasserie, der berittenen Soldaten. Diese waren in der Regel mit zwei Pistolen, Helm und Brustpanzer ausgestattet.

Wie diese französischen Produkte nach Sachsen-Anhalt kamen, etwa bei den Feldzügen Napoleons um 1813, oder ob Sie als Handelsobjekt hierher gelangten, muss letztlich offen bleiben.

  

Vergleich:

https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=37873 (1.10.2020)

  

Literatur:

Der kleine Pauly, Band 2, s. V. Gorgoneion, H. von Geisau, Sp. 853–854. (München 1979).

J. Durdik – M. Mudra – M. Šáda, Alte Handfeuerwaffen (o. Ort 1983) S. 52; S. 224. Abb. 43. 44; S. 235.

W. Boeheim, Handbuch der Waffenkunde (Leipzig 1890) S. 481.

J. Lugs, Handfeuerwaffen. Systematischer Überblick über die Handfeuerwaffen und ihre Geschichte. Band 1 (Prag 1956) S. 27–29.

J. Lugs, Handfeuerwaffen. Systematischer Überblick über die Handfeuerwaffen und ihre Geschichte. Band 2 (Prag 1956) S. 42 Nr. 99; S. 59 Nr. 15.









SammlungStück September 2020                                                                   

Druckgrafikmappe ›Streifzug durch Bördedörfer‹


                                                                                           Druckgrafikmappe mit Linolschnittmotiven von Erich Vogel, Ummendorf © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Inv.-Nr.:                            BMBU V: 22/00/19/1,1-11

Material:                           Kunstdruckpapier

Ausführung:                        Klischeedruck

Maße:                               L 30 cm / B 21,3 cm

Urheber:                           Dr. Erich Vogel, Ummendorf 

Herausgeber:                      Kreiskabinett für Kulturarbeit Wanzleben

Klischees:                          Klischeeanstalt Rolf Jacob, Magdeburg

Druck:                               Buchdruckerei Jürgen Schollbach, Schwanebeck

Datierung:                          1985

 

Der Sammlungsbestand des heutigen Börde-Museums umfasst im Bereich Malerei und Grafik vorwiegend Werke von Künstlern und Künstlerinnen aus Orten des ehemaligen Kreises Wanzleben. Dies resultiert u. a. daraus, dass das Ummendorfer Museum ab den 1950er-Jahren als Heimatmuseum des Kreises Wanzleben fungierte und die verwaltungsmäßige Zugehörigkeit bis zur Kreisgebietsreform 1994 fortbestand. Heinz Nowak als Museumsleiter in Ummendorf, 1954 bis 1990, kannte durch seinen eigenen Geburts- und langjährigen Wohnort Altenweddingen (Kreis Wanzleben) die Region sehr gut und war bestrebt,  Künstlerarbeiten für die Sammlung des Museums zusammenzutragen.  Inzwischen befinden sich Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Federzeichnungen, Radierungen, Linol- und Holzschnitte sowie Ölbilder und Kupferstiche im Bestand. Landschaftsdarstellungen und Ortsansichten der Börde, Arbeiten in der von Getreide- und Zuckerrübenanbau und -verarbeitung geprägten Landwirtschaft, Tier- und Pflanzenbilder, Porträts und Stillleben sind die am häufigsten vertretenen Schwerpunkte der Kunstsammlung.

Oft ist es die Detailtreue bei der Ausführung einer Reihe von Bildern, die den Arbeiten den Charakter einer authentischen Momentaufnahme, ähnlich einer Fotografie, gibt, nicht zuletzt bei Ortsansichten/Architektur. Abstrahierte Darstellungen und der Einsatz von Pastell-, Acryl-  oder Ölfarben hingegen werden zu stimmungsreflektierenden Arbeiten.

Die Malerin Daisy Roderich-Huch (1894–1983) sowie der sog. Bördemaler August Bratfisch ( 1883–1960)sind die zwei Personen, deren Kunstschaffen mit zahlreichen Arbeiten im Museumsbestand zu finden ist und außerdem die meisten Orts- und Landschaftsmotive vorweist. Hinzu kommen 94 Blätter mit 300 aquarellierten Pflanzenporträts, der sog. Pflanzenatlas, der ebenfalls aus dem Schaffen August Bratfischs stammt.

Weitere Künstler/innen sind teilweise mit lediglich einer Arbeit oder einer geringen Anzahl vertreten, so u. a. Helga Borisch (geb. 1939) aus Magdeburg, mit dem Ölbild ›Bildhauer‹ (1976) im Kontext zu den Symposien in Ummendorf. Auch Hans-Arthur Spieß (1910 –1979) aus Druxberge hatte sich einem der 10 Künstlersymposien mit einer Kupferstichserie (1977) gewidmet, die den Weg in die Sammlung des Museums fand. Er gehörte zu den wenigen Künstlern, die die noch die Technik des Kupferstiches beherrschten. Fritz Julius Eschemann (1856–1935) aus der Gegend von Wolfenbüttel in Niedersachsen hatte die Dörfer und Landschaften zwischen Harz und Großem Bruch zum Thema. Und so gelangte durch die Sonderausstellung ›Als die Börde boomte‹ (September 2007 bis Mai 2008) eine seiner über 2500 Arbeiten in der Sammlung des Börde-Museums: Ortsansicht von Groß Rodensleben (mit der Zichoriendarre Kost), dargestellt 1912. Der Wanzlebener Fotograf und Maler Gustav Hansen (1894–1966) widmete sich der Aquarell- und Deckfarbenmalerei und führte u. a. Aktzeichnungen aus. Einige Blätter zählen ebenso zur Museumssammlung.

Vom namhaften Kunstmaler und Grafiker Theodor Heinrich Uffrecht (1878–1954) aus Haldensleben gibt es Zeichnungen der Burg und ein gerahmtes Bild eines Großsteingrabes (Hünengrab) bei Haldensleben im Bestand. Uffrecht war ein gelernter Keramiker, Dekor- und Kunstmaler, wurde ab 1936 als Mitglied der Kammer der Kunstschaffenden durch die nationalsozialistischen Regierung ausgeschlossen, erhielt Berufsverbot und erlitt wirtschaftliche Not und Repressalien, da er nicht bereit war, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. – Ein Künstlerlebensbild, das dieses Zeitgeschehen widerspiegelt in den Schilderungen ›Das Haus im Schatten: eine illustrierte Familiengeschichte.‹  

Nach der Schließung des Kreismuseums Oschersleben 2003 befinden sich im Ummendorfer Museum inzwischen auch Werke des um 1950 durch Landschafts-, Architektur und Personenporträts belegten Kunstmalers H. Homuth und des Impressionisten Heinrich Gans (1890–1973). 2017 und 2018 kamen Werke des Künstlers Hans-Jürgen Wegener (1941–2016), Magdeburg/Weimar, mit über 100 Arbeiten hinzu. Sein Werkschaffen begann in der DDR in einer Zeit, in der neben den ausgebildeten Künstlerinnen und Künstlern so manche künstlerische Freizeittätigkeit individuell oder in organisierten Kunstgruppen umgesetzt wurde und meist auch einen Ausgleich zum ausgeübten, meist nichtkünstlerischen Beruf darstellte. Es etablierten sich u. a. Grafikzirkel, die unter der Anleitung ausgebildeter Künstler agierten. Es entstand der Begriff des ›künstlerischen Volksschaffens‹ in der DDR. Diesem galt von staatlicher Seite besonderes Interesse und spezielle Förderung. Auch die Formulierung ›Sinnvoll gestaltete Freizeit‹ verband sich bis 1989 mit dem künstlerische Laienschaffen.

So gab es auch im Agrarmuseum der Magdeburger Börde in Ummendorf besonders in den 1980er-Jahren immer wieder Gemeinschafts- oder Einzelausstellungen zum Volkskunstschaffen. ›Sinnvoll gestaltete Freizeit‹ war gleichsam der Titel einer Sonderausstellung zum künstlerischen Wirken von Kreativen des Kreises Wanzleben, die im Sommer des Wendejahres 1989 im Börde-Museum zu sehen war. Auch Arbeiten von Gunter Czyrnik (geb. 1947) aus Eilsleben und Dr. Erich Vogel (geb. 1952) aus Ummendorf wurden in den 80er-Jahren in die Museumssammlung aufgenommen.

       


                                                                    Ausstellungseröffnung ›Linolschnitte‹ von Erich Vogel im Agrarmuseum in Ummendorf, 6. Mai 1984 © Hartmut Beyer, Archiv BMBU – Landkreis Börde


Erich Vogel, promovierter Pharmazeut, sieht sich zwar als handwerklich Kreativer, nicht jedoch als Künstler, da er seine Fähigkeiten autodidaktisch erwarb. Hans-Jürgen Wegener hingegen, gelernter Motorenschlosser, erhielt eine künstlerische Ausbildung zum Zirkelleiter für Malerei und Grafik unter der Leitung von Wilhelm Paulke (1903–1995): Maler, Kunstgewerbelehrer, Fachlehrer für freie und angewandte Malerei an der Meisterschule der Stadt Magdeburg. Doch ob Cyrnik, Wegener oder Vogel, ob Bleistiftzeichnung, Aquarell und Fassadenmalerei, ob Holzschnitt, Gouache-Bild, Linolschnitt oder Holzschnitzerei. – Künstlerische Rückzugsorte fanden sie und viele andere in ihrer Freizeitbetätigung in der DDR. »Die Entspannung, die sich einstellt, wenn man sich auf eine Sache konzentriert, ist enorm.«, so beschreibt G. Cyrnik die Wirkung seines kreativen Schaffens.

 

Linolschnitte selbst zu gestalten, gehörte in den 1950er- und 1960er-Jahren vielfach mit zum Schulunterricht. Dies war auch Erich Vogels erste Begegnung mit der grafischen Technik Linolschnitt, die dem weitaus älteren Holzschnitt als Hochdruckverfahren in der Ausarbeitung und Drucklegung dennoch sehr ähnlich ist. Da für eine Anschaffung in der evangelischen Kirchengemeinde Ummendorf um die Mitte der 1970er-Jahre fehlende Finanzierungsmittel aufgebracht werden sollten, entstand die Idee von Ummendorf-Motiven. Durch Linoldrucke war es möglich, mit überschaubarem Aufwand und meist beschaffbaren Materialien, Bilder kostengünstig vervielfältigen zu können. Der ›Ummendorfer Bilderbogen‹ sollte entstehen und entstand. Somit war auch Erich Vogels Interesse an Linolschnitt und Linoldruck geweckt.

Besonders in den 1980er-Jahren erhielt er Auftragsarbeiten von Gemeinden der Region, Einrichtungen und Institutionen, auch aus der Altmark. Auf diese Weise konnten individuelle Präsente mit Regionalbezug zu Jubiläen u. a. Anlässen verschenkt werden. Hinzu kam ein anderes wichtiges Kriterium: Druckaufträge in einer Druckerei mussten eine offizielle Druckerlaubnis vom Rat des Kreises, Abteilung Kultur, haben, die nicht problemlos zu erlangen war. Die Kontingentierung von Papier für Druckerzeugnisse erschwerte die Realisierung zusätzlich.

Waren die meisten Linoldrucke von Erich Vogel Handabzüge (Einzeldrucke), gab es gelegentlich auch Aufträge mit einer höheren Stückzahl als Druckgrafiken, so wie bei der Anfrage des Kreiskabinetts für Kulturarbeit Wanzleben für eine Bildmappe, die den Titel ›Streifzug durch Bördedörfer‹ erhielt. Zehn Einzelblätter mit Motiven aus dem Kreis Wanzleben, Orts- und Landschaftsbilder aus Eilsleben, Remkersleben, Druxberge, Siegersleben, Wormsdorf, Schermcke, Meyendorf, Belsdorf, Ampfurth und Ummendorf, sind enthalten und in einem einheitlichen Farbton gedruckt.


Einzelblätter ›Streifzug durch Bördedörfer‹  (Eilsleben, Remkersleben, Druxberge, Siegersleben, Wormsdorf, Schermcke, Meyendorf, Belsdorf, Ampfurth, Ummendorf; v. l. o. n. r. u.) © Fotos  S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Um einen Linolschnitt anzufertigen, braucht man Linoleum (faserverstärkter Kunststoff aus Leinöl, Korkmehl und Jutegewebe als Hauptbestandteile). Auf der Oberseite des Linoleums wird die zuvor erstellte Zeichnung spiegelbildlich mit Kohlepapier übertragen oder es wird mit Bleistift direkt auf das Linoleum als sog. Negativmuster gezeichnet. Da es sich um ein Hochdruckverfahren handelt, muss nun an den Stellen, die das Motiv umgeben und im Druck nicht erscheinen sollen, mit einem jeweils passenden Linolschnittmesser das Material abgetragen werden, bis nur noch die Konturen des Bildmotives hervorstehen. Für einen Handabzug braucht es eine Rolle/Walze zum Auftragen der Farbe, die zuvor auf einer Platte/Glasscheibe gleichmäßig auszuwalzen ist. Dann kann damit der sog. Druckstock, der Linolschnitt, eingewalzt werden. Nun wird der Bogen Papier daraufgelegt und mit leichtem, gleichmäßig ausgeführtem Druck durch eine Rolle/Walze oder eine Löschwiege/-wippe mit Löschpapierbespannung – wie bei den Linoldrucken von Erich Vogel – auf das Papier übertragen. Danach hebt man den Druck vorsichtig ab und lässt ihn trocknen.

      

                                       Zwei originale Linolschnitte als Vorlagen für die Klischeeanfertigung © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


War vor dem Computerzeitalter eine Druckgrafik vorgesehen, bedurfte es des sog. Klischees, auch Druckmatte oder Klischeeplatte genannt. Dies ist eine Druckform für das Hochdruckverfahren. Das französische Wort cliché, was so viel bedeutet wie Schablone oder Nachbildung, führte zu der deutschsprachigen Bezeichnung Klischee. Dazu wurde in einer sog. Klischeeanstalt eine Metall- oder Kunststoffplatte – bei den Druckgrafiken des hiesigen SammlungsStückes eine Metallplatte aus Zink – mit einer lichtempfindlichen Schicht versehen. Ein Negativfilm dient dazu, das Bildmotiv auf die Platte zu belichten. Das hat den Effekt, dass die belichteten Schichtpartien härten und die unbelichteten Stellen wasserlöslich bleiben. Ein ausgebildeter Klischeeätzer trägt durch ein Ätzverfahren die Bereiche, die nichtdruckend sein sollen, ab. Die belichteten Bereiche bleiben erhöht und ergeben dann das Motiv. Bei Zinkplatten, wie bei den Klischees zum ›Streifzug durch Bördedörfer‹, wurde als Ätzmittel verdünnte Salpetersäure verwendet. Bei Kupfer kam Eisen(III)-chlorid zum Einsatz. Doch auch elektronische Anlagen, sog. Klischographen, wurden in den 1960er-Jahren bereits für Buchdruckklischees aus Zink verwendet.

      

                                                                                           Angefertigtes Klischee aus Zink mit Schlüsselblumenmotiv für die Kunstdruckkartenserie                                                                                                                                                                                                                                                            ›Allerlei am Wegesrand‹ © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Regionalgeschichtsinteresse Erich Vogels und die familiäre Prägung im Bauhandwerk ließen in der zweiten Hälfte der 1970er- und in den 1980er-Jahren zahlreiche Ortsansichten entstehen, doch ebenso Pflanzen und Trachten sowie plattdeutsche Spruch- und Sagenillustrationen. Die hier abgebildeten Motive wurden nach der Textvorlage aus dem Buch: Brüder Grimm, ›Deutsche Sagen‹ gestaltet.



                                       Sagenillustrationen: ›Der Werwolf von Eggenstedt‹  und ›Der Untergang von Sela‹ © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Ähnlich wie beim Holzschnitt kann auch beim Linolschnitt mit wenigen Schnittsetzungen ein prägnantes Bildmotiv entstehen.

 


Linoldrucke ›Der Trinkende‹ (links) und ›Licht in der Finsternis‹ (rechts) von Erich Vogel © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

  

 


Spiegelverkehrte Linolschnittausführung für den Druck ›Der Trinkende‹ (links) und ›Licht in der Finsternis‹ (rechts) von Erich Vogel © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Literatur:

H. Beyer, Eilsleber Geschichte(n), 1. Auflage (Eilsleben 2015) 26. 83.

Brüder Grimm, Deutsche Sagen, 1. Auflage (Berlin 1983) 76. 119.

N. Panteleon, Hans-Jürgen Wegener, Leben und Werk. Begleitband zur Sonderausstellung im Börde-Museum vom 15. Februar bis 27. Mai 2018. 

N. Panteleon, Holzschnitt »Mamut«, in: SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 69–72.

T. H. Uffrecht – Susanne Hamann-Uffrecht, Das Haus im Schatten: eine illustrierte Familiengeschichte (Hundisburg 2009).                                                                         

E. Vogel, Spätgotische Dorfkirche Ampfurth. In: Börde, Bode und Lappwald. Heimatschrift 1995 (Oschersleben 1994) 36–37. 

http://boerdemaler.de/gunter-czyrnik/ (30.09.2020).

www.sabelstein.com/de/magazin/wissen/eventlexikon/k/klischee/ (29.09.2020).

https://de.wikipedia.org/wiki/Klischee_(Drucktechnik) (29.09.2020).







SammlungStück August 2020                                                                     

Hebammentasche aus Ummendorf 


                                                                   Tasche der Hebamme Emma Loof (* 10.04.1894, +18.08.1978) aus Ummendorf (Inv.-Nr. BMBU 2011-0440) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Inv.-Nr.:                            BMBU 2011-0440

Material:                           Leder, Eisenblech, Leinen

Maße:                               L 36 cm / B 12 cm / H 16 cm bzw. 23,5 cm mit Tragegriff

Datierung:                          1. Hälfte 20. Jahrhundert

Erhaltungszustand:                 Gebrauchs- und Alterungsspuren, Beschichtung der Riegel und der Schließe teilweise abgegriffen, ebenso Abnutzungen am Leder;                                                                      Auf der Rückseite der Tasche ist die Naht auf der rechten Seite 5 cm lang gelöst. Der Schlüssel zum Abschließen der Tasche ist nicht mehr vorhanden.

 

In Verbindung mit der Sonderausstellung ›Kinderwelten‹ im Jahr 1997 gelangten auch einige Stücke als Schenkung in die Museumssammlung. Es gehörten u. a. dazu: eine Hebammentasche (Inv.-Nr. BMBU 20011-0440) und das Ausstattungsinstrumentarium der Hebamme Emma Loof aus Ummendorf, in einem dafür angefertigten verschnürbaren Leinentuch mit Schlaufen für Nabelschnurschere, Fadenschere, Arterienklemme, Fieberthermometer, anatomischer Pinzetten und Pulsuhr u. a. m. (Inv.-Nr. BMBU 2011-0438 und BMBU 2011-0439, 1-10). – Das gestreckt s-förmige Instrument mit Öhr und Schlaufe (ganz rechts im Bild) wurde in der Benennung bisher nicht aufgefunden.


Aufgewickeltes und zugebundenes Leinentuch mit Einsteckschlaufen für das Hebammenutensil (links) und geöffnet (rechts), (BMBU 2011-0438 und BMBU 2011-0439, 1-10) © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die aus braunem Leder gefertigt Tasche in der Museumssammlung ist eine zeitypische Tasche, die von einer Hebamme nachweislich genutzt wurde. Nicht selten gab es ähnliche Taschen, größer in der Anfertigung, mit mehr Stauraum und feinteiligerer Fächeraufteilung, für die notwendigen Dinge zur Behandlung von Erkrankten sowie zum Einsatz bei Gebärenden ausgestattet. Auch die Ausführung als Koffer war üblich (siehe Vergleiche). Noch heute werden Taschen ähnlicher Gestalt als Doktor-, Arzt- oder Hebammentaschen bezeichnet. Oft jedoch sind sie zur Verwendung für Büro und Reise gedacht, ohne dass sie in der namensgebenden Nutzung stehen.

Der gesamte obere Rand der hiesigen Tasche ist mit sog. Bügeln eingefasst. Es sind zwei Metallschienen, die zur haltgebenden Einfassung genietet sind. Sie haben im Unterschied zum Leder eine Farbgebung in hellerem Braun. Die Bügelenden sind auf den beiden Schmalseiten beweglich fixiert. Somit wird das Öffnen und Schließen der Tasche ermöglicht und stabilisiert. Ein einseitig abgeflachter, leicht ovaler Ring dient als Griffhilfe beim Öffnen der Tasche. Im Tascheninneren befindet sich ein braunes Leinenfutter, das auf der nach vorn aufklappbaren Seite durch die Benutzung auf einer Länge von 12 cm aus der Metallschiene gelöst ist. Der Futterstoff hat entsprechende Nutzungsspuren, u. a. weist er zwei Flecken auf (max. 2,5 x 1,5 cm), die auf eine ölige Flüssigkeit schließen lassen. Die Seite der Arbeitstasche, an dem sich der Tragegriff aus braunem abgestepptem Leder befindet, hat innen noch ein Seitenfach, ebenfalls aus braunem Leinenstoff gefertigt. Der Verschluss erfolgt über zwei innen am Blech angenietete Haken, die in die rechts und links obenauf befindlichen Riegel greift. Ein weiterer Haken ist mittig, oberhalb der Grifföse zu finden, der in das abschließbare Schloss unterhalb des Tragegriffes einrastet. Zum Schutz des Taschenbodens vor Beschädigungen gibt es in jeder Ecke einen sog. Standfuß aus Eisenblech.


Unterseite der Hebammentasche (links) und geöffnete Tasche mit den sichtbaren Haken zum Verschließen (rechts) © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde (Inv.-Nr. BMBU 2011-0440)


Die Hebammentasche mit den chirurgischen Instrumenten von Emma Loof und das archivalische Material aus dem Nachlass der Mutter Emma Loof, geb. Künnemann, weckte im Zusammenhang mit den Eingangsinformationen zu den Schenkungen das Interesse, mehr zu erfahren. Mit den inzwischen im Museum vorhandenen Hebammentagebüchern, eines von der Hebamme Marie Junge aus Eimersleben und eines von der Hebamme Anna Voigt aus Eggenstedt, besteht inzwischen ein thematischer Sammlungsgrundstock. Er ist zudem besonders interessant, da ein ähnlicher Zeitraum für die Hebammentätigkeiten dokumentiert ist. Zur jüngeren Hebamme Emma Loof wurde im Kontext des SammlungsStückes erstmals auch Biografisches zusammengetragen. 

Die Eltern der jüngeren Emma Loof, geb. am 10. April 1894 in Ummendorf, sind als Mutter: Emma Loof, geb. Künnemann (*29.11.1864, +19.8.1943), gebürtig aus Warsleben – dort bis zur Übersiedlung nach Ummendorf in ihrem Heimatdorf und in den Nachbargemeinden als Hebamme tätig sowie Albert Loof (*22.9.1862, +2.4.1925) als Vater. Beide Hebammen Loof erhielten ihre Ausbildung an der 1795 gegründeten Provinzial-Hebammenlehranstalt (ab 1914 Landesfrauenklinik) in Magdeburg. In einem Zeitungsartikel der Museumssammlung (ohne bisher nachvollziehbarer Quellenangabe, Inv.-Nr. BMBU 2011-0437) zum 50. Dienstjubiläum der Hebamme Emma Loof, geb. Künnemann, wird darauf verwiesen, dass diese am 29. März 1856 ihre damalige Hebammenprüfung in der Hebammenlehranstalt in Magdeburg mit vorzüglich bestand. Zum Zeitpunkt ihrer  fünfzigjährigen Hebammenarbeit im Jahr 1936 hatte sie in 2365 Fällen Geburtshilfe geleistet, so in der Beilage zur „Allertal-Zeitung“ vom 28. März 1936 nachzulesen.

Bildungseinrichtungen für Hebammen gehen auf eine Anordnung Friedrich II. von Preußen aus dem Jahr 1772 zurück. Der Hintergrund für die Verordnung galt der Bevölkerungspolitik, … »die die »Produktion von Menschen« forderte, um ein Bevölkerungswachstum zu erreichen. Viele Menschen bedeuteten viele Untertanen und Soldaten, an deren Zahl der Herrscher glaubte, seine Macht messen zu können: »que le nombre des peuples fait la richesse des Etats« war der wirtschaftspolitische Grundsatz Friedrichs II von Preußen.« (S. Keyhan-Falsafi – R. Klinke – C. Schütz 1999, S. 21). 

Um eine Ausbildung an einer Hebammenlehranstalt in der Zeit um 1900 aufnehmen zu können, musste eine schriftliche Bewerbung vorausgehen. »Die Auswahl erfolgte durch Beachtung von sozialen und intellektuellen Komponenten. Entscheidend war einerseits der gute Ruf in der Gemeinde bzw. Stadt, aber auch die Gabe, lesen und schreiben zu können. Dies war von Nöten, um das Lehrbuch lesen und die Prüfung schreiben zu können. [Und auch das Führen eines Tagebuches zu den Geburten war von den Hebammen verlangt. – S. V.] Analphabetismus versperrte den Schülerinnen die Ausbildung, aber Kinderlosigkeit und unverheiratet zu sein [wie bei der ledigen Emma Loof – S. V.] nicht mehr. Dem Bewerbungsschreiben musste man seinen Geburtsschein, ein Leumundszeugnis, eine ärztliche Bescheinigung über eine kürzlich erfolgte Wiederimpfung, Staatsangehörigkeitsausweis und bei Gemeindeschülerinnen auch der abgeschlossene Hebammenvertrag beifügen.« (Tabarelli 2004, S. 2–3) So ist es um 1900 aus Mainz dokumentiert.

Die ärztliche Leitung der Magdeburger Hebammenlehranstalt wurde am 1. Juli 1907 an Prof. Alkmar von Alvensleben vom Provinzialausschuss der Provinz Sachsen übertragen, die er bis 1945 ausübte und unter dessen Weisung auch die jüngere Emma Loof stand. Prof. von Alvensleben war federführend bei der Entwicklung der Hebammenlehranstalt mit geburtshilflichem Charakter zu einer gynäkologisch-geburtshilflichen Einrichtung mit chirurgischer Etablierung. Nach ihrer Ausbildung war Hebamme Loof als Reisehebamme der Landesfrauenklinik tätig, u. a. um auf den Gütern der Region Geburtshilfe zu leisten. Auch dazu brauchte die Hebamme die Tasche mit allen wichtigen Utensilien.  Emma Loofs Wirkungsbereich lag ebenso in den Orten Eilsleben und Ummendorf. In Eilsleben hatte sie Quartier im Haus von Tischlermeister Bettzüche (heute Zimmermannplatz 3) und in Ummendorfer war ihr Zuhause in der heutigen Berliner Str. 18. Im Gemeindekrug in Eilsleben (Zimmermannplatz 1) führte Emma Loof eine Entbindungsstation, nicht zuletzt auch für Landarbeiterinnen, Umsiedlerinnen und unverheiratete Frauen.

 

                                                                                                               Hebamme Emma Loof (* 10.04.1894, +18.08.1978), um 1950 © Foto BMBU Archiv (Inv.-Nr. BMBU 2010-872)


 »Mit dem 1938 verabschiedeten Hebammengesetz war es den Hebammen möglich, sich niederzulassen; sie bezogen ein garantiertes Mindesteinkommen und waren gegen Berufsunfähigkeit versichert. Waren die Hebammen bei einem Träger (Kommunen oder Landkreise) angestellt, wurden ihnen die Beiträge für die Alten- und Krankenversicherung ganz oder teilweise bezahlt. Ausbildung und Fortbildungsgänge waren kostenlos. Anschaffungskosten für Instrumente, Bücher usw. waren ebenfalls erstattungsfähig.« (Mädrich – Nicolaus 1999, S. 76–77) Doch auch hierbei galt politisch der Reproduktion von Arbeitskräften und potenziellen Soldaten das Augenmerk, ganz im Sinne Friedrich II. von Preußen.  

»Zur Entbindung in die Accouchirhäuser [Entbindungshäuser/Gebäranstalten – S. V.] kamen fast ausschließlich Frauen aus der Unterschicht. In der Regel handelte es sich um sehr arme, mittellose und ledige Frauen, die von ihrer Familie oder von ihrem Dienstherren verstoßen worden waren.« (A. Gengnagel – U. Hasse 1999, S. 32)  

In den Accouchirhäusern zu entbinden, »war gesetzlich vorgeschrieben; zum einen, um dem verbreiteten Kindsmord entgegenzuwirken, meist eine Folge völliger sozialer Hilflosigkeit, zum anderen, um der Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer und Hebammen zu dienen.« (Weber-Kellermann 1994, S. 17)

 

Hebamme Emma Loof arbeitete nach Gründung der DDR in dem in der Wormsdorfer Straße in Eilsleben neu entstandenen Landambulatorium mit Entbindungsstation (zuvor Unterkünfte für die Zuckerfabriksarbeiter in der Erntesaison/Kampagne). Hausgeburten gab es jedoch weiterhin, und so blieb die Hebammentasche mit der nötigen Ausstattung unverzichtbar.

In ähnlicher Ausführung gibt es im Museum Wolmirstedt zwei Taschen, Inventarnummern: [KG 6585] und [KG 6511] , die, auch aufgrund der Datierung, den Schluss nahelegen, von Hebamme oder Arzt bei den Hausbesuchen verwendet worden zu sein. Eine bestätigte Nutzung gibt es für beide Taschen leider nicht. https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46195&cachesLoaded=true (10.07.2020); https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46185&cachesLoaded=true (10.07.2020). Eine bestätigte Nutzung gibt es für beide Taschen leider nicht.

Ein Hebammenkoffer im Stadtmuseum Erfurt zeigt eine umfangreichere Ausstattung, sowohl mit medizinischem Utensil als auch mit erforderlichem Zubehör. (1950er-/60er-Jahren).

https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?objektnum=23235&imagenr=35475 (08.07.2020).  

Für das Heimatmuseum Östringen (Badeb-Württemberg) wird ein Wiesbadener Hebammentasche (Geburtstasche) in der Sammlung aufgeführt. Es handelt sich dabei um einen Koffer mit einem zusätzlichen, herausnehmbaren Einlegeboden, der die Instrumente, in Schlaufen eingesteckt, griffbereit verwahrt. Dieses Transportbehältnis kam lt. Beleg ebenfalls bis in die 1960er-Jahre bei Hausgeburten zum Einsatz. https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020)

 

Mit dem Erreichen des Rentenalters endete auch für Ummendorf die direkte Betreuung durch eine Hebamme. Die bei zu erwartenden Komplikationen nunmehr empfohlene stationäre Entbindung, so u. a. in der Landesfrauenklinik in Magdeburg, wurde allmählich regelhaft. Bereits in den 1960er-Jahren übernahmen Entbindungsstationen in den Kreiskrankenhäusern Aufgaben der Hebammen, die Betreuung während der Schwangerschaft lag nun in der Verantwortung der Schwangerenberatung mit ärztlicher Zuständigkeit.

Emma Loof starb am 18. August 1978. Die Instrumente wurden von der Gemeindeschwester des Ortes verwahrt. Tasche, Fotos und Archivmaterial verblieben familiennah. Durch die Ausstellung des Museums 1997 wurden die noch vorhandenen Bestandteile der Hebammenausstattung wieder zusammengeführt und veranschaulichen stückweit Hebammenleben und Zeitgeist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

 

Literatur:

 

Beilage zur „Allertal-Zeitung“, 33. Jahrgang, Nr. 38, 28. März 1936 (Eilsleben 1936) 3.

H. Beyer, Eilsleber Geschichte(n), 1. Auflage (Eilsleben 2015) 93.

A. Gengnagel – U. Hasse, »Die Geburt der Klinik«: Accouchiranstalten in Deutschland, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 31–36.

S. Keyhan-Falsafi – R. Klinke – C. Schütz, Geburtshelfende um 1800. Ein Geschlechterkonflikt, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 21–30.

J. Mädrich – U. Nicolaus, Hebammen im Nationalsozialismus, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 76–77.

V. Limburg, Drackenstedter Frauengeschichte erzählt von der Geburt bis zum Tod vom 16. bis zum 19. Jahrhundert (Selbstverlag Dreileben 2020) 194–195.

N. Panteleon, Hebammentagebuch von Marie Junge, in: SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 18–23.

J. Schlumbohm – B. Duden – J. Gélis – P. Veit (Hrsg.) Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte (München 1998) 58.

P. Tabarelli, Das Hebammenwesen in Mainz um 1900 (o. Ort 2004) 2–3.

I. Weber-Kellermann, Die helle und die dunkle Schwelle. Wie Kinder Geburt und Tod erleben (München 1994) 17.

https://de.wikipedia.org/wiki/Landesfrauenklinik_Magdeburg (25.05.2020).

 

Quellen:

BMBU Archiv – Geburt.

BMBU Archiv – Sonderausstellung Kinderwelten.

Pfarrarchiv Ummendorf.

 

Vergleiche:

https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46195&cachesLoaded=true (10.07.2020).

https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46185&cachesLoaded=true (10.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?objektnum=23235&imagenr=35475 (08.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/data/bawue/images/201602/09134659292.jpg (10.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020).

  







SammlungsStück Juli 2020        

Typ: Barkas V 901/2Z

Kategorie: Kleintransporter

Inv. Nr. 2009-645

Technische Daten:

Motor:                              Dreizylinder-Zweitakt-Reihenmotor

Kühlung:                            wassergekühlt

Leistung:                             28 PS

Bohrung:                            70 mm

Hub:                                 78 mm

Hubraum:                         900 cm³

Nutzlast:                            750 kg

Baujahr:                           1958

Hersteller:                        VEB Barkas Werk Hainichen


                                                             Der Barkas V 901/2Z in der Landtechnikausstellung des Kreismuseums Oschersleben 1993 © Foto M. Kautschur (Meikes Fotostudio) Oschersleben  


Ohne Barkas rollte in der DDR fast nichts. Die VEB Barkas Werke Karl-Marx-Stadt produzierten nicht nur den bekannten Kleintransporter, sondern versorgten die PKW-Hersteller auch mit den entsprechenden Motoren. So kamen von den Barkas Werken die Motoren für die eigene Produktion sowie für die PKW F 8; F 9; P 70, Trabant 500; 600; 601; 1.1, für die Wartburgtypen 900; 311 – 313; 353 und 1.3. Sie wurden einzeln oder als komplette Triebsätze, also mit Kupplung und Getriebe, teilweise auch mit Antriebswellen hergestellt. Dazu gehörte nicht nur die Bereitstellung der Triebsätze für die laufende PKW-Produktion, sondern auch für die Ersatzteilbereitstellung von Motoren, Getrieben und Antrieben für den entsprechenden Servicebereich. Zusätzlich wurden die F 8-Motoren mit geänderter Kühlung für die Produktion des Geräteträgers RS 08/15 ›Maulwurf‹ des VEB Traktorenwerk Schönebeck von den Barkas Werken produziert. Für Dieselmotoren wurde ein Teil der Einspritzpumpenproduktion von den Barkas Werken abgedeckt.

  


Eine Einspritzpumpe für den RS 01/40 ›IFA Pionier‹/ ›Typ Harz‹ vom VEB Barkas Werke Karl-Marx-Stadt © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Weiterhin produzierten die Barkas Werke verschiedene Motoren für Kleingeräte, Stationärmotoren sowie Bodenfräsen, Einachsschlepper und Motorhacken. Für die Kettenschlepperproduktion des Brandenburger Traktorenwerks (BTW) arbeitete das Framo Werk daran, ein verschleißfesteres Laufwerk zu entwickeln und produzierte Laufrollen für den Kettenschlepper KS 07. Um die Produktion der Garant-Fahrzeuge im VEB ROBUR-Werk Zittau weiter zu steigern, ließ man bei Barkas Achsantriebe für diesen LKW fertigen. Speziell für die Armee produzierte man Sonderaufbauten.

Umso erstaunlicher ist es, dass man es dennoch schaffte, in den Barkas-Werken neue moderne Kleintransporter zu entwickeln und in Serie zu bringen. Die bekannten Barkas-Fahrzeuge wurden in viele Länder exportiert, nicht nur die sozialistischen Staaten kauften diese Transporter. Bereits 1957 wurde der Barkas in 20 Länder geliefert. Zu ihnen gehörten Belgien, Schweden, die Niederlande, Österreich und die BRD. Es gab kaum einen Wirtschaftszweig in der DDR, der ohne Barkas auskam und tatsächlich war er der variantenreichste Kleintransporter dieser Zeit. Man unterschied zwei Haupttypen, den Hauber und den moderneren Frontlenker, der hierzulande ›B Tausend‹ genannt wurde. Der Hauber wurde meistens mit ›Framo‹ betitelt, obwohl auch er das Barkas-Signet auf der Kühlerhaube trug. Sagte der Meister: »Nimm den Framo und hole die Ersatzteile ab!«, blieb garantiert jeder B 1000 auf dem Betriebshof stehen. 


                                                                                                Umgangssprachlich ein ›B Tausend‹ und ein ›Framo‹ während des Oldtimertreffens 2010 in Hornhausen. © Foto U. Schmidt 


Besonders im Service-Bereich waren diese Transporter sehr beliebt, aber auch in der Landwirtschaft.





    


                                                                                                              Ein Framo, wahrscheinlich als Servicefahrzeug in der Ernte. © Sammlung U. Schmidt      



Somit war es für die Mitarbeiter des damaligen Kreismuseums Oschersleben eine wichtige Aufgabe, ein solches Fahrzeug für die Sammlung ausfindig zu machen. Ein Lehrer aus Völpke war dabei sehr behilflich. Er berichtete 1991, dass das Fahrzeug, das die Schulspeisung für die Gemeinde ausfuhr, außer Dienst gestellt wurde und verschrottet werden sollte. Nachdem sich die Museumsmitarbeiter bei der Gemeinde Völpke nach dem Fahrzeug erkundigten, war man schnell bereit, den Framo-Barkas in die Sammlung des Museums zu geben, wo er auch sofort in die Ausstellung kam.

 

                                                   Der Barkas V 901/2Z in einer Werkstattinszenierung 1996 innerhalb einer Sonderausstellung des Kreismuseums Oschersleben. © Foto T. Ruppel BMBU – Landkreis Börde 


Weitere Nachforschungen zur Geschichte des Barkas ergaben, dass das Fahrzeug vorher in einem kleinen Privatbetrieb als Firmenwagen eingesetzt wurde. Der um 1979 gegründete Betrieb war auf Reparatur- und Servicearbeiten für Pumpen des VEB Pumpenfabrik Oschersleben spezialisiert, weshalb er in der DDR auch eine Zulassung bekam, denn die Gründung eines Privatunternehmens war ab 1973 fast unmöglich. Genauso schwierig war es, einen Barkas-Transporter als Privatperson in der DDR zu bekommen. Grundsätzlich wurden Barkas-Fahrzeuge nicht an Privatpersonen oder Privatbetriebe verkauft. Mit guten Kontakten konnten einige Privatfirmen diese Hürden überwinden. Ausnahmen bestanden für kinderreiche Familien oder Familien mit behinderten Angehörigen und natürlich über Genex (Geschenkdienst- und Kleinexport GmbH). Hier konnte man aus dem ›Westen‹ mit D-Mark-Zahlung für die Verwandtschaft im ›Osten‹ fast jedes Auto kaufen, auch einen Barkas. Da es sich in unserem Falle um einen veralteten Framo/Barkas handelte war es hier wahrscheinlich etwas einfacher als einen B 1000 zu erwerben, doch auch ganz ohne ›Beziehungen‹ noch schwer genug. Mit der Zuordnung des Vorbesitzers konnte ohne weitere Untersuchung des Fahrzeuges auch seine Originalfarbe bestimmt werden, denn ein Mitarbeiter des Kreismuseums kannte den Firmeninhaber und das Fahrzeug noch aus DDR-Zeiten. Der Barkas war ursprünglich in einem dunklen Grau mit schwarzen Kotflügeln und schwarzem Chassis lackiert. Wahrscheinlich nach seinem Verkauf erhielt er eine lindgrüne Farbgebung, eine Farbvariante, die nicht serienmäßig beim V 901 war. Doch warum hießen diese Barkas-Transporter immer Framo? Dazu muss man die Geschichte von Barkas näher betrachten.

In den 1920er-Jahren entwickelte sich der Raum Chemnitz/Zwickau zu einem der wichtigsten Standorte des deutschen Automobilbaus. Ansässig waren hier die Automobilhersteller Horch, Audi, Wanderer und DKW, um die vier wichtigsten zu nennen.

In Zschopau gründete 1907 der Däne Jørgen Skafte Rasmussen (1878 – 1964) eine Maschinenfabrik aus der später eines der größten und bedeutendsten Motorradwerke hervorging – DKW. Rasmussen war darauf bedacht, seiner Kundschaft leichte, zuverlässige, in der Handhabung und Wartung einfache Motorräder anzubieten. Zusätzlich achtete er auf eine preiswerte Produktion, was seine Produkte besonders attraktiv machte. Mit diesen Prinzipien lag er genau richtig. Mit einer Jahresproduktion von 60 000 Stück wurden DKW-Motorräder zu den meist gebauten weltweit (siehe auch SammlungsStück Februar 2015).

Um die Motorradproduktion noch besser zu strukturieren, gründete Rasmussen 1923 die Metallwerke Frankenberg/Sachsen GmbH. Hier sollten Teile als Zulieferbetrieb für die DKW-Motorradproduktion gefertigt werden. Bekannt wurde das Unternehmen durch ihre Motorradsattel, die qualitativ und preislich kaum Konkurrenz zu fürchten hatte. Die meisten deutschen Motorradhersteller bezogen deshalb ihre Sitze aus Frankenberg.

        

                                                                                                                      Ein Motorradsattel von Framo, gefertigt nach 1933.© Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Mit der Idee, ein zuverlässiges, preiswertes und robustes Transportfahrzeug bauen zu wollen, ließ Rasmussen 1926 bei DKW das dreirädrige Transportfahrzeug 204 E in Serie bringen. Bei diesem Fahrzeug wurden viele Teile aus der Motorradproduktion verwendet. Um diese im vollen Umfang erhalten zu können, wurde die Transporter-Fertigung nach Frankenberg verlegt. Für diese kleinen Transportfahrzeuge sprach ihre relativ preiswerte Anschaffung und Unterhaltung und der Umstand, dass man diese Fahrzeuge ohne Führerschein fahren konnte.

Von verschiedenen Dreiradtransportern bis hin zu vierrädrigen Lieferwagen begann unter der Firmenbezeichnung FRAMO (Frankenberger Motorenwerke) die Erfolgsgeschichte des Frankenberger Unternehmens. 1931/32 wurden die Folgen der Weltwirtschaftskrise immer stärker in Deutschland spürbar. Viele Unternehmen kamen in Schieflage. Um die Krise in der sächsischen Automobilindustrie besser abfangen zu können, schlossen sich auf Anraten der Sächsischen Staatsbank am 29. Juni 1932 die Automobilhersteller Horch, Audi, Wanderer und DKW zur Auto Union AG zusammen. Symbolisch trugen die Fahrzeuge zu ihrem Logo die vier verschlungenen Ringe, die diese Fusion der vier Firmen symbolisierte.

Bei diesem Zusammenschluss hielt Rasmussen sein Nutzfahrzeugwerk heraus. Da seine Unternehmen von allen vier die Krisenfolgen am besten stemmten, war er von diesem Zusammenschluss nicht angetan und musste regelrecht dorthin gedrängt werden.

Schon 1933 war die Fertigungsanlage in Frankenberg zu klein, weshalb man im benachbarten Hainichen das Gelände einer Spinnerei erwarb und mit 400 Beschäftigten etappenweise dorthin umzog. Ab 1934 hieß das Unternehmen Framo-Werke GmbH. Hier wurden nun in kurzer Zeit verschiedene Transportfahrzeuge und kleine PKW entwickelt und gefertigt.

                                                                                                                 

                                                                   Der kleine dreirädrige PKW Framo ›Stromer‹, ausgestellt im Fahrzeugmuseum Frankenberg. © Fotos U. Schmidt

 

Im Nutzfahrzeugbereich blieb man nicht nur bei den erfolgreichen Dreiradfahrzeugen. Dort belegte man immerhin hinter Goliath und Tempo Platz drei. Man beabsichtigte größere Transportfahrzeuge mit Nutzlasten um den 1 Tonnen Bereich zu bauen. In diesem Segment waren Hersteller wie Opel und Ford marktführend.

Durch das Schell-Programm zur Typenbereinigung fiel die Produktion der dreirädrigen Transporter bei Framo weg. Rasmussen konnte dennoch erreichen, dass Framo einen neuen Einheitstyp entwerfen und produzieren durfte. 1939 stellte Framo seinen neusten Transporter vor, den Framo V 501.

        


Der Einheitstyp Framo V 501 aus dem Jahr 1941 im Fahrzeugmuseum Frankenberg. © Foto U. Schmidt  


Dieser Transporter konnte bis 1943 produziert werden. Er wurde ein internationaler Erfolg für Framo. Besonders die Balkanstaaten, Skandinavien, die Sowjetunion und die Schweiz kauften diesen zuverlässigen Kleintransporter, der für eine Nutzlast von 700 kg ausgelegt war. In der Weiterentwicklung erhielt der V 501 einen neuen Zweizylinder U-Motor. Dieser Doppelkolbenmotor leistete 17 PS.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurden auch die Framo-Werke GmbH mehr und mehr in die Rüstungsproduktion einbezogen. Die Beschäftigungszahlen wuchsen bis Kriegsende auf 1100 an. Unter ihnen waren sowjetische Kriegsgefangene, ausländische Zwangsarbeiter, politische Gefangene und jüdische Bürger, die aus den Konzentrationslagern zum Einsatz in die Kriegsproduktion gebracht wurden.

Im Mai 1945 übernahm die sowjetische Militärverwaltung auch die Framo Werk GmbH. Aufgrund der Rüstungsproduktion ordnete die Militärverwaltung die vollständige Demontage des Betriebes an. Mit nur noch 150 Beschäftigten erhielt Framo die Erlaubnis zur Produktionsaufnahme von Ackerwagen, Handwagen und Kinderrollern. Ab 1947 durften Ersatzteile für Fahrzeuge gefertigt werden. Mit der Bildung des Industrieverbandes Fahrzeugbau, kurz IFA am 1. Februar 1955, wurde auch Framo dort mit eingeordnet und dem Verband unterstellt. Den Willen, wieder Kleintransporter zu produzieren, demonstrierten die Beschäftigten der IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke, Werk Framo, wie das Werk nun korrekt hieß, als sie zur Leipziger Herbstmesse 1949 ihren ersten Nachkriegstransporter Framo V 501 vorstellten. Das Fahrzeug entstand aus noch vorhandenen Teilen, die als Restbestände greifbar waren. Wie schwierig das für die Framo-Werker war, konnte man an diesem Fahrzeug deutlich sehen. Da keine Reifen mehr vorhanden waren, stand der Transporter auf den blanken Felgen. Auch die Scheibenwischer fehlten – es gab kein Gummi in ausreichendem Maße.

Im gleichen Jahr begann die Belegschaft in Hainichen die Produktionsanlagen neu zu errichten und sie brachten es fertig, noch 65 Lieferwagen herzustellen, eine überaus herausragende Leistung in dieser Zeit, zumal viele Zulieferteile aus dem westlichen Sektor illegal beschafft werden mussten. Auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone waren Normhersteller für Lenkungs- und Bremsteile oder Fahrzeugelektrik kaum ansässig. Diese wichtigen Zulieferer für den Fahrzeugbau waren durch die Teilung Deutschlands komplett weggebrochen. Die wenigen, die hier existierten, waren demontiert und in die Sowjetunion verbracht.

Anfang 1950 wurde der Transporter überarbeitet. Als Framo V 501/2 ging der Transporter in Serie, war allerdings nichts anderes als die vereinfachte Version des Vorgängermodells.

Mit dem Produktionsbeginn des Dreizylinder-Zweitakt-Motors für den IFA F 9, wurde der Transporter noch einmal überarbeitet. Unter der Typenbezeichnung Framo V 901 kam der neue Transporter auf die Straße.

Ab 1954 arbeitete man bei Framo an einem völlig neuen Lieferwagen in Frontlenkerbauweise mit Frontantrieb. Als ›L1‹ bezeichnet, entstanden erste Funktionsmuster. Eine nochmalige Überarbeitung des V 901 machte sich also notwendig. Auffällig war die deutliche Vergrößerung der Fahrerkabine in der Breite um 200 mm. Der Einbau der Scheinwerfer in die Kotflügel verlieh dem Transporter einen modernen Eindruck. Die Verwendung von Aluminiumzierleisten gaben dem Wagen einen besonders freundlichen Charme. Mit der Typenbezeichnung ›Framo V 901/2Z‹ verließ er in verschiedenen Ausführungen das Werk. Das ›Z‹ stand für Zwischenlösung, doch nichts hält länger als ein Provisorium. Die Arbeiten zum neuen Frontlenker zogen sich noch lange hin. 1956 fand eine Werksausschreibung für einen neuen Firmennamen statt. Neben Namensvorschlägen wie ›Haika‹ oder ›Velux‹ gab es den Vorschlag ›Barkas‹. ›Barkas‹ stammt aus dem phönizischen und bedeutet Blitz oder eben der Schnelle. Man wollte hier zum Ausdruck bringen, einen Schnelltransporter bauen zu wollen. Den Zusatznamen ›Blitz‹ konnten die Frankenberger Fahrzeugbauer nicht verwenden, denn der war von Opel als Typenbezeichnung für ein sehr ähnliches Produkt geschützt.


                                                                               Ein Opel ›Blitz‹ aus dem Jahr 1937 während des 13. Treffen historischer Fahrzeuge und Landtechnik 2009 in Ummendorf. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



1957 wurden aus dem VEB Barkas Werk Hainichen, dem Motorenwerk Karl-Marx-Stadt, dem Fahrzeugwerk Karl-Marx-Stadt und dem Einspritzpumpenteilewerk Wolfspfütz die VEB Barkas-Werke Karl-Marx-Stadt mit Sitz in Karl-Marx-Stadt. Bei der Gestaltung des neuen Signets tat man sich etwas schwer, weshalb die ersten Barkas V 901/2Z eine Zeit lang nur mit dem IFA-Zeichen ausgeliefert wurden.




                                                                                                                               

                                                                                         Heute sehr selten zu finden ist ein Barkas V 901/2Z ohne Barkas-Zeichen. © Foto U. Schmidt

 

Trotz neuen Namens und Signets blieb der Barkas V 901/2Z immer der Framo. Mit der Einführung des neuen Schnelltransporters Barkas B 1000, wie er in den zeitgenössigen Prospekten bezeichnet wurde, setzte sich der neue Name wirklich erst durch.


                                                                                                            Das Signet für ›Barkas‹ ein kleingeschriebenes ›b‹ mit Höhenunterschied im Auf- und Abstrich,                                                                                                                                                                                                                                                                                         welches einen querliegenden Blitz darstellt. © Foto U. Schmidt


Literatur:

 

G. Wappler, Framo & Barkas – Die Geschichte der 2-Takt-Transporter aus Sachsen (Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg mbH 2005) S. 4 – 12, S. 15 – 39. 

G. Wappler, Modellautos 1:87 und ihre Vorbilder – Fahrzeuge aus dem Straßenbild der DDR (Bildverlag Böttger GbR, Witzschdorf 2015) S. 146.

F. Rönnecke, Schrader-Typen-Chronik Framo und Barkas 1949 – 1990 (Motorbuchverlag, Stuttgart 2012) S. 9 – 37.

H. Schmieder, Der „Vater“ des B 1000 – Die Lebensgeschichte des Dr.-Ing. eh. Heinrich Schmieder – Chefkonstrukteur bei Framo – Technischer Direktor bei Barkas (Druckerei Schiemenz GmbH, Cottbus 2003) S.63 – 74.

 








Sammlungsstück Juni 2020

Werk:                        Klima-Atlas für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik

Herausgeber:               Meteorologischer und Hydrologischer Dienst der Deutschen Demokratischen Republik

Verlag:                       Akademie Verlag Berlin

Entstehungsjahr:          1953

Maße:                       DIN A2 Format, 43x58 cm

 


                                                                                                                            Einband © Foto U. Mühe, BMBU Landkreis Börde


Unter der Inventar-Nummer 1119/1 finden Sie in unserer Bibliothek den ›Klima-Atlas für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik‹ aus dem Jahr 1953. In anschaulich großem DIN A2 Format bietet er 64 Übersichtskarten des DDR-Gebietes zu verschiedenen Umweltfaktoren und sieben weitere graphische Darstellungen. Alle werden einzeln in einem begleitenden Erläuterungsband beschrieben. Neben den zu erwartenden Ansichten bzgl. der Niederschlagssummen, der Lufttemperatur, der Bewölkung, einem Trockenheitsindex, den Boden- und Vegetationskarten, gibt es fünf auffallende Karten zur ›Schneeglöckchenblüte‹, ›Fliederblüte‹, ›Winterroggenblüte‹, ›Winterroggenernte‹ und dem ›mittleren Beginn der Feldarbeiten‹.

Erläutert wird die Schneeglöckchenblüte als »Künder des nahenden Vorfrühlings« und »mit der Fliederblüte erreicht der Blütenfrühling seinen Höhepunkt. […] In den landwirtschaftlichen Betrieben ist die Frühjahrsarbeitsspitze im allgemeinen bewältigt. Der Aufgang der Hackfrüchte steht dicht bevor bzw. ist bei den zeitigen Kartoffelsorten vereinzelt schon zu beobachten. Viele Imker schaffen ihre Stände in die Feldmark, um ihren Bienenvölkern die Rapsblüte leichter zugänglich zu machen.« (Erläuterung, S. 14–15). Übrigens ist der Beginn der mittleren Fliederblüte für unsere Region mit dem 5.–10. Mai angegeben. »Mit dem Beginn der Winterroggenblüte hält der Frühsommer seinen Einzug«, und »der Beginn der Winterroggenernte kennzeichnet den Einzug des Hochsommers«. Es folgen detaillierte Aufzählungen, wo und wann geerntet wird, ebenso zum Beginn der Feldarbeiten.

Dieser Inhalt gibt dem Band bereits einen agrarwirtschaftlichen Einschlag, der durch Übersichten zur Verteilung von Pflanzenfamilien, der Einteilung in Vegetationszeiten oder auch der Bodenarten, noch vertieft wird.

Dann fällt ein Kuriosum auf: die Daten, die für die Darstellungen verwendet wurden, sind fast alle um einiges älter als das Erscheinungsjahr dieser Veröffentlichung vermuten lässt. Wetter- und Klimadaten der – zu diesem Zeitpunkt erst vier Jahre alten – DDR, sind so gut wie gar nicht vorhanden, stattdessen wurden meist Daten aus der ›Klimakunde des Deutschen Reichs‹ (erschienen 1939) verwendet und stammen aus der Periode 1891–1930. Natürlich ist es normal, dass die Zusammenstellung eines Klima-Atlanten lange Zeiträume beinhaltet, denn sonst kämen keine Durchschnittsdaten zustande. Aber das Fehlen von Wetter- und Klimadaten aus den 1930er-Jahren bis zum Erscheinungsjahr des Buches ist auffällig. Lediglich die erwähnten Darstellungen zur Flieder-,  Schneeglöcken- und Winterroggenblüte sowie Winterroggenernte und dem Beginn der Feldarbeiten sowie einiger Niederschlagssummen aus urbanen Gebieten, sind jüngeren Datums und damit das einzig ›Neue‹ an diesem Klima-Atlas eines jungen Staates.

Was kommt dadurch zum Ausdruck? Was verrät es uns?



                                                                                                           Physisch-geographische Gliederung © Foto U. Mühe, BMBU ─ Landkreis Börde


Gewidmet ist dieser Atlas »der Gesamtheit der meteorologischen Beobachter aller Stationen«. Das beigefügte Erläuterungsheft bedeutet jedoch, dass auch nichtwissenschaftliche Leser mitbedacht worden waren, denn Meteorologen hätte man die Bedeutung der Übersichten nicht extra erklären müssen. Wäre es hier um eine generelle Darstellung des Klimas in all seinen Facetten gegangen, dann wäre der Band größer gewesen, hätte mehr Daten und größere Zeiträume enthalten, sofern die Datenlage es zugelassen hätte. Im Vergleich zur heutigen Zeit fällt auch auf, dass Umweltschutz- bzw. Umweltbelastung nicht auftauchen. So gibt es in diesem Klima-Atlas z.B. keine Informationen zu Emissionen, oder – für einen agrarwirtschaftlich orientierten Staat – zur Bodenbelastung. Der Einfluss des Menschen kommt lediglich darin zum Ausdruck, dass Ballungs- und Industriegebiete eine höhere Umgebungstemperatur und dadurch weniger Frost aufweisen.

Klar wird der agrarwirtschaftliche Einschlag: Die meisten Daten haben direkten Bezug auf die Landwirtschaft (Vegetationsperioden, Frosttage bzw. Frostzeiten, Daten für den Anfang von Feldarbeiten) und so kann man darauf schließen, dass es vorranging um die Nutzung des Bodens und die einhergehende Praxis geht. Und natürlich brauchte die junge DDR diese Daten, so wie es das Ende des Vorwortes verrät: »Möge dieser Atlas eine Bereicherung der klimatologischen Literatur darstellen, möge er Helfer und Ratgeber sein und möge er insbesondere auf dem Sektor Meteorologie und Klimatologie zu seinem Teil dazu beitragen, das große Werk des Aufbaus des Sozialismus in unserem Land zu fördern.« Hier tritt die Stoßrichtung des Bandes explizit zu Tage.


                                                                                                            Pflanzengesellschaften © Foto U. Mühe,  BMBU ─ Landkreis Börde


Aber es lässt sich noch mehr herauslesen. Aus Mangel an kompletten Datenreihen griff man also auf vorherige Publikationen und deren Datensätze (1891–1930) zurück. Was ist mit den Daten aus den Jahrzehnten, die der Veröffentlichung unmittelbar vorangingen? Offensichtlich gab es aus den 1930er- und 40er-Jahren keine Datensätze (abgesehen von Extremereignissen wie besonders strengen oder milden Wintern) in ausreichender Vollständigkeit, Genauigkeit und Zeitverlauf. Vorher dagegen waren die Daten akribisch geführt worden. Die einzigen Darstellungen neueren Datums (bis 1950), die sich am Ende des Atlanten finden, sind eher abstrakt im Vergleich zu den vorherigen, anschaulichen Karten. Die Auswahl der Stationen zeigt außerdem, dass es sie scheinbar nur in wenigen urbanen Räumen gab. Es musste also erst wieder ein zuverlässiges Informationsnetz geschaffen werden. Historisch gesehen zeigt damit auch dieses Werk, was für eine Zäsur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und vor allen mit dem Zweiten Weltkrieg – stattgefunden haben muss.

Wenden wir uns von der historischen Einordnung ab und der Beschäftigung mit den Klimadaten zu, dann wird der Rückgriff auf die Jahre von 1891–1930 für uns im Jahr 2020 zum Vorteil, denn der Vergleichszeitraum erweitert sich für uns somit von 70 auf ca. 100 Jahre. Und heutzutage gestaltet sich die Recherche von Wetterdaten um einiges einfacher. Der Deutsche Wetterdienst (www.dwd.de) informiert nicht nur über das aktuelle Wettergeschehen, sondern bietet, neben einem aktuellen ›deutschen Klima-Atlas‹, sämtliche Wetterdaten online frei zur Verfügung an, inklusive der Auswahl der Daten, des Zeitraums und dem Ort oder der Region. (Die Ummendorfer Wetterstation hat übrigens die Kennung 5158). Allerdings, umso älter die Daten sind, umso spärlicher sind sie auch beim Deutschen Wetterdienst und so bietet der Klima-Atlas von 1953 einen angenehm gebündelten Zugriff auf Daten von vor 100 Jahren. Aus diesen Daten ermittelt der Klima-Atlas für unsere Region eine mittlere Lufttemperatur im Juli von 17–18° C, im ganzen Jahr von 8,5° C. In den letzten zehn Jahren lagen wir im Juli bei 18,09° C, im ganzen Jahr bei 9,6° C. Der Niederschlag im Juli hat sich über das Jahrhundert weniger verändert: Lag der durchschnittliche Niederschlag vor 100 Jahren bei 70 mm, lag er in den letzten zehn Jahren, trotz der letzten Dürren, durchschnittlich bei 68,8 mm. Jedoch hinkt der Vergleich etwas: die Daten des Klima-Atlanten umfassen, wie bereits erwähnt, die Jahre 1881–1930 und geben also ein Mittel aus 49 Jahren an. Die hier verwendeten Daten für den Vergleich mit unserer Zeit umfassen lediglich die Jahre 2008-2018, also ein Mittel aus 10 Jahren. Wer dieses Manko berichtigen möchte, weitere Vergleiche ziehen will, oder sich generell für dieses Zeitzeugnis interessiert, dem legen wir den Klima-Atlas der Deutschen Demokratischen Republik von 1953 gerne zur Ansicht vor. Ein vergleichbares Druckerzeugnis ist heute kaum erhältlich und wäre in dieser Art sehr teuer.

Wie bereits erwähnt, würde ein Klima-Atlas heutzutage mehr Informationen zu verschiedenen Umweltbelastungen beinhalten, wohingegen Karten zu Flieder- und Schneeglöckchenblüten wohl eher fehlen würden. Dass diese Karten im Klima-Atlas von 1953 auftauchen, deutet auf ein Verhältnis der Menschen zum Naturkreislauf hin, innerhalb dessen ihnen die Bedeutung dieser Ereignisse bewusst war.

 

Literatur:

Klima-Atlas für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (Herausgeber: Meteorologischer und Hydrologischer Dienst der Deutschen Demokratischen Republik, Akademie Verlag Berlin, 1953)

Deutscher Wetterdienst (dwd.de, Zugriff 13.5.2020)

 






SammlungsStück Mai 2020

 

Werk:                        Halbliegende im Gewand

Künstler:                    Wolfgang Roßdeutscher

Entstehungsjahr:           1977

Maße:                        L 140 cm x H 110 cm x T 60 cm

Material:                     Ummendorfer Sandstein

Ankauf Kulturfonds DDR R. d. Bez. Magdeburg (Reg. Nr. 298)

 

Der Ummendorfer Sandstein – auch Sandstein von der oberen Aller genannt – ist ein Rohstoff, der gerade in der Region spätestens seit dem Mittelalter verbaut wurde. Durch seine homogene Struktur eignet es sich aber insbesondere als Bildhauermaterial. Der hellgelblich bis weiße Stein wurde natürlich auch bei den zwischen 1975 und 1985 durchgeführten Symposien der Bildhauer des Verbands Bildender Künstler der DDR (Bez. Magdeburg) in Ummendorf verwendet, bei denen sich das Börde-Museum maßgeblich an der Durchführung beteiligte. Im Jahr 1977 entstand im Zuge dessen auch eine Arbeit von Wolfgang Roßdeutscher, die sich in der Freiluft-Ausstellung des Börde-Museums befindet, die ›Halbliegende im Gewand‹.


                                                                                                                                                ›Halbliegende im Gewand‹ in der Ausstellung im Burggraben 1977                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto H. Nowak (Inv.-Nr. BMBU Arch-Symp-11)

 

Bei der lebensgroßen, halbbekleideten Figur handelt es sich um eine Frau, die gelagert dargestellt ist. Ihr rechtes Bein ist angewinkelt. Darüber liegt das linke, ausgestreckte Bein. Ihr Oberkörper ist leicht nach links eingedreht und der linke Arm stützt sich hinter dem Körper ab. Das Haar ist zu einem Knoten gebunden und ihr Blick folgt der Drehung des Oberkörpers. Dabei ist ihr Kinn leicht erhoben. Gerade in dieser Kopfhaltung und dem aufrechten Sitz kommt stolz zum Ausdruck. Den Mund umspielt ein zurückhaltendes Lächeln. Der rechte angewinkelte Arm hält ein wenig Stoff in der Hand, welcher sich über ihre Beine erstreckt. Er liegt in Wellen, die gerade aus der ¾ Ansicht ideal mit den Konturen der Beine und Füße korrespondieren. Betrachtet man das Werk aus allen Perspektiven, fällt nicht nur die Allansichtigkeit auf, sondern auch die Kontraste sind im Blickwinkel.


                                                                                Frontalansicht und Rückansicht der Skulptur vom Künstler Wolfgang Roßdeutscher © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Schaut man frontal auf die Figur, wirken die Gewandfalten scharfkantig und die Oberfläche vielfach ungeglättet und sehr bewegt. Blickt man die Figur von hinten an, so ergibt sich durch die Wölbung des Gesäßes und der Wirbelsäule eine stimmige Einheit und eine kraftvolle, dynamische Formensprache. In der ¾ Frontalansicht überwiegen hingegen runde, ruhende Linien, die auf den Beinen am deutlichsten sind. Gerade hier ist die Glättung der Oberfläche auch sorgfältiger und verstärkt den Kontrast. Thomas Müller meint wohl diese Varianten, als er vom Ausdruck von femininen und maskulinen Formen in der Bildsprache Roßdeutscher spricht. Klar erschließt sich auch in dieser Arbeit ein Grad zur Reduzierung und Abstraktion. An den Extremitäten ist kein Realismus erkennbar, stattdessen stellt er die Form in den Vordergrund.

 

»In der Bildhauerei muss man sich auf die Formgebung des Steines beschränken. Man kann die Schwere des Steines betonen oder versuchen sie aufzuheben. Bei der Arbeit ›Halbliegende mit Gewand‹ habe ich durch die Bewegung der Figur versucht, der jungen Frau Lebensfreude, Stolz, Selbstbewusstsein und Leichtigkeit zu verleihen.«

Wolfgang Roßdeutscher 2020

                                                                                                                      Wolfgang Roßdeutscher im Atelier in Magdeburg, auf dem Tisch das Modell der                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      ›Halbliegenden im Gewand‹ © Foto H. Thorau – Archiv BMBU

 

Arbeiten in diesen Größenformaten entstanden in der Regel nicht ohne Entwürfe. So ist es auch in diesem Fall. Ein besonderes Zeitzeugnis ist dabei ein Foto von Horst Thorau (1930–1989). Er lehrte in der Abteilung Fotografie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und wurde 1977 beauftragt, eine Fotodokumentation des Symposiums in Ummendorf zu machen, bei dem diese Skulptur entstand. Auf einigen Aufnahmen ist auch Wolfgang Roßdeutscher zu sehen. Besonders interessant ist ein Foto, welches ihn im Magdeburger Atelier zeigt. Auf diesem ist nämlich ein kleines Modell der Halbliegenden zu sehen. Vorlagen wie diese konnten aus Stein, Metall, Holz oder Ton sein. Seltener wurde ein Bronzeguss gemacht, gerade da Bronze in der Zeit der DDR nur selten für Kunst zur Verfügung stand. Zunächst stellte Wolfgang Roßdeutscher in diesem Fall ein kleines Gipsmodell her und machte den Versuch, es in der Folge in Staßfurt in Aluminium gießen zu lassen. Da er mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, beließ er es bei dem Test. Eine andere Möglichkeit bestand darin, Zeichnungen und Skizzen zu erstellen. Diese brachten natürlich nur bedingt die Tiefenwirkung und den Lichteinfall zum Ausdruck, waren aber gerade für das Formverhältnis ein probates Mittel. Während bei diesem Modell also die Proportionen der Körperglieder zueinander und der Aufbau der Skulptur dargestellt sind, fehlen einige Details und gibt es Unterschiede. So ist etwa der Bauch der Frau im Modell deutlich betonter. Noch augenscheinlicher ist der Unterschied im Hinblick auf die Beinhaltung. Hier hat der Künstler sich später zu einer Variante entschieden. Die Beine sind nicht wie beim Modell übereinander gelagert, sondern das untere Bein ist nach hinten angewinkelt. Dies gibt der Figur eine andere Standhaftigkeit und Raumtiefe.


                                                                                                                   Aluminium-Guss-Modell ›Halbliegende im Gewand‹ 1977 © W. Roßdeutscher

 

Die Grundidee der ›Halbliegenden‹ griff W. Roßdeutscher 1980 noch einmal in der Figur ›Mutter mit Kind‹ auf. Es war ein Auftrag der Stadt Halberstadt. Die Liegende ist dabei in die entgegengesetzte Richtung orientiert. Ein Kind sitzt auf ihren Beinen. Die Figur ist sehr ausgewogen und hat eine klare Formensprache. Auch hier ist das Modell noch heute überliefert. Die Skulptur fertigte er aus rotem Mainsandstein. Aufgestellt wurde sie zunächst vor der Halberstädter Sporthalle, wurde im Zuge einer Baumaßnahme dann aber in den 1990er-Jahren in den Schlosspark Langenstein (?) umgesetzt.


                                                                                                                              Arbeitsfoto des Werkes ›Mutter mit Kind‹ 1981 © W. Roßdeutscher

 

Wie ordnet sich diese Arbeit also nun in sein Werkschaffen ein?

Betracht man diese Skulptur, ordnet sie sich nahtlos in die Reihe seiner Werke aus den 1970er- und 1980er-Jahren ein. Gerade in diesen frühen Schaffensjahren ist die Steinbildhauerei ein Schwerpunkt seines Œuvres. Typisch sind die runden Formen, die kontrastreichen Oberflächen und die horizontalen und vertikalen Linienführungen, die sich in den Arbeiten wiederfinden. Dies lässt in den 1990er-Jahren nach, wohingegen der Abstraktionsgrad zunimmt. Seine Stein und Materialwahl wird zudem noch vielfältiger und Bronzearbeiten ergänzen sein Repertoire.

  

Biografie Wolfgang Roßdeutscher

1945               geboren in Magdeburg

1962–1965       Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer im Familienbetrieb

1968–1973       Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Walter Arnold, Gerd Jaeger und Gerhard Naumann

ab 1973           freischaffender Bildhauer in Magdeburg

197x–19xx        Zirkelleiter beim VEB Schwermaschinenbau Georgij Dimitroff

1976 (?)           Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR

1979               lebt und arbeitet in einer ehemaligen Wassermühle in Sohlen bei Magdeburg

1992–1994        Mitglied im Bundesvorstand des Verbandes Bildender Künstler als Vertreter der ostdeutschen Länder

ab 2006            Lehrer an der Steinmetz- und Steinbildhauerschule in Königslutter


                                                                                                              Wolfgang Roßdeutscher bei den Arbeiten im Ummdorfer Steinbruch 1997 © Foto H. Thorau – BMBU Archiv

  

Öffentliche Werke und Projekte

1977                 „Plastikgarten“ Gymnasium Marzahn – Berlin

1980                 Mutter mit Kind – Halberstadt

1981                 Mitarbeit am „Lied des Lebens“ für das Haus der Kultur in Gera (ausgezeichnet mit dem Kunstpreis des FDGB)

1983                 Plastik „Aufsteigende weibliche und stürzende männliche Figur“ an der Stadtmauer von Gera

1984                 Sandsteinskulptur „Plastisches Ensemble“ in Stendal

1984                 Abschluss des Mahnmals „Vernichtung durch Arbeit“ für die Gedenkstätte in Langenstein-Zwieberge – Entwurf von seinem Vater Eberhard Roßdeutscher (1921–1981)

1992                „Befreite Formen“ vor dem Rathaus Lohne

1993                 „Magisches Quadrat“ vor dem Gymnasium Lohne

1997–2000         Arbeit am EXPO-Projekt „Wasserspuren“ in Hann. Münden

1998                 Fertigstellung der Sinti und Roma Ehrung in Magdeburg

2002                 Restaurierung des „Bake Epitaph“ im Magdeburger Dom

                       Übergabe des Brunnens für das Sozialministerium Magdeburg

2005                 Gedenksteele für das Zwangsarbeiterlager Diana

2006                „Entfaltung“ aus Rochlitzer Porphyr Höhe 3,20 m in Sohlen bei Magdeburg

2006/2007         Skulptur des Schutzgottes Heimdall in Thale (Harz)

2009                 Einweihung des Gedenksteines für die Sinti und Roma

2014                 „Verlorener Engel“ Neustädter Friedhof

2015                 Aufstellung „Börde Paar“ am Kreuzberg

  

Ausstellungen

1977               Ausstellung „Mensch und Landschaft“ in Halle und Magdeburg

                       Ausstellung im „Kunstschalter“ Ulm

1978               Beteiligung an der ersten Ausstellung junger Künstler des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR im Bezirk Magdeburg (Kloster Unserer Lieben Frauen, Magdeburg)

1983–1984     Beteiligung an der Ausstellung „Junge Bildhauer in der DDR“ (Kloster Unserer Lieben Frauen, Magdeburg)

1985               Teilnahme am letzten Symposium in Ummendorf (Börde)

1998               Ausstellung in der Galerie „Priess“ Hannover

                       Ausstellung in der „Galerie De Dilcht“ in Haren – Groningen

2005               Konzeption für die Restaurierung der Westfassade am Magdeburger Dom

2010                 Ausstellung „Steinzeit“ Forum Gestaltung

                       Ausstellung im Funkhaus des MDR    

Literatur:

N. Eisold – N. Pohlmann (Hrsg.), [steinzeit] Rossdeutscher. Eine Kunst- und Lebensgeschichte. Drei Generationen Bildhauer in Magdeburg (Magdeburg 2010) bes. 20–21. 52–55.

H. Lauter, Zur gesellschaftlichen Stellung des bildenden Künstlers in der griechischen Klassik. Erlanger Antrittsvorlesung am 12.12.1972, Erlanger Forschungen Reihe A: Geisteswissenschaften – Band 23 (Erlangen 1974) 5.

T. Müller, Einführung, in: W. Roßdeutscher (Hrsg.), Wolfgang Roßdeutscher – Plastik in Bronze und Stein (Magdeburg 2003).

R. Müller-Busse – W. Roßdeutscher (Hrsg.), Kultur – Kirche – Kirche – Kultur. Ausstellungen und Veranstaltungen in der Kirche Sankt Egidius – Sohlen (Calbe 2016).

N. Panteleon, Rhät-Sandstein aus Ummendorf und seine (historische) Verwendung, in: R. Falke (Hrsg.), Festschrift 875 Jahre Ummendorf (Backnang 2020), 48–55.

N. Panteleon, Bildhauerarbeiten im Börde-Museum, SammlungsStücke Heft 1 (Ummendorf 2015) 10–12.

W. Roßdeutscher (Hrsg.), Wolfgang Roßdeutscher – Plastik in Bronze und Stein (Magdeburg 2003).

Verband Bildender Künstler der DDR, Bezirk Magdeburg / Rat des Bezirkes Magdeburg, Abteilung Kultur (Hrsg.), Kleinplastik. Bildhauer des VBK DDR Bezirk Magdeburg stellen aus (Magdeburg 1975).

S. Vogel, »Lesende«, SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 3–10.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Ro%C3%9Fdeutscher (17.4.2020).

http://www.wolfgang-rossdeutscher-bildhauer.de/ (17.4.2020).

http://boerde-museum-burg-ummendorf.de/SammlungsStuecke (21.4.2020)

 

Quellen:

BMBU Archiv – Kunst und Kunstpflege / Symposien der Magdeburger Bildhauer Mappe 1–3.

BMBU Archiv / Kunst und Kunstpflege / Protokolle 20. Sept. 1976 Seite 4 „Von Kollegen H. Thorau wird eine Fotoserie angefertigt.“

BMBU Archiv – Fotos Museum Ummendorf / Symposien I–II

BMBU Archiv – Fotos Symposien / Steinbildwerke

BMBU Archiv – Ausstellung „Neugier ist keine Schande“ Bilder von H. Thorau

BMBU Archiv – Ausstellungen 1977 – Studentensommer

Archiv BMBU: Kunst und Kunstpflege / Symposien Ummendorf 1975-1985

Korrespondenz W. Roßdeutscher – N. Panteleon April 2020








Sammlungsstück April

Tonpfeife aus dem 18. Jahrhundert


Inv.-Nr. BMBU IV: A1985/001

Maße: L (erh.) 73 cm, Dm Stiel 0,5-1,0 cm, Dm Ferse 0,6 cm, Dm Kopfrand 2,45 cm, Dm Brennkammer 2,9 cm, Randstärke 0,2 cm, Hals Dm 1,65 cm, Mittelpunktsenkrechte 5,9 cm

Material: Ton, glasiert – gebrannt

Hersteller: C. H. Bosse (Walbeck)

Erhaltung: restauriert, mehrfach gebrochen, Mundstück fehlt, Nutzungsspuren am Pfeifenkopf

Fundort: Burg Ummendorf

Fundjahr: 1985

Datierung: Mitte 18. Jahrhundert


                                              Tonpfeife (Inv.-Nr. BMBU IV: A1985/001) vom Pfeifenbäcker C. H. Bosse © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Die Burg in Ummendorf hat über die Jahrhunderte verschiedene Umbauten, Sanierungen und Restaurierungen erfahren. So errichtete man 1959 an der Westseite der Burg einen Anbau. Er wurde zwischen 1959 und 1984 vom örtlichen Kindergarten genutzt und ein Jahr nach dem Auszug des Kindergartens abgerissen (1985).


                                                                                                Burgansicht mit Verandaanbau © BMBU_Archiv


Dabei entdeckte man eine deutlich ältere, darunter liegende rechteckige Struktur aus Sandstein. Sie schloss direkt an die Außenmauer des Westflügels an und nur an drei Seiten gemauert. Heinz Nowak (damaliger Museumsleiter und Ausgräber dieses Areals) vermutete in der Struktur eine ›Senkgrube‹, da in direkter Nähe (im ersten Obergeschoss) bei den gleichen Umbaumaßnahmen Indizien für einen Abort gefunden wurden.

Über das ganze Areal verteilt gab es eine große Menge an Funden aus verschiedenen Zeithorizonten. In der ‚Senkgrube‘ war die Fundmenge geringer, dafür fanden sich dort größtenteils ungebrochene bzw. vollständig erhaltene Exemplare, die scheinbar auch aus einem Zeithorizont stammen.

Neben Flaschen in unterschiedlichen Formaten und Materialien (Glas, Steinzeug) fanden sich dort auch eine vollständig erhaltene Tonpfeife und eine Silbermünze (Inv.-Nr. BMBU IV:A 1985/002). Letztere wurde 1764 geprägt. Es handelt sich um 6 einen Reichsthaler, der nach der Buchstabenkennung A aus Berlin stammt. Umseitig findet sich ein Porträt im Profil mit der Umschrift Fridericus Borussorum Rex.



                                                    Silbermünze (1764) © Fotos N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Die Pfeife wurde bereits in mehreren Sonderausstellungen gezeigt. Zuletzt 2014 zur Jubiläumsausstellung des Museums, das damals 90 Jahre wurde. Es handelt sich um eine sog. Fersenpfeife. Fersenpfeifen werden in fünf Basistypen aufgeteilt. Dieses Exemplar gehört dem Typ 3 an. Dabei zeichnet sich die langstielige Pfeife durch einen einförmigen Pfeifenkopf aus. Auf der Ferse, also dem Fortsatz am unteren Abschluss des Kopfes ist eine Schlange als Marke wiedergegeben auf den Seiten (Fersenseitenmarke) sind in einem Fall zwei Punkte und umseitig ein Quadrat mit zwei vertikalen Linien sowie jeweils drei flankierenden Punkten.


                                                        Pfeifenkopf mit Fersenmarken © Fotos N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Des Weiteren befindet sich am Kopfrand ein schmales Zierband, bestehend aus eingedrückten Strichen. Sie sind gleichmäßig tief und lang und könnten durch ein Rädchen in den Ton eingedrückt worden sein. Der Stiel ist im unteren Drittel zudem mit einem umlaufenden Text (Schriftmarke) und drei schmalen Zierbändern versehen. Diese sind wohl ebenso wie die Fersenmarken in den Ton eingestempelt worden. Dafür spricht die große Ähnlichkeit der Marken mit vergleichbaren Funden. Eine Naht, die für eine zweischalige Herstellung sprechen könnte, fehlt.

Innerhalb der Schriftmarke werden der Pfeifenbäcker und sein Sitz benannt. Es handelt sich um "C.H. BOSSE/IN WALBEC[K]". Diese Initialen lassen sich Carl Heinrich Bosse (*um 1730 † vor 1786) zuweisen.


                                                                                                 Detail der Pfeife – Herstellerkennung © Foto N. Panteleon  BMBU – Landkreis Börde


Belegte Fundorte seiner Pfeifen in archäologischem Kontext sind Uelzen (Lkr. Uelzen), Potsdam, (Helmstedt?), Magdeburg und Walbeck (u. a. im Flussbett der Aller) selbst. Pfeifen aus Walbeck wurden aber auch über die Grenzen des Braunschweiger Landes und die Grenzen Preußens hinaus vertrieben, zahlreiche Beispiele gibt es aus Hamburg und in Stralsund sind mehrere Funde vom Walbecker Pfeifenbäcker Grabenhorst gemacht worden.

J. Ansorge arbeitet in einem Beitrag über Funde aus Stralsund auch in einem Exkurs die Walbecker Pfeifenmacher auf und nennt 64 Personen dieser Profession im 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Danach scheint der Standort keine Rolle mehr zu spielen. Warum sich die Tabaks-Pfeifen-Macher Walbeck aussuchten, erklären die weißen, reichlichen und guten Tonvorkommen vor Ort, die bereits 1832 D. Bauke benennt. Zwei andere aus Fundmaterial und Quellen bekannte Standorte für Pfeifenbäcker sind Helmstedt und Harbke.

Mit der Einführung des Tabakkonsums in Form des Pfeifen-Rauchens in Deutschland am Anfang des 17. Jahrhunderts zog auch das Pfeifenbäcker-Handwerk ein. Die ersten Pfeifen stammten vor allem aus niederländischen Werkstätten (Gauda) und auch noch im 18. und 19. Jahrhundert wurde von dort importiert. Doch auch in Deutschland entstanden verschiedenen Orts sogar Zentren für die Herstellung: In Mainz (1634), Wesel (1638), Köln (1648) und Glückstadt/Schleswig-Holstein (1641) sind bisher die nachweislich ältesten Betriebe. Zu den Zentren des 18. Jahrhunderts gehören auch Helmstedt und Walbeck. Nachweisbar sind Manufakturen in Walbeck ab 1725. Weitere Zentren des 18. Jahrhunderts sind u. a. Celle, Großalmerode, Grimma, Hildesheim, Rostin, Uslar und Westerwald. Manche z. B. Grimma und Großalmerode reichen gleichfalls bis ins 17. Jahrhundert zurück. Vielfach gab es zwischen diesen Zentren Kontakte, so wechselten die Gesellen den Betrieb oder es wurde auch innerhalb der verschiedenen Pfeifenbäckerfamilien geheiratet. Der Name Bosse taucht etwa auch in Verbindung mit Danzig (DANZICH) auf.

Viel ist über C. H. Bosse nicht bekannt. Jedoch gibt es in Walbeck weitere Pfeifenmacher mit dem Namen Bosse: Carl Johann Heinrich Andreas Bosse (1754–1823), Sohn des Pfeifenmachers Hans Heinrich Bosse (1714–1771), so dass es sich wohl hier um eine Pfeifenbäckerfamile handelt. Die Qualität der Arbeit von C. H. Bosse spricht auf jeden Fall für einen routinierten Hersteller. Zudem kennzeichnete er seine Pfeife mit einer Schriftmarke und stand damit mit seinem Namen für das Erzeugnis ein.


Literatur:

J. Ansorge, Archäologische Untersuchungen auf der ehemaligen Fährbastion in Stralsund. – Mit einem Exkurs zur Tonpfeifenproduktion in Walbeck (Aller) Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 60, 2012, 169–258. Bes. 211–229. 237–242.

K. Bartels, Familienbuch Walbeck/Aller (Landkreis Börde, Sachsen-Anhalt), 1643–1814 (Leipzig 2011).

D. Bauke, Mittheilungen über die Stadt und den Landräthlichen Kreis Gardelegen (Stendal 1832).

R. Kluttig-Altmann – M. Kügler, Tabak und Tonpfeifen im südlichen Ostseeraum und in Schlesien (Husum 2004).

R. Kluttig-Altmann – N. Mehler, Die Emanzipation der deutschen Tonpfeifenforschung: Frühe deutsche Tonpfeifenproduktion im 17. Jahrhundert, Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Band 18, Paderborn 2007, 71–80.

R. Kluttig-Altmann, New Technologies in the Manufacture of Clay Tobacco Pipes in Central Europe, in: N. Mehler (Hrsg.), Historical Archeology in Central Europe (Rockville 2013) 295–303.

M. Kügler, 10. Treffen des Arbeitskreises zur Erforschung der Tonpfeifen in Hamburg Harburg am 4. und 5. Mai 1996, Mittheilungen der AG Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, 7 / 1996, 27.

Klaus-Peter Schweickert, Tonpfeifenfunde aus der Aller in Walbeck (Ohrekreis), Knasterkopf, Band 12/1999, 25–29.

F. Teichner, Tonpfeifenbäcker in Berlin und Brandenburg 2: Bodenfunde aus Berlin, Königs Wusterhausen, Kloster Zinna und Potsdam, EAZ, 42, 2001, 265–305.

http://www.pfeife-tabak.de/Artikel/Pfeifenkunde/Tonpfeifen/Teil3/tonpfeifen3.html (1.4.2020).

http://helene-bonn.info/AK/h12.htm#Schwe (31.3.2020)

http://www.pfeife-tabak.de/Artikel/Pfeifenkunde/Tonpfeifen/Teil3/tonpfeifen3.html Abb. 14 (1.4.2020).

Quellen:

BMBU Archiv / Burg Ummendorf

LASA: Plan vom königlichen Amt Ummendorf von Chr. Sprengel 1795 © LASA Magdeburg C 28 IIIa Amtskasten 461 Nr. 2 (6,19).                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          https://www.oblivion-art.de/index.php/heimatgeschichte-magdeburg/magdeburg/tonpfeifen-18-jahrhundert/item/1299-konvolut-tonpfeifen-18-jahrhundert-magdeburg-d2058                                                                              

  





SammlungsStück März 2020

Düngermolle


                                                                                      Streuwanne/Düngermolle © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Inv. Nr.:            2012-0507

Hersteller:          unbekannt

Bauzeit:             2. Viertel 20. Jahrhundert

Länge:               360 mm

Breite:               600 mm

Höhe:              190 mm

Gewicht:            1500 g

Material:            Stahlblech, verzinkt

 

Der intensive Pflanzenanbau in der Landwirtschaft, entzieht dem Boden wichtige Nährstoffe. Ohne Düngergabe macht sich das durch Fehlentwicklungen in der Folgekultur bemerkbar. Mit dem Einsatz organischen Düngers wie Stallmist, Asche oder Fäkalien aus den Städten wurde dem entgegengewirkt. Mit dem erhöhten Anbau der Zuckerrübe um 1850 reichte das herkömmliche Düngen nicht mehr aus. Die Zuckerrübenpflanzen entzogen dem Boden deutlich mehr Nährstoffe, als Getreidearten im Vergleich dazu. Besonders gravierend wurde das Problem, als man die Fruchtfolge nicht mehr einhielt. Das geschah als der Getreidepreis abrutschte. Auf der Suche nach gewinnbringenderen Anbaupflanzen kam die Zuckerrübe verstärkt in den Focus, zumal die rübenverarbeitende Industrie stark zunahm und man somit keine Absatzschwierigkeiten fürchten musste. Der herkömmliche organische Dünger reichte nicht mehr aus. Landwirte rieten zur Erhöhung von Viehbeständen, um somit mehr Dung zu produzieren. Seit 1840 wusste man, dass Stickstoff, Phosphat und Kalium das Wachstum von Pflanzen positiv beeinflussen. Stickstoff erhält man durch Einsatz von Nitraten. Mit teuren Importen von Guano-Dünger aus Peru, einer Substanz, die sich aus den Exkrementen von Seevögeln bildet, wurde versucht, das Problem zu lösen. Ein exportunabhängiger Dungstoff in ausreichendem Maße war somit von Vorteil.

In der Magdeburger Börde und den angrenzenden Gebieten sind Salzlagerstätten vorhanden. Über Schachtanlagen wurden die tiefliegenden Steinsalze abgebaut. Über dem Steinsalz liegt das bunte, bittere Kalisalz, das bisher als unverwertbarer Abraum auf Halde lag. Besonders stark war das Kalisalzvorkommen im Raum Staßfurt.


                                                                                       Salzschacht ›Marie‹ in Bartensleben © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Der Staßfurter Chemiker Dr. Adolph Frank (1834–1916) untersuchte dieses Salz und stellte eine stark düngende Wirkung fest. Dieses Abraumsalz besteht hauptsächlich aus Carnallit. 1860 erhielt Dr. Frank ein Patent für ein Verfahren zur Isolierung von reinem Kaliumchlorid aus diesem Carnallit. 1861 eröffnete er in Staßfurt die erste Kalidüngerfabrik in Deutschland. Davon ausgehend entwickelte sich ein regelrechter Kali-Boom, denn mit der Aussicht einer hohen Nachfrage des neuen Düngermittels entstanden schnell weitere Düngefabriken in kurzer Zeit. Staßfurt wurde damit die Keimzelle des Kalisalzbergbaus, Deutschland selbst zum weltgrößten Düngerproduzenten sowie dem Land mit der auf Kalisalzen beruhenden leistungsstärksten Chemieindustrie in dieser Zeit.

Mit der erfolgreichen Einführung des mineralischen Düngers ergaben sich allerdings bei der Ausbringung erhebliche Probleme. Dem Landwirt stand dazu anfangs keine geeignete Maschine zur Verfügung. Doch die Landwirte hatten einen jahrhundertealten Erfahrungsschatz im Ausbringen von Streugut auf ihren Felder.

In einem Relief eines Torbogenschlusssteines aus Klein Wanzleben aus dem Jahr 1753 ist dies dargestellt. Ein Bauer wirft sein Saatgut, das er in einem umgehängten Tuch mit sich führt, auf das Feld.


                                                                                                  Schlussstein eines Torbogens aus Klein Wanzleben mit der Darstellung eines säenden Bauern,                                                                                                                                                                                                                                                  Initialen R. W.(Walstab), Jahreszahl 1753 aus dem Sammlungsbestand des Börde-Museums Burg Ummendorf.                                                                                                                                                                                                                         © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde BMBU_V:01/00/06/03

 

Und so wurde der Dünger per Hand von Bauern und Landarbeitern, die mit einer umgehängten Düngermolle über das Feld gingen und den Dünger auswarfen, ausgebracht. Geübte erledigten die Arbeit beidhändig über Kreuz mit großer Schnelligkeit. Auch hatten sie auf Grund ihrer Erfahrungen den richtigen Blick, um zu entscheiden, an welchen Stellen der Boden etwas mehr Dünger und an welchen er weniger oder kaum Dünger benötigte. Gleichzeitig musste auf die Schrittfolge und Geschwindigkeit geachtet werden.


                                                                                      Auswerfen von mineralischem Dünger per Hand © Foto F. Giesecke, Fotoarchiv BMBU 2009,1-046

 

Die Düngermolle aus dem Bestand des Museums ist industriell gefertigt. Sie ist nierenförmig und passt sich so gut an den Körper an. Deutlich sind weißliche Ausblühungen im Material erkennbar. Dünger ist aggressiv und greift Metalle an, wie man hier auch gut erkennen kann. Unsere Düngermolle wurde bis in die 1970er-Jahre hinein in einer bäuerlichen Wirtschaft in Wormsdorf verwendet. Neben der mündlichen Überlieferung durch den Schenkgeber, belegt die lange Verwendung, das spätere Anbringen des Trageriemens mit Pressenband für Strohpressen aus dieser Zeit.


                                                                                                               Sekundäre Befestigung des Trageriemens an der Molle mittels modernerem  Pressenband.                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Obwohl ab 1895 erste Düngerstreuer zur Verfügung standen, ist der Einsatz per Hand doch erstaunlich lange Zeit gebräuchlich gewesen. Dies hatte verschiedene Gründe. Die ersten pferdegezogenen Streuer waren nur bedingt einsetzbar. Wurde der Dünger feucht, und dazu reichte schon die Luftfeuchte, neigte er zum Verkleben. Die Schlitze des Streuers verstopften. Heinrich Kuxmann entwarf 1915 einen besser funktionierenden Kettendüngerstreuer, den er später selbst produzierte und unter dem Markennamen „Westfalia“ vertrieb.

 


                                                                                      Katalogvorderseite für Westfalia Düngerstreuer von Kuxmann um 1920. Archiv BMBU-BAW Düngung

 

Auch regionale Hersteller wie Friedrich Dehne in Halberstadt produzierten ab den 1920er-Jahren Kettendüngerstreuer, die besonders durch ihre Arbeitsbreite auf großen Gütern zur Anwendung kamen. Allerdings waren sie mit einem Anschaffungspreis von ca. 1000 Mark auch eher für diese erschwinglich. Allein mit diesem Umstand lässt sich der Gebrauch von Düngermollen bis nach dem Zweiten Weltkrieg erklären.

Mit der Umsetzung der Bodenreform im September 1945 wurden die bestehenden landwirtschaftlichen Strukturen maßgeblich verändert. Die Großbauern wurden enteignet und ihre landwirtschaftlichen Flächen in bis zu etwa 8 ha große Stücke aufgeteilt und an Flüchtlinge, landarme Bauern und Lohnarbeiter neu vergeben. Lediglich die Staatsdomänen, teilweise Klostergüter sowie Versuchs- und Saatzuchtbetriebe, blieben weitgehend verschont. Sie wurden in Volkseigene Güter umgewandelt und waren damit die einzigen vorhandenen landwirtschaftlichen Großbetriebe in der sowjetischen Besatzungszone. Die Volkseigenen Güter wurden zum Vorbild für die Bildung der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) in den 1950er-Jahren. Allerdings bestand bis dahin ein akuter Mangel an Saat- und Pflanzgut, Traktoren, Zugtieren und Landtechnik. Um den Neubauern eine Bewirtschaftung ihre Felder zu ermöglichen, wurden ab 1946 Maschinenhöfe gebildet, die die Maschinen verwalteten. Die Neubauern waren somit in der Lage, sich Maschinen und Zugtechnik auszuleihen. Damit wurde nun auch die Ausbringung des Düngers erstmals in die Hände eines Dienstleisters gelegt. Für viele Kleinbauern blieb das Ausbringen des Düngers mit der Hand weiterhin die Alternative aus Mangel an Maschinen.

Mit der Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wurden der Pflanzenbau auf großen Anbauflächen möglich. Als eine ZBE (Zwischenbetriebliche Einrichtung) bildeten mehrere Betriebe von LPG, VEG und BHG das ACZ (Agrochemisches Zentrum) als einen leistungsstarken Dienstleister. Der Betreuungsradius eines ACZ betrug durchschnittlich 23 000 Hektar. Ausgerüstet waren die ACZ mit moderner Ausbringetechnik, vorrangig auf der Basis des allradgetriebenen IFA W 50 LAK oder LAZ.



                                                                                      W 50 mit Düngerstreuer D032, um 1970, © Foto Privatsammlung U. Schmidt

 

Obwohl in der Börde, wie in der gesamten Republik, diese moderne Düngertechnik vorhanden war, blieb unsere Düngermolle im Einsatz. Dies ist daraus zu erklären, dass der Eigentümer, der 2012 die Streuwanne in den Bestand des Museums übergab, selbst noch etwas Garten- und Ackerland privat bewirtschaftete, wo sich die Anschaffung eines Düngerstreuers nicht lohnte. Und somit zeigt sich, dass auch ›althergebrachte Art und Weise‹ neben modernster Technik Bestand haben kann.

 

Literatur:

 

Als die Börde boomte. Kleine Schriften aus dem Börde-Museum, Band 23, Begleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung (Ummendorf 2008).

H. Berenbruch, Industralisierungsprozesse in der preußischen Provinz Sachsen, (ttps://www.bildung-lsa.de/barrierearm/faecher___lernfelder_/geschichte/ausgewaehlte_materialien___weiterfuehrende_angebote/die_geschichte_sachsen_anhalts_im_zeitstrahl/industralisierung_mitteldeutschlands_.html, Stand 02/2020).

G. Fischer, Landmaschinenkunde (Weltbild Augsburg, Reprint 1928).

J. Fricke, Das Kalibergwerk "Thüringen" bei Heygendorf, (http://www.technikmuseum-online.de/homepage_dateien/beitrag_11.htm, Stand 02/2020).

K. Schmidt, Landwirtschaft in der DDR – VEG, LPG und Kooperationen – wie sie wurden, was sie waren, was aus ihnen geworden ist (Agrimedia GmbH 2009).

von Mendel-Steinfels (Hrsg.) Zeitschrift des landwirthschaftlichen Central-Vereins der Provinz Sachsen A. (Halle 1892).

 




 

 


 

SammlungsStück Februar 2020

Das Magdeburger Kochbuch


                                                                 Das Magdeburger Kochbuch: Titelseite  © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde


Ein auffallendes Buch in unserer Bibliothek ist das sog. »Magdeburger Kochbuch« von 1784. Unter diesem Namen ist es bekannt geworden, eigentlich aber heißt es: »Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigner Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter«. Wie dieser Titel bereits erkennen lässt, ist das Kochen nur ein Teil dessen, was vermittelt werden sollte.

Vieles an diesem Buch ist außergewöhnlich. Zunächst ist es eines der ältesten Bücher in unserem Bestand und wurde von einer Frau, der Magdeburgerin Johanna Katarina Morgenstern (1748–1796), geschrieben. Das ist heute ganz normal, im 18. Jahrhundert war es das aber nicht. Zudem wurden die Autorin und ihr Buch bereits zu ihrer Zeit öffentlich gelobt und gewürdigt – auch von Männern. Ein Nachruf auf die Autorin aus ihrem Sterbejahr 1796 schäumt geradezu über an Wertschätzung. Auch dass es zu großen Teilen ein Kochbuch ist, ist bemerkenswert, denn etwas so Alltägliches wie das Kochen wurde selten niedergeschrieben und somit fixiert. Eher lernten die Frauen es damals durch Praxis und Überlieferung in der Familie. Dieser Umstand erklärt auch, warum dieses Buch, obwohl Kochbuch, nur wenige Mengenangaben enthält: sie gehörten entweder zum Allgemeinwissen oder waren so ungenau und individuell, dass es damaligen Autoren nicht einfiel, Mengenangaben zu machen. Außerdem gab es 1784 noch keine Maßeinheiten, die überregional oder sogar international genormt und anerkannt waren. Stattdessen gab es eine Unzahl an regional unterschiedlichen Maßen (z.B. Quentchen, Lot, Neuloth, Quint und Pfund) und die Suche nach allgemeinen Maßeinheiten fing gerade erst an. So stand 1784 noch nicht fest, dass 1 Pfund = 500 Gramm waren, denn das metrische System gab es noch nicht, es wurde erst fast einhundert Jahre später, am 20. Mai 1875 international beschlossen. Beim Erscheinen des Buches hätten sie höchstens feststellen können, das (beispielsweise) im Herzogtum Braunschweig 1 Pfund = 32 Loth waren, oder auch 128 Quentchen. Aber wenn keine dieser Einheiten ‚geeicht‘ ist (an was auch) dann … Vorsicht beim Salzen!



                                                                                                 Schattenriss von Johanna Katarina Morgenstern aus dem Taschenbuch der Haus- Land- und Stadtswirtschaft                                                                                                                                                                                                                              für Männer, Weiber und Kinder. © Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Haale (Saale)


Johanna Katarina Morgenstern hatte dieses Buch jedenfalls ursprünglich überhaupt nicht zur Veröffentlichung vorgesehen. Stattdessen hatte sie es nur geschrieben, um damit ihrer gerade verheirateten Schwester zu helfen. Dann jedoch wurde das Buch weitergereicht und auf Anraten eines Freundes sowie eines Verlegers, bald in Magdeburg veröffentlicht. Die zweite Auflage von 1784 war, gemäß dem oben erwähnten Nachruf, die von der Autorin einzig anerkannte Auflage. Die erste erschien 1782 und war schnell vergriffen. Spätere Auflagen, denen der Verleger eigene Passagen hinzugefügt hatte, betrachtete sie nicht als ihr Werk. Vier dieser Bände befinden sich ebenfalls in unserer Bibliothek (Inventar Nr. 451/1a, 451/2a, 451/2b, 451/3).

Das Buch enthält neben Rezepten sowie der »Verfertigung von Butter, Käse wie auch eines guten Kesselbieres« (S. 545) und dem Einkochen und Aufbewahren von Lebensmitteln, auch Hinweise und Anleitungen zum Anordnen einer Tafel, zum Waschen, Kerzen ziehen, Färben, Flecken entfernen, zur Anfertigung von Betten, Reinigung von Küchenutensilien (Geschirr, Besteck, Töpfen und Pfannen) aber auch Spiegel und Möbel, das Herstellen von Waschwasser oder auch Mittel für aufgesprungene Hände und »ein Mittel wider das Durchliegen in langen Krankheiten« (S. 541). Es ist also eher ein Haushaltungsbuch, als ein reines Kochbuch, wie der original Titel ja auch besagt.

Die Aufzählung der Rezepte und ihrer Zutaten ist ebenfalls interessant, denn sie geben darüber Aufschluss, was einer Hausfrau verfügbar gewesen sein muss. Austern, Artischocken, und Oliven kommen vor, es gibt drei Seiten mit Rezepten für Ochsenzunge, sechs Seiten mit Rezepten für Krebs, dafür aber nur einen einzigen Eintrag für Kartoffeln. Auch gibt es Rezepte für Schnepfen, Lerchen, Rebhühner, Bekassinen und Wacholderdrosseln (Krammetsvögel). Im Gegensatz zu heute müssen sie also so zahlreich gewesen sein, dass man sie leicht als Speise fangen konnte oder sie leicht beschaffbar waren.

Darüber hinaus gibt es natürlich einige heute merkwürdig klingende Einträge. So gibt es Pastete von zahmen Enten, Lerchen in Sauerkohl oder auch Gelee von Hirschhorn. Sehr aufwendig klingen »gefüllte Mohrrüben«, oder auch »gefüllte Gurken« und eher gewöhnungsbedürftig erscheint »Pudding mit Hecht«, »Nierenschnitte«, »Lungenmus«, oder auch »Neunaugen einzubraten«. »Ein sehr gutes Mittel für Personen, die eine sehr schwache Brust haben« (S. 542) beinhaltet »1 gereinigte Schildkröte, 12 Frösche, 12 Schnecken, 6 lebendige Krebse von mittlerer Größe« und einige weitere Zutaten. Auch über den Zeitpunkt, zu dem man erntet oder schlachtet, hat die Autorin geschrieben, wobei der folgende Satz am meisten verblüfft: »Die Krebse sind am vollesten und schmackhaftesten in denjenigen Monaten, deren Namen kein R in sich halten.« (S. 290)

Dagegen mutet ihre »Kraftsuppe für Kranke« zumindest teilweise vertraut an:

»Brate ein altes Huhn, wenn es halb gar ist, zerstoß es zu kleinen Stücken, gieß ein Maaß kräftige Brühe dazu, stoß ¼ Pfund Mandeln klein, thu sie dazu und laß es gut durchkochen, hernach wringe alles durch eine grobe Serviette. Wenn Du willst, kannst du ein Stückchen Zitronenschale und ein Stückchen Zimmt dazu legen und mitkochen lassen, auch wohl etwas Zitronensaft.« (S. 15)

Eier kommen oft und zahlreich vor, hier zum Beispiel für »Gebackene Milch auf andere Art«:

»Nimm 16 Eyer auf 1 Maaß abgekochte Milch, quirle sie hinein, thu dazu geriebne Zitronenschale, Zucker, Orangeblüt- oder Pfirsichlaubwasser und etwas abgebrühete und recht fein gestossne süsse Mandeln; wenn es wohl durcheinander gequirlt ist, gieß es in eine tiefe zinnene Schüssel , lege Sand auf den Boden der Tortenpfanne, daß die Schüssel nicht schmelze, setze die Schüssel drauf, decke den Tortenpfannendecke drauf und backe sie bey gelindem Feuer. Wenn sie steif und oben etwas braun ist, so ist sie gut. Dann laß sie kalt werden, streue gestossnen Zimmt drüber und gieb noch Zucker dazu.« (S. 268)

Sie verfasste noch viele weitere Schriften (vor allen Dingen Ratgeber und Lehrbücher) und setzte sich währenddessen unermüdlich für die Armen der Gesellschaft ein. Auch von offizieller Seite fanden ihre Ratgeber und Anleitungen Zuspruch, so setzte sich der damalige Geheime Staatsminister Brandenburgs, Carl August von Struensee, dafür ein »von ihrer „Unterweisung in dem Ackerbau für Arme und Unbemittelte“ ein paar hundert Exemplare unentgeltlich unter dürftige Anpflanzer zu vertheilen«. (National-Zeitung der Deutschen, Gotha, 46stes Stück, 17.11.1796, S. 1023, verfügbar unter http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10503152-0, Zugriff: 22.1.2020, UM). Ihr »Lesebuch für angehende weibliche Dienstboten« wurde unter anderem in der magdeburgischen Industrie- und Armen-Schule verwendet. Trotz solch öffentlicher Anerkennung blieb Johanna Katarina Morgenstern bodenständig und stellte nur die Dinge, um die es ihr ging, nie sich selbst, in den Vordergrund. Bereits das erste ihrer Bücher, das hier beschriebene »Kochbuch«, ist dafür ein Beispiel, denn ihr Name taucht nirgends im Buch auf.

Wie oben erwähnt, erlebte das Buch zahlreiche Auflagen und der Magdeburger Verleger Johann Adam Creutz wurde nicht müde, weitere Regeln und Rezepte hinzuzufügen und diese schon in den Einleitungen der Bände zu loben. Er war es auch, der das Buch unter dem neuen Namen »Magdeburgisches Kochbuch« verkaufte. Viele Zusätze sind weitere Rezepte sowie Anleitungen zur Gänse-, Enten-, Tauben- und Hühnerzucht, oder auch Mittel gegen Hausschwamm, Motten und Fliegen. Allerdings sind auch einige obskure Neuerungen dabei. So enthielt Band 2 der Ausgabe von 1804 bereits ein »Mittel gegen Ansteckung bösartiger Krankheiten«, bei dem Zimmer mit einer Mischung aus Vitriolöl (oder Schwefelsäure) und Salpeter ausgeräuchert wurden.

 »Es steigt dann ein starker Dampf aus der Masse auf, mit welchem man das Krankenzimmer auszufüllen suchen muss. Auch dem Kranken schadet dieser Dampf nicht, nur muß man ihm mit der Tasse selbst nicht zu nahe an den Kopf kommen. Man kann aber zuweilen unter seinem Bette damit räuchern. Während des Räucherns müssen Fenster und Thüren zugehalten und erst eine Stunde nachher für die frische Luft geöffnet werden, wenn der Dampf sich gesetzt hat. Dies Räuchern ist täglich nur einmal, und in sehr schlimmen Fällen nur zweymal nöthig.«  

Der anschließende Nachsatz ermutigt wenig:

»Mit dem Vitriolöl muß man nur recht vorsichtig umgehen, daß man nichts davon an die Hände, anderwärts oder an Mobilien bringe, auch muß man dasselbe in starken Gläsern mit eingeriebenen gläsernen Stöpseln aufbewahren, denn wohin ein Tropfen kommt, frißt er sich durch und durch.« (S. 427).

Band 3 der Ausgabe von 1835 z.B. folgenden Eintrag:

 »682. Salat in vier Stunden wachsen zu machen. Fülle gute fette Erde in einen großen und weiten Topf, etwa zwey Finger hoch, säe in dieselbe Salatsamen, welcher 24 Stunden in Branntwein geweicht hat, so wird der Salat in 4 Stunden so hoch wachsen, daß du ihn gebrauchen kannst.«

Drei Jahre später, in einer Ausgabe von 1838 (S. 474), findet man die Anwendung magnetischen Stahls gegen Zahnschmerzen. Dazu muss man sich mit dem Gesicht nach Norden stellen und den schmerzenden Zahn mit dem Nordpol des Magneten berühren.

»Alle Leidenden werden nun beym Anhalten des Magnets Einerley Wirkung verspüren, nemlich zuerst eine sehr kalte Empfindung, nicht lange hernach eine wallende Bewegung und zuletzt ein Klopfen, und wenn das Letztere folgt, so hören die Schmerzen sogleich auf.« (S. 475)

Dieser Eintrag spiegelt die damalige Euphorie um den Magnetismus wider. Das Phänomen war bekannt, die Erforschung war aber erst in den Anfängen und es brauchte noch das gesamte 19. Jahrhundert, um den verschiedenen Erklärungen und Anwendungen ein wissenschaftliches Fundament zu geben, bzw. sie zu widerlegen.

Und noch ein letztes Kuriosum: In zwei der späteren Ausgaben gibt es ein Mittel gegen Sommersprossen, interessanterweise unterscheiden sie sich deutlich voneinander. 1804 sollte ein Brei aus zerdrückten Johannisbeeren und Schwefelmilch helfen, den man abends aufträgt und morgens mit »laulichter Milch« wieder abwäscht (S. 424). Dagegen riet der Verleger 1835 dazu, geschabten Meerrettich und Weinessig an der Sonne zu destillieren und dann mit Lavendelspiritus und Weingeist zu vermischen. »Wasche dich damit beim Schlafengehen mit Vermeidung der Zugluft« (S. 318).

Wie bereits beschrieben, war Johanna Katarina Morgenstern schon zu ihren Lebzeiten mit den Erweiterungen ihres Buches unzufrieden. Neben ihren Büchern gab sie, zusammen mit Christine Dorothea Gürnth, auch eine Frauenzeitschrift »Oekonomisches, moralisches und gemeinnütziges Journal für Frauenzimmer« heraus. Morgenstern starb 1796 mitten in den Arbeiten zu einem neuen Buch, mit welchem sie ihr erstes Werk wieder aufgreifen, erweitern und verbessern wollte. Laut des oben zitierten Nachrufs starb sie »ungeachtet vorangegangener körperlicher Schmerzen, mit einer sehr seltenen Heiterkeit und Geistesgegenwart.« (National-Zeitung der Deutschen, Gotha, 46stes Stück, 17.11.1796, S. 1023, verfügbar unter http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10503152-0, Zugriff: 22.1.2020, UM). Sie war zweimal verheiratet (1767-1782 mit dem Arzt Friedrich Simon Morgenstern, ab 1785 mit dem Kämmerer Schulze) und hinterließ zwei Söhne. Bildlich ist lediglich der hier abgebildete ›Schattenriss‹ erhalten.

Übrigens: Wer in der Vergangenheit bereits einmal beim sogenannten »Burgschmaus« im Börde-Museum Besucher war, wird möglicherweise bereits Gerichte aus dem Magdeburger Kochbuch verkostet haben. Der ehemalige Leiter Dr. Ruppel hatte mehrmals Rezepte aus dem Kochbuch nachgekocht, allerdings keine Lerchen oder Schnepfen.


Literatur:

Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, Creutz, Magdeburg, 1784.

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 2. Band, Creutz, Magdeburg, 1804

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 2. Band, Creutz, Magdeburg, 1835

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 3. Band, Creutz, Magdeburg, 1835

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 1. Band, Creutz, Magdeburg, 1838

National-Zeitung der Deutschen, Gotha, 46stes Stück, 17.11.1796, S. 1023, verfügbar unter http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10503152-0, Zugriff: 22.1.2020, UM

https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Katharina_Morgenstern Zugriff: 22.1.2020, UM

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_August_von_Struensee Zugriff: 22.1.2020, UM






SammlungsStück Januar 2020

Laterne

Als Provenienzforschung bezeichnen wir die Recherche nach der Herkunft von Sammlungsgut. Diese umfasst Fragen wie etwa: Wie und wann ein Objekt in die Sammlung gekommen ist? Welche Geschichte das Objekt mit sich bringt? Und wer seine Vorbesitzer waren? Tatsächlich ist diese Forschung manchmal sehr kurz wie bei dem Sammlungsstück dieses Monats.


                                                                                                                              Laterne aus dem ehem. Oscherslebener Bestand (KMO 93:A1)                                                                                                                                                                                                                                                                         © Foto J. Alasaad  BMBU-Landkreis Börde

 

Es handelt sich dabei um eine Laterne, genau genommen eine Brustlaterne. Im Jahr 1993 fanden Mitarbeiter des Oscherslebener Museums diese Laterne auf der Treppe abgestellt, ohne jegliche Notiz versehen. Die Mitarbeiter nahmen sich der Laterne an und bewahrten sie. Solche Fälle kamen in der Vergangenheit leider immer wieder vor und bringen es mit sich, dass es Objekte im Bestand gibt, über die außer des jeweiligen Zugangsdatums nichts weiter über ihre Vergangenheit bekannt ist. Nachdem das Oscherslebener Museum 2003 geschlossen wurde, übernahm das Börde-Museum Burg Ummendorf den Bestand.

 

Inv.-Nr.: KMO 93:A1

Datierung: um 1900

Herkunft: Oschersleben (?)

Maße: H: 16 cm ohne Tragbügel, 22 cm mit Tragbügel, B: 7 cm, T: 11,5 cm

Material: Weißblech

 


                                                                                                                                                   J. Ammann, Der Laternmacher. Holzschnitt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Aus: H. Sachs, Eygentliche Beschreibung                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Aller Stände auff Erden (Franckfurt am Mayn 1568).

 

Was aber nun ist eine Laterne? Sie definiert sich als ein Behälter mit durchscheinenden Wänden, um darin eine Lichtquelle vor Wind oder Regen zu schützen. Laternen dieser Art gab es bereits seit der Antike. Meist wurden sie aus Ton oder Metall hergestellt. Der antike Autor Clemens Alexandrinus schreibt ihre Erfindung den Ägyptern zu und berichtet, dass Hippokrates und Alexander diese in Griechenland eingeführt haben. Für das 4. Jahrhundert v. Chr. sind Laternen auch mehrfach in Aristophanes Schriften bezeugt (z. B. in „die Acharner“, „die Wespe“ und „der Frieden“). Die Laterne schützte das Licht dabei nicht nur vor dem Erlöschen, sondern sie war gleichsam ein Brandschutz. Ohne feste Beleuchtungen im Innern der Häuser und auch ohne eine installierte Straßenbeleuchtung brauchte man eine Lichtquelle für den Gang im Dunkeln, gerade auf den in Antike und Mittelalter oftmals unwegsamen Wegen. Diese Form des Brandschutzes wurde etwa 1576, wie Wendland beschreibt, auch in der Polizeiordnung von Rostock festgelegt.

Im 17. Jahrhundert führten Städte die ersten neuzeitlichen, öffentlichen Beleuchtungsanlagen mit Straßenlaternen ein, dazu gehörten etwa Paris (2. September 1667) und Wien (24. Februar 1687). Zu dieser Zeit gingen abendlich und am Morgen Laternenwächter mit langen Stangen umher; um zu entzünden, zu löschen und Öl nachzufüllen.

Die meisten Laternen benötigten also entweder eine Befestigungsmöglichkeit z. b. eine Aufhängung oder einen Tragegriff, gerade wenn diese aus wärmeleitendem Material ist auch einen entsprechenden Abstand.

Unser Exemplar weist zunächst am oberen Abschluss einen mit wenigen vorgewölbten Rillen Bogen auf, an dem ein beweglicher Tragbügel angebracht ist. Unter diesem Bogen befindet sich der Abzug. An drei Seiten sind dicke an den Kanten schräg geschliffene Glasscheiben eingesetzt. Die Rückwand ist aufklappbar und damit ist man in der Lage, an die Lichtquelle zu gelangen. Noch gut erhalten ist ein Docht aus Flachs mit schwarzen Rußspuren. Er ragt aus einem kleinen kastenförmigen Vorratsbehältnis, das mit Öl gespeist wurde. Das tankähnliche Behältnis ist auf einer rechteckigen Platte gelötet und mit einem runden Deckel verschlossen, vom dem geht ein langer Griff ab. Mit ihm ist die Höhe des Dochtes zu regulieren und damit auch die Helligkeit zu verändern. Der Griff zur Dochtregulierung ist so lang, dass er von außen betätigt werden konnte, ohne die Rückwand der Laterne öffnen zu müssen.


                                                                                           Geöffnete und geschlossene Rückansicht mit Luftzufuhr und Haken © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

An der inneren Rückwand angenietet, befindet sich zudem eine runde Blende, die das Licht zusätzlich spiegelt. Im unteren Bereich findet sich dann eine Luftzufuhr, um der Flamme den benötigten Sauerstoff zukommen zu lassen. Von außen ist diese durch ein zusätzliches Blech überdeckt, um nicht durch einen Windstoß gelöscht zu werden. Der Verschluss der Öffnung ist nicht erhalten. Auch wenn die Laterne deutliche Spuren von Korrosion aufweist, so ist ein rückseitiger, gleichfalls angenieteter Haken doch vollständig erhalten. Ein Hersteller oder eine andere Kennung ist nicht zu finden und hat es scheinbar auch nicht gegeben.

Das Format der Laterne spricht dafür, dass diese nicht fest installiert war, sondern zum Tragen gedacht war. Schnell finden sich gute Vergleiche. In der eigenen Sammlung ist etwa eine Laterne ähnlichen Formats mit identischem Aufbau (Inv.-Nr. 2010–1132). Der auffälligste Unterschied umfasst die Griffgestaltung. Hier befindet sich noch ein weiterer Bogen, der zusätzlich mit Filz überdeckt ist. Insgesamt scheint diese etwas hochwertiger bzw. stabiler gemacht zu sein. Alleine schon die Stärke des Hakens an der Rückseite und das Gewicht sprechen dafür. Außerdem hat diese im Innern eine Halterung für eine Kerze und eine zusätzliche Schublade. Es ist gut vorstellbar, dass in dieser etwa Zündhölzer aufbewahrt wurden.


                                                                                   Brustlaterne aus dem Ummendorfer Bestand, aus Eilsleben                                                                                                                                                                                                                                                                                                   © Foto J. Alasaad – N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Solche Laternen finden sich deutschlandweit und darüber hinaus gibt es vergleichbare Stücke mit einem nachweisbaren Herstellungsort in der Schweiz. Diesen Typ gibt es seit dem 19. Jahrhundert und auch unser Exemplar wird wohl um die Jahrhundertwende gefertigt worden sein. Sie lassen sich als Brustlaterne klassifizieren. Diese konnten am Griff getragen werden, wurden aber oftmals mit dem rückseitigen Haken an ein Brustleder gesteckt.

 


                                                                                                       Brustlaterne mit Brustleder, um 1900, K. Bay. St. B. (Königlich bayrische Staatsbahn) © nach:                                                                                                                                                                                                                                  https://www.dampflokmuseum.de/fileadmin/content/ default/Museum/Wissenswertes-Aktuelles/                                                                                                                                                                                                                                         sonderschau-teil2-bayerisch.pdf (17.1.2020) S. 4 Abb. 6d.

 

Diese war aus Leder und ermöglichte dem Träger freie Hände für die Arbeit. Belegt sind diese seltener für den Bergbau (s. Lit.) vermehrt allerdings bei der Eisenbahn. Im Bergbau selbst waren die schlagwettersicheren Bergwerkslampen die Regel. Im Bereich der Eisenbahn sind auch die Schaffnerhandlaternen bedingt vergleichbar. Doch bei genauerer Betrachtung fallen hier zahlreiche Unterscheide auf, die unmittelbar mit der Verwendung in Zusammenhang stehen. So haben zwei Exemplare des Herstellers Fa. L. Kolb aus Nürnberg (verwendet auf dem Bahnhof Kilchberg/Thüringen) auf der Rückseite zwei herausklappbare Griffe und keinen Haken sowie eine in rot eingesetzte Glasscheibe zur Signalgebung.

Durch die Tiefenrecherche gelang es also, zusätzliche Informationen zur Verwendung und Provenienz der Laternen zu bekommen und die Vorbesitzer könnten also in der Region beheimatete Mitarbeiter bei der Bahn gewesen sein.

 

Literatur:

S. Beuster – J. Graf, Licht und Schatten, die Entwicklung der künstlichen Beleuchtung im 19. Jahrhundert in Braunschweig (Braunschweig 1997).

J. G. Jacobsson, s. V. Laterne. Johann Karl Gottfried Jacobssons technologisches Wörterbuch oder alphabetische Erklärung aller nützlichen mechanischen Künste, Manufakturen, Fabriken und Handwerker, wie auch aller dabey vorkommenden Arbeiten, Instrumente, Werkzeuge und Kunstwörter, nach ihrer Beschaffenheit und wahrem Gebrauche (Berlin 1794) 424.

J. G. Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Land und Hauswirtschaft in alphabethischer Ordnung (Berlin 1782).

K. E. Matt – D. Wunderlin, Weil noch das Lämpchen glüht (Basel 1988).

H. Müller, Die Lustspiele des Aristophanes (Leipzig 1843) 162 Sp. 816.

H. Müller, Öllampen (Bern 1988) 70 Abb. 245 H; 75. (um 1900, Schweiz, 15 cm hoch).

R. Müller, Licht und Feuer im ländlichen Haushalt (Hamburg 1994) 16–17.

A. F. Neukrantz, Ausführlicher Bericht über die große, allgemeine, deutsche Gewerbeausstellung in Berlin im J. 1844 (Leipzig 1845).

A. Pahl – E. Markert, Gegenstände der Feuererzeugung und Beleuchtung, Sammlung Graf Luxburg (Schweinfurt 1989) 41–42.

L. Seeger, Aristophanes (Frankfurt a. M. 1846) 49. 190.

S. Wechssler, Lampen, Leuchten und Laternen (München 1983) 108–114.

B. Wendland, Licht in Bewegung: Von der Laterne zum ersten Scheinwerfer, in: J. Matz – H. Mehl, Vom Kienspan zum Laserstrahl (Husum 2000) 81–99.

http://www.zirkel-im-licht.de/16708.html (17.1.2020)

https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fwww.picclickimg.com%2Fd%2Fl400%2Fpict%2F123279415677_%2FBergbau-Grubenlampe-Brusthalterung-Fahrsteiger-Brustlaterne-Leder-Messing-Selten.jpg&imgrefurl=https%3A%2F%2Fpicclick.de%2FBergbau-Grubenlampe-Brusthalterung-Fahrsteiger-Brustlaterne-Leder-Messing-Selten-123279415677.html&docid=qTBurcVJp5GkRM&tbnid=z6mw7CJ5QmAeXM%3A&vet=10ahUKEwj_6LS10YrnAhWPC-wKHeKEDkwQMwhFKAEwAQ..i&w=400&h=348&itg=1&client=firefox-b-d&bih=584&biw=1280&q=brustlaterne&ved=0ahUKEwj_6LS10YrnAhWPC-wKHeKEDkwQMwhFKAEwAQ&iact=mrc&uact=8 (17.1.2020).

https://www.dampflokmuseum.de/das-museum/wissenswertes/sonderausstellungen-im-museum/ (17.1.2020).

http://vlp.mpiwg-berlin.mpg.de/technology/search?-max=10&-Op_lit.reference=eq&lit.reference=lit54&-skip=1050 (17.1.2020).

 

Vergleich

Deutsches Dampflokomotiv-Museum

https://www.dampflokmuseum.de/fileadmin/content/default/Museum/Wissenswertes-Aktuelles/sonderschau-teil2-bayerisch.pdf (17.1.2020 Seite 4).

Städt. Hellweg Museum Gesecke

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=182053&cachesLoaded=true (13.1.2020).

kult Westmünsterland

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=87991&cachesLoaded=true

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31993&cachesLoaded=true

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31916&cachesLoaded=true https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31879&cachesLoaded=true

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31820&cachesLoaded=true (13.1.2020).

B. Wendland, Licht in Bewegung: Von der Laterne zum ersten Scheinwerfer, in: J. Matz – H. Mehl, Vom Kienspan zum Laserstrahl (Husum 2000) Kleine Öllaterne aus Blech mit Reflektor S. 86.

 





SammlungsStück Dezember 2019                                                              

Binsenvogel